Wer über junge Männer an der Universität schreibt, ist im Regelfall selber keiner mehr. Rainald Goetz, auch einmal zorniger schreibender Jungmann, hat 2015 in seiner Rede zum Büchner-Preis dafür die richtigen Worte gefunden, mit 61.

Man erfährt es an sich selbst, sieht es an vielen Beispielen anderer. Man sieht Lähmung und Selbstplagiat, ranzig hochfahrendes Herrenmenschentum, forcierte Experimentalität und enthemmte Geschwätzigkeit, und geht selbst durch alle diese Stationen des Falschen […] Das ist der Augenblick der Akademie.

Wer über junge Männer schreibt, ist also gewöhnlich ein alter Hase, Fuchs, Bock oder wie die Selbstbeschreibung innerhalb des akademischen Zoos sonst lauten mag. So wie ich, Jahrgang 1962. Denn so unermüdlich sich Universitäten als Produktionsstätten für neue Ideen, frisches Wissen und junge Talente inszenieren, junge Männer (und erst recht nicht junge Frauen) haben hier nichts zu sagen. Die Macht in Akademia liegt bei alten Säcken wie mir.

Die Spielregeln, nach denen Universitäten funktionieren, sind vom Verhältnis zwischen den Alten und den Jungen bestimmt — Männern, im Regelfall. Es ist ein vertracktes Verhältnis und eine komplizierte Art Männlichkeit. Ich muss deshalb etwas ausholen.

Altes Eisen

Wer altert, wird unausweichlich komisch. Man wird runder, vor allem unten herum. Oben fallen einem die Haare aus, wenn man ein Mann ist. Und Professoren sind größtenteils Männer. Man fängt an zu klagen. In den Debatten unter Gelehrten herrscht Besorgniskonkurrenz. Häufig läuft das auf einen Wettbewerb im Angstmachen vor Publikum hinaus. Professoren über 50 schreiben gerne kulturpessimistische Artikel über den Untergang von irgendwas. (Frauen, interessanterweise, deutlich weniger.)

Die Macht in Akademia liegt bei alten Säcken wie mir.

Es ist ja auch nicht einfach. Als Professor bin ich die Verkörperung des Wissens. Ich bin das Alphatier der Informationsverwaltung, staatlich geprüft und fest angestellt, deswegen muss ich von Amts wegen allwissend, attraktiv und souverän sein. In Wirklichkeit bin ich häufig eher nicht so. Nur klagen tue ich zu Recht: ausufernde Verwaltung, knappe Mittel, wachsender ökonomischer Druck. Wer die Lagebeschreibungen prominenter Exponenten der deutschsprachigen Geistes- und Kulturwissenschaften liest, lernt: Die Welt der Wissenschaft, der reinen, richtigen, kritischen Wissenschaft, geht unter. Unwiderruflich. Das tut sie seit mindestens zwanzig Jahren. In der Schweiz ebenso wie in Deutschland, zwei der reichsten Länder des Planeten.

Wie die modernen Universitäten am Ende des 18. Jahrhunderts haben auch die heutigen Kulturwissenschaften als radikales politisches Projekt begonnen. Wir jungen Männer von damals versuchten, die vermeintlich selbstverständliche Ordnung des Wissens und der Autorität im Namen der politischen Befreiung und Selbstbestimmung in Frage zu stellen. Wer darf sprechen? In wessen Namen? Von welchem Ort aus?

Für mich und für sehr viele meiner Kollegen war die theoretische Revolte gegen den traditionellen Universitätsbetrieb individueller Treibstoff und kollektive Erfahrung in einem. Neue Fragen mussten her, neue Konzepte. Es ist ernüchternd, was seit den 1990ern dabei herausgekommen ist. Auch die erfolgreichsten von uns, die im Namen von Foucault, Derrida und Deleuze in den akademischen Hierarchien ganz oben angekommen sind, finden sich in engen, anstrengenden und sehr unfreien Arbeitsverhältnissen wieder. War Wissenschaft nicht Teil der großen Wunschrevolte, eine Abenteuerreise in den “langen Sommer der Theorie”, wie Philipp Felsch (2015) das in einem lesenswerten Buch beschrieben hat? Eine Aneignung von Vergnügen und gutem Leben im Namen von Differenz und Autonomie?

Die Bändchen des Merve-Verlags sorgten für den erschwinglichen Theorie-Sound der kommenden Kulturwissenschaften.

Rebellisch fühlt sich das, ehrlich gesagt, heute nicht mehr an. Und meinen Kolleginnen auf den feministischen Lehrstühlen geht es genau so.

Universitäten können nur scheitern. Und dafür brauchen sie die jungen Männer.

Es ist also vorbei. Das ist weder die Schuld der Theoretiker und Theoretikerinnen der 1970er Jahre noch der mythischen ’68er’. Denn schon vor ihrer angeblich zähnefletschenden Attacke auf das Humboldtsche Bildungsideal gab es die heile Welt traditioneller Bildungsanstalten längst nicht mehr. Universitäten sind und waren vielmehr das, was die angelsächsische Soziologie mit dem schönen Begriff der constantly failing institution beschrieben hat. Universitäten sollen bahnbrechende neue wissenschaftliche Ergebnisse liefern, ökonomisch profitables Wissen produzieren und soziale Ungleichheit durch Bildung reparieren, und zwar alles gleichzeitig, bitteschön! Die Ansprüche der Universitäten an ihren ‘outcome’ sind dermaßen hoch, dass sie nur scheitern können. Und dafür brauchen sie die jungen Männer.

Forever young (in kurzen Hosen)

Diese jungen Männer sind keine Personen aus Fleisch und Blut. Sie sind kollektive Wunschvorstellungen, die nur in den Köpfen des Publikums existieren, imaginäre Ich-Ideale mit starker Wirkung. Sie sind Verkörperungen einer ruhmreichen, effizienten und profitablen wissenschaftlichen Zukunft. Als solch heroische Arbeiter an der Zukunft sind sie auf den Webseiten, Werbeanzeigen und Selbstdarstellungsbroschüren aller schweizerischen und deutschen Universitäten zu sehen. Dort nehmen die jungen Männer-Avatare auch häufig die äußere Form junger Frauen an.

"Jung, neugierig und innovativ". Junge Frauen und Männer posieren für Hochschulen.
“Jung, neugierig und innovativ”. Junge Frauen und Männer posieren für Hochschulen.

Die Fotos von diesen jungen Männern und Frauen, allesamt sehr gutaussehend, zeigen sie in modern eingerichteten und perfekt aufgeräumten Labors bei der Arbeit. Sie posieren vor großen Bildschirmen, die faszinierende Molekularstrukturen oder pittoreske mittelalterliche Handschriften zeigen. So präsentieren sich Universitäten. Und der Schweizer Nationalfonds und die Deutsche Forschungsgemeinschaft auch, wenn ich deren Broschüren trauen darf.

Wissenschaft, leichtbekleidet. Skulptur "Lehrer und Schüler" von Alexander Zschokke (1894–1981) am Kollegienhaus der Universität Basel
Wissenschaft, leichtbekleidet. Skulptur “Lehrer und Schüler” von Alexander Zschokke (1894–1981) am Kollegienhaus der Universität Basel

Die alten Allegorien für zukünftiges Wissen und wissenschaftlichen Nachwuchs waren alle sehr leicht bekleidet oder ganz nackt. Sie verwiesen nicht auf die homosozialen Netzwerke an den Universitäten (obwohl es die sehr wohl gab), sondern auf Tugenden nach antiken Vorbildern. Die neuen Allegorien für den Nachwuchs in den Broschüren des 21. Jahrhunderts sind vollständig angezogen. So sehr sie heute eine ruhm- und chancenreiche Zukunft visualisieren sollen – von ihren finanziellen Aussichten her stehen sie in sehr kurzen Hosen da.

Als junger Wissenschaftler in Deutschland und in der Schweiz zu arbeiten heißt, auf einer befristeten Stelle zu arbeiten. Das ist in Deutschland bei fast 90 Prozent des wissenschaftlichen Personals so, in der Schweiz nur unwesentlich weniger. Keine andere Wissenschaftsnation leistet sich einen so hohen Prozentsatz Abhängiger, deren Arbeitsfrist in Semestern bemessen ist. In den USA ist er nur ein Drittel so hoch.

Die alte Ordinarienuniversität ist nicht untergegangen: 1960 kamen auf einen deutschen Professor drei befristete wissenschaftliche Mitarbeiter. 2012 waren es mehr als doppelt so viele, nämlich 6,5. Allein in den zehn Jahren zwischen 2002 und 2012 ist in der BRD die Zahl der wissenschaftlichen Mitarbeiter von 110,000 auf 170,000 gestiegen. Zu etwa 90 Prozent sitzen sie auf befristeten Stellen, in prekären und extrem abhängigen Positionen. In der Schweiz ist das sehr ähnlich. Auch hier ist die Anzahl der Doktoranden und Post-Docs stark gewachsen; gut die Hälfte ist mit extrem kurzfristigen Arbeitsverträgen von einem Jahr oder weniger beschäftigt, so eine Umfrage von 2011 (Buna 2015; Engelmeier 2015).

Wie sehen diese jungen Wissenschaftler den Planeten Akademia? Das kann man in Bestandsaufnahme Kopfarbeit (Lehmann und Roedig 2015) lesen, einem Buch voller Interviews mit jungen Geisteswissenschaftlern: alle zwischen 30 und 40, promoviert, viele davon mit Auszeichnung, mehrere habilitiert, keiner davon auf einer festen Stelle, aber mit einer Kette von befristeten Anstellungen, Stipendien, Vertretungen. Die elf Interviews schildern die ununterbrochene Suche nach Mentoren, Förderern, Zwischenlösungen.

Das akademische Prekariat in Worten. Roedig, Andrea; Lehmann, Sandra. 2015. Bestandsaufnahme Kopfarbeit.
Das akademische Prekariat in Worten. Roedig, Andrea; Lehmann, Sandra. 2015.
Bestandsaufnahme Kopfarbeit
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“Hast Du nichts, bist Du nichts. Solange Du das Stipendium oder die Stelle hast, gehörst Du dazu. Wenn das vorbei ist, rücken die Leute von Dir ab: Hm, ach so, Ihr Stipendium wurde nicht verlängert.” Ein anderer Interviewpartner: “Du strampelst wie ein Blödmann, aber es geht einfach nicht voran. Dazu kommt diese Perfidie, dass Du Dich immer passend machen musst, mit jeder neuen Bewerbung.” Unbezahlte Arbeit ist dabei relativ häufig: “In der Arbeitslosigkeit habe ich dann ein halbes Jahr lang die Festschrift für meinen Doktorvater fertig gemacht.” Ein anderer: “So eine Post-Doc-Stelle ist eine Falle. Subjektiv fühlst Du Dich wahnsinnig geschmeichelt, Dein Projekt wurde angenommen. Doch auf der Sachebene bekommst Du so gut wie nichts. Mit einer sehr guten Promotion, mit Berufserfahrung und mit einem Jahr Antragschreiben und Warten bekommst Du eine sechsmonatige Anstellung geboten mit einem Gehalt, von dem Du eigentlich nicht leben kannst.”

Trotz aller objektiven Evaluierungen und Leistungsnachweise sind es letztlich persönliche Kontakte von Jung zu Alt, die ausschlaggebend sind. Wissenschaft ist nicht einfach nur die staatlich subventionierte Produktion von neuem Wissen. In der Praxis hat sie die Form des informellen Familienbetriebs innerhalb einer sehr großen und strikt verregelten Institution. Die Universitäten geben den in ihnen Beschäftigten eine hoch spezialisierte Ausbildung, die auf dem außerakademischen Arbeitsmarkt fast nichts wert ist. Die Arbeit des akademischen Nachwuchses wird in Reputation und Aufmerksamkeit bezahlt — Währungen, die nur innerhalb dieses Bereichs gültig sind. Natürlich ist die Universität eine wunderbare und einzigartige Bildungseinrichtung. Und gleichzeitig ist sie eine unbarmherzige Drückerkolonne, die ihren prekär Beschäftigten große Zukunftsaussichten verheißt, aber sie sofort ausspuckt und fallen lässt, wenn man sie nicht mehr braucht (Groebner 2016).

Das große Versprechen

In Christopher Nolans Film Inception (2010) wird dem Spezialisten für das Einpflanzen von Gedanken in die Köpfe anderer das große Versprechen des Films in den Mund gelegt. Der auch nicht mehr ganz junge Leonardo di Caprio spielt diesen Spezialisten, dessen eigenes Unbewusstes ein gefährlicher und von ihm selbst unkontrollierbarer Ort ist. Auf dem Versprechen, das di Caprio in Inception flüstert, beruhen die geträumten Welten der Unterhaltungsindustrie ebenso wie die männerbündischen Rituale auf dem Planeten Akademia. „Kommen Sie mit mir an den Ort, an dem wir beide wieder junge Männer sein werden.“

Come back, so we can be young men together again.”

So wie der Kunstbetrieb, die Literatur und die Popmusik ständig neue junge Gesichter brauchen, damit etablierte Hackordnungen und die Macht der “gate keeper” unangetastet bleiben, brauchen die alten Männer an der Universität ihre jungen Spiegelbilder. Akademia ist der Ort, an dem Professoren sich gleichzeitig als ältere wissende Väter UND als boys, als Häuptlinge einer Jungmännerbande inszenieren dürfen, je nach Bedarf. Bei ihren weiblichen Gegenstücken ist das nicht anders. Auch die treten mit mütterlicher Autorität als Beschützerinnen (und Zurechtweiserinnen) auf und gleichzeitig als die girls, die sie einmal waren: Die feministische Rhetorik bietet dafür nicht weniger Versatzstücke als die akademische Männerbündelei.

Die Betonung des juvenilen Elements ist fest in alle Formen akademischer Selbstdarstellung eingebaut. In die Machtkämpfe zwischen Professoren auch. Der Ausdruck ‘Seilschaften’ ist dabei eher irreführend. Meistens geht es weniger um Gewinnung von Höhe als um Ausbreitung in der Horizontale, um Flächenbesetzung. Da ließe sich dann viel realistischer von Leinenzwang reden. Im französischen Universitätsjargon heißen die Schützlinge und Assistenten eines Professors les poulains – die Fohlen. Konkurrenz unter Professoren ist die Konkurrenz um die interessantesten Studenten: Wer kann die stärksten, schnellsten, leistungsfähigsten akademischen Rennpferde an sich binden?

Das Wort vom akademischen Nachwuchs hat einen deutlichen Beigeschmack von Forstwirtschaft – genauer: von Kettensäge.

Denn so spröde und streng die alten Männer sich manchmal benehmen, sie brauchen die jungen. Deswegen machen sie ihnen gerne Versprechungen: “Willst Du nicht ein erfolgreicher Wissenschaftler werden?” Mehr Forschungsmittel bedeutet mehr internen Einfluss, und mehr Doktoranden mehr persönliche Reputation. Mein Forschungsprojekt hat mehr Post-Docs als Deines. Also ist es wichtiger, obwohl ich keine Ahnung habe, welche Chancen die Mitarbeiter nachher auf dem Arbeitsmarkt haben.

Solange diese “Mehr ist Mehr”-Doktrin die universitären Hierarchien und Sprachspiele dominiert, wird sich wenig daran ändern, dass das Wort vom akademischen Nachwuchs einen deutlichen Beigeschmack von Forstwirtschaft hat – genauer: von Kettensäge. Denn sehr viel von dem, was da nachwächst, wird dann auch sehr flott abgeholzt. Die allermeisten, die eine Promotion beginnen, scheiden innerhalb weniger Jahre aus dem akademischen Arbeitsmarkt wieder aus. Die alten Männer beiderlei Geschlechts, die ihre Arbeiten betreut haben, übernehmen dafür in der Regel keine Verantwortung.

Die Metapher vom Nachwachsen – etwas, das offenbar von selbst funktioniert, nur durch Sonne und Regen – ist ohnehin interessant. Wo aus finanzpolitischen Gründen mittelfristige Sicherheit nicht garantiert werden kann, muss sie durch beruhigende Vokabeln evoziert werden. Dann ist eben von “jungen Talenten” die Rede – die man ohne weiteres auf die Straße stellen kann. Oder von “Mentoring” – statt von anständigen Honoraren für wissenschaftliche Publikationen. Was jeweils unter “Interdisziplinarität” und “Diversität” verstanden wird, entscheidet im Zweifelsfall – wer hätte das gedacht? – der zuständige Lehrstuhlinhaber.

Universitäten wollen nicht auf die verführerische Formel verzichten, dass sie (und offenbar nur sie) die imaginären jungen Männer als verlockende Verkörperungen des Wissens und als strahlende Avatare der Zukunft produzieren. Das ist verständlich. Aber sollten sie dann nicht wenigstens für bessere Arbeitsbedingungen sorgen?

Literatur

Buna, Remigius. 2015. “Von Häuptlingen und übrigen Forschern”. Merkur 793: S. 17-29.

Engelmeier, Hanna. 2015. “Die Gretchenfrage”. Merkur 793: S. 30-38.

Felsch, Philipp. 2015. Der lange Sommer der Theorie. Geschichte einer Revolte 1960–1990. München.

Goetz, Rainald. 2015. Dankesrede zur Verleihung des Georg-Büchner-Preises. Online: https://www.deutscheakademie.de/de/auszeichnungen/georg-buechner-preis/rainald-goetz/dankrede.

Groebner, Valentin. 2016. “Im Meer des Leidens”, Süddeutsche Zeitung. 29. Februar.

Roedig, Andrea; Lehmann, Sandra. 2015. Bestandsaufnahme KopfarbeitInterviews mit Geisteswissenschaftler/ innen der mittleren Generation. Wien.

Bildnachweis

Das Titelbild zeigt Odin, wie er seinen Sohn Thor verstößt. Scan aus dem Comicbuch Thor –Worthy Origins. 2017. Geschrieben von Lilah Sturges, gezeichnet von Pepe Larraz. © Marvel.

Valentin Groebner

Valentin Groebner

Valentin Groebner ist Professor für Geschichte an der Universität Luzern. Von 1991 bis 1999 war er Assistent an der Universität Basel. Seither hat er gelernt, dass man nicht davor gefeit ist, von den eigenen Vätern unter anderem die Eigenschaften zu übernehmen, die man früher unerträglich gefunden hat.

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