Wer über jun­ge Män­ner an der Uni­ver­si­tät schreibt, ist im Regel­fall sel­ber kei­ner mehr. Rai­nald Goe­tz, auch ein­mal zor­ni­ger schrei­ben­der Jung­mann, hat 2015 in sei­ner Rede zum Büch­ner-Preis dafür die rich­ti­gen Wor­te gefun­den, mit 61.

Man erfährt es an sich selbst, sieht es an vie­len Bei­spie­len ande­rer. Man sieht Läh­mung und Selbst­pla­gi­at, ran­zig hoch­fah­ren­des Her­ren­men­schen­tum, for­cier­te Expe­ri­men­ta­li­tät und ent­hemm­te Geschwät­zig­keit, und geht selbst durch alle die­se Sta­tio­nen des Fal­schen […] Das ist der Augen­blick der Aka­de­mie.

Wer über jun­ge Män­ner schreibt, ist also gewöhn­lich ein alter Hase, Fuchs, Bock oder wie die Selbst­be­schrei­bung inner­halb des aka­de­mi­schen Zoos sonst lau­ten mag. So wie ich, Jahr­gang 1962. Denn so uner­müd­lich sich Uni­ver­si­tä­ten als Pro­duk­ti­ons­stät­ten für neue Ideen, fri­sches Wis­sen und jun­ge Talen­te insze­nie­ren, jun­ge Män­ner (und erst recht nicht jun­ge Frau­en) haben hier nichts zu sagen. Die Macht in Aka­de­mia liegt bei alten Säcken wie mir.

Die Spiel­re­geln, nach denen Uni­ver­si­tä­ten funk­tio­nie­ren, sind vom Ver­hält­nis zwi­schen den Alten und den Jun­gen bestimmt – Män­nern, im Regel­fall. Es ist ein ver­track­tes Ver­hält­nis und eine kom­pli­zier­te Art Männ­lich­keit. Ich muss des­halb etwas aus­ho­len.

Altes Eisen

Wer altert, wird unaus­weich­lich komisch. Man wird run­der, vor allem unten her­um. Oben fal­len einem die Haa­re aus, wenn man ein Mann ist. Und Pro­fes­so­ren sind größ­ten­teils Män­ner. Man fängt an zu kla­gen. In den Debat­ten unter Gelehr­ten herrscht Besorg­nis­kon­kur­renz. Häu­fig läuft das auf einen Wett­be­werb im Angst­ma­chen vor Publi­kum hin­aus. Pro­fes­so­ren über 50 schrei­ben ger­ne kul­tur­pes­si­mis­ti­sche Arti­kel über den Unter­gang von irgend­was. (Frau­en, inter­es­san­ter­wei­se, deut­lich weni­ger.)

Die Macht in Aka­de­mia liegt bei alten Säcken wie mir.

Es ist ja auch nicht ein­fach. Als Pro­fes­sor bin ich die Ver­kör­pe­rung des Wis­sens. Ich bin das Alpha­tier der Infor­ma­ti­ons­ver­wal­tung, staat­lich geprüft und fest ange­stellt, des­we­gen muss ich von Amts wegen all­wis­send, attrak­tiv und sou­ve­rän sein. In Wirk­lich­keit bin ich häu­fig eher nicht so. Nur kla­gen tue ich zu Recht: aus­ufern­de Ver­wal­tung, knap­pe Mit­tel, wach­sen­der öko­no­mi­scher Druck. Wer die Lage­be­schrei­bun­gen pro­mi­nen­ter Expo­nen­ten der deutsch­spra­chi­gen Geis­tes- und Kul­tur­wis­sen­schaf­ten liest, lernt: Die Welt der Wis­sen­schaft, der rei­nen, rich­ti­gen, kri­ti­schen Wis­sen­schaft, geht unter. Unwi­der­ruf­lich. Das tut sie seit min­des­tens zwan­zig Jah­ren. In der Schweiz eben­so wie in Deutsch­land, zwei der reichs­ten Län­der des Pla­ne­ten.

Wie die moder­nen Uni­ver­si­tä­ten am Ende des 18. Jahr­hun­derts haben auch die heu­ti­gen Kul­tur­wis­sen­schaf­ten als radi­ka­les poli­ti­sches Pro­jekt begon­nen. Wir jun­gen Män­ner von damals ver­such­ten, die ver­meint­lich selbst­ver­ständ­li­che Ord­nung des Wis­sens und der Auto­ri­tät im Namen der poli­ti­schen Befrei­ung und Selbst­be­stim­mung in Fra­ge zu stel­len. Wer darf spre­chen? In wes­sen Namen? Von wel­chem Ort aus?

Für mich und für sehr vie­le mei­ner Kol­le­gen war die theo­re­ti­sche Revol­te gegen den tra­di­tio­nel­len Uni­ver­si­täts­be­trieb indi­vi­du­el­ler Treib­stoff und kol­lek­ti­ve Erfah­rung in einem. Neue Fra­gen muss­ten her, neue Kon­zep­te. Es ist ernüch­ternd, was seit den 1990ern dabei her­aus­ge­kom­men ist. Auch die erfolg­reichs­ten von uns, die im Namen von Fou­cault, Der­ri­da und Deleu­ze in den aka­de­mi­schen Hier­ar­chien ganz oben ange­kom­men sind, fin­den sich in engen, anstren­gen­den und sehr unfrei­en Arbeits­ver­hält­nis­sen wie­der. War Wis­sen­schaft nicht Teil der gro­ßen Wunschre­vol­te, eine Aben­teu­er­rei­se in den „lan­gen Som­mer der Theo­rie“, wie Phil­ipp Felsch (2015) das in einem lesens­wer­ten Buch beschrie­ben hat? Eine Aneig­nung von Ver­gnü­gen und gutem Leben im Namen von Dif­fe­renz und Auto­no­mie?

Die Bänd­chen des Mer­ve-Ver­lags sorg­ten für den erschwing­li­chen Theo­rie-Sound der kom­men­den Kul­tur­wis­sen­schaf­ten.

Rebel­lisch fühlt sich das, ehr­lich gesagt, heu­te nicht mehr an. Und mei­nen Kol­le­gin­nen auf den femi­nis­ti­schen Lehr­stüh­len geht es genau so.

Uni­ver­si­tä­ten kön­nen nur schei­tern. Und dafür brau­chen sie die jun­gen Män­ner.

Es ist also vor­bei. Das ist weder die Schuld der Theo­re­ti­ker und Theo­re­ti­ke­rin­nen der 1970er Jah­re noch der mythi­schen ’68er‘. Denn schon vor ihrer angeb­lich zäh­ne­flet­schen­den Atta­cke auf das Hum­boldt­sche Bil­dungs­ide­al gab es die hei­le Welt tra­di­tio­nel­ler Bil­dungs­an­stal­ten längst nicht mehr. Uni­ver­si­tä­ten sind und waren viel­mehr das, was die angel­säch­si­sche Sozio­lo­gie mit dem schö­nen Begriff der con­stant­ly fai­ling insti­tu­ti­on beschrie­ben hat. Uni­ver­si­tä­ten sol­len bahn­bre­chen­de neue wis­sen­schaft­li­che Ergeb­nis­se lie­fern, öko­no­misch pro­fi­ta­bles Wis­sen pro­du­zie­ren und sozia­le Ungleich­heit durch Bil­dung repa­rie­ren, und zwar alles gleich­zei­tig, bit­te­schön! Die Ansprü­che der Uni­ver­si­tä­ten an ihren ‚out­co­me‘ sind der­ma­ßen hoch, dass sie nur schei­tern kön­nen. Und dafür brau­chen sie die jun­gen Män­ner.

Fore­ver young (in kur­zen Hosen)

Die­se jun­gen Män­ner sind kei­ne Per­so­nen aus Fleisch und Blut. Sie sind kol­lek­ti­ve Wunsch­vor­stel­lun­gen, die nur in den Köp­fen des Publi­kums exis­tie­ren, ima­gi­nä­re Ich-Idea­le mit star­ker Wir­kung. Sie sind Ver­kör­pe­run­gen einer ruhm­rei­chen, effi­zi­en­ten und pro­fi­ta­blen wis­sen­schaft­li­chen Zukunft. Als solch heroi­sche Arbei­ter an der Zukunft sind sie auf den Web­sei­ten, Wer­be­an­zei­gen und Selbst­dar­stel­lungs­bro­schü­ren aller schwei­ze­ri­schen und deut­schen Uni­ver­si­tä­ten zu sehen. Dort neh­men die jun­gen Män­ner-Ava­tare auch häu­fig die äuße­re Form jun­ger Frau­en an.

"Jung, neugierig und innovativ". Junge Frauen und Männer posieren für Hochschulen.
„Jung, neu­gie­rig und inno­va­tiv“. Jun­ge Frau­en und Män­ner posie­ren für Hoch­schu­len.

Die Fotos von die­sen jun­gen Män­nern und Frau­en, alle­samt sehr gut­aus­se­hend, zei­gen sie in modern ein­ge­rich­te­ten und per­fekt auf­ge­räum­ten Labors bei der Arbeit. Sie posie­ren vor gro­ßen Bild­schir­men, die fas­zi­nie­ren­de Mole­ku­lar­struk­tu­ren oder pit­to­res­ke mit­tel­al­ter­li­che Hand­schrif­ten zei­gen. So prä­sen­tie­ren sich Uni­ver­si­tä­ten. Und der Schwei­zer Natio­nal­fonds und die Deut­sche For­schungs­ge­mein­schaft auch, wenn ich deren Bro­schü­ren trau­en darf.

Wissenschaft, leichtbekleidet. Skulptur "Lehrer und Schüler" von Alexander Zschokke (1894–1981) am Kollegienhaus der Universität Basel
Wis­sen­schaft, leicht­be­klei­det. Skulp­tur „Leh­rer und Schü­ler“ von Alex­an­der Zschok­ke (1894–1981) am Kol­le­gi­en­haus der Uni­ver­si­tät Basel

Die alten Alle­go­rien für zukünf­ti­ges Wis­sen und wis­sen­schaft­li­chen Nach­wuchs waren alle sehr leicht beklei­det oder ganz nackt. Sie ver­wie­sen nicht auf die homo­so­zia­len Netz­wer­ke an den Uni­ver­si­tä­ten (obwohl es die sehr wohl gab), son­dern auf Tugen­den nach anti­ken Vor­bil­dern. Die neu­en Alle­go­rien für den Nach­wuchs in den Bro­schü­ren des 21. Jahr­hun­derts sind voll­stän­dig ange­zo­gen. So sehr sie heu­te eine ruhm- und chan­cen­rei­che Zukunft visua­li­sie­ren sol­len – von ihren finan­zi­el­len Aus­sich­ten her ste­hen sie in sehr kur­zen Hosen da.

Als jun­ger Wis­sen­schaft­ler in Deutsch­land und in der Schweiz zu arbei­ten heißt, auf einer befris­te­ten Stel­le zu arbei­ten. Das ist in Deutsch­land bei fast 90 Pro­zent des wis­sen­schaft­li­chen Per­so­nals so, in der Schweiz nur unwe­sent­lich weni­ger. Kei­ne ande­re Wis­sen­schafts­na­ti­on leis­tet sich einen so hohen Pro­zent­satz Abhän­gi­ger, deren Arbeits­frist in Semes­tern bemes­sen ist. In den USA ist er nur ein Drit­tel so hoch.

Die alte Ordi­na­ri­en­uni­ver­si­tät ist nicht unter­ge­gan­gen: 1960 kamen auf einen deut­schen Pro­fes­sor drei befris­te­te wis­sen­schaft­li­che Mit­ar­bei­ter. 2012 waren es mehr als dop­pelt so vie­le, näm­lich 6,5. Allein in den zehn Jah­ren zwi­schen 2002 und 2012 ist in der BRD die Zahl der wis­sen­schaft­li­chen Mit­ar­bei­ter von 110,000 auf 170,000 gestie­gen. Zu etwa 90 Pro­zent sit­zen sie auf befris­te­ten Stel­len, in pre­kä­ren und extrem abhän­gi­gen Posi­tio­nen. In der Schweiz ist das sehr ähn­lich. Auch hier ist die Anzahl der Dok­to­ran­den und Post-Docs stark gewach­sen; gut die Hälf­te ist mit extrem kurz­fris­ti­gen Arbeits­ver­trä­gen von einem Jahr oder weni­ger beschäf­tigt, so eine Umfra­ge von 2011 (Buna 2015; Engel­mei­er 2015).

Wie sehen die­se jun­gen Wis­sen­schaft­ler den Pla­ne­ten Aka­de­mia? Das kann man in Bestands­auf­nah­me Kopf­ar­beit (Leh­mann und Roedig 2015) lesen, einem Buch vol­ler Inter­views mit jun­gen Geis­tes­wis­sen­schaft­lern: alle zwi­schen 30 und 40, pro­mo­viert, vie­le davon mit Aus­zeich­nung, meh­re­re habi­li­tiert, kei­ner davon auf einer fes­ten Stel­le, aber mit einer Ket­te von befris­te­ten Anstel­lun­gen, Sti­pen­di­en, Ver­tre­tun­gen. Die elf Inter­views schil­dern die unun­ter­bro­che­ne Suche nach Men­to­ren, För­de­rern, Zwi­schen­lö­sun­gen.

Das akademische Prekariat in Worten. Roedig, Andrea; Lehmann, Sandra. 2015. Bestandsaufnahme Kopfarbeit.
Das aka­de­mi­sche Pre­ka­ri­at in Wor­ten. Roedig, Andrea; Leh­mann, San­dra. 2015.
Bestands­auf­nah­me Kopf­ar­beit
.

Hast Du nichts, bist Du nichts. Solan­ge Du das Sti­pen­di­um oder die Stel­le hast, gehörst Du dazu. Wenn das vor­bei ist, rücken die Leu­te von Dir ab: Hm, ach so, Ihr Sti­pen­di­um wur­de nicht ver­län­gert.“ Ein ande­rer Inter­view­part­ner: „Du stram­pelst wie ein Blöd­mann, aber es geht ein­fach nicht vor­an. Dazu kommt die­se Per­fi­die, dass Du Dich immer pas­send machen musst, mit jeder neu­en Bewer­bung.“ Unbe­zahl­te Arbeit ist dabei rela­tiv häu­fig: „In der Arbeits­lo­sig­keit habe ich dann ein hal­bes Jahr lang die Fest­schrift für mei­nen Dok­tor­va­ter fer­tig gemacht.“ Ein ande­rer: „So eine Post-Doc-Stel­le ist eine Fal­le. Sub­jek­tiv fühlst Du Dich wahn­sin­nig geschmei­chelt, Dein Pro­jekt wur­de ange­nom­men. Doch auf der Sach­ebe­ne bekommst Du so gut wie nichts. Mit einer sehr guten Pro­mo­ti­on, mit Berufs­er­fah­rung und mit einem Jahr Antrag­schrei­ben und War­ten bekommst Du eine sechs­mo­na­ti­ge Anstel­lung gebo­ten mit einem Gehalt, von dem Du eigent­lich nicht leben kannst.“

Trotz aller objek­ti­ven Eva­lu­ie­run­gen und Leis­tungs­nach­wei­se sind es letzt­lich per­sön­li­che Kon­tak­te von Jung zu Alt, die aus­schlag­ge­bend sind. Wis­sen­schaft ist nicht ein­fach nur die staat­lich sub­ven­tio­nier­te Pro­duk­ti­on von neu­em Wis­sen. In der Pra­xis hat sie die Form des infor­mel­len Fami­li­en­be­triebs inner­halb einer sehr gro­ßen und strikt ver­re­gel­ten Insti­tu­ti­on. Die Uni­ver­si­tä­ten geben den in ihnen Beschäf­tig­ten eine hoch spe­zia­li­sier­te Aus­bil­dung, die auf dem außer­aka­de­mi­schen Arbeits­markt fast nichts wert ist. Die Arbeit des aka­de­mi­schen Nach­wuch­ses wird in Repu­ta­ti­on und Auf­merk­sam­keit bezahlt – Wäh­run­gen, die nur inner­halb die­ses Bereichs gül­tig sind. Natür­lich ist die Uni­ver­si­tät eine wun­der­ba­re und ein­zig­ar­ti­ge Bil­dungs­ein­rich­tung. Und gleich­zei­tig ist sie eine unbarm­her­zi­ge Drü­cker­ko­lon­ne, die ihren pre­kär Beschäf­tig­ten gro­ße Zukunfts­aus­sich­ten ver­heißt, aber sie sofort aus­spuckt und fal­len lässt, wenn man sie nicht mehr braucht (Gro­eb­ner 2016).

Das gro­ße Ver­spre­chen

In Chris­to­pher Nolans Film Incep­ti­on (2010) wird dem Spe­zia­lis­ten für das Ein­pflan­zen von Gedan­ken in die Köp­fe ande­rer das gro­ße Ver­spre­chen des Films in den Mund gelegt. Der auch nicht mehr ganz jun­ge Leo­nar­do di Caprio spielt die­sen Spe­zia­lis­ten, des­sen eige­nes Unbe­wuss­tes ein gefähr­li­cher und von ihm selbst unkon­trol­lier­ba­rer Ort ist. Auf dem Ver­spre­chen, das di Caprio in Incep­ti­on flüs­tert, beru­hen die geträum­ten Wel­ten der Unter­hal­tungs­in­dus­trie eben­so wie die män­ner­bün­di­schen Ritua­le auf dem Pla­ne­ten Aka­de­mia. „Kom­men Sie mit mir an den Ort, an dem wir bei­de wie­der jun­ge Män­ner sein wer­den.“

Come back, so we can be young men tog­e­ther again.“

So wie der Kunst­be­trieb, die Lite­ra­tur und die Pop­mu­sik stän­dig neue jun­ge Gesich­ter brau­chen, damit eta­blier­te Hack­ord­nun­gen und die Macht der „gate kee­per“ unan­ge­tas­tet blei­ben, brau­chen die alten Män­ner an der Uni­ver­si­tät ihre jun­gen Spie­gel­bil­der. Aka­de­mia ist der Ort, an dem Pro­fes­so­ren sich gleich­zei­tig als älte­re wis­sen­de Väter UND als boys, als Häupt­lin­ge einer Jung­män­ner­ban­de insze­nie­ren dür­fen, je nach Bedarf. Bei ihren weib­li­chen Gegen­stü­cken ist das nicht anders. Auch die tre­ten mit müt­ter­li­cher Auto­ri­tät als Beschüt­ze­rin­nen (und Zurecht­wei­se­rin­nen) auf und gleich­zei­tig als die girls, die sie ein­mal waren: Die femi­nis­ti­sche Rhe­to­rik bie­tet dafür nicht weni­ger Ver­satz­stü­cke als die aka­de­mi­sche Män­ner­bün­de­lei.

Die Beto­nung des juve­ni­len Ele­ments ist fest in alle For­men aka­de­mi­scher Selbst­dar­stel­lung ein­ge­baut. In die Macht­kämp­fe zwi­schen Pro­fes­so­ren auch. Der Aus­druck ‚Seil­schaf­ten‘ ist dabei eher irre­füh­rend. Meis­tens geht es weni­ger um Gewin­nung von Höhe als um Aus­brei­tung in der Hori­zon­ta­le, um Flä­chen­be­set­zung. Da lie­ße sich dann viel rea­lis­ti­scher von Lei­nenzwang reden. Im fran­zö­si­schen Uni­ver­si­täts­jar­gon hei­ßen die Schütz­lin­ge und Assis­ten­ten eines Pro­fes­sors les pou­lains – die Foh­len. Kon­kur­renz unter Pro­fes­so­ren ist die Kon­kur­renz um die inter­es­san­tes­ten Stu­den­ten: Wer kann die stärks­ten, schnells­ten, leis­tungs­fä­higs­ten aka­de­mi­schen Renn­pfer­de an sich bin­den?

Das Wort vom aka­de­mi­schen Nach­wuchs hat einen deut­li­chen Bei­geschmack von Forst­wirt­schaft – genau­er: von Ket­ten­sä­ge.

Denn so sprö­de und streng die alten Män­ner sich manch­mal beneh­men, sie brau­chen die jun­gen. Des­we­gen machen sie ihnen ger­ne Ver­spre­chun­gen: „Willst Du nicht ein erfolg­rei­cher Wis­sen­schaft­ler wer­den?“ Mehr For­schungs­mit­tel bedeu­tet mehr inter­nen Ein­fluss, und mehr Dok­to­ran­den mehr per­sön­li­che Repu­ta­ti­on. Mein For­schungs­pro­jekt hat mehr Post-Docs als Dei­nes. Also ist es wich­ti­ger, obwohl ich kei­ne Ahnung habe, wel­che Chan­cen die Mit­ar­bei­ter nach­her auf dem Arbeits­markt haben.

Solan­ge die­se „Mehr ist Mehr“-Doktrin die uni­ver­si­tä­ren Hier­ar­chien und Sprach­spie­le domi­niert, wird sich wenig dar­an ändern, dass das Wort vom aka­de­mi­schen Nach­wuchs einen deut­li­chen Bei­geschmack von Forst­wirt­schaft hat – genau­er: von Ket­ten­sä­ge. Denn sehr viel von dem, was da nach­wächst, wird dann auch sehr flott abge­holzt. Die aller­meis­ten, die eine Pro­mo­ti­on begin­nen, schei­den inner­halb weni­ger Jah­re aus dem aka­de­mi­schen Arbeits­markt wie­der aus. Die alten Män­ner bei­der­lei Geschlechts, die ihre Arbei­ten betreut haben, über­neh­men dafür in der Regel kei­ne Ver­ant­wor­tung.

Die Meta­pher vom Nach­wach­sen – etwas, das offen­bar von selbst funk­tio­niert, nur durch Son­ne und Regen – ist ohne­hin inter­es­sant. Wo aus finanz­po­li­ti­schen Grün­den mit­tel­fris­ti­ge Sicher­heit nicht garan­tiert wer­den kann, muss sie durch beru­hi­gen­de Voka­beln evo­ziert wer­den. Dann ist eben von „jun­gen Talen­ten“ die Rede – die man ohne wei­te­res auf die Stra­ße stel­len kann. Oder von „Men­to­ring“ – statt von anstän­di­gen Hono­ra­ren für wis­sen­schaft­li­che Publi­ka­tio­nen. Was jeweils unter „Inter­dis­zi­pli­na­ri­tät“ und „Diver­si­tät“ ver­stan­den wird, ent­schei­det im Zwei­fels­fall – wer hät­te das gedacht? – der zustän­di­ge Lehr­stuhl­in­ha­ber.

Uni­ver­si­tä­ten wol­len nicht auf die ver­füh­re­ri­sche For­mel ver­zich­ten, dass sie (und offen­bar nur sie) die ima­gi­nä­ren jun­gen Män­ner als ver­lo­cken­de Ver­kör­pe­run­gen des Wis­sens und als strah­len­de Ava­tare der Zukunft pro­du­zie­ren. Das ist ver­ständ­lich. Aber soll­ten sie dann nicht wenigs­tens für bes­se­re Arbeits­be­din­gun­gen sor­gen?

Lite­ra­tur

Buna, Remi­gius. 2015. „Von Häupt­lin­gen und übri­gen For­schern“. Mer­kur 793: S. 17–29.

Engel­mei­er, Han­na. 2015. „Die Gret­chen­fra­ge“. Mer­kur 793: S. 30–38.

Felsch, Phil­ipp. 2015. Der lan­ge Som­mer der Theo­rie. Geschich­te einer Revol­te 1960–1990. Mün­chen.

Goe­tz, Rai­nald. 2015. Dan­kes­re­de zur Ver­lei­hung des Georg-Büch­ner-Prei­ses. Online: https://​www​.deut​sche​aka​de​mie​.de/​d​e​/​a​u​s​z​e​i​c​h​n​u​n​g​e​n​/​g​e​o​r​g​-​b​u​e​c​h​n​e​r​-​p​r​e​i​s​/​r​a​i​n​a​l​d​-​g​o​e​t​z​/​d​a​n​k​r​ede.

Gro­eb­ner, Valen­tin. 2016. „Im Meer des Lei­dens“, Süd­deut­sche Zei­tung. 29. Febru­ar.

Roedig, Andrea; Leh­mann, San­dra. 2015. Bestands­auf­nah­me Kopf­ar­beitInter­views mit Geisteswissenschaftler/​ innen der mitt­le­ren Genera­ti­on. Wien.

Bild­nach­weis

Das Titel­bild zeigt Odin, wie er sei­nen Sohn Thor ver­stößt. Scan aus dem Comic­buch Thor –Worthy Ori­gins. 2017. Geschrie­ben von Lilah Stur­ges, gezeich­net von Pepe Lar­raz. © Mar­vel.

Valentin Groebner

Valen­tin Gro­eb­ner

Valen­tin Gro­eb­ner ist Pro­fes­sor für Geschich­te an der Uni­ver­si­tät Luzern. Von 1991 bis 1999 war er Assis­tent an der Uni­ver­si­tät Basel. Seit­her hat er gelernt, dass man nicht davor gefeit ist, von den eige­nen Vätern unter ande­rem die Eigen­schaf­ten zu über­neh­men, die man frü­her uner­träg­lich gefun­den hat.

Erschie­nen in:

Pri­va­cy Pre­fe­rence Cen­ter