Jun­ge trifft Mäd­chen und ver­liebt sich. Jun­ge stößt auf Hin­der­nis, über­win­det es und ret­tet Mäd­chen. Jun­ge hei­ra­tet Mäd­chen. 

Sei es aus dem Kino, der Jugend­li­te­ra­tur oder dem Comic – wir alle sind mit die­ser Sto­ry bes­tens ver­traut. Gele­gent­lich aber über­se­hen wir an ihr den Ent­wurf einer norm­ge­ben­den Männ­lich­keit. Sie ist kei­ne Erfin­dung Hol­ly­woods, son­dern des Romans. Und min­des­tens so alt wie Goe­the.

Der Bil­dungs­ro­man der ers­ten Stun­de ent­wirft eine Männ­lich­keit, die durch Prü­fun­gen und Bewäh­run­gen zur Voll­endung gelangt – wenigs­tens theo­re­tisch. Da die­se heroi­sche Männ­lich­keit schon bald nicht mehr zum pro­sai­schen Leben in der Moder­ne passt, weicht sie Mas­ku­lini­tä­ten, die sich gele­gent­lich im moder­nen Leben ohne Ziel­vor­ga­be ver­ir­ren. Zu Beginn des 20. Jahr­hun­derts lässt der Roman dann jede Kon­zep­ti­on von Männ­lich­keit kol­la­bie­ren.

Die Ent­wick­lung des Romans und sei­ner Männ­lich­kei­ten im 19. Jahr­hun­dert erlaubt die Erkennt­nis: Eine heroi­sche und voll­ende­te Männ­lich­keit, wie sie heu­te oft ein­ge­klagt wird, war bereits am Ende des 19. Jahr­hun­derts ein Ana­chro­nis­mus ohne Ent­wick­lungs­po­ten­ti­al.

Roman und männ­li­che Bio­gra­phie

Wer nach der Her­kunft moder­ner Männ­lich­keits­vor­stel­lun­gen sucht, stößt auf den bür­ger­li­chen Bil­dungs­ro­man. Die­ser ent­steht zu einer Zeit, in der sich der Mensch nicht mehr als Teil einer ganz­heit­li­chen Ord­nung begreift. Viel­mehr ist er mit all der Wider­sprüch­lich­keit und Ori­en­tie­rungs­lo­sig­keit der Moder­ne kon­fron­tiert. Und auf die­se Erfah­rung ant­wor­tet der frü­he Roman for­mal wie inhalt­lich mit der Erfin­dung von Män­nern, die den­noch ihren Weg gehen, sich gegen Wid­rig­kei­ten behaup­ten und am Ende ihre Frau fin­den.

Es war Hegel, der in sei­nen Vor­le­sun­gen zur Ästhe­tik (gehal­ten 1820–1829) am „Roman­haf­ten“ eine moder­ne Erzähl­wei­se des Lebens aus­mach­te. Der Roman, so Hegel, for­me einen spe­zi­fi­schen Lebens­ent­wurf, den wir heu­te – zu Beginn des 21. Jahr­hun­derts – inzwi­schen aus dem Kino ken­nen: Der jun­ge Mann bricht auf, kämpft für sei­ne Idea­le und gegen eine bür­ger­li­che Ord­nung. Dane­ben sucht er sein Mäd­chen, trotzt sie den “schlim­men Ver­wand­ten oder sons­ti­gen Miß­ver­hält­nis­sen” ab und fin­det sein Glück.

Bei die­sem Hap­py End lässt es der Hof­phi­lo­soph aber nicht bewen­den. Denn Sinn und Zweck einer sol­chen Roman­bio­gra­phie sei Bil­dung. Und die ver­steht Hegel gut­bür­ger­lich als ein Hör­ner­ab­sto­ßen und ein Anpas­sen an die Wirk­lich­keit.

Denn das Ende die­ser Lehr­jah­re besteht dar­in, daß sich das Sub­jekt die Hör­ner abläuft, mit sei­nen Wün­schen und Mei­nen sich in die bestehen­den Ver­hält­nis­se und die Ver­nünf­tig­keit der­sel­ben hin­ein­bil­det, in die Ver­ket­tung der Welt ein­tritt, und in ihr sich einen ange­mes­se­nen Stand­punkt erwirbt (Hegel 1986: 219f.).

Unzwei­deu­tig nimmt Hegel hier Vor­bild an Goe­thes Roman Wil­helm Meis­ters Lehr­jah­re (1795/​96). Dar­in reist der Held in die wei­te Welt hin­aus, flieht der Enge der bür­ger­li­chen Fami­lie und fin­det sei­ne wah­re Bestim­mung auf der Thea­ter­büh­ne. Vor­erst. Schon bald ver­lässt Wil­helm die fah­ren­de Schau­spie­ler­trup­pe und kehrt zurück in die Wirk­lich­keit sei­ner Her­kunfts­ge­sell­schaft. Nach eini­gem Auf­he­ben ver­mählt er sich mit der ange­him­mel­ten Nata­lie und fin­det in der Klein­fa­mi­lie mit sei­nem Sohn Felix sein Glück.

Ken stößt sich die Hör­ner ab.
(Bild: Jon Olav Eike­nes, Flickr)

Ken ver­liebt sich in Bar­bie.
(Bild: Eiri­en, Flickr)

Ken und Bar­bie hei­ra­ten.
(Bild: antomatic1, Flickr)

Mit den Lehr­jah­ren hat Goe­the eines der nach­hal­tigs­ten Roman­mo­del­le der deut­schen Lite­ra­tur­ge­schich­te geschaf­fen. Mehr noch: Unver­se­hens ist ihm ein gan­zes Lebens- und Bio­gra­phie­mo­dell gelun­gen. Die Ent­wick­lung des jun­gen Wil­helm ist nicht nur Blau­pau­se für das spä­te­re Erzäh­len, son­dern auch für das moder­ne Leben. Als “Sekun­där­so­zia­li­sa­ti­on” (Kitt­ler 1978) schreibt der Roman vor, wie das eige­ne Leben als Bil­dungs- und Rei­fe­pro­zess zu begrei­fen und zu gestal­ten sei – in der erfolg­rei­chen Ent­wick­lung vom Jüng­ling zum Mann.

Ent­wick­lung als männ­li­ches Prin­zip

So vor­bild­lich die Lehr­jah­re auf den ers­ten Blick anmu­ten, so beengt ist ihr bio­gra­phi­sches Pro­gramm auf den zwei­ten. Was der Roman erzählt und ent­wirft, ist eine männ­li­che Bio­gra­phie. Und das tut er auf eine männ­li­che Wei­se. Zum Genie­dis­kurs der Klas­sik gehört die Idee einer Ent­wick­lung, einer Rei­fung oder Bil­dung des Autors sowie des Hel­den. Das Genie wird als sol­ches zu astro­no­misch güns­ti­ger Stun­de gebo­ren und muss bloß noch zur Ent­fal­tung gebracht wer­den. Nur: Die­se Voll­endungs- und Ver­ed­lungs­pro­zes­se ste­hen ein­zig Män­nern zu. Ent­wick­lung wird zum männ­li­chen Prin­zip. Frau­en tau­chen in die­sem Modell ledig­lich als sta­ti­sches Ele­ment auf. Sie sind Infra­struk­tur zur Schu­lung der Schreib­fer­tig­keit und des Innen­le­bens von jun­gen und genia­len Män­nern.

Ent­wick­lung wird zum männ­li­chen Prin­zip.

Bio­gra­phiefä­hig sind also nur Män­ner. Über­dies gelangt das männ­li­che Ent­wick­lungs- und Matu­ri­täts­pro­gramm all­zu rasch an sein Ende. Letzt­lich ist nur die kur­ze Zeit­span­ne von der ver­wir­ren­den Geschlechts­rei­fe bis hin zum Ehe­glück von Belang. Was ist mit Wil­helms Kind­heit? Was ist mit dem Leben nach der Hei­rat? Goe­the erkann­te das Pro­blem und dach­te an eine Fort­set­zung. Auch Erst­le­ser Schil­ler fand die Bil­dung des Romans und sei­nes Hel­den frag­wür­dig, und allein der Begriff der Lehr­jah­re deu­te­te für ihn auf die nach­fol­gen­den Wan­der­jah­re.

Hegel hin­ge­gen sah für das Pro­jekt Bil­dungs­ro­man kei­ne Ent­wick­lungs­mög­lich­keit. Ein­mal durch­ge­le­sen und durch­lebt, bot die pro­sai­sche Mann­wer­dung für den Phi­lo­so­phen nicht aus­rei­chend Stoff zum Erzäh­len. Bei genaue­rer Betrach­tung erwies sie sich als gera­de­zu welt­lich:

Mag einer auch noch so viel sich mit der Welt her­um­ge­zankt haben, umher­ge­scho­ben wor­den seyn, zuletzt bekommt er meis­tens doch sein Mäd­chen und irgend eine Stel­lung, hei­ra­tet, und wird ein Phi­lis­ter so gut wie die Ande­ren auch […].

Das „ange­be­te­te Weib“, einst „ein Engel“, sei nun eine unter vie­len, die Arbeit ver­drieß­lich und die Ehe ein Haus­kreuz, kommt Hegel zum Schluss (1986: 220). Das Fazit also ist ernüch­ternd. Gera­de erst hat Goe­the den Bil­dungs­ro­man als Scha­blo­ne für die männ­li­che Bio­gra­phie erfun­den und schon erweist er sich „abge­wetz­tes Roman­mus­ter“ und vor­her­seh­ba­rer Plot.

Die End­lich­keit des Stof­fes zeigt sich dras­tisch deut­lich auch an den Frau­en­fi­gu­ren. Die Schau­spie­le­rin Maria­ne, mit der Wil­helm in sei­nen Thea­ter­jah­ren die Lie­be genießt, ist zwar ein „lie­ben­des jun­ges Mäd­chen“, gleicht aber einem Requi­sit, das erst in ihrem Able­ben ihr vol­les Poten­ti­al ent­fal­tet. Der Frau bleibt im Bil­dungs­ro­man nur die Rol­le einer zunächst unent­behr­li­chen, dann über­flüs­si­gen Stu­fen­lei­ter vor­be­hal­ten. Ihr Platz im Feld der Bil­dung ist das Grab (vgl. Bron­fen 1994).

Der Platz der Frau im Feld der Bil­dung ist das Grab.

Der Bil­dungs­ro­man ist wenigs­tens für Hegel (und den heu­ti­gen Geschmack) ein Pro­jekt, das mit sei­nem Anfang an sein Ende gekom­men ist. Not to be con­ti­nued.

Den­noch bleibt das Ver­lan­gen nach Männ­lich­keit im Medi­um des Romans unge­stillt. Zwar mögen die Lehr­jah­re und damit die Bil­dungs­ro­ma­ne vor­über sein, doch der Mann lebt auch nach den bestan­de­nen Aben­teu­ern und der Erobe­rung sei­nes Mäd­chens wei­ter …

Männ­lich­kei­ten ohne Prü­fung und Bewäh­rung

Mit­ten im 19. Jahr­hun­dert stell­te der Hegel-Schü­ler Fried­rich Theo­dor Vischer neue Über­le­gun­gen zum Roman an, um sei­ner wuchern­den Form und sei­nen Männ­lich­keits­ent­wür­fen bei­zu­kom­men. Sei­ne Idee: Da der Roman kei­ne letz­te Tat kennt, die ihn zum Schluss bringt, kann nur die Ehe die Erzäh­lung been­den. In sei­ner sechs­bän­di­gen Ästhe­tik oder Wis­sen­schaft des Schö­nen (1857) heißt es:

Ein Haupt­mo­ment des Roman-Schlus­ses ist die Beru­hi­gung der Lie­be in der Ehe. […] Die Ehe ist eigent­lich mehr, als die Lie­be, aber in ihrer Ste­tig­keit nicht dar­zu­stel­len, in ihrer Erschei­nung pro­sa­isch und so läuft auch die­se Sei­te der gewon­nen Idea­li­tät in zuge­stan­de­ne Pro­sa aus (Vischer 1923: 343).

Hete­ro­nor­ma­ti­ve Ver­hält­nis­se die­nen Vischer als Sta­bi­li­sa­to­ren unsi­che­rer Zei­ten und unvoll­ende­ter Hel­den­ent­wür­fe. Nolens volens zeich­net er damit einen schlei­chen­den Auto­no­mie­ver­lust des Hel­den nach. Denn die­sem scheint die Ori­en­tie­rung und Bil­dung so weit abhan­den­ge­kom­men zu sein, dass er sich nur mit der Ehe in der moder­nen Welt behaup­ten kann.

Im Gegen­satz zu Hegel aber ver­kennt Vischer das Risi­ko sol­cher cou­ples in arms. Unge­mach droht nicht von außen, son­dern von innen: die gefähr­li­che Mono­to­nie des Ehe­le­bens. Dadurch ver­leug­net Vischer die haus­ge­mach­ten Pro­ble­me der bür­ger­li­chen Kern­fa­mi­lie und damit die pro­sai­schen Her­aus­for­de­run­gen, denen der Mann nach der Hei­rat aus­ge­setzt ist. Und die­se Pro­ble­me rücken im 19. Jahr­hun­dert auch au­ßer­halb Deutsch­lands immer mehr ins Zen­trum des Romans. Sei­ten­sprün­ge und Treu­lo­sig­keit sind nun pro­mi­nen­te Moti­ve in der bür­ger­li­chen Pro­sa.

Sei­ten­sprün­ge und Treu­lo­sig­keit sind nun pro­mi­nen­te Moti­ve in der bür­ger­li­chen Pro­sa.

Ret­tungs­ver­su­che einer heroi­schen Männ­lich­keit blei­ben nicht aus – auch von theo­re­ti­scher Sei­te nicht. Der Achill des Epos muss sich nun aller­dings an die Wirk­lich­keit der Salons und Wort­ge­fech­te anpas­sen. Das zumin­dest klag­te Fried­rich Spiel­ha­gen in sei­nen Bei­trä­gen zur Theo­rie und Tech­nik des Romans (1883) ein:

Das Leben con­cen­trirt sich jetzt mehr, als sonst, im Gehirn; die Mus­keln spie­len eine unter­ge­ord­ne­te Rol­le, und wenn in einem anti­ken Epos oder in einem Rit­ter­ro­man die Hel­den ihre Dif­fe­ren­zen mit den Waf­fen ent­schei­den, so lie­fern sie sich jetzt in der Kam­mer oder im Salon ein Wort­ge­fecht, das eben­so lei­den­schaft­lich, ja eben­so tödt­lich sein kann, wie jenes (Spiel­ha­gen 1864: 191).

Frei­lich wie­der­ho­len Spiel­ha­gens nun­mehr domes­ti­zier­te Hel­den Mas­ku­lini­täts­ent­wür­fe, für die Prü­fun­gen und Wett­kampf cha­rak­te­ris­tisch sind.

Was aber geschieht mit Män­nern, wenn ihnen der „Kampf mit der Wirk­lich­keit“ vor­ent­hal­ten bleibt? Sucht man nach Bei­spie­len, wird man bei Gott­fried Kel­ler, Adal­bert Stif­ter oder Theo­dor Fon­ta­ne fün­dig. Letz­te­rer ent­wirft Männ­lich­kei­ten, die sich Spiel­ha­gens Salon­he­ro­is­mus gera­de­zu ver­sper­ren. Fon­ta­nes „hal­be Hel­den“ gehen an gekränk­ter Ehre zugrun­de, wer­den Opfer von Duel­len oder bege­hen Sui­zid.

Die Fata­li­tät männ­li­cher Sozia­li­sa­ti­ons­spie­le dringt bei Fon­ta­ne bis in die Spra­che und das Erzäh­len ein. Nicht sel­ten wird die Lese­rin – die Pro­sa­stü­cke Schach von Wuthe­now (1882) oder Céci­le (1887) zeu­gen davon – nach dem Able­ben der Prot­ago­nis­tin­nen und Prot­ago­nis­ten allein zurück­ge­las­sen. Kein Kom­men­tar, kei­ne ver­söhn­li­chen Schluss­wor­te hel­fen das Gesche­hen ein­zu­ord­nen. Es blei­ben nur Brief­wech­sel oder fin­gier­te Zei­tungs­aus­schnit­te, deren Wider­sprüch­lich­kei­ten das offe­ne Ende nur noch unter­strei­chen.

Der Ver­such, eine vor­mo­der­ne Männ­lich­keit mit­samt ihren Rei­fe­prü­fun­gen zu ret­ten, muss ver­en­den – inhalt­lich und nar­ra­tiv.

Die Über­tra­gung des Wett­kampfs in den moder­nen Geist muss miss­lin­gen. Wort­ge­fech­te in bür­ger­li­chen Salons gehen mit gekränk­ter Ehre, Schön­geis­tig­keit mit Kraft- und Saft­lo­sig­keit ein­her. Der Ver­such, eine vor­mo­der­ne Männ­lich­keit mit­samt ihren Rei­fe­prü­fun­gen zu ret­ten, muss ver­en­den – inhalt­lich und nar­ra­tiv.

Beson­ders die Pra­xis des Romans löst also in der zwei­ten Hälf­te des 19. Jahr­hun­derts die teleo­lo­gi­sche, sich selbst ent­fal­ten­de Männ­lich­keit des Bil­dungs­ro­mans auf. Es kommt gele­gent­lich zu Ret­tungs­ver­su­chen einer heroi­schen Männ­lich­keit, doch sie blei­ben Übun­gen in einem Feld, das sich längst mit Mas­ku­lini­tä­ten aus­ein­an­der­set­zen muss, die weder ein Ziel vor sich, noch eine Prü­fung hin­ter sich haben.

Männ­lich­keit am Ende

Zu Beginn des 20. Jahr­hun­derts sind Mann und Roman voll­kom­men in der Bezie­hungs­kri­se ange­kom­men. Davon zeugt die Theo­rie des Romans (1916) des unga­ri­schen Phi­lo­so­phen und Lite­ra­tur­his­to­ri­kers Georg Lukács. Sei­ne Theo­rie will den Roman als jene Ide­al­form mobi­li­sie­ren, die der „tran­szen­den­ta­len Obdach­lo­sig­keit“ der Moder­ne ent­spricht. Wie das Leben bie­tet auch der Roman kei­ne uner­schüt­ter­li­chen Ori­en­tie­rungs­punk­te und kei­ne fest gefüg­ten Ord­nun­gen mehr. Obwohl Lukács auf ein­ge­spiel­te Meta­phern von Männ­lich­keit immer wie­der zurück­greift, gibt er ihr eine neue Wen­dung:

Der Roman ist die Form der gereif­ten Männ­lich­keit, das bedeu­tet, daß das Abschlie­ßen sei­ner Welt objek­tiv gese­hen etwas unvoll­kom­me­nes, sub­jek­tiv erlebt eine Resi­gna­ti­on ist (Lukács 2009: 64).

Rea­le wie erzähl­te Welt sind für Lukács unvoll­endet. Die­se Ein­sicht hat für das Ver­hält­nis zwi­schen Roman und Welt zwei Kon­se­quen­zen. Tritt „die Brü­chig­keit der Welt kraß“ zuta­ge, schlägt der Roman in „quä­len­de Trost­lo­sig­keit“ um. Bleibt der Roman hin­ge­gen als Kunst­ge­bil­de erkenn­bar, ver­deckt er nur ober­fläch­lich die Brü­chig­keit der Welt. Trost­lo­sig­keit oder ober­fläch­li­cher Schein – mehr ist vom durch­schnitt­li­chen Roman nicht zu erwar­ten.

Lukács’ “gereif­te Männ­lich­keit” ver­liert vor die­sem Hin­ter­grund jeden Anschein einer voll­ende­ten Mann­wer­dung, wie sie noch für den Bil­dungs­ro­man pro­gram­ma­tisch war. Nimmt man die Lexik hier ernst – die Rede ist von “Sehn­sucht”, “Dis­so­nanz”, “schwäch­li­che Bin­dung” etc. –, dann bedeu­tet Männ­lich­keit für Lukács Brü­chig­keit, Gebrech­lich­keit und Unfer­tig­keit. Damit bleibt er zwar im Regis­ter typi­scher Geschlech­ter­zu­schrei­bun­gen, erklärt aber Männ­lich­keit zur Gefahr des Romans und der Gesell­schaft. Männ­lich­keit ist in der Pro­sa und ihrem Zeit­al­ter nur noch zum Preis von Trost­lo­sig­keit und Resi­gna­ti­on zu haben. Mit der ers­ten Roman­theo­rie wer­den Mann und das Zeit­al­ter der Pro­sa end­gül­tig als unvoll­kom­men erkenn­bar.

Die Ent­frem­dung von einer ehe­mals als gebil­det und voll­endet gedach­ten Männ­lich­keit fin­den sich in den Zerr­bil­dern und Alter­na­tiv­ent­wür­fen des Bil­dungs­ro­mans zu Beginn des 20. Jahr­hun­derts wie­der. Tho­mas Manns Pro­sa spricht Bän­de von jener bis über ihr Halt­bar­keits­da­tum hin­aus ‚gereif­ten Männ­lich­keit‘. Im Schel­men­ro­man Felix Krull (1913/​54) ver­kehrt der Hoch­stap­ler sämt­li­che lieb gewon­ne­nen Bil­dungs­idea­le. Die Abkehr von der Welt mit der Ein­kehr ins Sana­to­ri­um macht den Zau­ber­berg (1924) zum Anti-Bil­dungs­ro­man der Deka­denz. Davon berich­tet auch die her­me­tisch abge­rie­gel­te Struk­tur: Kei­ne Kämp­fe mit Fein­den, kein auf­rei­ben­der Kon­takt mit der Gesell­schaft. Die abge­schie­de­ne Heil­an­stalt, in der der Anti­held Hans Cas­torp sein Dasein fris­tet, ist nur noch alle­go­risch mit der Welt ver­bun­den.

Ken ent­deckt eine neue Sei­te an sich.
(Bild: Jon Olav Eike­nes, Flickr)

Männ­lich­kei­ten im Roman

Im lan­gen 19. Jahr­hun­dert soll der Roman als das Medi­um schlecht­hin für Männ­lich­keits­ent­wür­fe gel­ten. Ent­ge­gen dem Wunsch von Phi­lo­so­phen und Theo­re­ti­kern aber hat der Roman schon früh damit begon­nen, sämt­li­che Ansprü­che auf eine ganz­heit­li­che und gelin­gen­de Männ­lich­keit zu unter­lau­fen. Gera­de mal Goe­thes Wil­helm Meis­ter zeich­net eine männ­li­che Bio­gra­phie nach, wie wir sie aus dem Hap­py End-Kino ken­nen: Jun­ge trifft Mäd­chen und ver­liebt sich. Jun­ge stößt auf Hin­der­nis etc.

Die­ses männ­li­che Voll­endungs­pro­gramm, das im Moment sei­nes Ent­ste­hens schon tri­vi­al wird, stößt schon bald an sei­ne Gren­zen: Das pro­sai­sche Leben hält nicht wirk­lich die Prü­fun­gen bereit, anhand derer sich Mann bewei­sen kann. Und nach dem Fest der Lie­be steht das Ehe­le­ben an – zu zweit. Zu Beginn des 20. Jahr­hun­derts drän­gen sich dann radi­ka­le Zwei­fel am Pro­jekt Männ­lich­keit auf. Wor­in könn­te die­se jen­seits von Resi­gna­ti­on oder ober­fläch­li­chem Schein noch bestehen?

Das Schick­sal der Männ­lich­keit im Roman des bür­ger­li­chen Zeit­al­ters lässt einen weit­rei­chen­den Schluss zu: Eine heroi­sche, auto­no­me und voll­ende­te Männ­lich­keit ist nicht erst heu­te, son­dern spä­tes­tens vor 100 Jah­ren an ihr Ende gekom­men.

Lite­ra­tur

Bron­fen, Eli­sa­beth. 1994. Nur über ihre Lei­che. Tod, Weib­lich­keit und Ästhe­tik. Mün­chen.

Hegel, Georg Wil­helm Fried­rich. 1986. Vor­le­sun­gen über die Ästhe­tik II. Bd. 14/​20. Frank­furt am Main.

Kitt­ler, Fried­rich. 1978. „Über die Sozia­li­sa­ti­on Wil­helm Meis­ters“. In: Kitt­ler, Fried­rich; Kai­ser, Ger­hard (Hrsg.). Dich­tung als Sozia­li­sa­ti­ons­spiel. Stu­di­en zu Goe­the und Gott­fried Kel­ler. Göt­tin­gen: S. 13–124.

Lukács, Georg. 2009. Die Theo­rie des Romans. Bie­le­feld

Spiel­ha­gen, Fried­rich. 1864. „Ueber Objec­tivetät im Roman“. In: Gemisch­te Schrif­ten Bd. 1Ber­lin.

Vischer, Fried­rich Theo­dor. 1923. Aes­the­tik oder Wis­sen­schaft des Schö­nen. Zum Gebrau­che für Vor­le­sun­gen. Mün­chen.

Bild­nach­weis

Das Titel­bild zeigt Spi­der-Man, wie er eine Abriss­bir­ne unter sei­ne Kon­trol­le bringt. Scan aus dem Comic­buch Spi­der-Man – Von Shang­hai bis Paris. 2017. Geschrie­ben von Dan Slott, gezeich­net von Matteo Buf­fa­gni und Giu­sep­pe Camun­co­li. © Mar­vel.

Marius Reisener

Mari­us Rei­se­ner

Mari­us Rei­se­ner pro­mo­viert in deut­scher Lite­ra­tur an der HU Ber­lin und der Cor­nell Uni­ver­si­ty. Er liest Roman­theo­ri­en als Geschlech­ter­theo­ri­en. Neben­her schreibt er für Blogs und ande­res.

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