Die Statistik zeigt es: Junge Männer treten eifrig in den Hellbereich der Polizei. Allerdings scheint ihre Kriminalität im Vergleich zu den Verbrechen gestandener Herren eher harmlos. Nerviger Vandalismus trifft auf millionenschwere Steuerhinterziehung. Und dennoch skandalisieren Politik und Medien die Delinquenz Jugendlicher – besonders jener mit Migrationshintergrund.

Wir haben den Strafrechtler, Kolumnisten und ehemaligen Bundesrichter Thomas Fischer um eine Einschätzung gebeten. Wir besuchen Fischer in seinem Büro in Baden-Baden. Er erzählt zunächst von seinen Überlegungen zum Naturrecht, die er bald publizieren möchte.

Thomas Fischer, Bundesrichter a. D.
Thomas Fischer, Bundesrichter a. D.

AV: Sie haben geschildert, wie sehr sich die Rechtsauffassung zwischen Sesshaften und Sammlern unterscheidet. Erstere bebauen und besitzen ihren Garten, letztere kennen nur allgemeinfreie Früchte und kein Eigentum. Gibt es einen strukturell analogen Konflikt zwischen alten und jungen Männern? Das Recht wird, so scheint’s, von alten Männer gemacht. Die Jungen dürfen nur dagegen verstoßen, es aber nicht definieren.

TF: Das ist etwas komplizierter. Die meisten Menschen machen sich ja keine Gedanken, woher ihre Moral stammt und ob sie vor fünfzig Jahren nicht anders beschaffen war. Sie nehmen die Moral intuitiv wahr und geben sie unbewusst, aber auf subtile, differenzierte und dauerpräsente Weise weiter. Kinder üben diese Moral solange unbewusst ein, bis sie in die Phase der Loslösung treten. Dann werden Grenzverletzungen entwicklungspsychologisch wichtig.

In meinem Bereich, dem Strafrecht, geht es immer nur um diese Grenzen. Und die sind weitaus interessanter als all das, was sich innerhalb ihrer befindet. Das gilt übrigens für Erwachsene genauso wie Kinder – mit dem Unterschied, dass Erwachsene die Grenzen besser internalisiert haben und so gekonnter ausloten. Männliche Kinder und Jugendliche scheinen gegenüber ihren weiblichen Pendants einen eher aggressiven und nach außen gerichteten Umgang mit Grenzen zu pflegen.

Grenzen sind weitaus interessanter als all das, was sich innerhalb ihrer befindet.

“linksschief”: Tatverdächtigenbelastungszahlen (TVBZ) für Deutsche nach Geschlecht und Altersgruppen im Jahr 2013 (Quelle: Konstanzer Inventar Kriminalitätsentwicklung)

AV: In der Kriminalstatistik sehen wir oft linksschiefe Kurven: Kriminelles Verhalten nimmt bei 17-jährigen Männern massiv zu, flaut mit 23 Jahren bereits wieder ab. Mit 21 Jahren erreichen Männer die höchste Kriminalitätsbelastung. Frauen sind zwei Jahre früher maximal kriminell, allerdings nur zu einem Bruchteil der männlichen Delinquenz.

TF: Unabhängig von diesen Kurven ist zunächst festzuhalten: Kriminalität ist ubiquitär. Jeder und jede begeht kleinere Straftaten wie Ladendiebstähle, Beleidigungen, Körperverletzungen, Schwarzfahren, Betrug. Jeder Mensch tut Dinge, die andere für strafbar halten. Natürlich gibt es Unterschiede in der Qualität von Straftaten. Schwere Körperverletzung oder ein großer Raub ist nicht jedermanns Sache. Gerade erleben wir, wie Messerangriffe intensiv diskutiert werden…

AV: Eine Schweizer Statistik in Sachen Häusliche Gewalt macht auf die weitaus höheren Chancen aufmerksam, mit einer Schusswaffe statt einem Messer getötet zu werden. Obwohl in jeder Küche Messer zu finden sind, stellt das väterliche Sturmgewehr die eigentliche Bedrohung für die Ehefrau und Mutter dar.

TF: Das ist richtig. Messer werden im aktuellen politischen Klima als etwas sehr Beunruhigendes skandalisiert. Da letztlich jeder beliebige Gegenstand sich in ein lebensgefährliches Werkzeug verwandeln lässt, gibt es in der Deutschen Kriminalstatistik keine Sonderberichtserstattung über Messerattacken. Doch die wird nun gefordert, weil irgendwelche Polizeien von einer Zunahme solcher berichten. Darauf stürzt sich die AfD und behauptet, die jungen Männer aus Afrika dezimierten die deutsche Bevölkerung mit Messern. Das ist völlig verrückt. In diesem Klima der Unsicherheit lässt sich schier alles behaupten: Die Gewalt an Schulen nähme zu, Messerattacken, Raubüberfälle und Erpressungen häuften sich. Wenn man aber diese 13-jährigen Kinder sieht, die sich gegenseitig die Handys abpressen, dann sind das bloß dumme Jungs und keine schweren Kriminellen.

Darauf stürzt sich die AfD und behauptet, die jungen Männer aus Afrika dezimierten die deutsche Bevölkerung mit Messern.

Also nochmals: Kriminalität ist ubiquitär. Allerdings flacht sie mit zunehmendem Alter ab. Die Leute hören aus verschiedenen Gründen damit auf, Ladendiebstähle zu begehen oder Kameraden zu erpressen.

AV: Das haben wir auch hinter uns.

TF: Mit 19 Jahren habe auch ich Ladendiebstahl begangen. Irgendwann denkt man – nö, das muss jetzt nicht mehr sein, das ist mir viel zu gefährlich oder eher viel zu peinlich. Wenn es nicht verboten wäre, würde ich mir noch heute gelegentlich Haschisch kaufen.

AV: Ladendiebstahl ist also eine Form riskanten Verhaltens, mit dem zwar keine Naturgewalt, dafür die Gesellschaft herausgefordert wird. Statt vom Zehnmeter ins Wasser zu springen, erfrischt man sich beim Diebstahl.

TF: Das habe ich so empfunden. Ladendiebstahl dient überdies der Kommunikation innerhalb der Bezugsgruppe. Risiko ist ein wichtiger Faktor im Verhalten junger Männer. Zwischen 17 und 22 Jahren habe ich Dinge getan, die ich heute für idiotisch halte.

AV: Statistisch gesehen nimmt die Mortalität bei jungen Männern etwas ab. Das Rasen mit dem Auto ist beispielsweise kein Kavaliersdelikt mehr.

TF: Dafür gibt es neue Risiken wie das Komasaufen oder Extremsportarten. Allerdings sind sie nicht so weit verbreitet, wie sie skandalisiert werden.

AV: Kommen wir nochmals auf den politischen Druck von rechts zu sprechen. Beim Blick auf die Statistiken haben wir festgestellt, dass Jugendliche mit Migrationshintergrund häufiger durch Rohheitsdelikte auffallen. Woran liegt das? Stimmt das überhaupt? Gibt es ein anderes Anzeigeverhalten gegenüber nichtdeutschen Jugendlichen?

TF: Wahrscheinlich stimmt die Datenlage. Trotzdem sind diese statistischen Werte auf verschiedene Weise verzerrt. Rohheitsdelikte gehören allgemein zur Population der jungen Männer, egal ob deutsche oder nichtdeutsche. Ein großer Anteil an Migranten ist tatsächlich männlich und jung, dazu ohne soziale und familiäre Sicherheit. Gerade für Menschen aus Zentralafrika ist Migration derart teuer geworden, dass die wirklich armen Leute sie sich gar nicht mehr leisten können.

Da kommt auch niemand auf die Idee zu sagen: „Sprich mal mit Deinem Sozialbetreuer.“

Aus dem Maghreb hingegen migriert nach wie vor ein städtisches Subproletariat, das sich auch in der Heimat mit kleinen Betrügereien durchschlagen muss. Diese jugendlichen Delinquenten sind natürlich viel auffälliger. Sie werden viel schneller angezeigt und mit größerer Härte verfolgt. Da kommt auch niemand auf die Idee zu sagen: „Sprich mal mit Deinem Sozialbetreuer.“ Hier wird schnell formal mit dem Jugendstrafrecht geantwortet.

AV: Während wir beim Nachbarsjungen, der eben die Scheibe eingeschlagen hat, die Eltern verständigen, zeigen wir das unbekannte Kind an?

TF: Fremdheit erzeugt immer und grundsätzlich Angst. Diese wird umso stärker empfunden, als die Gesellschaft sich seit Jahrzehnten in einem beschleunigten Prozess der Auflösung befindet. Diese neoliberal unterfütterte Gesellschaft besteht aus lauter Einzelpersonen, die für sich selbst verantwortlich sind. Eigenverantwortung bringt die Pflicht zur Optimierung vom Kindergarten zum Sterbebett mit sich. Man ist immer allein, mobil, einsetzbar; nichts hält auf alle Ewigkeit, weder Ehen, noch Dörfer, noch Religionen. Das ist für viele sehr beunruhigend.

AV: Die Kriminalitätsstatistik weckt gerade bei Populisten immer wieder den Verdacht, sie verschweige etwas. Woher kommt dieses Misstrauen?

TF: Fachliche Zusammenhänge sind oft so kompliziert, dass sie von der Öffentlichkeit nicht verstanden werden. Die Leute sind ja angeblich oder tatsächlich nicht in der Lage, sich länger zu konzentrieren. Und die journalistische Kultur passt sich der unterstellten Blödheit der Öffentlichkeit an. Mit fünf Hauptsätzen muss alles gesagt sein in diesen Nachrichtenblasen – skandalisiert und auf wenige Grundstrukturen zurückgeführt. Will man etwas Fachliches sagen, muss man davon ausgehen, dass nur wenig davon ankommt und das wenige auch noch daraufhin gescannt wird, ob und wie es zu skandalisieren sei. Deshalb versucht man von vornherein möglichst ohne Anhaltspunkt für einen Skandal zu formulieren. Die Pressekonferenz passt sich also auch der Blödheit der Journalisten an.

Bis 2014 war üblich, bei Kriminalität nicht über die Nationalität des Täters zu sprechen – ausgenommen Fälle wie Blutrache. Das hat sich geändert, jetzt wird bei jeder Tat auf die Herkunft des Täters verwiesen.

AV: Warum muss das gesagt werden? Wir haben in der Kriminalitätsstatistik nachgesehen – es gibt Tabellen für türkische Kriminelle, russlandstämmige, serbische. Zeigt sich darin der vorauseilende Gehorsam gegenüber einer Berichtserstattung, die immer ein Verschweigen wittert?

TF: Genau. Man versucht der Unterstellung der Geheimhaltung zuvorzukommen. Deshalb hat sich die ganze Informationskultur darauf geeinigt, die Nationalität immer zu nennen. Dabei könnte man ja auch andere Zuschreibungen nennen wie Ausbildung oder Beruf. Trotzdem lässt die Verschwörung nicht nach, die Regierung verschweige etwas. Allerdings ist die AfD-Verschwörungskultur enorm selbstbezüglich. Die lesen ja nichts anderes als ihre eigenen Blogs.

AV: Apropos, wie steht es um die Kriminalität von rechts? Wir erfahren derzeit nur wenig über Brandanschläge auf Asylunterkünfte.

TF: Im Jahr 2017 gab es 16 Brand- und zwei Sprengstoffanschläge, so die Polizeistatistik, dazu etwa Tausend weitere Anschläge wie Schmierereien und Fenstereinwerfen. Richtig gefährliche Anschläge gab es etwa zwanzig. Im Jahr 2016 war der Höhepunkt mit vielen Hunderten von Anschlägen.

Gerade weil bei so vielen potentiellen Opfern die Gefahr enorm groß ist, ist die rechte Verharmlosung eine Lüge.

Die Statistiken, die von Rassisten erstellt werden, sprechen aber nur von 16 Taten in jenem Jahr. Nur, wenn auf ein Flüchtlingsheim mit 200 Einwohnern ein Brandanschlag verübt wird, dann sind das auch 200 Taten. Gerade weil bei so vielen potentiellen Opfern die Gefahr enorm groß ist, ist die rechte Verharmlosung eine Lüge.

AV: Angesichts dieser vielen Anschläge durch junge Rechtsradikale müssten doch auch die älteren Anstifter ins Visier geraten, die zur Brandstiftung motivieren. Gibt es dafür nicht den Straftatbestand der Volksverhetzung?

TF: Der Straftatbestand der Volksverhetzung wird selten angewandt. Im Prinzip richtet er sich gegen Rechtsradikale und zwar vorzüglich, wenn sie sich auf nationalsozialistische Metaphern und Symbole stützen. Es gibt aber wenige Verurteilungen. Vielleicht wissen Sie’s, ich habe Alexander Gauland wegen Volksverhetzung angezeigt, da er über unsere Ausländerbeauftragte Aydan Özoguz sagte, sie solle in Anatolien entsorgt werden. Auf jeden Fall ist das ein komplizierter Straftatbestand, den ich jetzt im Einzelnen nicht erläutern will.

Die eigentliche kriminelle Gewalt geht von jungen Menschen am unteren Rand aus. Problematisch an diesen Banden von Nazi-Jugendlichen in Ostdeutschland, die es im Westen in geringerer Auflage auch gibt, ist, dass ihre rassistische Gewalt von einer Alltagskultur gedeckt wird, die sagt: „Ach, das sind dumme Jungs. So einen Molotowcocktail muss man nicht so ernst nehmen.“ Den Straftätern wird Verständnis entgegengebracht, weil es ja „wirklich so viele Ausländer gibt, die viel Dreck machen und unsere Frauen belästigen.“ Wohlgemerkt, in Ostdeutschland beträgt der Ausländeranteil gerade mal vier Prozent.

Hinzu kommt eine völlig entgrenzte Rhetorik über angeblichen „Volksverrat“, Untergang des so genannten Abendlands und den Niedergang dessen, was man da als „deutsche“ Kultur bezeichnet.

Da, wo von außen betrachtet ein geradezu furchterregendes Heimat-Idyll herrscht, beklagen sich die Menschen über ihre schreckliche Heimatlosigkeit.

Ausländerhass und Rechtsradikalismus sind keine automatische Folge von Arbeitslosigkeit oder fehlenden Bahnverbindungen. Das Zauberwort heißt: Angst. Im Osten Deutschlands hat man bis 1989 in Gemeinschaften gelebt, in Betriebs- oder Wohnbereichsgemeinschaften und so weiter. Persönliche Beziehungen und Geborgenheit waren auf überschaubare Gruppen ausgerichtet. Die Mobilität war aufgrund des Zustands von Autos, Straßen und Gesellschaft sehr eingeschränkt. Erhebliche Teile der NS-Volksgemeinschafts-Ideologie sind in der DDR einfach unter anderem Vorzeichen jahrzehntelang weitergeführt worden. Das ist inzwischen alles weg. Nun besteht auch im Osten die Welt plötzlich nur noch aus Fremden. Die Vereinzelung und Entfremdung erzeugt Angst. Das führt zu dem verwirrend erscheinenden Phänomen, dass da, wo von außen betrachtet ein geradezu furchterregendes Heimat-Idyll der „Dorfgemeinschaften“ und MDR-Fernsehsauce herrscht, sich die Menschen über ihre schreckliche Heimatlosigkeit beklagen.

AV: Die jungen Männer mit ihren Ängsten gab es 1989 also noch gar nicht.

TF: Hinzu kommt, dass die meisten schlauen, mutigen und kreativen Männer und Frauen weggezogen sind. Übrig geblieben ist ein Überschuss an weniger chancenreichen Männern, unter ihnen überdurchschnittlich viele, die intellektuell eher schlicht strukturiert sind.

AV: In einer Schweizer Studie fanden wir die Behauptung, wonach Migranten erst in der zweiten Generation Gefahr laufen, straffällig zu werden. Die Kinder hätten, so die Studie, inzwischen Schweizer Ansprüche aber nur migrantische Chancen. Diese Differenz erhöhe die Wahrscheinlichkeit kriminell zu werden. Kann man diese Diagnose nicht auch auf Ostdeutschland übertragen, insofern hier die Ansprüche junger Männer neudeutsch sind, während die Chancen ostdeutsch bleiben?

TF: Das stimmt sicher. Bei den Migranten beobachten wir in der ersten Generation einen hohen Anpassungs- und Integrationswillen. West-Deutschland war seit den 1950er-Jahren ein Einwanderungsland. Zuerst kamen die Italiener als sogenannte Gastarbeiter, dann die Portugiesen, darauf die Griechen, Ende der 1960er-Jahre die Türken. Die erste Generation dieser hochintegrierbaren Europäer bereitete keine Schwierigkeiten. Erst die zweite und dritte machte Probleme, weil sich Erwartungen nicht realisierten und Identitätskrisen bestanden.

AV: Andere Studien heben für die Schweiz, aber auch die USA eine erhöhte Fremdenfeindlichkeit der zweiten Generation hervor. Jene wehrt sich, so scheint es, gegen zusätzliche Migranten.

TF: Die Ablehnung richtet sich gegen noch weiter ausgegrenzte Bevölkerungsgruppen. Man will die erkämpfte Position nicht preisgeben. Doch all dies verdeutlicht einen zentralen Punkt: Immigrantenkriminalität entsteht in den meisten Fällen im Einwanderungsland und unter dessen Bedingungen; sie stammt nicht – oder nur zu einem kleinen Teil – originär aus der jeweiligen Herkunftskultur. Die Italiener, Iren, Chinesen oder Deutsche, die in den USA hochkriminelle Strukturen bildeten, waren in ihren Heimatländern meist ganz brave Bauern und Handwerker gewesen.

Immigrantenkriminalität entsteht in den meisten Fällen im Einwanderungsland und unter dessen Bedingungen.

AV: Offenbar findet auch über die Hälfte der Delinquenz von jungen Migranten in den Sammelunterkünften statt. Sperrt man Menschen auf engstem Raum ein, die sich nicht verstehen …

TF: … und leiden können, die unbekannte Speisen kochen, einer ganz anderen Volksgruppe angehören, unbekannte Empfindlichkeiten und soziale Regeln haben – und das monatelang, ohne Arbeit, mit sehr wenig Geld, ohne Reisemöglichkeit – ….

AV: Das relativiert die Statistik doch extrem, wenn man weiss, unter welchen Umständen junge Migranten kriminell werden und dass sich ihre Kriminalität gar nicht gegen „Deutsche“ richtet.

TF: Die meisten Gewaltstraftaten finden innerhalb dieser Population statt, die außerdem die höchste Quote an Gewaltopfern aufweist. Die Opfer sind meist auch junge Migranten – und nicht etwa reiche Deutsche. Wenn das vorkommt – was natürlich geschieht –, wird es außerordentlich skandalisiert.

AV: Abgesehen davon machen Gewalttaten nur einen Bruchteil aller jugendlichen Straftaten aus. Die meisten Delikte entfallen auf Bereich Betrug, Urkundenfälschung, Raubkopien, Kleinkram.

TF: In Deutschland haben wir 140 000 registrierte Fälle von gefährlicher Körperverletzung pro Jahr, 500 000 Fälle einfacher Körperverletzung. Ganz so marginal ist Körperverletzung also nicht, allerdings hebt sie sich deutlich von anderen Formen der Delinquenz ab. Deshalb, und auch weil sie eher in der Öffentlichkeit stattfindet, registriert man sie viel öfter.

Tatsächlich werden aber immer noch jeden Tag hunderttausend Kinder geschlagen, geschupst, genötigt, angeschrien oder eingesperrt.

Andere Straftaten jedoch, die an Körperverletzung grenzen, kommen kaum zur Anzeige. Seit acht Jahren gibt es beispielweise im Zivilrecht die Formulierung: „Körperliche Bestrafung und entwürdigendes Behandeln von Kindern sind in der Erziehung verboten.“ Das gewohnheitsmäßige Recht zur so genannten körperlichen Züchtigung ist spätestens mit dieser Regelung in den Bereich strafbarer Körperverletzung gerutscht. Tatsächlich werden aber immer noch jeden Tag hunderttausend Kinder geschlagen, geschupst, genötigt, angeschrien oder eingesperrt. Doch da gibt es nicht ansatzweise so eine Empörungskultur wie etwa bei schon geringfügigen sexuellen Übergriffen. Nur schwere Misshandlungen und Vernachlässigungen, die nach außen hin sichtbar sind, kommen zur Anzeige.

AV: Wir haben festgestellt, dass Rohheitsdelikte bei Erwachsenen, also den 30- bis 40-Jährigen statistisch ordentlich zu Buche schlagen. Und sie werden verhältnismäßig oft von Frauen verübt. Uns dünkt, dass in diesen Delikten die Gewalt in Familien, aber auch die Gewalt von Müttern gegenüber ihren Kindern, zum Ausdruck kommt.

TF: Das kann gut sein. Eine interessante Beobachtung jedenfalls. Die statistisch hohe Belastung von Frauen mit Gewaltdelikten gegen Kinder hängt natürlich auch damit zusammen, dass Frauen den weit überwiegenden Teil der Betreuung übernehmen.

AV: Erlauben Sie uns noch eine letzte, etwas verquere Frage zu stellen. Gibt es Formen von Gewalt, die Sie oder die „man“ befürworten könnte? Wir denken da an eine Delinquenz für Fortgeschrittene…

TF: Das ist ein vermintes Gelände. Ich erinnere mich an gewalttätige Anti-AKW-Demonstrationen der 70er und 80er Jahre, an die Diskussionen über die Legitimität von „Gewalt gegen Sachen“. Ich habe mir die Youtube-Videos von den G20-Ausschreitungen in Hamburg und den Plünderungen im Gefolge der Demonstrationen angesehen. Das hatte nichts mit einem legitimen Protest gegen G20 zu tun. Diese Ausübung von Gewalt um ihrer selbst willen beunruhigt mich – auch, weil sich damit eine „Eventkultur“ von Gewalt ankündigt, die nichts mit inhaltlichen politischen Anliegen zu tun hat. Da machten Leute Selfies von „Ich und die Barrikade“; junge Männer posierten mit nacktem Oberkörper vor brennenden Autos. Es handelt sich um Lust an der Gewalt – eine Lust, die angesichts von Polizisten, die einen durch die Nacht jagen, noch verstärkt wird.

Leider kultivieren in Deutschland Teile der Polizei ein Klima der Angst, wenn sie sich auf wenige, öffentlich sichtbare Delikte konzentrieren und ein ums andere Mal verlangen, es müsse „Schluss sein mit dem Verständnis für Kriminalität“ – als ob irgendjemand Straßen- und Gewaltkriminalität fördern, verharmlosen oder einfach hinnehmen will. Manche Polizeigewerkschafter sehen ihre Hauptaufgabe darin, dreimal in der Woche ein Interview mit der Aussage zu geben, es werde alles schlimmer – angeblich, weil die Justiz die Täter zu milde behandelt. Bei Korruption, Steuerhinterziehung und Abrechnungsbetrug ist die Verzweiflung der Polizeisprecher nicht ganz so lautstark.

AV: Korruption und Steuerhinterziehung gelten also weiterhin als Kavaliersdelikte für alte Männer – auch dann, wenn sie einen enormen volkswirtschaftlichen Schaden anrichten.

TF: Man bezeichnet sie ja auch nicht als Verbrecher, sondern als „Sünder“. Ihre Vergehen gelten als lässlich und mitnichten als asozial. Asozial sind immer die anderen.

Literatur

Polizei­liche Kriminal­statistik (PKS) Deutschlands. 2017. Bericht, Daten und Tabellen. Bundeskriminalamt Deutschland. Online.

Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS) der Schweiz. 2017. Jahresbericht. Bundesamt für Statistik. Online.

Bildnachweis

Das Titelbild zeigt Batman im Kampf gegen die Eulen. Scan aus dem Comicbuch Batman: The City of Owls. 2013. Geschrieben von Scott Snyder und James Tynion, gezeichnet von Greg Capullo, Jonathan Glapion et al. © DC.