Die Sta­tis­tik zeigt es: Jun­ge Män­ner tre­ten eif­rig in den Hell­be­reich der Poli­zei. Aller­dings scheint ihre Kri­mi­na­li­tät im Ver­gleich zu den Ver­bre­chen gestan­de­ner Her­ren eher harm­los. Ner­vi­ger Van­da­lis­mus trifft auf mil­lio­nen­schwe­re Steu­er­hin­ter­zie­hung. Und den­noch skan­da­li­sie­ren Poli­tik und Medi­en die Delin­quenz Jugend­li­cher – beson­ders jener mit Migrationshintergrund.

Wir haben den Straf­recht­ler, Kolum­nis­ten und ehe­ma­li­gen Bun­des­rich­ter Tho­mas Fischer um eine Ein­schät­zung gebe­ten. Wir besu­chen Fischer in sei­nem Büro in Baden-Baden. Er erzählt zunächst von sei­nen Über­le­gun­gen zum Natur­recht, die er bald publi­zie­ren möchte.

Thomas Fischer, Bundesrichter a. D.
Tho­mas Fischer, Bun­des­rich­ter a. D.

AV: Sie haben geschil­dert, wie sehr sich die Rechts­auf­fas­sung zwi­schen Sess­haf­ten und Samm­lern unter­schei­det. Ers­te­re bebau­en und besit­zen ihren Gar­ten, letz­te­re ken­nen nur all­ge­mein­freie Früch­te und kein Eigen­tum. Gibt es einen struk­tu­rell ana­lo­gen Kon­flikt zwi­schen alten und jun­gen Män­nern? Das Recht wird, so scheint’s, von alten Män­ner gemacht. Die Jun­gen dür­fen nur dage­gen ver­sto­ßen, es aber nicht definieren.

TF: Das ist etwas kom­pli­zier­ter. Die meis­ten Men­schen machen sich ja kei­ne Gedan­ken, woher ihre Moral stammt und ob sie vor fünf­zig Jah­ren nicht anders beschaf­fen war. Sie neh­men die Moral intui­tiv wahr und geben sie unbe­wusst, aber auf sub­ti­le, dif­fe­ren­zier­te und dau­er­prä­sen­te Wei­se wei­ter. Kin­der üben die­se Moral solan­ge unbe­wusst ein, bis sie in die Pha­se der Los­lö­sung tre­ten. Dann wer­den Grenz­ver­let­zun­gen ent­wick­lungs­psy­cho­lo­gisch wichtig.

In mei­nem Bereich, dem Straf­recht, geht es immer nur um die­se Gren­zen. Und die sind weit­aus inter­es­san­ter als all das, was sich inner­halb ihrer befin­det. Das gilt übri­gens für Erwach­se­ne genau­so wie Kin­der – mit dem Unter­schied, dass Erwach­se­ne die Gren­zen bes­ser inter­na­li­siert haben und so gekonn­ter aus­lo­ten. Männ­li­che Kin­der und Jugend­li­che schei­nen gegen­über ihren weib­li­chen Pen­dants einen eher aggres­si­ven und nach außen gerich­te­ten Umgang mit Gren­zen zu pflegen.

Gren­zen sind weit­aus inter­es­san­ter als all das, was sich inner­halb ihrer befindet.

„links­schief“: Tat­ver­däch­ti­gen­be­las­tungs­zah­len (TVBZ) für Deut­sche nach Geschlecht und Alters­grup­pen im Jahr 2013 (Quel­le: Kon­stan­zer Inven­tar Kriminalitätsentwicklung)

AV: In der Kri­mi­nal­sta­tis­tik sehen wir oft links­schie­fe Kur­ven: Kri­mi­nel­les Ver­hal­ten nimmt bei 17-jäh­ri­gen Män­nern mas­siv zu, flaut mit 23 Jah­ren bereits wie­der ab. Mit 21 Jah­ren errei­chen Män­ner die höchs­te Kri­mi­na­li­täts­be­las­tung. Frau­en sind zwei Jah­re frü­her maxi­mal kri­mi­nell, aller­dings nur zu einem Bruch­teil der männ­li­chen Delinquenz.

TF: Unab­hän­gig von die­sen Kur­ven ist zunächst fest­zu­hal­ten: Kri­mi­na­li­tät ist ubi­qui­tär. Jeder und jede begeht klei­ne­re Straf­ta­ten wie Laden­dieb­stäh­le, Belei­di­gun­gen, Kör­per­ver­let­zun­gen, Schwarz­fah­ren, Betrug. Jeder Mensch tut Din­ge, die ande­re für straf­bar hal­ten. Natür­lich gibt es Unter­schie­de in der Qua­li­tät von Straf­ta­ten. Schwe­re Kör­per­ver­let­zung oder ein gro­ßer Raub ist nicht jeder­manns Sache. Gera­de erle­ben wir, wie Mes­ser­an­grif­fe inten­siv dis­ku­tiert werden…

AV: Eine Schwei­zer Sta­tis­tik in Sachen Häus­li­che Gewalt macht auf die weit­aus höhe­ren Chan­cen auf­merk­sam, mit einer Schuss­waf­fe statt einem Mes­ser getö­tet zu wer­den. Obwohl in jeder Küche Mes­ser zu fin­den sind, stellt das väter­li­che Sturm­ge­wehr die eigent­li­che Bedro­hung für die Ehe­frau und Mut­ter dar.

TF: Das ist rich­tig. Mes­ser wer­den im aktu­el­len poli­ti­schen Kli­ma als etwas sehr Beun­ru­hi­gen­des skan­da­li­siert. Da letzt­lich jeder belie­bi­ge Gegen­stand sich in ein lebens­ge­fähr­li­ches Werk­zeug ver­wan­deln lässt, gibt es in der Deut­schen Kri­mi­nal­sta­tis­tik kei­ne Son­der­be­richts­er­stat­tung über Mes­ser­at­ta­cken. Doch die wird nun gefor­dert, weil irgend­wel­che Poli­zei­en von einer Zunah­me sol­cher berich­ten. Dar­auf stürzt sich die AfD und behaup­tet, die jun­gen Män­ner aus Afri­ka dezi­mier­ten die deut­sche Bevöl­ke­rung mit Mes­sern. Das ist völ­lig ver­rückt. In die­sem Kli­ma der Unsi­cher­heit lässt sich schier alles behaup­ten: Die Gewalt an Schu­len näh­me zu, Mes­ser­at­ta­cken, Raub­über­fäl­le und Erpres­sun­gen häuf­ten sich. Wenn man aber die­se 13-jäh­ri­gen Kin­der sieht, die sich gegen­sei­tig die Han­dys abpres­sen, dann sind das bloß dum­me Jungs und kei­ne schwe­ren Kriminellen.

Dar­auf stürzt sich die AfD und behaup­tet, die jun­gen Män­ner aus Afri­ka dezi­mier­ten die deut­sche Bevöl­ke­rung mit Messern.

Also noch­mals: Kri­mi­na­li­tät ist ubi­qui­tär. Aller­dings flacht sie mit zuneh­men­dem Alter ab. Die Leu­te hören aus ver­schie­de­nen Grün­den damit auf, Laden­dieb­stäh­le zu bege­hen oder Kame­ra­den zu erpressen.

AV: Das haben wir auch hin­ter uns.

TF: Mit 19 Jah­ren habe auch ich Laden­dieb­stahl began­gen. Irgend­wann denkt man – nö, das muss jetzt nicht mehr sein, das ist mir viel zu gefähr­lich oder eher viel zu pein­lich. Wenn es nicht ver­bo­ten wäre, wür­de ich mir noch heu­te gele­gent­lich Haschisch kaufen.

AV: Laden­dieb­stahl ist also eine Form ris­kan­ten Ver­hal­tens, mit dem zwar kei­ne Natur­ge­walt, dafür die Gesell­schaft her­aus­ge­for­dert wird. Statt vom Zehn­me­ter ins Was­ser zu sprin­gen, erfrischt man sich beim Diebstahl.

TF: Das habe ich so emp­fun­den. Laden­dieb­stahl dient über­dies der Kom­mu­ni­ka­ti­on inner­halb der Bezugs­grup­pe. Risi­ko ist ein wich­ti­ger Fak­tor im Ver­hal­ten jun­ger Män­ner. Zwi­schen 17 und 22 Jah­ren habe ich Din­ge getan, die ich heu­te für idio­tisch halte.

AV: Sta­tis­tisch gese­hen nimmt die Mor­ta­li­tät bei jun­gen Män­nern etwas ab. Das Rasen mit dem Auto ist bei­spiels­wei­se kein Kava­liers­de­likt mehr.

TF: Dafür gibt es neue Risi­ken wie das Koma­saufen oder Extrem­sport­ar­ten. Aller­dings sind sie nicht so weit ver­brei­tet, wie sie skan­da­li­siert werden.

AV: Kom­men wir noch­mals auf den poli­ti­schen Druck von rechts zu spre­chen. Beim Blick auf die Sta­tis­ti­ken haben wir fest­ge­stellt, dass Jugend­li­che mit Migra­ti­ons­hin­ter­grund häu­fi­ger durch Roh­heits­de­lik­te auf­fal­len. Wor­an liegt das? Stimmt das über­haupt? Gibt es ein ande­res Anzei­ge­ver­hal­ten gegen­über nicht­deut­schen Jugendlichen?

TF: Wahr­schein­lich stimmt die Daten­la­ge. Trotz­dem sind die­se sta­tis­ti­schen Wer­te auf ver­schie­de­ne Wei­se ver­zerrt. Roh­heits­de­lik­te gehö­ren all­ge­mein zur Popu­la­ti­on der jun­gen Män­ner, egal ob deut­sche oder nicht­deut­sche. Ein gro­ßer Anteil an Migran­ten ist tat­säch­lich männ­lich und jung, dazu ohne sozia­le und fami­liä­re Sicher­heit. Gera­de für Men­schen aus Zen­tral­afri­ka ist Migra­ti­on der­art teu­er gewor­den, dass die wirk­lich armen Leu­te sie sich gar nicht mehr leis­ten können.

Da kommt auch nie­mand auf die Idee zu sagen: „Sprich mal mit Dei­nem Sozialbetreuer.“

Aus dem Maghreb hin­ge­gen migriert nach wie vor ein städ­ti­sches Sub­pro­le­ta­ri­at, das sich auch in der Hei­mat mit klei­nen Betrü­ge­rei­en durch­schla­gen muss. Die­se jugend­li­chen Delin­quen­ten sind natür­lich viel auf­fäl­li­ger. Sie wer­den viel schnel­ler ange­zeigt und mit grö­ße­rer Här­te ver­folgt. Da kommt auch nie­mand auf die Idee zu sagen: „Sprich mal mit Dei­nem Sozi­al­be­treu­er.“ Hier wird schnell for­mal mit dem Jugend­straf­recht geantwortet.

AV: Wäh­rend wir beim Nach­bars­jun­gen, der eben die Schei­be ein­ge­schla­gen hat, die Eltern ver­stän­di­gen, zei­gen wir das unbe­kann­te Kind an?

TF: Fremd­heit erzeugt immer und grund­sätz­lich Angst. Die­se wird umso stär­ker emp­fun­den, als die Gesell­schaft sich seit Jahr­zehn­ten in einem beschleu­nig­ten Pro­zess der Auf­lö­sung befin­det. Die­se neo­li­be­ral unter­füt­ter­te Gesell­schaft besteht aus lau­ter Ein­zel­per­so­nen, die für sich selbst ver­ant­wort­lich sind. Eigen­ver­ant­wor­tung bringt die Pflicht zur Opti­mie­rung vom Kin­der­gar­ten zum Ster­be­bett mit sich. Man ist immer allein, mobil, ein­setz­bar; nichts hält auf alle Ewig­keit, weder Ehen, noch Dör­fer, noch Reli­gio­nen. Das ist für vie­le sehr beunruhigend.

AV: Die Kri­mi­na­li­täts­sta­tis­tik weckt gera­de bei Popu­lis­ten immer wie­der den Ver­dacht, sie ver­schwei­ge etwas. Woher kommt die­ses Misstrauen?

TF: Fach­li­che Zusam­men­hän­ge sind oft so kom­pli­ziert, dass sie von der Öffent­lich­keit nicht ver­stan­den wer­den. Die Leu­te sind ja angeb­lich oder tat­säch­lich nicht in der Lage, sich län­ger zu kon­zen­trie­ren. Und die jour­na­lis­ti­sche Kul­tur passt sich der unter­stell­ten Blöd­heit der Öffent­lich­keit an. Mit fünf Haupt­sät­zen muss alles gesagt sein in die­sen Nach­rich­ten­bla­sen – skan­da­li­siert und auf weni­ge Grund­struk­tu­ren zurück­ge­führt. Will man etwas Fach­li­ches sagen, muss man davon aus­ge­hen, dass nur wenig davon ankommt und das weni­ge auch noch dar­auf­hin gescannt wird, ob und wie es zu skan­da­li­sie­ren sei. Des­halb ver­sucht man von vorn­her­ein mög­lichst ohne Anhalts­punkt für einen Skan­dal zu for­mu­lie­ren. Die Pres­se­kon­fe­renz passt sich also auch der Blöd­heit der Jour­na­lis­ten an.

Bis 2014 war üblich, bei Kri­mi­na­li­tät nicht über die Natio­na­li­tät des Täters zu spre­chen – aus­ge­nom­men Fäl­le wie Blut­ra­che. Das hat sich geän­dert, jetzt wird bei jeder Tat auf die Her­kunft des Täters verwiesen.

AV: War­um muss das gesagt wer­den? Wir haben in der Kri­mi­na­li­täts­sta­tis­tik nach­ge­se­hen – es gibt Tabel­len für tür­ki­sche Kri­mi­nel­le, russ­land­stäm­mi­ge, ser­bi­sche. Zeigt sich dar­in der vor­aus­ei­len­de Gehor­sam gegen­über einer Berichts­er­stat­tung, die immer ein Ver­schwei­gen wittert?

TF: Genau. Man ver­sucht der Unter­stel­lung der Geheim­hal­tung zuvor­zu­kom­men. Des­halb hat sich die gan­ze Infor­ma­ti­ons­kul­tur dar­auf geei­nigt, die Natio­na­li­tät immer zu nen­nen. Dabei könn­te man ja auch ande­re Zuschrei­bun­gen nen­nen wie Aus­bil­dung oder Beruf. Trotz­dem lässt die Ver­schwö­rung nicht nach, die Regie­rung ver­schwei­ge etwas. Aller­dings ist die AfD-Ver­schwö­rungs­kul­tur enorm selbst­be­züg­lich. Die lesen ja nichts ande­res als ihre eige­nen Blogs.

AV: Apro­pos, wie steht es um die Kri­mi­na­li­tät von rechts? Wir erfah­ren der­zeit nur wenig über Brand­an­schlä­ge auf Asylunterkünfte.

TF: Im Jahr 2017 gab es 16 Brand- und zwei Spreng­stoff­an­schlä­ge, so die Poli­zei­sta­tis­tik, dazu etwa Tau­send wei­te­re Anschlä­ge wie Schmie­re­rei­en und Fens­ter­ein­wer­fen. Rich­tig gefähr­li­che Anschlä­ge gab es etwa zwan­zig. Im Jahr 2016 war der Höhe­punkt mit vie­len Hun­der­ten von Anschlägen.

Gera­de weil bei so vie­len poten­ti­el­len Opfern die Gefahr enorm groß ist, ist die rech­te Ver­harm­lo­sung eine Lüge.

Die Sta­tis­ti­ken, die von Ras­sis­ten erstellt wer­den, spre­chen aber nur von 16 Taten in jenem Jahr. Nur, wenn auf ein Flücht­lings­heim mit 200 Ein­woh­nern ein Brand­an­schlag ver­übt wird, dann sind das auch 200 Taten. Gera­de weil bei so vie­len poten­ti­el­len Opfern die Gefahr enorm groß ist, ist die rech­te Ver­harm­lo­sung eine Lüge.

AV: Ange­sichts die­ser vie­len Anschlä­ge durch jun­ge Rechts­ra­di­ka­le müss­ten doch auch die älte­ren Anstif­ter ins Visier gera­ten, die zur Brand­stif­tung moti­vie­ren. Gibt es dafür nicht den Straf­tat­be­stand der Volksverhetzung?

TF: Der Straf­tat­be­stand der Volks­ver­het­zung wird sel­ten ange­wandt. Im Prin­zip rich­tet er sich gegen Rechts­ra­di­ka­le und zwar vor­züg­lich, wenn sie sich auf natio­nal­so­zia­lis­ti­sche Meta­phern und Sym­bo­le stüt­zen. Es gibt aber weni­ge Ver­ur­tei­lun­gen. Viel­leicht wis­sen Sie’s, ich habe Alex­an­der Gau­land wegen Volks­ver­het­zung ange­zeigt, da er über unse­re Aus­län­der­be­auf­trag­te Aydan Özo­guz sag­te, sie sol­le in Ana­to­li­en ent­sorgt wer­den. Auf jeden Fall ist das ein kom­pli­zier­ter Straf­tat­be­stand, den ich jetzt im Ein­zel­nen nicht erläu­tern will.

Die eigent­li­che kri­mi­nel­le Gewalt geht von jun­gen Men­schen am unte­ren Rand aus. Pro­ble­ma­tisch an die­sen Ban­den von Nazi-Jugend­li­chen in Ost­deutsch­land, die es im Wes­ten in gerin­ge­rer Auf­la­ge auch gibt, ist, dass ihre ras­sis­ti­sche Gewalt von einer All­tags­kul­tur gedeckt wird, die sagt: „Ach, das sind dum­me Jungs. So einen Molo­tow­cock­tail muss man nicht so ernst neh­men.“ Den Straf­tä­tern wird Ver­ständ­nis ent­ge­gen­ge­bracht, weil es ja „wirk­lich so vie­le Aus­län­der gibt, die viel Dreck machen und unse­re Frau­en beläs­ti­gen.“ Wohl­ge­merkt, in Ost­deutsch­land beträgt der Aus­län­der­an­teil gera­de mal vier Prozent.

Hin­zu kommt eine völ­lig ent­grenz­te Rhe­to­rik über angeb­li­chen „Volks­ver­rat“, Unter­gang des so genann­ten Abend­lands und den Nie­der­gang des­sen, was man da als „deut­sche“ Kul­tur bezeichnet.

Da, wo von außen betrach­tet ein gera­de­zu furcht­erre­gen­des Hei­mat-Idyll herrscht, bekla­gen sich die Men­schen über ihre schreck­li­che Heimatlosigkeit.

Aus­län­der­hass und Rechts­ra­di­ka­lis­mus sind kei­ne auto­ma­ti­sche Fol­ge von Arbeits­lo­sig­keit oder feh­len­den Bahn­ver­bin­dun­gen. Das Zau­ber­wort heißt: Angst. Im Osten Deutsch­lands hat man bis 1989 in Gemein­schaf­ten gelebt, in Betriebs- oder Wohn­be­reichs­ge­mein­schaf­ten und so wei­ter. Per­sön­li­che Bezie­hun­gen und Gebor­gen­heit waren auf über­schau­ba­re Grup­pen aus­ge­rich­tet. Die Mobi­li­tät war auf­grund des Zustands von Autos, Stra­ßen und Gesell­schaft sehr ein­ge­schränkt. Erheb­li­che Tei­le der NS-Volks­ge­mein­schafts-Ideo­lo­gie sind in der DDR ein­fach unter ande­rem Vor­zei­chen jahr­zehn­te­lang wei­ter­ge­führt wor­den. Das ist inzwi­schen alles weg. Nun besteht auch im Osten die Welt plötz­lich nur noch aus Frem­den. Die Ver­ein­ze­lung und Ent­frem­dung erzeugt Angst. Das führt zu dem ver­wir­rend erschei­nen­den Phä­no­men, dass da, wo von außen betrach­tet ein gera­de­zu furcht­erre­gen­des Hei­mat-Idyll der „Dorf­ge­mein­schaf­ten“ und MDR-Fern­seh­sauce herrscht, sich die Men­schen über ihre schreck­li­che Hei­mat­lo­sig­keit beklagen.

AV: Die jun­gen Män­ner mit ihren Ängs­ten gab es 1989 also noch gar nicht.

TF: Hin­zu kommt, dass die meis­ten schlau­en, muti­gen und krea­ti­ven Män­ner und Frau­en weg­ge­zo­gen sind. Übrig geblie­ben ist ein Über­schuss an weni­ger chan­cen­rei­chen Män­nern, unter ihnen über­durch­schnitt­lich vie­le, die intel­lek­tu­ell eher schlicht struk­tu­riert sind.

AV: In einer Schwei­zer Stu­die fan­den wir die Behaup­tung, wonach Migran­ten erst in der zwei­ten Genera­ti­on Gefahr lau­fen, straf­fäl­lig zu wer­den. Die Kin­der hät­ten, so die Stu­die, inzwi­schen Schwei­zer Ansprü­che aber nur migran­ti­sche Chan­cen. Die­se Dif­fe­renz erhö­he die Wahr­schein­lich­keit kri­mi­nell zu wer­den. Kann man die­se Dia­gno­se nicht auch auf Ost­deutsch­land über­tra­gen, inso­fern hier die Ansprü­che jun­ger Män­ner neu­deutsch sind, wäh­rend die Chan­cen ost­deutsch bleiben?

TF: Das stimmt sicher. Bei den Migran­ten beob­ach­ten wir in der ers­ten Genera­ti­on einen hohen Anpas­sungs- und Inte­gra­ti­ons­wil­len. West-Deutsch­land war seit den 1950er-Jah­ren ein Ein­wan­de­rungs­land. Zuerst kamen die Ita­lie­ner als soge­nann­te Gast­ar­bei­ter, dann die Por­tu­gie­sen, dar­auf die Grie­chen, Ende der 1960er-Jah­re die Tür­ken. Die ers­te Genera­ti­on die­ser hoch­in­te­grier­ba­ren Euro­pä­er berei­te­te kei­ne Schwie­rig­kei­ten. Erst die zwei­te und drit­te mach­te Pro­ble­me, weil sich Erwar­tun­gen nicht rea­li­sier­ten und Iden­ti­täts­kri­sen bestanden.

AV: Ande­re Stu­di­en heben für die Schweiz, aber auch die USA eine erhöh­te Frem­den­feind­lich­keit der zwei­ten Genera­ti­on her­vor. Jene wehrt sich, so scheint es, gegen zusätz­li­che Migranten.

TF: Die Ableh­nung rich­tet sich gegen noch wei­ter aus­ge­grenz­te Bevöl­ke­rungs­grup­pen. Man will die erkämpf­te Posi­ti­on nicht preis­ge­ben. Doch all dies ver­deut­licht einen zen­tra­len Punkt: Immi­gran­ten­kri­mi­na­li­tät ent­steht in den meis­ten Fäl­len im Ein­wan­de­rungs­land und unter des­sen Bedin­gun­gen; sie stammt nicht – oder nur zu einem klei­nen Teil – ori­gi­när aus der jewei­li­gen Her­kunfts­kul­tur. Die Ita­lie­ner, Iren, Chi­ne­sen oder Deut­sche, die in den USA hoch­kri­mi­nel­le Struk­tu­ren bil­de­ten, waren in ihren Hei­mat­län­dern meist ganz bra­ve Bau­ern und Hand­wer­ker gewesen.

Immi­gran­ten­kri­mi­na­li­tät ent­steht in den meis­ten Fäl­len im Ein­wan­de­rungs­land und unter des­sen Bedingungen.

AV: Offen­bar fin­det auch über die Hälf­te der Delin­quenz von jun­gen Migran­ten in den Sam­mel­un­ter­künf­ten statt. Sperrt man Men­schen auf engs­tem Raum ein, die sich nicht verstehen …

TF: … und lei­den kön­nen, die unbe­kann­te Spei­sen kochen, einer ganz ande­ren Volks­grup­pe ange­hö­ren, unbe­kann­te Emp­find­lich­kei­ten und sozia­le Regeln haben – und das mona­te­lang, ohne Arbeit, mit sehr wenig Geld, ohne Reisemöglichkeit – ….

AV: Das rela­ti­viert die Sta­tis­tik doch extrem, wenn man weiss, unter wel­chen Umstän­den jun­ge Migran­ten kri­mi­nell wer­den und dass sich ihre Kri­mi­na­li­tät gar nicht gegen „Deut­sche“ richtet.

TF: Die meis­ten Gewalt­straf­ta­ten fin­den inner­halb die­ser Popu­la­ti­on statt, die außer­dem die höchs­te Quo­te an Gewalt­op­fern auf­weist. Die Opfer sind meist auch jun­ge Migran­ten – und nicht etwa rei­che Deut­sche. Wenn das vor­kommt – was natür­lich geschieht –, wird es außer­or­dent­lich skandalisiert.

AV: Abge­se­hen davon machen Gewalt­ta­ten nur einen Bruch­teil aller jugend­li­chen Straf­ta­ten aus. Die meis­ten Delik­te ent­fal­len auf Bereich Betrug, Urkun­den­fäl­schung, Raub­ko­pien, Kleinkram.

TF: In Deutsch­land haben wir 140 000 regis­trier­te Fäl­le von gefähr­li­cher Kör­per­ver­let­zung pro Jahr, 500 000 Fäl­le ein­fa­cher Kör­per­ver­let­zung. Ganz so mar­gi­nal ist Kör­per­ver­let­zung also nicht, aller­dings hebt sie sich deut­lich von ande­ren For­men der Delin­quenz ab. Des­halb, und auch weil sie eher in der Öffent­lich­keit statt­fin­det, regis­triert man sie viel öfter.

Tat­säch­lich wer­den aber immer noch jeden Tag hun­dert­tau­send Kin­der geschla­gen, geschupst, genö­tigt, ange­schrien oder eingesperrt.

Ande­re Straf­ta­ten jedoch, die an Kör­per­ver­let­zung gren­zen, kom­men kaum zur Anzei­ge. Seit acht Jah­ren gibt es bei­spiel­wei­se im Zivil­recht die For­mu­lie­rung: „Kör­per­li­che Bestra­fung und ent­wür­di­gen­des Behan­deln von Kin­dern sind in der Erzie­hung ver­bo­ten.“ Das gewohn­heits­mä­ßi­ge Recht zur so genann­ten kör­per­li­chen Züch­ti­gung ist spä­tes­tens mit die­ser Rege­lung in den Bereich straf­ba­rer Kör­per­ver­let­zung gerutscht. Tat­säch­lich wer­den aber immer noch jeden Tag hun­dert­tau­send Kin­der geschla­gen, geschupst, genö­tigt, ange­schrien oder ein­ge­sperrt. Doch da gibt es nicht ansatz­wei­se so eine Empö­rungs­kul­tur wie etwa bei schon gering­fü­gi­gen sexu­el­len Über­grif­fen. Nur schwe­re Miss­hand­lun­gen und Ver­nach­läs­si­gun­gen, die nach außen hin sicht­bar sind, kom­men zur Anzeige.

AV: Wir haben fest­ge­stellt, dass Roh­heits­de­lik­te bei Erwach­se­nen, also den 30- bis 40-Jäh­ri­gen sta­tis­tisch ordent­lich zu Buche schla­gen. Und sie wer­den ver­hält­nis­mä­ßig oft von Frau­en ver­übt. Uns dünkt, dass in die­sen Delik­ten die Gewalt in Fami­li­en, aber auch die Gewalt von Müt­tern gegen­über ihren Kin­dern, zum Aus­druck kommt.

TF: Das kann gut sein. Eine inter­es­san­te Beob­ach­tung jeden­falls. Die sta­tis­tisch hohe Belas­tung von Frau­en mit Gewalt­de­lik­ten gegen Kin­der hängt natür­lich auch damit zusam­men, dass Frau­en den weit über­wie­gen­den Teil der Betreu­ung übernehmen.

AV: Erlau­ben Sie uns noch eine letz­te, etwas ver­que­re Fra­ge zu stel­len. Gibt es For­men von Gewalt, die Sie oder die „man“ befür­wor­ten könn­te? Wir den­ken da an eine Delin­quenz für Fortgeschrittene…

TF: Das ist ein ver­min­tes Gelän­de. Ich erin­ne­re mich an gewalt­tä­ti­ge Anti-AKW-Demons­tra­tio­nen der 70er und 80er Jah­re, an die Dis­kus­sio­nen über die Legi­ti­mi­tät von „Gewalt gegen Sachen“. Ich habe mir die You­tube-Vide­os von den G20-Aus­schrei­tun­gen in Ham­burg und den Plün­de­run­gen im Gefol­ge der Demons­tra­tio­nen ange­se­hen. Das hat­te nichts mit einem legi­ti­men Pro­test gegen G20 zu tun. Die­se Aus­übung von Gewalt um ihrer selbst wil­len beun­ru­higt mich – auch, weil sich damit eine „Event­kul­tur“ von Gewalt ankün­digt, die nichts mit inhalt­li­chen poli­ti­schen Anlie­gen zu tun hat. Da mach­ten Leu­te Sel­fies von „Ich und die Bar­ri­ka­de“; jun­ge Män­ner posier­ten mit nack­tem Ober­kör­per vor bren­nen­den Autos. Es han­delt sich um Lust an der Gewalt – eine Lust, die ange­sichts von Poli­zis­ten, die einen durch die Nacht jagen, noch ver­stärkt wird.

Lei­der kul­ti­vie­ren in Deutsch­land Tei­le der Poli­zei ein Kli­ma der Angst, wenn sie sich auf weni­ge, öffent­lich sicht­ba­re Delik­te kon­zen­trie­ren und ein ums ande­re Mal ver­lan­gen, es müs­se „Schluss sein mit dem Ver­ständ­nis für Kri­mi­na­li­tät“ – als ob irgend­je­mand Stra­ßen- und Gewalt­kri­mi­na­li­tät för­dern, ver­harm­lo­sen oder ein­fach hin­neh­men will. Man­che Poli­zei­ge­werk­schaf­ter sehen ihre Haupt­auf­ga­be dar­in, drei­mal in der Woche ein Inter­view mit der Aus­sa­ge zu geben, es wer­de alles schlim­mer – angeb­lich, weil die Jus­tiz die Täter zu mil­de behan­delt. Bei Kor­rup­ti­on, Steu­er­hin­ter­zie­hung und Abrech­nungs­be­trug ist die Ver­zweif­lung der Poli­zei­spre­cher nicht ganz so lautstark.

AV: Kor­rup­ti­on und Steu­er­hin­ter­zie­hung gel­ten also wei­ter­hin als Kava­liers­de­lik­te für alte Män­ner – auch dann, wenn sie einen enor­men volks­wirt­schaft­li­chen Scha­den anrichten.

TF: Man bezeich­net sie ja auch nicht als Ver­bre­cher, son­dern als „Sün­der“. Ihre Ver­ge­hen gel­ten als läss­lich und mit­nich­ten als aso­zi­al. Aso­zi­al sind immer die anderen.

Lite­ra­tur

Polizei­liche Kriminal­statistik (PKS) Deutsch­lands. 2017. Bericht, Daten und Tabel­len. Bun­des­kri­mi­nal­amt Deutsch­land. Online.

Poli­zei­li­che Kri­mi­nal­sta­tis­tik (PKS) der Schweiz. 2017. Jah­res­be­richt. Bun­des­amt für Sta­tis­tik. Online.

Bild­nach­weis

Das Titel­bild zeigt Bat­man im Kampf gegen die Eulen. Scan aus dem Comic­buch Bat­man: The City of Owls. 2013. Geschrie­ben von Scott Sny­der und James Tyni­on, gezeich­net von Greg Capullo, Jona­than Gla­pi­on et al. © DC.

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