Er hätte es sagen müssen: „Sammler sind glückliche Menschen.“ Er hat es aber nicht gesagt oder wenigstens nicht geschrieben, der große Sammler Goethe. Trotzdem lässt kein Sammelvereinspräsident die vermeintliche Goethe-Sentenz aus, wenn er beim festlichen Teil der Jahreshauptversammlung auch die werten Gattinnen der Vereinsmitglieder begrüßt und ihnen dankt, das sammlerische Treiben ihrer Männer so wenig gestört zu haben. Gerade Goethe hätte es einfach sagen müssen! Wer denn sonst?

Bedeutung

Wittgenstein, Ludwig. 1921. <em>Logisch-philosophische Abhandlung</em>.
Wittgenstein, Ludwig. 1921. Logisch-philosophische Abhandlung.

Und er hat sich doch wohl nur verschrieben, dieser Ludwig Wittgenstein, als er den Satz 6.43 seines Tractatus logico-philosophicus zu Papier brachte: „Die Welt des Glücklichen ist eine andere als die des Unglücklichen.“ Eigentlich hätte er schreiben wollen: „Die Welt des Sammlers ist eine andere als die des Nicht-Sammlers.“ Das kann jeder Sammler tagtäglich erleben, wenn er versucht, Uneingeweihten seine Schätze näher zu bringen. Mehr als ein freundlich-verlegenes Lächeln erntet er selten. Die Welt des Nicht-Sammlers ist eine, in der die Dinge einem nicht ans Herz gehen. Es ist, mutmaßt der Sammler, eine graue, eine triste Welt, in der die Dinge belang- und beziehungslos nebeneinanderstehen. Eine Welt, in der die Dinge keine Bedeutung haben. Die Welt des Nicht-Sammlers ist die Welt des Unglücklichen.

Möglichkeit

Menschen sind Wesen, die sich immerzu neue Möglichkeiten schaffen. Und die wollen sie auch ergreifen. Aber gemessen an der explodierenden Fülle hinken sie ihren Möglichkeiten stets hinterher. Wenn nicht für Angst, sorgt das Verpassen für einen Zwang, sich immer mehr Möglichkeiten zu erschließen, um hinterherzukommen – ohne Zeit zu haben, sie auch zu verwirklichen.

Ergriffenheit

Kaspar Utz könnte dem Regime entfliehen. Seine Meissenporzellan aber hält ihn zurück. Er ist ein Gefangener seiner Sammlung.
Kaspar Utz hätte dem kommunistischen Regime entfliehen können. Sein Meissen-Porzellan aber hielt ihn zurück. Gefangen in der eigenen Sammlung. Chatwin, Bruce. 1988. Utz. London

Der Sammler ist derjenige, der gelernt hat, seine Möglichkeiten als Dinge zu begreifen. Seine Sehnsüchte sind nicht abstrakt wie Liebe oder Glück, sondern konkret wie Münzen oder Statuetten. Und wie die Liebe andere Menschen, so ergreifen den Sammler die Dinge. Diese Dinge helfen ihm zugleich, Distanz zu gewinnen. Vom Einerlei der Restwelt, der grauen, tristen Welt des Nicht-Sammlers. Seine Dinge helfen ihm zu relativieren, was außerhalb der Sammlung sonst noch der Fall ist. Ohne seinen Babylonischen Turm aus Meißner Porzellan wäre Kaspar Joachim Baron Utz in Bruce Chatwins Roman an der kommunistischen Herrschaft in der Tschechoslowakei vielleicht zerbrochen. In seiner „Porzellankrankheit“ gefangen, konnte er dem Regime freilich auch nicht entrinnen.

Der Sammler ist derjenige, der gelernt hat, seine Möglichkeiten als Dinge zu begreifen.

Rückzug

Da draußen lauert das Allerlei, das Zuviel der Dinge und das Zuviel der Möglichkeiten. Der Sammler hingegen brennt für die auserwählten Dinge. Die Verachtung der Beliebigkeit ist ihm derart zur zweiten Natur geworden, dass er nichts mehr sehen will außer den begehrten Sammlungsgegenständen. Doch die Freunde des Allerleis sind nicht auf den Mund gefallen: „Weltfeigheit!“, halten sie ihm entgegen. Der Sammler mit seinem dingbegehrlichen Blick schaffe es offensichtlich nicht, so seine Kritiker, sich auf das zu besinnen, was im Leben eigentlich nottue, die Hinwendung zu anderen Menschen beispielsweise. Sein Sammeln sei Kompensation – Kompensation für ein ungelebtes Leben, zu dem dem Sammler schlicht der Mut fehle.

Goethe sammelt in der Campagna (J. H. W. Tischbein, Schule von, o. J.)
Goethe sammelt in der Campagna (J. H. W. Tischbein, Schule von, o. J.)

Ersatz

Kompensation? Das hieße, dass menschliches Wollen ein „eigentliches“ Ziel hat – dass es etwas Bestimmtes gibt, was Menschen „eigentlich“ wollen sollten – und dass alles andere, was konkrete Menschen tatsächlich wollen, „uneigentlich“ ist. Kompensation würde bedeuten, dass sie Ersatz suchen, ihr Wollen auf Felder umlenken, auf denen es „eigentlich“ nichts verloren hat – beispielsweise auf das Haben-Wollen von abgewetzten Bierdeckeln, alten Meistern, aufgespießten Schmetterlingen. Anstatt sich auf andere Menschen einzulassen. Ihnen wage der Sammler, so ätzen die Kompensationsinquisitoren, kaum ins Angesicht zu schauen.

Kultur

Kultur ist das, wodurch, womit und wie Menschen sich in der Welt möglich machen. Kultur ist ein Möglichkeitsuniversum, das jedoch keinen Menschen zu einer bestimmten Möglichkeit zwingt. Sehr zum Verdruss der Sammlerfeinde. Es gibt – von Atmen und Nahrungsaufnahme einmal abgesehen – nichts, was der Mensch „eigentlich“ und „natürlicherweise“ machen müsste. Er muss zum Beispiel nicht unbedingt der Geschlechtsliebe frönen. Seine Physis, sein Gehirn sind so eingerichtet, dass er seinen Fokus je nach Gegebenheiten und Herausforderungen verschieben kann.

Der Mensch ist das Tier, das sich verlagert, sich verlagern kann, sich verlagern soll. Er kann immer wieder etwas anderes tun – und es kann sich auch in das verbeißen, was ihm der Willensbemühung wert erscheint. Sammeln ist exemplarisch kulturelles Handeln, exemplarisches Sich-Verlagern, weil es – vom Beeren- und Kräuter-Sammeln der paläolithischen Vorfahren ist hier nicht die Rede – nichts ist, was der Mensch natürlicherweise täte, wenn es sich auf Dinge richtet, die niemand zum Überleben braucht – abgewetzte Bierdeckel, alte Meister, aufgespießte Schmetterlinge.

Kultur ist das, wodurch, womit und wie Menschen sich in der Welt möglich machen.

Wille

Sammeln ist eine Schule des Willens. Sammeln bringt – schon den Kindern – bei, das eine zu wollen und das andere zu lassen, so groß auch die sonstigen Verlockungen sein mögen, die einen in andere Richtungen zerren. Der Sammler, bereits als kleines Mädchen oder als kleiner Junge, habitualisiert das Wollen. Man lernt zu wählen, indem man sammelt. Und als Sammler erlernt man Freiheit. Die Freiheit vom Weltgetriebe: sich herausnehmen aus dem, was die anderen bewegt, aus dem Allerlei und dem Zuviel. Als Sammler erlernt man die Freiheit der Objektwahl. Es ist eine grundlose Freiheit, denn das Begehren könnte auch von etwas ganz anderem angeregt werden, von aufgespießten Schmetterlingen statt von abgewetzten Bierdeckeln.

Der Sammler erfährt seine Freiheit also als kontingent, als zufällig, als zufallsbedingt. Das ist eine heilsame, selbstrelativierende Erfahrung. Zudem erfährt der Sammler seine Freiheit als eine beschränkte Freiheit: Ich kann als Sammler nie alles bekommen, was ich möchte. Darin aber besteht gerade auch der Reiz der Freiheit. Wäre sie unbeschränkt, wäre sie wertlos.

Ort

Dabei agiert der Sammler nicht nur wie eine Spinne, die jede umgarnte Beute gierig aussaugt. Die Sammlung ist ein weit gespanntes Netz, in dem sich vieles verfängt, und dessen leiseste Bewegung den Sammler auf den Plan ruft. Er hat seinen Ort in der Welt gefunden, sammelt, um sich von den Dingen situieren zu lassen. Die Sammlung positioniert den Sammler, macht ihn zu ihrem Subjekt, ihrem Zugrunde- und Unterliegenden. Die Sammlung verankert. Sie verankert den Sammler als Menschen in der Welt. Der Nichtsammler hingegen wird unentwegt von den Fluten des Daseins hin und her geworfen. Seine tröstlichste Aussicht ist es, auf Grund zu laufen.

Die Sammlung verankert. Sie verankert den Sammler als Menschen in der Welt.

Freiheit

Sammeln ist ein Wahlhandeln, das Freiheit und zugleich die Gebundenheit, Bedingtheit, Beschränktheit aller Freiheit erfahrbar macht. Sammeln schult und habitualisiert das Wollen nicht nur, sondern kanalisiert es auch. Und genau diese Kanalisierung und Fokussierung des Wollens fällt Menschen – Nichtsammlern – in der jetztzeittypischen Fülle der Möglichkeiten unendlich schwer. Modernitätstypisch ist das Unvermögen zur Willenskanalisation, weil es zu viel gibt, was man auch noch wollen könnte. Während das Sammeln ein Handeln ist, bei dem der Mensch zu sich selbst kommt – als sich verlagerndes, gebundenes Freiheitswesen.

Wollte Albert Camus nicht eigentlich das sagen, als er über Sisyphos sprach? “Wir müssen uns den Sammler als einen glücklichen Menschen vorstellen.”

Camus' Aussage prangt auf der Medaille, welche die Künstlerin Anna Martha Napp 2013 zum hundertjährigen Jubiläum des Vereins der Münzfreunde für Westfalen und Nachbargebiete.
Camus’ Aussage ziert die Medaille, welche die Künstlerin Anna Martha Napp 2013 zum hundertjährigen Jubiläum des Vereins der Münzfreunde für Westfalen und Nachbargebiete schuf.
Andreas Urs Sommer

Andreas Urs Sommer

Andreas Urs Sommer lehrt Philosophie mit Schwerpunkt Kulturphilosophie an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg im Breisgau. Er ist leidenschaftlicher Sammler – und hat vor vielen Jahren zusammen mit Miguel Skirl und Dagmar Winter auch ein zum Glück längst vergriffenes Buch über die Philosophie des Sammelns geschrieben (Die Hortung, Düsseldorf 2000). Dafür kann man andere seiner Bücher kaufen und sammeln, zum Beispiel: Lexikon der imaginären philosophischen Werke (Berlin 2012), oder: Werte. Warum man sie braucht, obwohl es sie nicht gibt (Stuttgart 2016).

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