Rebekka Habermas
Rebekka Habermas

Ende 2018 riefen Wissenschaftler*innen in der Wochenzeitung DIE ZEIT Museen und Öffentlichkeit auf, den Forderungen nach Rückgabe kolonialer Kulturgüter nachzukommen. Den Appell ergänzten die Historikerinnen Rebekka Habermas und Ulrike Lindner mit einem ausführlichen Beitrag über die Chancen einer Geschichtsschreibung in globaler Perspektive.

Um zu erfahren, wie Kolonial- und Provenienzgeschichte neu zu denken sind, trafen wir Rebekka Habermas in Göttingen, wo sie Neuere Geschichte lehrt.

Beninbronze der Edo. 16.-17. Jahrhundert. Reitender Oba und seine Gefolgsleute. Metropolitan Museum of Art.

Die Beninbronzen sind zum Symbol kolonialer Raubkunst geworden. Die meisten von ihnen wurden in einer Straf- und Plünderungsaktion der Briten im Jahre 1897 geraubt. 200 sind im Besitz des British Museum in London, die anderen sind über Europa und Amerika verstreut

AV: Warum diskutiert Europa gerade jetzt über die Rückgabe gestohlener Objekte? Die Diskussion hätte ja schon vor Jahren geführt werden können.

RH: Es gibt viele Gründe, sich mit den ethnographischen Sammlungen zu beschäftigen. Doch warum jetzt? Meines Erachtens hat die Rückgabediskussion seit der „Flüchtlingskrise“ an Fahrt aufgenommen, wenigstens hierzulande. Vielleicht ist die Debatte eine Reaktion auf ein Paradox, das auch schon andere beobachtet haben: Die Gegenstände der Menschen, die zu uns kommen, wollen wir behalten – die Menschen selbst aber, die wollen wir nicht.

Abgesehen davon gibt es schon lange in vielen europäischen Städten postkoloniale Initiativen. Sie fordern etwa die Umbenennung von Straßen, die noch den Namen von Kolonialherren oder Missionaren tragen. Bis nach Deutschland gewirkt haben auch die Proteste von Oxford und Cambridge in den vergangenen drei Jahren. Studierende forderten hier die Repatriierung von universitätseigenen Beninbronzen nach Nigeria. Und auch in zahlreichen Museen gibt es seit einigen Jahren Bemühungen, die eigene koloniale Vergangenheit neu zu beleuchten. All das scheint langsam ins kollektive Bewusstsein zu sickern.

Postkoloniale Initiativen setzen sich für die Umbenennung oder Kenntlichmachung von Straßennamen ein. Im Bild: Lettow-Vorbeck-Str. in Bünde (Foto: Daniel Salmon)
Postkoloniale Initiativen setzen sich für die Umbenennung oder Kenntlichmachung von Straßennamen ein. Im Bild: Lettow-Vorbeck-Str. in Bünde (Foto: Daniel Salmon)

Jedenfalls erfahren meine Mitbürger*innen dank der Migrationsbewegungen intensiver als zuvor, was Globalisierung bedeutet. Und dunkel beginnen wir alle zu ahnen, dass wir weder der Nabel der Welt sind noch einsam auf einer Insel leben, sondern Teil einer großen und vernetzten Welt sind.

AV: Welche kollektiven Imaginationen verhindern, dass diese Sammlungen einfach zurückgegeben werden?

RH: Ich denke, das liegt auch an einer langen, aber in der Form genuin europäischen Geschichte des Sammelns. Sammeln beginnt im Laufe des 19. Jahrhunderts genau dann populärer zu werden, als man anfängt, die heraufziehende Moderne auch als Bedrohung zu empfinden – sei es, dass man die Städte als stickende Kloaken wahrnimmt, sei es, dass man fürchtet, die Geschwindigkeit der Eisenbahn würde zu unheilbaren Krankheiten führen.

Die schnellen ökonomischen und gesellschaftlichen Veränderungen weckten Verlustängste, ja Untergangsgefühle. Und diese wiederum bildeten den Nährboden für geradezu gigantische Rettungsfantasien. Erstmals stellte man die Natur unter Schutz und erste Tierschutzvereine entstanden. Dann erfand man die Museen, um zu bewahren, was vom Untergang bedroht erschien. Das Heimatkundemuseum sicherte jede Heugabel, das Naturkundemuseum spießte jeden Käfer auf. Und die Depots der ethnografischen Museen quollen von Körben über.

James Barnard, Vizepräsident der <em> Royal Society of Tasmania</em>, eröffnete einen Konferenzbeitrag im Jahr 1890 mit den Worten: "It has become an axiom that, following the law of evolution and survival of the fittest, the inferior races of mankind must give place to the highest type of man". Gemeint waren die Aborigines, die mit dem "march of civilisation" nicht mithalten konnten (aus: McGregor 1993).
James Barnard, Vizepräsident der Royal Society of Tasmania, eröffnete einen Konferenzbeitrag im Jahr 1890 mit den Worten: “It has become an axiom that, following the law of evolution and survival of the fittest, the inferior races of mankind must give place to the highest type of man”. Gemeint waren die Aborigines, die mit dem “march of civilisation” nicht mithalten konnten (aus: McGregor 1993).

Gerade für die Völkerkundemuseen spielte der angeblich drohende Untergang in Gestalt der doomed races eine wichtige Rolle. Außereuropäische Rassen seien, so die damalige Theorie, zum Aussterben verurteilt, da sie den Europäern zivilisatorisch unterlegen seien. Und deshalb hätten die Europäer die Pflicht, alle deren Kulturgüter zu retten. Zwar gab es vereinzelt Versuche, ganze Regionen unter Naturschutz zu stellen, doch letztlich siegte der Glaube, doomed races wären nicht zu retten, wohl aber ihre Gegenstände – für das Studium dieser Völker nach deren Untergang.

Diese Rettungsfantasie war natürlich auch eine Form der Selbsterhebung. Sie gehört seitdem zum europäischen Selbstverständnis: Wir haben die Kultur, wir schützen Kultur und wir entscheiden darüber, welche Kultur zu bewahren ist und welche nicht.

AV: Offenbar fällt es Europa schwer dazuzulernen …

RH: Ja, und doch wird dieses Selbstverständnis im Moment gerade zur Diskussion gestellt, was freilich auch als Gefahr wahrgenommen wird. Kommt da jemand und sagt, „Nicht gerettet, geraubt habt ihr!“ wackelt plötzlich die ganze Identität, die sich mit der Rettungsfantasie über alles ermächtigt hat. Auf dem Spiel steht genauso das damit verbundene Gefühl der Überlegenheit.

Schwer verdaulich ist da bereits die Botschaft, dass die angeblich geretteten Gegenstände eigentlich gestohlen worden sind. Noch mehr zu beißen gibt die Nachricht, dass alle unsere vermeintlich einzigartigen Leistungen – Fortschritt, Zivilisation, Kultur, Wissenschaft – nicht nur unser singuläres Verdienst sind. Sie fußen vielmehr auf zuweilen freiwilliger, meist aber unfreiwilliger Zusammenarbeit während der Kolonialzeit, als europäische Forschungsreisende, Kolonialbeamte und Missionare zahlreiche Objekte aus Afrika, Ozeanien und Asien nach Europa brachten: Manches waren Geschenke, das meiste entstammt jedoch Plünderungen oder anderen Formen der unrechtmäßigen Aneignung.

Und doch verdanken wir diesen Begegnungen sehr viel von unserem Wissen, ja ganze Wissenschaften wie die Zoologie, die Archäologie und die Ethnologie entstanden hier erst. Das heißt umgekehrt: Unsere Einmaligkeit und unser Genius werden auf kränkende Weise in Frage gestellt.

AV: Der indische Historiker Dipesh Chakrabarty hat diese Kränkung mit dem Buchtitel Provincializing Europe (2000) auf den Punkt gebracht. Europa als Provinz – der Titel macht auch deutlich, dass die europäische Geschichte nur eine Geschichte unter vielen ist.

RH: Dem ist nur zuzustimmen – und das gilt natürlich auch für die Schweiz, die sich immer noch als Insel in einer globalen Welt versteht. Obwohl die Schweiz keine koloniale Großmacht war, muss auch hier über die Provenienz von Kulturgütern diskutiert werden. Zumindest das Museum Rietberg in Zürich stellt sich dieser Diskussion seit einigen Jahren.

AV: Eine aktuelle Ausstellung zeigt gerade ein paar exemplarische Objekte, deren Herkunft fragwürdig ist, darunter auch eine Gürtelmaske, die dieselbe Provenienz hat wie die Bronzen aus dem Benin.

Beninbronze der Edo. 16.-17. Jahrhundert. Krieger und seine Gefolgsleute. Metropolitan Museum of Art.

RH: Das Museum Rietberg hat sich schon einmal der Provenienzproblematik angenommen. Damals ging es noch um Raubkunst während des Nationalsozialismus

AV: Um nochmals auf das europäische Selbstverständnis zurückzukommen: Die Objekte, die sich in unseren ethnologischen Sammlungen befinden, wirken so, wie sie ausgestellt sind, immer noch wie die materialisierte Unterscheidung zwischen einem kultivierten „Wir“ und einem primitiven „Sie“. Gäben wir die Exponate zurück, würde es uns schwerfallen, uns noch zu distinguieren …

RH: Ja, mit diesen Ausstellungen artikulieren wir einen zentralen Teil unseres Selbstverständnisses: Wir sind eine Kultur, die ausstellt – und damit unterscheiden wir uns, so der Anspruch, erheblich von derjenigen Kultur, die ausgestellt wird. So verweisen diese Ausstellungen auch auf das allem Anschein nach zumindest um 1900 noch unhinterfragte Recht, ganze Völker zum Untersuchungs- und Ausstellungsobjekt zu machen. Damit wurde ein Recht in Anspruch genommen, dass insbesondere vor dem Hintergrund, dass viele dieser „Untersuchungsobjekte“ schon bald vom Kolonialismus zerstört wurden, geradezu zynisch anmutet.

Wir sind eine Kultur, die ausstellt – und damit unterscheiden wir uns, so der Anspruch, erheblich von derjenigen Kultur, die ausgestellt wird.

AV: Das kolonial-romantische Motiv von Untergang und Rettung – kommt dieses nicht in einem Film wie Jurassic Park (Spielberg 1992) heute noch perfekt zur Geltung? Die Dinos sind zwar ausgestorben, doch wir haben die technischen Möglichkeiten, sie auf einer Museumsinsel auferstehen zu lassen und vor dem kompletten Vergessen zu bewahren. Ist das nicht Kolonialismus in ideologischer Reinform?

Retten, was vom Untergang bedroht ist. Standbild aus Jurassic Park (Spielberg 1992).
Kolonial retten, was vom Untergang bedroht ist. Standbild aus Jurassic Park (Spielberg 1993).
Heumann, Ina et al. 2018. Dinosaurierfragmente. Zur Geschichte der Tendaguru-Expedition und ihrer Objekte, 1906-2018
Heumann, Ina et al. 2018. Dinosaurierfragmente. Zur Geschichte der Tendaguru-Expedition und ihrer Objekte, 1906-2018.

RH: Hierzu gibt es ein wunderbares Buch. Es rekonstruiert, wie der große Dino, den man 1909 im kolonialen Deutsch-Ostafrika (heute Tansania) entdeckte, ins Naturkundemuseum nach Berlin gekommen ist. Die Aufmerksamkeit auf diese Urtiere entsteht eben auch in dieser Krise der Moderne und im Wettstreit der Nationen.

Und bei den Dinos geht es letztlich immer um die Frage: Wer hat den größten? Die Geschichte der Grabung, der koloniale Kontext, die Ausstellung im Dritten Reich – all das verkündet die Botschaft: Wir haben den Größten, wir tun am meisten zur Bewahrung der Vergangenheit, wir sind die geschichtsträchtigste Nation!

AV: Bei diesen Urtieren besteht ja immer auch die Gefahr, zumindest in der kollektiven Phantasie, dass wir sie wieder zum Leben erwecken und sie dann unsere Zivilisation überrennen. Kommen wir nochmals auf die ethnologischen Sammlungen und die „Flüchtlingskrise“ zu sprechen: Sind die Menschen, deren Objekte wir in unseren Sammlungen ausstellen, endlich wieder zum Leben erwacht und zu ihren Objekten zurückgekommen?

RH: Tatsächlich scheint da eine vergangene Geschichte wieder lebendig zu werden. Im ägyptischen Museum etwa führen syrische Flüchtlinge die Besucher*innen durch die Ausstellung. Da muss doch jeder Frau und jedem Mann klar werden, dass diese so hübsch ausgestellten, aber einsamen Objekte eigentlich mit Personen liiert sind. Was haben wir nur dabei gedacht?

AV: Somit sind wir also erneut mit einem vertrauten Motiv der Romantik konfrontiert: Die toten Gegenstände beginnen wieder zu leben …

RH: … und für viele entpuppen sich diese Gegenstände gerade heute als: zahlreiche und fremde.

AV: Sobald die Personen zu ihren Gegenständen zurückkehren, erhalten letztere wieder einen Kontext: Ein Bastkorb zum Holzsammeln ist nicht mehr ein Zeichen für eine angeblich primitive Kultur, sondern ein echter Gebrauchsgegenstand …

RH: … der damit seine koloniale Aura verliert. Sehen Sie sich doch mal an, wie viele Körbe in ethnologischen Sammlungen ausgestellt, ausgeleuchtet und beschriftet sind. Selten finden Sie die Information, wer diese Bastkörbe wie gebraucht hat und auch nicht, wer sie hierher gebracht hat. Stattdessen erhalten wir eine ästhetisierende und dekontextualisierende Ausstellungsform! Als Kind habe ich mich schrecklich in diesen Museen gelangweilt, weil sie nur Dinge ohne Geschichte zeigen.

Als Kind habe ich mich schrecklich in diesen Museen gelangweilt, weil sie nur Dinge ohne Geschichte zeigen.

AV: Zur Biographie eines Objekts gehört aber nicht nur sein ehemaliger Gebrauchskontext. Man könnte ja zusätzlich eine Geschichte darüber erzählen, welche Reise so ein Objekt zurückgelegt hat, bis es in einem Museum landete.

RH: Ich habe versucht, dies an den Beninbronzen durchzuspielen. Nachdem die Briten diese Ende des 19. Jahrhunderts geraubt hatten, wurden sie auf Kunstauktionen in der ganzen Welt versteigert. Etliche Museen brachten sich so in den Besitz dieser Bronzeplatten aus dem 16. und 17. Jahrhundert. Hier entfalteten sie eine enorme Wirkung.

Erstmals mit ihnen konfrontiert, kamen die Ethnologie und die Kunstgeschichte, die sich als wissenschaftliche Disziplinen just um diese Zeit erst herausbildeten, schnell an ihre Grenzen, stellte sich doch die zeitgenössisch geradezu ketzerische Frage, ob das Kunst sei und damit auch, ob die „Wilden“ vielleicht doch zu Kunst befähigt seien. Carl Einstein, der Kunsthistoriker, schrieb 1915 ein Buch über die Negerplastik und forderte eine erweiterte Zuständigkeit der Kunstwissenschaft. Offensichtlich konnte auch plötzlich außerhalb Europas Kunst entstehen. Man sieht: An der Formierung der Kunstgeschichte als Disziplin zu Beginn des 20. Jahrhunderts waren die Bronzen lebhaft beteiligt.

Beninbronze der Edo. 16.-17. Jahrhundert. Portugiesische Kaufleute. Metropolitan Museum of Art.

AV: Und dann?

Filmplakat von The Mask (1979). Die Hauptfigur Obi, gespielt von Eddie Ugbomah, versucht ins British Museum einzubrechen, um eine Maske aus dem Benin nach Nigeria zurückzubringen.
Filmplakat von The Mask (1979). Die Hauptfigur Obi, gespielt von Eddie Ugbomah, versucht ins British Museum einzubrechen, um eine Maske aus dem Benin nach Nigeria zurückzubringen (Quelle: The Centenary Project, Google Arts & Culture)

RH: Die Geschichte ließe sich etwa im Nigeria der 1960er-Jahre fortspinnen. Hier spielten die Bronzen eine große Rolle für die Identitätsbildung des neu gegründeten Staates. Obwohl das Territorium von Nigeria nur zu einem kleinen Teil das ehemalige Königreich Benin umfasst, berief sich der neue Staat stark auf dessen königliche Vergangenheit. Doch auch in der Gegenwart leben die Bronzen weiter. Mir sind zwei Filme aus Hollywood bekannt, in der die Plastiken eine zentrale Rolle spielen: In dem einen bringt eine Art nigerianischer James Bond auf gefährlicher Mission die Masken zurück in ihr Herkunftsland. Ihre Funktion im Film ist klar. Sie „empowern“ die antikoloniale nigerianische Identität.

Ganz abgesehen davon verdienen die Museen an den Bronzen. Die Shops verkaufen Nachbildungen, Postkarten und Miniaturen auf Bleistiften. Die Bronzen sind gut gehende Merchandising-Produkte. Nur zu verständlich sind da Forderungen, wenigstens an diesen Verdiensten beteiligt zu werden – ganz zu schweigen vom internationalen Kunstmarkt, auf dem diese Bronzen zu Millionenbeträgen gehandelt werden.

AV: Es geht also um die Foulardisierung des kolonialen Erbes …

RH: Dazu kommt eine weitere, eher indirekte Kapitalisierung: Kirchner, Pechstein, Nolde und andere Mitglieder der „Brücke“ besuchten um 1908 das Dresdner und das Berliner Völkerkundemuseum, malten die Objekte, darunter auch die Beninbronzen, ab und machten sich die „primitive“ Formensprache zu eigen. Die moderne Malerei, der Expressionismus, der Dadaismus, später auch der Kubismus – sie alle müssten in der Geschichte der Beninbronzen vorkommen. Auch da sind wir verflochten: Unsere moderne Malerei würde anders aussehen, wenn nicht auch Picasso von den Fang-Masken so beeindruckt gewesen wäre.

Im Bild rechts: Picasso in seinem Atelier, im Hintergrund afrikanische Masken. Die Seite stammt aus der Reportage Burgess. Gelett. 1910. „The Wild Men of Paris“, <em>Architectural Record</em>.
Im Bild rechts: Picasso in seinem Atelier, im Hintergrund afrikanische Masken. Die Seite stammt aus der Reportage Burgess, Gelett. 1910. „The Wild Men of Paris“, Architectural Record.

AV: Noch eine Frage zur Ausstellungspraxis. Grundsätzlich ließen sich ja Objekte auch ganz anderes zeigen – auch im Hinblick darauf, dass sie nicht nur von irgendwo herkommen, sondern auch irgendwo ankommen. Stichwort: Advenienz statt Provenienz. Dasselbe gilt auch für die Menschen, die zu uns kommen. Sie sind ja nicht nur Flüchtlinge, sondern auch Ankömmlinge. Und als solche treffen sie hier auf Objekte, die schon seit einem Jahrhundert mit dem hiesigen Kulturschaffen verflochten sind.

RH: In Australien und Kanada werden Ausstellungen in Kooperation mit den Source Communities konzipiert. Das führt gelegentlich zu interessanten Situationen, wenn die Community-Vertreter plötzlich sagen: „Das dürfen Sie nicht ausstellen, weil es seine Macht verliert, wenn es im Licht steht oder von Frauen angesehen wird.“ Dann stellt sich heraus, dass die Objekte gar nicht das sind, wofür wir sie halten. Spätestens dann fällt einem auf, wie eigentümlich die Vorstellung vom Museum als Aufbewahrungsort ist. Wir haben ja auch Dinge, die wir zwar vergraben, aber nicht wieder ausheben dürfen – die Gebeine der Toten etwa.

Die Missionare zerstörten die Objekte, weil sie selbst an deren Macht glaubten.

Geradezu paradox ist der Umgang mit Objekten, denen man bestimmte Kräfte nachsagt. Im Christentum etwa schreiben wir Reliquien aufgrund ihrer Provenienz auch eine Wunderkraft zu. Die christlichen Missionare hingegen zerstörten vor Ort kultische Gegenstände, um deren Harmlosigkeit zu demonstrieren. Zugleich haben sie diese Objekte im großen Stil nach Europa gebracht und hier verkündet: ‚Seht her, an diesen Popanz glauben die Heiden‘. Ob in Europa oder in den kolonisierten Gebieten – die Missionare haben eine Form von Ikonoklasmus betrieben. Doch gerade die Reliquien geben den Hinweis: Die Missionare zerstörten die Objekte, weil sie selbst an deren Macht glaubten.

AV: Vielen Dank für das Gespräch.