Vade­me­cum

  • Bur­nout ist kei­ne Mode­krank­heit, son­dern ein Lei­den mit einer 140-jäh­ri­gen Geschich­te.
  • Bur­nout ist zwar ein demo­kra­ti­sches Phä­no­men, aber immer noch ein indi­vi­du­el­les Pro­blem.
  • Begrif­fe: Neur­asthe­nie, Mana­ger­krank­heit, Stress, Indi­vi­du­um und Gesell­schaft

Ist Bur­nout eine Mode­krank­heit? Seit Jah­ren kla­gen Betrie­be und Ver­si­che­run­gen über die Zunah­me von stress­be­ding­ten Arbeits­aus­fäl­len. Die Gesund­heits­kas­se AOK, bei der knapp ein Drit­tel der deut­schen Bevöl­ke­rung ver­si­chert ist, rech­net 2019 vor: Inner­halb von 10 Jah­ren haben sich die Absen­zen infol­ge von Bur­nout und ähn­li­chen Dia­gno­sen fast ver­drei­facht. Ähn­li­ches zeigt 2018 eine Stu­die des US-ame­ri­ka­ni­schen Mei­nungs­for­schungs­in­sti­tuts Gal­lup. Von 7 500 befrag­ten Voll­zeit­be­schäf­tig­ten geben 23 Pro­zent an, sich häu­fig oder stän­dig aus­ge­brannt zu füh­len. Zusätz­li­che 44 Pro­zent ver­spü­ren gele­gent­li­che Erschöp­fungs­zu­stän­de. Auch in der Schweiz füh­len sich laut Bund min­des­tens 20 Pro­zent der Arbeitnehmer*innen dau­er­haft gestresst (BFS 2019), die Hälf­te von ihnen emo­tio­nal erschöpft.

Gewerk­schaf­ten kämp­fen seit Jah­ren für eine Aner­ken­nung von Bur­nout als Berufs­krank­heit, die der Arbeit­ge­ber zu ver­si­chern hat. Vie­le Staa­ten ver­wei­gern sich die­ser Sicht­wei­se, indem sie pri­va­te Fak­to­ren für ein Bur­nout ver­ant­wort­lich machen. Damit über­ant­wor­ten sie dem aus­ge­brann­ten Sub­jekt die Schuld an der Erschöp­fung: Es hät­te eben sei­ne Kräf­te bes­ser ein­tei­len müs­sen.

Tage der Arbeitsunfähigkeit aufgrund von Burnout und ähnlicher Diagnosen in den Jahren 2008 - 2018. Tage pro 1000 Mitglieder der Allgemeinen Ortskrankenkasse (AOK) in Deutschland (Quelle: Meyer et al. 2019).
Tage der Arbeits­un­fä­hig­keit auf­grund von Bur­nout und ähn­li­cher Dia­gno­sen in den Jah­ren 2008 – 2018. Tage pro 1000 Mit­glie­der der All­ge­mei­nen Orts­kran­ken­kas­se (AOK) in Deutsch­land (Quel­le: Mey­er et al. 2019).

Bur­nout mag vie­len als Mode­krank­heit erschei­nen, die Men­schen auf sich neh­men, um sich dem Druck in der Arbeit zu ent­zie­hen. Der his­to­ri­sche Blick hin­ge­gen macht klar, dass sol­che Erschöp­fungs­lei­den nicht zufäl­lig sind. Viel­mehr han­delt es sich um wie­der­keh­ren­de Mani­fes­ta­tio­nen psy­chi­scher und phy­si­scher Stö­run­gen in Pha­sen raschen gesell­schaft­li­chen, öko­no­mi­schen und tech­ni­schen Wan­dels. Das gilt für die Neur­asthe­nie zur Hoch­zeit der Indus­tria­li­sie­rung genau­so wie für die Mana­ger­krank­heit in den Wirt­schafts­wun­der­jah­ren. Und heu­te? Nach dem Zusam­men­bruch des Sowjet­kom­mu­nis­mus haben die digi­ta­le Revo­lu­ti­on und der post­for­dis­ti­sche Kapi­ta­lis­mus die Arbeits­wel­ten umge­pflügt – mit Kon­se­quen­zen bis in die Gegen­wart.

Stressliteratur

Aus­ufern­de Rat­ge­ber­li­te­ra­tur zur Stress­be­wäl­ti­gung

In einem Punkt unter­schei­det sich das Bur­nout aller­dings von den Belas­tungs­stö­run­gen frü­he­rer Epo­chen: So führ­te das Stress­kon­zept in den 1970er Jah­ren zu einer Demo­kra­ti­sie­rung der Erschöp­fung. Wäh­rend sich Ende des 19. Jahr­hun­derts beson­ders die bür­ger­li­che Mit­tel- und Ober­schicht erhöh­ten Belas­tun­gen aus­ge­setzt sah, tref­fen Stress und Bur­nout heu­te jeden. Zu die­ser Tota­li­sie­rung gesellt sich eine Indi­vi­dua­li­sie­rung: Eine rasch anwach­sen­de Rat­ge­ber­li­te­ra­tur zur Stress­be­wäl­ti­gung hält den Men­schen seit Jah­ren zu indi­vi­du­el­ler Gesund­heits­pro­phy­la­xe und Selbst­ma­nage­ment an. Para­do­xer­wei­se greift Bur­nout kol­lek­tiv um sich, bleibt aber ein indi­vi­du­el­les Pro­blem.

Neur­asthe­nie – bour­geoi­se Nöte um 1900

Alles geht in Hast und Auf­re­gung vor sich, die Nacht wird zum Rei­sen, der Tag für die Geschäf­te benützt, selbst die ‚Erho­lungs­rei­sen‘ wer­den zu Stra­pa­zen für das Ner­ven­sys­tem.“

Mit die­sen Wor­ten ver­such­te der deut­sche Ner­ven­arzt Wil­helm Erb 1893 die gesund­heit­li­chen Stö­run­gen zu erklä­ren, die das städ­ti­sche Bür­ger­tum gera­de­zu epi­de­misch heim­such­ten. Die soge­nann­te Neur­asthe­nie oder Ner­ven­schwä­che, äußer­te sich in unter­schied­li­chen Sym­pto­men wie Kopf­schmer­zen, Ohr­ge­räu­schen, krank­haf­ter Reiz­bar­keit, Hoff­nungs­lo­sig­keit, Schlaf­lo­sig­keit, sexu­el­len und ande­ren Pro­ble­men. Die Dia­gno­se, erst­mals in den USA gestellt und da auch „Ame­ri­ca­ni­tis“ genannt, traf den Nerv der Zeit. Sie stell­te einen direk­ten, natur­wis­sen­schaft­lich jedoch nicht näher aus­ge­führ­ten Zusam­men­hang zwi­schen äuße­ren Ursa­chen und Krank­hei­ten her. Mit ihr lie­ßen sich unter­schied­li­che Belas­tungs­er­fah­run­gen der städ­ti­schen Ober­schicht end­lich benen­nen und deu­ten: Indi­vi­du­el­les Leid war das Resul­tat einer indus­tri­ell beschleu­nig­ten Gesell­schaft.

Mit „Neur­asthe­nie“ lie­ßen sich unter­schied­li­che Belas­tungs­er­fah­run­gen der städ­ti­schen Ober­schicht end­lich benen­nen und deu­ten.

Die Neur­asthe­nie ver­brei­te­te sich in West- und Mit­tel­eu­ro­pa, ins­be­son­de­re in Deutsch­land, explo­si­ons­ar­tig. Dabei inter­es­sier­ten sich nicht nur Neu­ro­lo­gen, Psych­ia­ter und Medi­zi­ner, son­dern auch Poli­ti­ker, Lite­ra­ten, Intel­lek­tu­el­le und Bohe­mi­ens für die neue Krank­heit.  Ein ide­al­ty­pi­scher Neur­asthe­ni­ker war Max Weber. Fast sein gan­zes Leben litt der Sozio­lo­ge unter Arbeits­über­las­tung, Depres­sio­nen, Sexual‑, Schlaf- und Ess­stö­run­gen. Immer wie­der pen­del­te er zwi­schen Arbeits­wut und län­ge­ren Kur­auf­ent­hal­ten. In Weber ver­kör­per­ten sich gewis­ser­ma­ßen die Span­nun­gen einer gan­zen Epo­che.

Konjunkturen von

Kon­junk­tu­ren von „Neur­asthe­nia“ und „Bur­nout“ im eng­lisch­spra­chi­gen Kor­pus von Goog­le Books zwi­schen 1860 und 2008. (Der Bücher­kor­pus von Goog­le ist nicht reprä­sen­ta­tiv.)

Mit dem Ers­ten Welt­krieg ver­lor die Neur­asthe­nie rasch an Bedeu­tung. Die Psych­ia­trie begriff psy­chi­sche Krank­hei­ten fort­an weni­ger als gesell­schaft­lich denn als erb­lich bedingt. Außer­dem konn­te sich die männ­li­che Éli­te in den Jah­ren der Wirt­schafts­kri­se und Mas­sen­ar­beits­lo­sig­keit die Ner­ven­schwä­che kaum mehr leis­ten. Dane­ben mach­ten die Kriegs­op­fer, die mit schwers­ten Trau­ma­ta zurück­kehr­ten, Zivi­li­sa­ti­ons­krank­hei­ten zu ver­nach­läs­sig­ba­ren Lei­den.

Die „Mana­ger­krank­heit“ – aus­ge­brannt in der Nach­kriegs­zeit

Kurz nach Ende des Zwei­ten Welt­krie­ges schenk­te eine wei­te­re Dia­gno­se den Lei­den der männ­li­chen Éli­te Auf­merk­sam­keit. Für die gesund­heit­li­chen Fol­gen der Belas­tun­gen durch Wie­der­auf­bau und Wirt­schafts­wachs­tum setz­te sich in Fach­krei­sen ab 1952 der Begriff der „Mana­ger­krank­heit“ durch. Auch Pres­se, Wer­bung und Bel­le­tris­tik bedien­ten sich schon bald die­ses Schlag­worts. Die deutsch­spra­chi­gen Medi­zi­ner waren sich einig: Über­an­stren­gung, Erschöp­fung, Schlaf­man­gel, Über­for­de­rung, zu wenig Bewe­gung und Erho­lung sowie über­mä­ßi­ger Gebrauch von Genuss­mit­teln sei­en für sie ver­ant­wort­lich.

Da die eli­tä­re Krank­heit laut Exper­ten die Chan­cen auf töd­li­che Herz­kreis­lauf­erkran­kun­gen erhöh­te, schätz­ten Ärz­te und Gesund­heits­po­li­ti­ker die dama­li­ge Ent­wick­lung als so bedroh­lich ein, dass sie vor einem „Weg­ster­ben der Éli­te“ warn­ten. Der Kur­arzt Klaus Fran­ke schrieb 1956:  „Kön­nen wir uns des Wie­der­auf­baus, den die Welt als das deut­sche Wun­der bestaunt, wirk­lich erfreu­en, wenn er von Unge­zähl­ten mit dem vor­zei­ti­gen Ver­lust der Gesund­heit und des Lebens bezahlt wer­den. Die­ses Arbeits­tem­po zusam­men mit den […] schäd­li­chen Ein­wir­kun­gen rafft, wie es die Sta­tis­tik ein­deu­tig beweist, gera­de die Fähigs­ten, die heu­te am not­wen­digs­ten gebraucht wer­den, im bes­ten Alter dahin.“.

Der unschar­fe Begriff der Mana­ger­krank­heit erwies sich als ähn­lich zweck­dien­lich wie der Begriff Neur­asthe­nie zwi­schen 1880 und dem Ers­ten Welt­krieg. Mit bei­den Dia­gno­sen lie­ßen sich psy­chi­sche und phy­si­sche Belas­tun­gen als Fol­gen eines raschen gesell­schaft­li­chen und öko­no­mi­schen Wan­dels deu­ten. Eini­ge Ärz­te sahen in der Mana­ger­krank­heit ein Pro­blem der Eli­ten, nicht zuletzt, um die­se als „gefähr­de­te“ zu schüt­zen und zu stüt­zen. Doch die medi­zi­ni­sche Empi­rie mach­te mit Fall­ge­schich­ten von Ange­stell­ten, Stras­sen­bahn­fah­rern, Arbei­tern und vie­len ande­ren mehr deut­lich, dass das Aus­bren­nen der 1950er Jah­re bei wei­tem nicht nur die angeb­li­che Füh­rungs­schicht traf war.

Konjunktur von «Managerkrankheit» im deutschsprachigen Korpus von Google Books zwischen 1860 und 2008. (Der Bücherkorpus von Google ist nicht repräsentativ. )

Kon­junk­tur von „Mana­ger­krank­heit“ im deutsch­spra­chi­gen Kor­pus von Goog­le Books zwi­schen 1860 und 2008. (Der Bücher­kor­pus von Goog­le ist nicht reprä­sen­ta­tiv.)

Im Ver­lauf der sech­zi­ger Jah­re ver­schwand die Bezeich­nung Mana­ger­krank­heit ähn­lich rasch aus der medi­zi­ni­schen und popu­lär­wis­sen­schaft­li­chen Lite­ra­tur, wie er zu Beginn der fünf­zi­ger Jah­re dort auf­ge­taucht war. Im Bewusst­sein der Bevöl­ke­rung blieb sie jedoch noch lan­ge haf­ten.

Bur­nout – Stress am post­mo­der­nen Arbeits­platz

1974 gab der New Yor­ker The­ra­peut Her­bert Freu­den­ber­ger psy­cho­so­zia­len Erschöp­fungs­zu­stän­den einen neu­en Namen: Bur­nout. Vier Jahr­zehn­te spä­ter hat sich das Aus­bren­nen zur Volks­krank­heit ent­wi­ckelt.

Waren vor der Jahr­tau­send­wen­de vor allem Per­so­nen in medi­zi­nisch-pfle­ge­ri­schen, the­ra­peu­ti­schen und päd­ago­gisch-erzie­he­ri­schen Beru­fen auf­grund emo­tio­na­ler Bean­spru­chung, schwin­den­der gesell­schaft­li­cher Aner­ken­nung und feh­len­der Auf­stiegs­mög­lich­kei­ten vom Aus­bren­nen betrof­fen, kla­gen seit Beginn des 21. Jahr­hun­derts Men­schen aus prak­tisch allen Beru­fen und Hier­ar­chie­stu­fen über Erschöp­fung und Ent­frem­dung. Selbst der Land­wirt­schafts­sek­tor ver­zeich­net inzwi­schen Krank­heits­fäl­le. Dabei galt die­ser Bereich vor Kur­zem noch als bur­nout-frei. Zu die­ser Ent­wick­lung gesellt sich das Schick­sal der Frau­en: Auf­grund des Rol­len­kon­flikts zwi­schen Beruf und Fami­li­en­le­ben gel­ten sie inzwi­schen als gefähr­de­ter als die einst so bean­spruch­ten Män­ner.

Tage der Arbeitsunfähigkeit aufgrund von Burnout und ähnlicher Diagnosen im Jahr 2018 nach Alter und Geschlecht. Tage pro 1000 Mitglieder der Allgemeinen Ortskrankenkasse (AOK) in Deutschland (Quelle: Meyer et al. 2019).
Tage der Arbeits­un­fä­hig­keit auf­grund von Bur­nout und ähn­li­cher Dia­gno­sen im Jahr 2018 nach Alter und Geschlecht. Tage pro 1000 Mit­glie­der der All­ge­mei­nen Orts­kran­ken­kas­se (AOK) in Deutsch­land (Quel­le: Mey­er et al. 2019).

Als wich­tigs­te Ursa­che für die Expan­si­on des Bur­nouts gilt der psy­cho­so­zia­le Stress am Arbeits­platz. Die Exper­ten Andre­as Hil­lert und Micha­el Mar­witz (2006) bezeich­nen Stress und Bur­nout denn auch als „sia­me­si­sche Zwil­lin­ge“. Als phy­sio­lo­gisch-hor­mo­nel­le Reak­ti­on ver­setzt Stress den Orga­nis­mus bei Bedro­hung in einen Zustand höchs­ter Leis­tungs­fä­hig­keit. Hält der Stress hin­ge­gen län­ger an und fehlt die Zeit für Erho­lung, führt dies zu Erschöp­fung und teil­wei­se mas­si­ven kör­per­li­chen und psy­chi­schen Schä­di­gun­gen. Stress ist also zu einer Art ätio­lo­gi­schem Pas­se­par­tout für Krank­heit und Unbe­ha­gen gewor­den.

Obwohl die Öffent­lich­keit Bur­nout längst als medi­zi­ni­sche Dia­gno­se wahr­nimmt, zögern medi­zi­ni­sche Exper­ten und Gesund­heits­po­li­ti­ker, Bur­nout als Krank­heit anzu­er­ken­nen. Auch in der aktu­el­len Inter­na­tio­na­len Klas­si­fi­ka­ti­on der Krank­hei­ten und gesund­heit­li­chen Stö­run­gen (ICD 11) taucht Bur­nout bis­lang nicht als eigen­stän­di­ge medi­zi­ni­sche Indi­ka­ti­on auf – im Gegen­satz übri­gens zur Neur­asthe­nie, die bis heu­te als psy­chi­sche Stö­rung im Kodex gelis­tet ist. Ein Grund hier­für ist, dass die bei Bur­nout kon­sta­tier­ten Sym­pto­me sich zunächst nicht klar von denen ande­rer psy­chi­scher Krank­hei­ten wie Depres­sio­nen oder dem Chro­ni­schen Müdig­keits­syn­drom abgren­zen las­sen und daher Gegen­stand andau­ern­der Debat­ten sind.

Auf­grund des Rol­len­kon­flikts zwi­schen Beruf und Fami­li­en­le­ben gel­ten Frau­en inzwi­schen als gefähr­de­ter als Män­ner.

Die medi­zi­nisch-gesund­heits­po­li­ti­sche Kate­go­rien­bil­dung hat jedoch kei­nen Ein­fluss auf die Häu­fig­keit der Dia­gno­se. Inner­halb kur­zer Zeit erlang­te Bur­nout – ähn­lich wie die Neur­asthe­nie im aus­ge­hen­den 19. Jahr­hun­dert und die Mana­ger­krank­heit in den fünf­zi­ger Jah­ren – eine her­aus­ra­gen­de Stel­lung als eine durch Zeit­not und über­mäs­si­ge Belas­tung ver­ur­sach­te Krank­heit.

Weder Mode­er­schei­nung noch Wie­der­kehr des immer Glei­chen

Der Über­blick über die letz­ten 140 Jah­re zeigt, wel­che medi­zi­ni­schen Deu­tungs­an­ge­bo­te für gesell­schaft­li­che Pro­blem­la­gen auf­tauch­ten. Dass Bur­nout in die­ser Geschich­te kei­ne her­aus­ra­gen­de Stel­lung ein­nimmt, unter­streicht die Kon­ti­nui­tät des gesell­schaft­li­chen Wan­dels, der in unter­schied­li­chen Inten­si­tä­ten phy­si­sche und psy­chi­sche Fol­gen zei­tigt.

Aller­dings sind die Belas­tungs­krank­hei­ten an die tech­ni­schen, öko­no­mi­schen und sozia­len Ver­hält­nis­se ihrer Epo­che gekop­pelt: Die Neur­asthe­nie basier­te auf der Vor­stel­lung, der Orga­nis­mus funk­tio­nie­re wie ein Strom­kreis­lauf. Die Mana­ger­krank­heit wie­der­um stell­te einen direk­ten Zusam­men­hang zwi­schen Herz­kreis­lauf­sys­tem, Auto­ma­ti­sie­rung und gesell­schaft­li­chen Belas­tun­gen her. Letzt­lich set­zen bei­de Vor­stel­lun­gen ein sta­ti­sches Erschöp­fungs­mo­dell vor­aus, das den mensch­li­chen Kör­per mit einer Maschi­ne gleich­setzt.

Im post­in­dus­tri­el­len und digi­ta­len Zeit­al­ter tau­chen Stress und Bur­nout hin­ge­gen als Stö­run­gen des kör­per­ei­ge­nen bio­che­mi­schen Infor­ma­ti­ons­aus­tau­sches auf. Die­ser beruht auf einem dyna­mi­schen Kör­per­mo­dell, dem­zu­fol­ge es dem Kör­per nor­ma­ler­wei­se gelin­gen soll­te, durch hor­mo­nel­le Regu­lie­rungs­vor­gän­ge ein inne­res Gleich­ge­wicht her­zu­stel­len, um sich an ver­än­der­te Umwelt­be­din­gun­gen anzu­pas­sen. Die­se Dyna­mi­sie­rung des Kör­pers fügt sich grund­sätz­lich pass­ge­nau in die Scha­blo­ne einer vom Arbeits­markt erwar­te­ten Fle­xi­bi­li­tät – aller­dings nur grund­sätz­lich, denn das schie­re Ange­bot an Rat­ge­bern zur Stress­be­wäl­ti­gung ver­rät, dass die kör­per­ei­ge­ne Homöosta­se mit den Ver­än­de­run­gen am Arbeits­platz kaum Schritt zu ver­mag.

Damit mutie­ren Erschöp­fung und Ermü­dung von einem kol­lek­ti­ven zu einem indi­vi­du­el­len Pro­blem.

Zusam­men mit dem demo­kra­ti­schen Stress­kon­zept sorgt die­se Lite­ra­tur für eini­ge Dif­fe­ren­zen zwi­schen den Belas­tungs­krank­hei­ten frü­he­rer Zei­ten und dem Bur­nout von heu­te. Stress ist kei­ne Sache der Chef­eta­gen mehr, son­dern trifft alle und jeden. Und ein jedes Indi­vi­du­um sei, so sug­ge­rie­ren es die Rat­ge­ber, für die Pro­phy­la­xe und Bewäl­ti­gung von Stress selbst ver­ant­wort­lich. Damit mutie­ren Erschöp­fung und Ermü­dung von einem kol­lek­ti­ven zu einem indi­vi­du­el­len Pro­blem.

Immer­hin: Auch wenn die WHO das Bur­nout noch nicht als Krank­heit aner­kennt, hat sie es als Syn­drom defi­niert, das durch „Stress am Arbeits­platz“ zustan­de kommt. Gewon­nen ist damit eine Ver­la­ge­rung der Auf­merk­sam­keit von indi­vi­du­el­len Unzu­läng­lich­kei­ten hin zu belas­ten­den Fak­to­ren des Arbeits­kon­tex­tes. Dass das Mei­nungs­for­schungs­in­sti­tut Gal­lup sei­ne Emp­feh­lun­gen zur Bur­nout­ver­mei­dung nun nicht mehr an Arbeitnehmer*innen, son­dern Arbeitgeber*innen rich­tet, weckt die Hoff­nung, dass die Geschich­te des Bur­nouts noch nicht zu Ende ist.

Lite­ra­tur

Bun­des­amt für Sta­tis­tik (BfS). 2019. „Stress und psy­cho­so­zia­le Risi­ken am Arbeits­platz haben 2017 zuge­nom­men“. Medi­en­mit­tei­lung vom 20. 8. 2019. Bern.

Erb, Wil­helm. 1893. Ueber die wach­sen­de Ner­vo­si­tät unse­rer Zeit. Hei­del­berg.

Fran­ke, Klaus. 1956. Die soge­nann­te Mana­ger­krank­heit: ihre Ursa­chen, ihre Behand­lung, ihre Verhütung; eine ärztliche Schrift für den überarbeiteten Men­schen. Stutt­gart.

Hil­lert, Andre­as; Micha­el Mar­witz. 2006. Die Bur­nout-Epi­de­mie oder brennt die Leis­tungs­ge­sell­schaft aus? Mün­chen.

Kury, Patrick. 2012. Der über­for­der­te Mensch. Eine Wis­sens­ge­schich­te vom Stress zum Bur­nout. Frank­furt und New York.

Mey­er, Mar­kus; Mai­surad­ze, Maia und Schen­kel, Ant­je. 2019. „Krank­heits­be­ding­te Fehl­zei­ten in der deut­schen Wirt­schaft im Jahr 2018 – Über­blick.“ Fehl­zei­ten-Report 2019. Hei­del­berg.

Wigert, Ben; Agra­wal, San­ge­e­ta. 2018. Employee Bur­nout. Gal­lup. Online.

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Patrick Kury

Patrick Kury

Patrick Kury ist Pro­fes­sor für neue­re all­ge­mei­ne und Schwei­zer Geschich­te an der Uni­ver­si­tät Luzern und Co.-Leiter von Stadt.Geschichte.Basel. Er ist Autor von: Der über­for­der­te Mensch. Eine Wis­sens­ge­schich­te vom Stress zum Bur­nout, Frank­furt und New York 2012.

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