Vade­me­cum

  • War­um schrumpft die Gegen­wart?
  • Was ist Prä­ven­ti­on, was ist Prä­emp­ti­on?
  • In wel­chem Kapi­ta­lis­mus leben wir?

Ein Spa­zier­gang mit Armen Avan­essi­an.

Armen Avan­essi­an ist Phi­lo­soph und for­dert die Beschleu­ni­gung des sozia­len und tech­ni­schen Wan­dels. Im deutsch­spra­chi­gen Raum ist er der bekann­tes­te Ver­tre­ter des soge­nann­ten Akze­le­ra­tio­nis­mus – einer Denk­strö­mung, die den Kapi­ta­lis­mus mit sei­nen eige­nen Mit­teln über­ho­len will. Pas­send zu sei­nem Anlie­gen denkt und spricht Armen schnell, sehr schnell.

Armen Avanessian mit Sohn Adrian im Januar 2020 am Zürichberg.
Armen Avan­essi­an mit Sohn Adri­an im Janu­ar 2020 am Zürich­berg.

Wir begin­nen das Gespräch mit einer Fra­ge, die uns der Sozio­lo­ge Micha­el Gug­gen­heim an Armen auf den Weg gege­ben hat: „Was pas­siert, wenn Du lang­sam denkst?“

Armen: Wenn ich lang­sam den­ke? Da muss ich mich lang­sam ins Den­ken hin­ein­re­den. Jetzt, wenn wir so reden, kom­bi­nie­re ich, was ich schon ein­mal gedacht, gele­sen oder geschrie­ben habe. Ich weiß nicht, ob das „den­ken“ ist, weil Den­ken ja immer so empha­tisch die Pro­duk­ti­on von etwas Neu­em impli­ziert.

AV: Den­ken im Sin­ne von Aus­den­ken?

Armen: Bei „Aus­den­ken“ schwingt auch immer mit, dass das Gedach­te etwas Erfun­de­nes ist. Jeden­falls den­ke ich vor­wie­gend beim Schrei­ben. Und das ist kei­ne schnel­le, son­dern eine lang­sa­me und müh­sa­me Pra­xis, beson­ders das Schrei­ben von Büchern. Ich brau­che immer die Per­spek­ti­ve von min­des­tens einem Jahr, um in ein The­ma hin­ein­zu­kom­men. Dane­ben füh­re ich ein sehr hek­ti­sches Leben.

AV: Du denkst also im Medi­um der Schrift?

Armen: Ich fremd­le mit einem Begriff des Den­kens, der von jeder Mate­ria­li­tät los­ge­löst ist. In wel­chen Mate­ri­en und Tech­ni­ken den­ken wir? Viel­leicht lässt sich das Den­ken beschleu­ni­gen oder es lässt sich pro­duk­ti­ver den­ken, wenn wir online oder gemein­sam schrei­ben. Aller­dings gibt es auch Wochen und Mona­te, in denen einem nichts ein­fällt. Und dann gibt es Zei­ten, in denen es ein­fach spru­delt. Den­ken ist für mich eher eine Fra­ge der Pro­duk­ti­vi­tät als der Schnel­lig­keit.

AV: Du mein­test kürz­lich, wir hät­ten kei­nen posi­ti­ven Zukunfts­be­griff mehr. Kön­nen wir nicht mehr auf eine Zukunft hof­fen, in der sich gut auf­klä­re­risch all unse­re Pro­ble­me lösen wer­den?

Avanessian, Armen; Moaleni, Mahan (Hg.). 2018. <em>Ethnofuturismen</em>. Leipzig.
Avan­essi­an, Armen; Moale­ni,
Mahan (Hg.). 2018. Eth­no­fu­tu­ris­men. Leip­zig.

Armen: In Euro­pa, wo sich die Auf­klä­rung his­to­risch ent­wi­ckelt hat, fehlt heu­te die ent­spre­chen­de Zuver­sicht. Das Ver­spre­chen der Auf­klä­rung, die Men­schen könn­ten kraft ihres Wis­sens und des tech­ni­schen Fort­schritts ein bes­se­res Leben errei­chen, gilt als naiv. Ich glau­be, dass wir, nicht zuletzt in den Geis­tes- und Sozi­al­wis­sen­schaf­ten, mit die­sem Pes­si­mis­mus über das Ziel hin­aus­ge­schos­sen sind. Wir haben jede Form des Fort­schritts all­zu skep­tisch beäugt und zu schnell dekon­stru­iert.

Eben habe ich mich mit Eth­no­fu­tu­ris­men beschäf­tigt. Mich inter­es­sier­te das Auf­tau­chen von star­ken Zukunfts­kon­zep­ten in Kul­tu­ren, von denen wir Europäer*innen seit der Auf­klä­rung behaup­ten, sie hät­ten gar kein Geschichts‑, geschwei­ge denn ein Zukunfts­ver­ständ­nis. Phä­no­me­ne wie der Afro- oder Sino­fu­tu­ris­mus wider­spre­chen die­ser euro­zen­tri­schen Ver­ur­tei­lung dia­me­tral.

Ich glau­be, dass wir, nicht zuletzt in den Geis­tes- und Sozi­al­wis­sen­schaf­ten, mit die­sem Pes­si­mis­mus über das Ziel hin­aus­ge­schos­sen sind.

AV: Wenn wir nicht von der Zukunft, son­dern von den vie­len klei­nen Zukünf­ten spre­chen, so tau­chen auch die­se inner­halb eines nega­ti­ven Hori­zonts auf. Es sind meis­tens Zukünf­te, die es zu ver­hin­dern gilt, etwa den nächs­ten Bör­sen­crash, die nächs­te Pan­de­mie oder die Total­über­wa­chung durch Tech­un­ter­neh­men. Wis­sen­schaft und Poli­tik tun dann ihr Mög­lichs­tes, die Gegen­wart so zu refor­mie­ren, damit die­se Zukünf­te sich nicht ereig­nen kön­nen.

Armen: Es gibt ver­schie­de­ne Wege, um über die Zukunft nach­zu­den­ken. Der ers­te ist die Prä­dik­ti­on oder Pro­gno­se, die Vor­her­sa­ge also. Ein ande­rer die Prä­ven­ti­on: Aus einem nega­ti­ven Zukunfts­ver­ständ­nis her­aus ver­sucht man etwas zu ver­mei­den. Ein drit­ter ist die Prä­emp­ti­on – und die inter­es­siert mich beson­ders. Hier über­wäl­tigt die Zukunft die Gegen­wart. In die­sem Fall haben wir es mit zu viel Zukünf­ten zu tun, um sie noch sinn­voll in unse­re Gegen­wart inte­grie­ren zu kön­nen. Dank der Digi­ta­li­sie­rung haben wir es ver­mehrt mit die­ser prä­emp­ti­ven Situa­ti­on zu tun. Com­pu­ter bie­ten uns mehr Zukünf­te an, als wir wäh­len kön­nen. Sie bestim­men aus der Zukunft her­aus Din­ge, über die wir selbst gar nicht mehr ver­fü­gen kön­nen.

Com­pu­ter bestim­men aus der Zukunft her­aus Din­ge, über die wir selbst gar nicht mehr ver­fü­gen kön­nen.

AV: Sind wir an einen Punkt gelangt, an dem die meis­ten Men­schen eine Gestal­tungs­ohn­macht emp­fin­den, einen Ver­lust an Chan­cen in das Gesche­hen ein­grei­fen zu kön­nen?

Armen: Das ist der psy­cho­lo­gi­sche Effekt einer Viel­zahl an Mög­lich­kei­ten: Einen swi­pe oder click ent­fernt war­tet schon die nächs­te Ablen­kung.

AV: Sit­zen wir in der Kapi­ta­lis­mus­fal­le? Kön­nen wir statt gestal­ten nur noch kon­su­mie­ren? Fred­ric Jame­son mein­te einst, es sei ein­fa­cher, sich das Ende der Welt vor­zu­stel­len als das Ende des Kapi­ta­lis­mus …

Armen: Vor­aus­ge­setzt, es gibt noch das, was wir Kapi­ta­lis­mus nen­nen. Heu­te haben wir es eher mit einem Post­ka­pi­ta­lis­mus oder Finanz­feu­da­lis­mus zu tun. Ich bin noch mit einem Kapi­ta­lis­mus auf­ge­wach­sen, in dem es Arbei­ter gab, die aus Roh­stof­fen Pro­duk­te pro­du­zier­ten, die mehr oder weni­ger teu­er ver­kauft wur­den. Heu­te haben wir eine in vie­lem davon los­ge­lös­te Öko­no­mie, eine spe­ku­la­ti­ve Finanz­in­dus­trie, mit einer der Prä­emp­ti­on ana­lo­gen spe­ku­la­ti­ven Zeit­lich­keit: Annah­men über die Zukunft ent­schei­den über die Gegen­wart, und sie tun es in einer für Men­schen nicht mehr nach­voll­zieh­ba­ren Geschwin­dig­keit. Ein Ende davon kön­nen wir uns kaum vor­stel­len, weil wir es noch nicht begrif­fen haben.

Nicht mehr der Mensch gibt die Zeit vor.

Wir leben also nicht nur einer kom­ple­xen, son­dern in einer zeit­kom­ple­xen Welt. Nicht mehr der Mensch gibt die Zeit vor. Statt­des­sen leben wir in tech­no­lo­gi­schen Kon­glo­me­ra­ten, die nicht mehr wie wir aus unse­rer phy­si­schen Gegen­wart her­aus den­ken. Jetzt, in die­sem Augen­blick spa­zie­ren wir durch den Wald und bli­cken in etwas, was wir Zukunft nen­nen. Maschi­nen und Algo­rith­men tun das nicht. Sie inter­es­sie­ren sich nicht für unse­re Gegen­wart, son­dern nur für all die künf­ti­gen Optio­nen, die sie fort­wäh­rend neu berech­nen. Im Ver­gleich dazu fühlt sich unser gegen­warts­be­zo­ge­nes Den­ken asyn­chron an. Und das emp­fin­den wir als Gegen­warts­ver­lust.

Zwi­schen dem, was wir uns vor­stel­len, und dem, was ein­tre­ten wird, gibt es kei­nen Abstand mehr. Eine prä­emp­ti­ve Steue­rung der Gegen­wart aus der Zukunft her­aus schließt die­sen Frei­heits­spiel­raum. Von Prä­emp­ti­ons­krie­gen bei­spiels­wei­se wird oft gesagt, sie sei­en prä­ven­tiv. In Wahr­heit sind sie prä­emp­tiv: Sie stel­len das Pro­blem her, von dem sie behaup­ten, sie wür­den es ver­mei­den.

AV: Der Begriff des prä­emp­ti­ven Kriegs tauch­te ja ins­be­son­de­re im Vor­feld des drit­ten Irak­kriegs unter Geor­ge W. Bush auf.

Armen: Prä­emp­tiv kann auch Poli­zei­ar­beit sein. Racial pro­filing bei­spiels­wei­se führt zu Aktio­nen, die sich dann in der Sta­tis­tik bewahr­hei­ten. Wenn man immer nur in einer black com­mu­ni­ty nach Dro­gen sucht, dann fin­det man auch nur hier wel­che. Der Film Mino­ri­ty Report (Spiel­berg 2002), der auf eine Kurz­ge­schich­te von Phil­ip K. Dick zurück­geht, ist das Bei­spiel aus der Popu­lär­kul­tur. Hier sehen soge­nann­te „Pre­cogs“ Ver­bre­chen vor­aus, von denen die mut­maß­li­chen Täter*innen noch kei­ne Ahnung haben, dass sie sie bege­hen wer­den. Den­noch gel­ten sie jetzt schon als schul­dig und wer­den ver­ur­teilt. Die Zukunft über­wäl­tigt hier die Gegen­wart. Die­ser wird die Mög­lich­keit genom­men, sich zu ereig­nen. Zwi­schen einer mög­li­chen Zukunfts­an­nah­me durch den Algo­rith­mus und der tat­säch­li­chen Zukunft, in der sich jemand ent­schei­den kann, gibt es kei­nen Spiel­raum mehr. Die­se Ver­knap­pung der Gegen­wart ist spe­zi­fisch für die medi­en­tech­ni­schen und medi­en­po­li­ti­schen Vor­aus­set­zun­gen die­ser Gesell­schaft.

AV: Ein wei­te­rer zeit­li­cher Spiel­raum, der algo­rith­misch ver­knappt wird, betrifft unser Kon­sum­ver­hal­ten. Wir kau­fen etwas, dar­aus ler­nen die Algo­rith­men und ent­wer­fen ein wei­te­res Kon­sum­ver­hal­ten. Hier haben wir eine fort­wäh­ren­de Kyber­ne­tik des Ent­wer­fens, Ver­wer­fens und Rea­li­sie­rens.

Armen: Für mich besteht Kyber­ne­tik in rekur­si­ven Schlei­fen, in denen Tei­le so in einen Pro­zess inte­griert sind, dass sie das Gan­ze ver­än­dern. Die­ses rekur­si­ve Modell unter­schei­det sich von einem refle­xi­ven Modell, in dem zwei Pole sich gegen­über­ste­hen und der eine Pol den ande­ren spie­gelt oder über ihn nach­denkt. Mit letz­te­rem Modell tun wir uns als Men­schen leich­ter. Wir kön­nen aus der Zukunft die Gegen­wart reflek­tie­ren oder, umge­kehrt, von der Gegen­wart aus über die Zukunft nach­den­ken.

Dage­gen fällt es uns schwer, uns als Teil einer rekur­si­ven Schlei­fe zu ver­ste­hen, in der unse­re Gegen­war­ten ledig­lich Mate­ri­al für umfas­sen­de algo­rith­mi­sche Pro­zes­se der Zukunfts­ge­stal­tung sind. Als Indi­vi­du­en und als Gesell­schaft haben wir noch nicht gelernt, mit die­sen Tech­no­lo­gien und Model­len umzu­ge­hen – auch nicht damit, dass Simu­la­tio­nen und Pro­gno­sen sich als falsch erwei­sen, gera­de weil wir ihre War­nun­gen ernst genom­men haben. Die Rekur­si­vi­tät erschwert zudem, nach­träg­lich her­aus­fin­den zu wol­len, wel­cher Teil das Gan­ze wie beein­flusst hat: Ist Trump jetzt wegen Cam­bridge Ana­ly­ti­ca oder Putin oder irgend­wel­chen mon­te­ne­gri­ni­schen Hackern gewählt wor­den?

AV: Das hört sich stark nach tech­no­lo­gi­schem Deter­mi­nis­mus an. Die Tech­nik eilt vor­aus, wir hin­ter­her…

Armen: An die­sem Punkt ste­hen wir aber. Wir ste­hen noch ganz am Anfang eines Lern­pro­zes­ses, pro­gres­siv mit die­sen Tech­no­lo­gien umzu­ge­hen. In der Medi­zin klappt das schon ganz gut. Wäh­rend wir frü­her zum Arzt gin­gen, der den schwar­zen Fleck auf der Haut begut­ach­te­te und die Dia­gno­se „Haut­krebs“ stell­te, beu­gen wir mit­tels pro­ak­ti­ver Medi­zin der ärzt­li­chen Dia­gno­se vor. Unser Wis­sen um die eige­ne DNA oder um den eige­nen Haut­typ lässt uns auf unse­re Haut acht­ge­ben, noch bevor ein schwar­zer Fleck auf­tritt. Wir haben zu han­deln gelernt, bevor etwas ein­tritt.

Statt mit der Tech­nik über die Tech­nik hin­aus­zu­ge­lan­gen, suchen wir Erlö­sung in Ent­schleu­ni­gung und Acht­sam­keit.

In der Poli­tik, aber auch im Kon­sum hin­ken wir weit hin­ter­her. Statt mit der Tech­nik über die Tech­nik hin­aus­zu­ge­lan­gen, suchen wir Erlö­sung in Ent­schleu­ni­gung und Acht­sam­keit. Ich bin ein Geg­ner die­ser Kul­te, da sie immer mit Tech­no­lo­gie­feind­lich­keit zu tun haben. Als Indi­vi­du­en und als Gesell­schaft haben wir also noch gar nicht begon­nen, die Mög­lich­kei­ten der neu­en Tech­no­lo­gien zu nut­zen. Das müs­sen wir ler­nen.

AV: Was schlägst Du vor? Par­ti­zi­pa­ti­ve Tech­nik­ge­stal­tung? Oder das Hacken von Platt­for­men wie face­book, Uber oder Airbnb?

Armen: Akze­le­ra­tio­nis­tisch wür­de ich for­dern, das pro­gres­si­ve Poten­ti­al die­ser Platt­for­men zu beschleu­ni­gen – zum Wohl aller. Platt­for­men wie Ama­zon oder Uber kön­nen wir ja kaum mehr im Sin­ne des klas­si­schen Kapi­ta­lis­mus ver­han­deln: Ama­zon pro­du­ziert kei­ne Bücher, Uber besitzt kei­ne Autos. Jeden­falls wird das ega­li­tä­re und sozia­le Poten­ti­al der die­sen Platt­for­men zugrun­de lie­gen­den Algo­rith­men gar nicht genutzt. Des­halb stim­me ich zu, die­sen Platt­form­ka­pi­ta­lis­mus in einen Platt­form­ko­ope­ra­ti­vis­mus zu trans­for­mie­ren.

AV: Paul Viri­lio unter­schei­det zwi­schen Exo- und Endo­ko­lo­nia­lis­mus. Im ers­ten Fall geht es um bil­li­ge Arbeits­kräf­te am andern Ende der Welt. Im zwei­ten um eine Aus­beu­tung unse­rer selbst. Uber und Airbnb schei­nen da auf eine moder­ne Form des Endo­ko­lo­nia­lis­mus zu set­zen. Sie pro­du­zie­ren nichts Neu­es, son­dern schöp­fen nur ab, was Indi­vi­du­en mit ihren Autos und ihren Woh­nun­gen schon selbst bewirt­schaf­ten.

Armen: Das Elend kommt im Zen­trum an. Natür­lich stam­men die Roh­stof­fe für unser Han­dy wei­ter­hin aus der Peri­phe­rie, meist aus Afri­ka, natür­lich wer­den sie wei­ter­hin in der Semi­pe­ri­phe­rie ver­ar­bei­tet. Ver­dient wird damit wei­ter­hin im Zen­trum – sei es Zürich, Sili­con Val­ley oder New York. Aber das Gan­ze wird brü­chig und die sozia­len Revol­ten kom­men, nach einer kur­zen Pau­se nach dem Zwei­ten Welt­krieg, zuneh­mend wie­der im Zen­trum an.

Das Elend kommt im Zen­trum an.

AV: Wenn es nun dar­um gin­ge, eine pro­gres­si­ve Zukunft zu den­ken, in der wir Algo­rith­men ent­wer­fen, die eine Sorg­falt gegen­über der Welt und gegen­über nach­kom­men­den Genera­tio­nen wal­ten las­sen – wie sähe die Zukunft aus?

Armen: Zwar ist es immer noch so, dass wir die Algo­rith­men pro­gram­mie­ren – mit unse­ren Inter­es­sen, mit unse­ren blin­den Fle­cken, mit unse­ren Feh­lern und unse­rer Sorg­lo­sig­keit gegen­über der Zukunft. Nun haben wir es ange­sichts von IT mit immens beschleu­nig­ten Denk­pro­zes­sen zu tun. Das Sili­zi­um hat begon­nen, über sich selbst nach­zu­den­ken. Die Fra­ge nach zukünf­ti­gen Genera­tio­nen wird das Sili­zi­um kaum küm­mern. War­um soll­ten die­se schnel­len Denk­struk­tu­ren auf eine ver­al­te­te Denk­ma­schi­ne wie den Men­schen noch Rück­sicht neh­men? Es ist ja nicht so, dass wir Rück­sicht auf die­je­ni­gen genom­men hät­ten oder neh­men, die lang­sa­mer gedacht haben als wir. Ich glau­be von daher rührt auch vie­les in der irra­tio­na­len Angst vor Künst­li­cher Intel­li­genz.

AV: Das hört sich sehr nach einer Ver­selb­stän­di­gung der Tech­nik an …

Armen: Ich will kei­nem bru­ta­len Post­hu­ma­nis­mus das Wort reden – im Sin­ne von: Wir haben den Löf­fel abge­ge­ben, jetzt wer­den uns die Maschi­nen regie­ren. Mir liegt dar­an, dass wir nicht mehr Zeit‑,  son­dern Zukunftsgenoss*innen wer­den. Wir müs­sen als Gat­tung über die Jahr­hun­der­te in die Zukunft den­ken ler­nen. Noch den­ken wir an den nächs­ten Tag oder an das Leben unse­rer Kin­der. Aber dar­über hin­aus tun wir uns schwer, also wenn wir über­haupt ein Inter­es­se haben. Und expo­nen­ti­el­le Ent­wick­lun­gen wie den Kli­ma­wan­del kön­nen wir über­haupt nicht ver­ar­bei­ten. Poli­ti­sche Insti­tu­tio­nen tun sich schwer, zukünf­ti­ge Genera­tio­nen in ihre Ent­schei­dungs­fin­dun­gen zu inte­grie­ren.

Eine Poli­tik für Men­schen, die erst in 300 Jah­ren wäh­len wer­den, scheint noch völ­lig abwe­gig.

Natür­lich könn­te man sagen, Fami­li­en mit drei Kin­dern bekom­men drei Stim­men mehr. Aber das sind nur ers­te Ansät­ze. Doch sie rei­chen auch nicht wei­ter als 70 Jah­re. Eine Poli­tik für Men­schen, die erst in 300 Jah­ren wäh­len wer­den, scheint noch völ­lig abwe­gig. Das sind nicht ein­fach nur die Fehl­trit­te ver­blen­de­ter Poli­ti­ker oder die Ver­säum­nis­se einer Genera­ti­on unter dem Ein­fluss gie­ri­ger Kapi­ta­lis­ten. Son­dern das ist ein Geschwin­dig­keits­pro­blem und zwar ein gat­tungs­spe­zi­fi­sches.

AV: Ange­nom­men, es wür­de sich die his­to­risch ein­ma­li­ge Gele­gen­heit auf­tun, die Zukunft neu zu gestal­ten und die Algo­rith­men neu zu pro­gram­mie­ren – was könn­te das Ziel davon sein?

Armen: Viel­leicht eine radi­ka­le Umver­tei­lung und mas­si­ve Besteue­rung der zuneh­mend mono­po­lis­tisch und unde­mo­kra­tisch agie­ren­den GAFAM (Goog­le, Apple, Face­book, Ama­zon und Micro­soft)? Nicht dass dann jeder in so einem Häus­chen wie hier auf dem Zürich­berg leben könn­te, aber das all­ge­mei­ne Lebens­ni­veau wür­de sich dann schon radi­kal ver­bes­sern.

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