Vade­me­cum

  • Unse­re poli­ti­schen Ängs­te, Hoff­nun­gen und Phan­ta­sien sind geprägt von popu­lä­ren Fik­tio­nen.
  • Fil­me wie Con­ta­gi­on, Out­break oder Blind­ness ver­han­deln staat­li­ches Han­deln.
  • Fik­tio­nen schär­fen das Kon­tin­genz­be­wusst­sein und ent­schär­fen Not­wen­dig­kei­ten.

Rea­le Kata­stro­phen sind unüber­sicht­lich. Was wirk­lich pas­siert ist, sieht man erst im Rück­blick. Heu­te ist klar, was wir vor zwei, drei Wochen zu tun ver­passt haben: Des­in­fek­ti­ons­mit­tel hams­tern, Akti­en­de­pot auf­lö­sen, bloß kei­ne Rei­se antre­ten. Statt­des­sen mokier­ten wir uns noch über die „Coro­na-Hys­te­rie“. Die Lage ist der­zeit unklar. Gera­de weil das so ist, sind Pro­gno­sen fast unmög­lich. Trotz­dem kon­su­mie­ren wir non-stop Hoch­rech­nun­gen von Epi­de­mio­lo­gen, Ana­ly­sen von Bör­sen­gu­rus oder luf­ti­ge Per­spek­ti­ven von Meis­ter­den­kern. Sla­voj Zizek (2020) sieht – nun end­lich! – das Ende des Kapi­ta­lis­mus her­auf­däm­mern. Yuval Hara­ri (2020) wit­tert den Durch­marsch einer Staats­macht, die ihre Bür­ger bis in ihre kör­per­li­chen und affek­ti­ven Zustän­de hin­ein über­wa­chen wird.

Aber all die­se Ein­schät­zun­gen zie­len auf eine Zukunft, die kaum greif­bar ist. Sie sagen nichts dar­über aus, wie wir als Ein­zel­per­so­nen betrof­fen sein wer­den, wie sich die Gesell­schaf­ten ver­hal­ten wer­den, in denen wir leben, und wel­che staat­li­chen Maß­nah­men grei­fen wer­den. Kaser­nie­rung von Infi­zier­ten, wenn die Kran­ken­häu­ser zusam­men­bre­chen? Geplün­der­te Super­märk­te? Mili­tä­ri­sche Durch­set­zung von Aus­gangs­sper­ren? Flä­chen­de­cken­de elek­tro­ni­sche Kon­trol­le der Bevöl­ke­rung wie in Chi­na? Mas­sen­ar­beits­lo­sig­keit und wirt­schaft­li­che Rezes­si­on auf Jah­re? Oder auch über­ra­schen­de For­men der gesell­schaft­li­chen Koope­ra­ti­on? Neue nach­bar­schaft­li­che Soli­da­ri­tät? Ein völ­lig neu­es Ver­hält­nis zwi­schen Staat und Wirt­schaft?

Drei poli­ti­sche Sze­na­ri­en

Wo Pro­gno­sen schwie­rig sind, wen­det man sich Geschich­ten zu, die ein „was wäre wenn.…?“ aus­ma­len. Kein Wun­der, dass unter den der­zeit am häu­figs­ten her­un­ter­ge­la­de­nen Fil­men auf­fäl­lig vie­le Pan­de­mie-Thril­ler sind. Ihnen geht es weni­ger um die fri­vo­le Lust an der Angst (Fran­zen 2020), als viel­mehr um den Ver­such, Sinn aus einer unver­ständ­li­chen Situa­ti­on zu machen. Wie wer­den sich die Nach­barn, die Bevöl­ke­rung, die Wis­sen­schaft­ler, die staat­li­chen Orga­ne in der Kri­se ver­hal­ten? Was könn­te noch kom­men?

Kata­stro­phen­thril­ler sind Sze­na­ri­en.

Kata­stro­phen­thril­ler sind Sze­na­ri­en. Sie sind kei­ne Pro­gno­sen, son­dern mög­li­che Abläu­fe, die ver­schie­de­ne Vari­an­ten eines zukünf­ti­gen Gesche­hens aus­leuch­ten. Als Gedan­ken­ex­pe­ri­men­te bebil­dern sie, was wir in die­ser völ­lig offe­nen Situa­ti­on für mög­lich und denk­bar hal­ten – aber oft nicht offen aus­spre­chen kön­nen. Soder­berghs Con­ta­gi­on (2011), Peter­sons Out­break (1995) und Mei­rel­les‘ Blind­ness (2008) sind in die­sem Sin­ne poli­ti­sche Phan­ta­sien, die staat­li­ches Han­deln im Pan­de­mie­fall durch­spie­len. Ihre drei unter­schied­li­chen Sze­na­ri­en ste­hen exem­pla­risch für das, was der­zeit erwar­tet, bearg­wöhnt und gefürch­tet wird: den guten, den bösen und den abwe­sen­den Staat.

Con­ta­gi­on: der gute Staat

Con­ta­gi­on erscheint uns gera­de des­halb so nah an der Wirk­lich­keit, weil der Film sich vor allem für Anste­ckungs­we­ge inter­es­siert. So wirkt er stre­cken­wei­se wie die Bebil­de­rung des­sen, was uns Prof. Dros­tens Pod­cast täg­lich über Hand­hy­gie­ne, Aero­sol­über­tra­gung und R‑Null-Wer­te erklärt. Der Restau­rant-Besuch einer ame­ri­ka­ni­schen Geschäfts­frau in Hong­kong wird zur Geburts­stun­de eines Virus, das auf den Spu­ren glo­ba­ler Rei­se- und Waren­we­ge schnell und letal um den Erd­ball wan­dert. Gegen­spie­ler der Pan­de­mie sind hel­den­haf­te Wis­sen­schaft­ler, denen es schon nach einem hal­ben Jahr gelingt, einen Impf­stoff her­zu­stel­len, aber auch eine maß­voll reagie­ren­de Staats­macht, die die öffent­li­che Ord­nung halb­wegs auf­recht­erhält, ohne all­zu repres­siv durch­zu­grei­fen.

Der ein­zi­ge Schur­ke im Film ist auf unheim­li­che Wei­se aktu­ell: Ein Blog­ger, der ein gefähr­li­ches Gemisch aus Ver­schwö­rungs­theo­rien und Alter­na­tiv­me­di­zin ver­brei­tet. Der Film aus der Oba­ma-Ära ist durch­drun­gen vom Ver­trau­en in eine vor­aus­schau­en­de Regie­rung, ein funk­tio­nie­ren­des Gesund­heits­sys­tem und die Wun­der der Wis­sen­schaft. Gera­de des­we­gen, so scheint es, wird Con­ta­gi­on immer wie­der als eini­ger­ma­ßen „rea­lis­ti­sche“ Blau­pau­se der aktu­el­len Pan­de­mie (Brier 2020) geprie­sen.

Der Film aus der Oba­ma-Ära ist durch­drun­gen vom Ver­trau­en in eine vor­aus­schau­en­de Regie­rung, ein funk­tio­nie­ren­des Gesund­heits­sys­tem und die Wun­der der Wis­sen­schaft.

Out­break: der böse Staat

Eine ganz ande­re Regie­rung malt der sehr viel action-las­ti­ge­re Thril­ler Out­break aus, in dem eine Ebo­la-ähn­li­che Seu­che vom Mili­tär zu einer Bio­waf­fe wei­ter­ent­wi­ckelt wer­den soll. Um das Expe­ri­ment zu ver­tu­schen und die Seu­che ein­zu­däm­men, löscht das Mili­tär nicht nur ein afri­ka­ni­sches Dorf aus, son­dern plant auch, eine vom Virus befal­le­ne ame­ri­ka­ni­sche Klein­stadt zu bom­bar­die­ren. Die Abrie­ge­lung der Stadt wird mit bru­ta­ler Gewalt durch­ge­setzt und soll durch­aus nicht die Bür­ger schüt­zen, son­dern die wei­te­re Aus­brei­tung ver­hin­dern und die Rol­le des Mili­tärs ver­tu­schen.

Inspi­riert von den Bio­waf­fen-Phan­ta­sien der 1990er Jah­re gibt es in die­sem Sze­na­rio eine ganz kla­re Schei­dung von Schur­ken und Hel­den. Der Staat erscheint vor allem in Form des Mili­tärs und damit einer Staats­rai­son, die kei­nen Moment lang zögert, die eige­ne Bevöl­ke­rung wie im Krieg zu behan­deln. Das Inter­es­san­tes­te an Out­break ist viel­leicht, dass das Bom­bar­de­ment der Klein­stadt dar­in recht aus­führ­lich erwo­gen wird: zwei­tau­send Men­schen opfern, um Mil­lio­nen vor Anste­ckung zu schüt­zen? Am Schluss ver­hin­dert der Held das glück­li­cher­wei­se, aber in der Dis­kus­si­on wird eines klar: Im Not­stand, den eine Pan­de­mie dar­stellt, geht es nicht zuletzt dar­um, „tra­gi­sche Ent­schei­dun­gen“ zwi­schen zwei Übeln zu fäl­len, Ent­schei­dun­gen dar­über, wer geschützt und wer dem siche­ren Tod preis­ge­ge­ben wer­den darf. Was Out­break damit behan­delt, ist eine Logik des Aus­nah­me­zu­stands mit­samt den fürch­ter­li­chen ethi­schen Dilem­ma­ta, die eine sol­che Kata­stro­phe auf­wer­fen kann.

Was Out­break damit behan­delt, ist eine Logik des Aus­nah­me­zu­stands mit­samt den fürch­ter­li­chen ethi­schen Dilem­ma­ta, die eine sol­che Kata­stro­phe auf­wer­fen kann.

Blind­ness: der abwe­sen­de Staat

Ein drit­tes Sze­na­rio ent­fal­tet der Film Blind­ness von Fer­nan­do Mei­rel­les von 2008, kein Action-Block­bus­ter wie Out­break, son­dern die eben­so beklem­men­de wie ästhe­tisch sub­ti­le Ver­fil­mung von José Sara­ma­gos Roman Die Stadt der Blin­den von 1995. Geschil­dert wird hier eine Seu­che, die nicht tötet, aber Men­schen plötz­lich erblin­den läßt. Als die Epi­de­mie sich aus­brei­tet, wer­den die hoch­an­ste­cken­den Blin­den ein­fach im ver­las­se­nen Gebäu­de einer Ner­ven­heil­an­stalt kaser­niert, not­dürf­tig mit Essen ver­sorgt und sich selbst über­las­sen. Dort ent­fal­tet sich dann das pure sozia­le Cha­os. Eine gewalt­tä­ti­ge Gang über­nimmt die Kon­trol­le über die Nah­rungs­mit­tel, ter­ro­ri­siert die Insas­sen und miss­braucht die Frau­en.

In Abwe­sen­heit jeder äuße­ren Ord­nungs­macht bil­det sich hier eine regel­lo­se Gewalt­struk­tur, in der ein­zig das Recht des Stär­ke­ren gilt. Als sich die Kaser­nier­ten schließ­lich aus der Anstalt befrei­en, mer­ken sie, dass die Wachen, die sie zuvor mit Waf­fen­ge­walt ein­ge­sperrt haben, längst abge­zo­gen sind. Die Anar­chie herrscht drau­ßen eben­so wie drin­nen, den Staat gibt es nicht mehr.

Drei poli­ti­sche Phan­ta­sien

Drei Sze­na­ri­en, drei mög­li­che Abläu­fe, drei Phan­ta­sien dar­über, wie die aktu­el­len Maß­nah­men welt­weit zu inter­pre­tie­ren sind und wie sich die gan­ze Sache wei­ter­ent­wi­ckeln könn­te. Alle drei sind Gedan­ken­ex­pe­ri­men­te über zwei zen­tra­le The­men: Wie und mit wel­chen Mit­teln wird sich der Staat der sich rasend schnell aus­brei­ten­den Kata­stro­phe stel­len? Und wie wer­den sich die Ein­zel­per­so­nen ver­hal­ten? In gewis­ser Wei­se ste­hen die­se drei Fik­tio­nen exem­pla­risch für das, was der­zeit erwar­tet, bearg­wöhnt und gefürch­tet wird. Es sind Phan­ta­sien über das Ver­hal­ten der Staats­macht aber auch der Bür­ger im gro­ßen Labo­ra­to­ri­um der Pan­de­mie.

Es sind Phan­ta­sien über das Ver­hal­ten der Staats­macht aber auch der Bür­ger im gro­ßen Labo­ra­to­ri­um der Pan­de­mie.

Es ist nahe­lie­gend, sich dabei ganz dem tröst­li­chen Sze­na­rio von Con­ta­gi­on zu ver­schrei­ben. Die­ser Film glaubt an die Wun­der der Wis­sen­schaft und ver­dammt die gefähr­li­chen Ver­wir­run­gen durch Fake News. Auch der­zeit kur­sie­ren ja nicht weni­ge Schwach­sinns-Theo­rien über Coro­na-Selbst­tests im Netz („zehn Sekun­den Luft anhal­ten“), ein gewis­ser Dr. Wodarg hält die Prä­ven­ti­ons­maß­nah­men für unnö­ti­ge Hys­te­rie und vie­le Ame­ri­ka­ner inklu­si­ve ihres Prä­si­den­ten trau­en der Wis­sen­schaft sowie­so nicht. So buch­sta­bie­ren jetzt etli­che Kom­men­ta­re die Kern­mo­ti­ve die­ses Films nach: Sie akzep­tie­ren recht frag­los die Maß­nah­men der Regie­rung, hof­fen aber, wie Zizek, auf eine Reform der Glo­ba­li­sie­rung, die die Ver­brei­tung des Virus erst mög­lich gemacht hat – und, bei der Gele­gen­heit, gleich noch des Kapi­ta­lis­mus. Vor allem aber spricht aus ihnen ein erstaun­li­ches Ver­trau­en dar­auf, dass die Alli­anz von Wis­sen­schaft und Staat, ein ordent­li­cher Schub an Digi­ta­li­sie­rung und eine irgend­wie reor­ga­ni­sier­te Gesell­schaft nicht nur dem Spuk bald ein Ende machen, son­dern auch eine ver­bes­ser­te Welt nach Coro­na her­vor­brin­gen wer­den.

Nur weni­ge Stim­men sind da miß­traui­scher und schei­nen sich eher dem Sze­na­rio von Out­break zu ver­schrei­ben. Hier ist der Staat der Feind, der die Bevöl­ke­rung ihrer Rech­te beraubt und sie aus bio­po­li­ti­scher Staats­rai­son auch kon­trol­liert, ein­pfercht und not­falls ver­nich­tet. Die Qua­ran­tä­ne-Maß­nah­men wer­den als Aus­nah­me­zu­stand und Auf­he­bung der Bür­ger­rech­te ver­stan­den. Viel Kri­tik bekam Gior­gio Agam­bens Ein­schät­zung (2020), die in Ita­li­en ein­ge­führ­ten Maß­nah­men führ­ten vor, wie der Staat die Pan­de­mie als Vor­wand für eine all­ge­mei­ne Aus­höh­lung bür­ger­li­cher Grund­rech­te nutzt.

In ein ähn­li­ches Horn stößt aber auch der sehr viel bes­ser infor­mier­te Yuval Hara­ri, der davor warnt, dass die Maß­nah­men der all­ge­gen­wär­ti­gen digi­ta­len Über­wa­chung, mit denen Chi­na sei­ne Infek­ti­ons­wel­le der­zeit in den Griff bekom­men hat, nun zum welt­wei­ten bio­me­tri­schen Über­wa­chungs­staat aus­ge­baut wür­den. Bemer­kens­wert dage­gen ist, dass kaum jemand über die „tra­gi­schen Ent­schei­dun­gen“ spricht, zu denen Pan­de­mien auch zwin­gen kön­nen. Dass Ärz­te in ita­lie­ni­schen Kran­ken­häu­sern mitt­ler­wei­le ent­schei­den müs­sen, wel­che Kran­ken sie inten­siv­me­di­zi­nisch behan­deln und wel­che sie ein­fach ster­ben las­sen, ist genau so eine Art von Zwangs­ent­schei­dung, die man nie­man­dem zumu­ten möch­te. Sol­che Ent­schei­dun­gen in der Öffent­lich­keit zu dis­ku­tie­ren, ist fast undenk­bar – wäre aber wich­tig, um sie nicht ein­fach über­for­der­ten Indi­vi­du­en auf­zu­bür­den.

Sol­che Ent­schei­dun­gen in der Öffent­lich­keit zu dis­ku­tie­ren, ist fast undenk­bar – wäre aber wich­tig, um sie nicht ein­fach über­for­der­ten Indi­vi­du­en auf­zu­bür­den.

Das düs­ters­te Sze­na­rio von allen aber ist das in Blind­ness. Hier ist der Staat schlicht­weg abwe­send. Die Abwe­sen­heit jeg­li­cher Ord­nungs­macht und medi­zi­ni­scher Ver­sor­gung erzeugt eine Gewalt­dy­na­mik, die sich in der sich selbst über­las­se­nen Not­ge­mein­schaft ent­fal­tet. Was übrig bleibt, ist tat­säch­lich „nack­tes Leben“, recht­lo­se, ein­ge­sperr­te Men­schen, die nicht getö­tet, aber dem Ster­ben – und der Bru­ta­li­tät ihrer Mit­ge­fan­ge­nen – preis­ge­ge­ben wer­den.

Natür­lich kommt nie­mand auf die Idee, die­ses Sze­na­rio für rea­lis­tisch oder auch nur wahr­schein­lich zu hal­ten. Aber das ist naiv. Aus Spa­ni­en errei­chen uns Nach­rich­ten, dass Alten­hei­me von den Pfle­gern und Ärz­ten auf­ge­ge­ben und die Insas­sen dort ein­fach dem Ster­ben über­las­sen wur­den (BBC vom 24. März 2020). Die über­füll­ten grie­chi­schen Flücht­lings­la­ger trei­ben unmit­tel­bar auf eine huma­ni­tä­re Kata­stro­phe zu, wenn sie nicht schnells­tens eva­ku­iert wer­den. Und natür­lich ist es kaum aus­zu­ma­len, wie sich die Pan­de­mie in Län­dern abspie­len wird, die nicht (wie wir in Euro­pa) über­for­der­te, son­dern gar kei­ne funk­tio­nie­ren­den Gesund­heits­sys­te­me haben. Das ist es dann, was wir gern „unrea­lis­tisch“ nen­nen, ein­fach weil glück­li­cher­wei­se weit weg und so schlimm ist, dass wir es lie­ber nicht ima­gi­nie­ren möch­ten.

Der Kon­ti­genz bewusst sein

Die Coro­na-Kri­se ist ein Expe­ri­ment mit offe­nem Aus­gang. Bemer­kens­wert ist, wie stark die poli­ti­schen Ängs­te, Hoff­nun­gen und Phan­ta­sien, die sich an sie knüp­fen, weni­ger von pro­gnos­ti­schem Wis­sen als von popu­lä­ren Fik­tio­nen struk­tu­riert sind. Bemer­kens­wert ist aber auch, dass die­se Fik­tio­nen zum Teil die Situa­ti­on mit sehr viel küh­le­rem Blick betrach­ten als die Kako­pho­nie der der­zei­ti­gen Ana­ly­sen und Pro­gno­sen. Sie stel­len Fra­gen, die wir lie­ber nicht dis­ku­tie­ren wol­len. Anders als im Kino wis­sen wir weder, wie die Sache lau­fen, noch wie und wann sie enden wird. Oder wie sie sich in unter­schied­li­chen Gesell­schaf­ten und Situa­tio­nen aus­spie­len wird.

Was Hoff­nung gibt, ist aber gera­de die Offen­heit des Aus­gangs. Noch vor einem Vier­tel­jahr waren die eher­nen Geset­ze der wirt­schaft­li­chen Sta­bi­li­tät unan­tast­bar. Ewi­ges Wachs­tum und Dau­er­kon­sum, aber auch der Dau­er­stress eines ganz nor­ma­len Arbeits­le­bens voll sinn­lo­ser Geschäfts­rei­sen erschie­nen alter­na­tiv­los. Plötz­lich sind sie es nicht mehr. Die aktu­el­le Kri­se, so bedroh­lich und zer­stö­re­risch sie ist, ist auch ein Trai­ning in Kon­tin­genz­be­wußt­sein: alles könn­te anders sein als wir geglaubt haben. Vie­les ist mög­lich. Und das ist nicht nur eine Dro­hung, son­dern könn­te auch ein Ver­spre­chen sein.

Was Hoff­nung gibt, ist die Offen­heit des Aus­gangs.

Lite­ra­tur

Agam­ben, Gior­gio. 2020. „The sta­te of excep­ti­on pro­vo­ked by an unmo­ti­va­ted emer­gen­cy“. Posi­ti­ons. Online.

Brier, Ron­ja. 2020. „Vor 9 Jah­ren gab es das Virus schon mal – in Hol­ly­wood“, Bild am Sonn­tag vom 22. März 2020. Online.

Fran­zen, Johan­nes. „Nie­mand ist immun gegen Bil­der“. ZEIT Online vom 29. Febru­ar 2020. Online.

Hara­ri, Yuval Noah. 2020. „The world after coro­na­vi­rus“. Finan­cial Times vom 20. März 2020. Online.

Žižek, Sla­voj. 2020. Im Inter­view. „Das Ende der Welt, wie wir sie ken­nen? Coro­na als Her­aus­for­de­rung und Chan­ce einer glo­ba­li­sier­ten Welt“. Das Ers­te vom 22. März 2020. Online.

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Eva Horn

Eva Horn

Eva Horn ist Lite­ra­tur- und Kul­tur­wis­sen­schaft­le­rin, sie forscht und lehrt in Wien. 2014 erschien von ihr Die Zukunft als Kata­stro­phe. Dar­in ana­ly­siert sie Kata­stro­phen­nar­ra­ti­ve von der Roman­tik bis in die Gegen­wart und legt eine gan­ze Anthro­po­lo­gie des Desas­ters frei. Jüngst ver­fass­te sie zusam­men mit Han­nes Bergt­hal­ler Anthro­po­zän zur Ein­füh­rung (2019). (Foto: Hel­mut Grün­bich­ler)

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