Einer von vie­len Don­ners­tag­aben­den im deut­schen Pri­vat­fern­se­hen. Auf Pro7 nähert sich Hei­di Klums neo­li­be­ra­les Selek­ti­ons­spek­ta­kel Germany’s Next Top­mo­del wie­der ein­mal sei­nem obli­ga­to­ri­schen Show­down: Rast­los umkreist und begafft die Kame­ra die spär­lich beklei­de­ten Kör­per halb­wüch­si­ger jun­ger Frau­en, die auf der Hin­ter­büh­ne eines Stu­di­os dem Moment der Wahr­heit ent­ge­gen­bib­bern. In kur­zen State­ments geben die Kan­di­da­tin­nen Aus­kunft über ihre Gefühls­la­ge, die mehr oder weni­ger aus­wech­sel­bar zwi­schen Angst und Hoff­nung, Selbst­er­mu­ti­gung und Ver­zweif­lung schwankt. Dann ist es soweit: Hoch­ge­bockt auf ihren high heels dür­fen sie vors Tri­bu­nal stel­zen, per­fekt zurecht­ge­styl­te Hoch­glanz­kör­per, deren unschul­di­ger sex appeal den idea­len Auf­merk­sam­keits­kö­der bil­den, um die Fall­hö­he des nun fol­gen­den Gerichts- und Gefühls­spek­ta­kels wirk­sam zu steigern.

„Du bist raus“ (Screen­shots aus Germany’s Next Top­mo­del 2014)

In raschem Gegen­schnitt pral­len die Gesich­ter der Gebie­te­rin und ihrer Zög­lin­ge auf­ein­an­der. Man sieht Domi­na Klum an, dass sie den Moment geniesst, in dem sie das Schick­sal und die Emo­tio­nen die­ser jun­gen Frau­en regie­ren kann. Sie liebt es, den Augen­blick tota­ler Will­kür aus­zu­kos­ten und „ihre“ Mäd­chen durch per­fi­des Timing und kleins­te Signa­le ihres Mie­nen­spiels in gröss­te Unsi­cher­heit zu ver­set­zen. Umschnitt auf die Gesich­ter der jun­gen Frau­en. Wer­den sie dem Druck der Ent­schei­dungs­si­tua­ti­on stand­hal­ten? Die ers­te Kan­di­da­tin hat es geschafft, sie ist wei­ter. Die Kame­ra regis­triert genau, wie ihr Ant­litz in alar­mier­ter Unent­schie­den­heit ver­harrt, bis die posi­ti­ve Bot­schaft bei ihr ange­kom­men ist und das Gesicht der jun­gen Frau von Erleich­te­rung und Freu­de über­schwemmt wird. Für die nächs­te Anwär­te­rin bringt die Ent­schei­dung hin­ge­gen das Aus. Man spürt, wie sie ver­sucht, die Fas­sung zu wah­ren – ver­geb­lich! Ihre Gesichts­zü­ge geben nach, ihr Inne­res bricht nach aus­sen durch: Kinn und Lip­pen begin­nen zu zit­tern, die Augen wer­den feucht, die Wan­gen fle­ckig. Fas­sungs­los wen­det sie sich ab, um hin­ter der Büh­ne, aber gleich­wohl bei lau­fen­der Kame­ra voll­ends in Trä­nen auszubrechen.

Wir leben in einem Zeit­al­ter, in dem zum ers­ten Mal Tau­sen­de höchst­qua­li­fi­zier­ter Indi­vi­du­en einen Beruf dar­aus gemacht haben, sich in das kol­lek­ti­ve öffent­li­che Den­ken ein­zu­schal­ten, um es zu mani­pu­lie­ren, aus­zu­beu­ten und zu kon­trol­lie­ren. Ihre Absicht ist es, Hit­ze, nicht Licht zu erzeu­gen […] und jeden ein­zel­nen durch per­ma­nen­te geis­ti­ge Auf­gei­lung in einem Zustand der Hilf­lo­sig­keit ver­har­ren zu las­sen.“ Mar­shall McLu­han, Die Mecha­ni­sche Braut.

Ande­rer Sen­der, ande­rer Anlass. Mitt­woch­abend, 19. Dezem­ber 2016. Eine noch unbe­kann­te Per­son ist vor etwas mehr als einer Stun­de mit einem Sat­tel­zug in einen Ber­li­ner Weih­nachts­markt gerast. Was im gera­de lau­fen­den ZDF-Spiel­film als Eil­mel­dung bereits annon­ciert wor­den war, fin­det im fol­gen­den heu­te jour­nal nun sei­ne epi­sche Auf­be­rei­tung. 1 Stun­de und 32 Minu­ten, also drei­mal solan­ge wie nor­mal, han­gelt sich Mari­et­ta Slom­ka, die nor­ma­ler­wei­se für ihre unter­kühlt-beherrsch­te Mode­ra­ti­ons­füh­rung bekannt ist, nun­mehr im Aus­nah­me­zu­stand, zusam­men mit dem Ter­ro­ris­mus-Exper­ten Elmar The­veßen und immer wie­der neu­en Han­dy-Vide­os und Live-Schal­ten durch die noch dürf­ti­ge Nach­rich­ten­la­ge. Wort­reich beschwört man die jour­na­lis­ti­sche Ver­ant­wor­tung, ange­sichts der unkla­ren Situa­ti­on auf wil­de Spe­ku­la­tio­nen ver­zich­ten zu wollen.

Gleich­wohl gewinnt die Fas­zi­na­ti­ons­kraft des his­to­ri­schen Augen­blicks, den bis dato in Deutsch­land ver­meint­lich „größ­ten isla­mis­ti­schen Ter­ror­an­schlag“ qua­si noch warm repor­tie­ren zu kön­nen, wie in einem Sog die Ober­hand. Ein ums ande­re Mal spielt die Regie Film­pas­sa­gen ein, die den Zuschau­ern einen mög­lichst authen­ti­schen und atmo­sphä­risch gesät­tig­ten Ein­druck vom Ort des Gesche­hens ver­mit­teln sol­len – Bil­der und Stim­men, um das Atten­tat und sei­ne Fol­gen ‚haut­nah‘ und – im wahrs­ten Sin­ne des Wor­tes – als ‚Sen­sa­ti­on‘ erleb­bar zu machen. Nicht dass man im Ver­lauf der Sen­dung dank neu­er Fak­ten der Wahr­heit des Gesche­hens näher käme. Man möch­te ein­fach mög­lichst lan­ge und mög­lichst nahe dran blei­ben und den Zuschau­er drin behal­ten: Drin in jenem quo­ten­brin­gen­den schau­rig-erre­gen­den Gefühls­cock­tail, wie es wohl sein muss, Opfer gewor­den oder dem Anschlag nur knapp ent­ron­nen zu sein.

Emo­tio­nal mining

Trotz ihrer Unter­schie­de tritt in die­sen Bei­spie­len etwas zu Tage, was sich als Pro­gramm einer „Por­no­gra­phi­sie­rung des Sozia­len“ bezeich­nen lässt. Anders als jene Stim­men, die mit aller Berech­ti­gung eine Por­no­fi­zie­rung unse­rer Gesell­schaft (Hil­kens 2010) oder eine Die Por­no­gra­fi­sie­rung des All­tags (Stef­fen 2014) fest­stel­len, steht dabei nicht die zuneh­men­de Sexua­li­sie­rung unse­rer Lebens­welt und deren spe­zi­fisch por­no­gra­phi­sche Codie­rung im Vor­der­grund. Die The­se von der Por­no­gra­phi­sie­rung des Sozia­len stellt eine umfas­sen­de­re Dia­gno­se. In ihr geht es nicht nur dar­um, die Wirk­lich­keit des sexu­ell erreg­ten Flei­sches nach aus­sen zu stül­pen, son­dern dar­um, die ‚See­le‘ in all ihren emo­tio­na­len und affek­ti­ven Facet­ten sicht­bar, mani­pu­lier­bar, kom­mu­ni­zier­bar und kon­su­mier­bar zu machen. Wäh­rend Por­no­gra­phie im enge­ren Sinn als eine Kul­tur­tech­nik zur Erzeu­gung, Spei­che­rung, Über­tra­gung und repro­duk­ti­ven Sti­mu­la­ti­on sexu­el­ler Erre­gung fun­giert, zielt die Por­no­gra­phi­sie­rung des Sozia­len all­ge­mei­ner auf die sys­te­ma­ti­sche, tech­nik­ge­stütz­te Auf­rei­zung, Aneig­nung und Instru­men­ta­li­sie­rung inti­mer Innen­wel­ten – man könn­te sagen: auf eine Art von emo­tio­nal mining, das längst zu einem der wich­tigs­ten, wenn nicht zen­tra­len Geschäfts­mo­dell unse­rer Medi­en- und Kon­sum­in­dus­trien gewor­den ist.

Der Por­no­gra­phi­sie­rung des Sozia­len geht es dar­um, die ‚See­le‘ in all ihren emo­tio­na­len und affek­ti­ven Facet­ten sicht­bar, mani­pu­lier­bar, kom­mu­ni­zier­bar und kon­su­mier­bar zu machen.

Laut Sen­nett hebt im 19.
Jahr­hun­dert eine den All­tag
durch­drin­gen­de Psy­cho-
logi­sie­rung an, die in der
Ängst mün­det, im öffent­li­chen
Leben durch­schaut zu werden.

Was Richard Sen­nett 1983 vor dem Hin­ter­grund eines „Ver­falls und Ende des öffent­li­chen Lebens“ als „Tyran­nei der Inti­mi­tät“ im Sin­ne eines Ratio­na­li­täts­schwunds poli­ti­scher Dis­kur­se dis­ku­tier­te, erfährt in Zei­ten von Rea­li­ty-TV und Social Media nicht nur eine neue Qua­li­tät und Inten­si­tät, son­dern ver­langt auch nach einer neu­en theo­re­ti­schen Rah­mung. Heu­te, da You­tube, Twit­ter, Face­book etc. breit auf dem Vor­marsch sind, gewinnt eine kul­tur­wis­sen­schaft­li­che Medi­en­theo­rie an Plau­si­bi­li­tät, deren Ideo­lo­gie­kri­tik nicht nur auf sys­te­ma­tisch ver­zerr­te Kom­mu­ni­ka­ti­ons­in­hal­te abzielt, son­dern zugleich jene psy­cho­phy­si­schen Wech­sel­wir­kun­gen in den Blick nimmt, die sich abspie­len, wenn mensch­li­che Kör­per an Medi­en ange­schlos­sen werden.

Begreift man mit Mar­shall McLu­han oder Klaus The­we­leit Medi­en weni­ger nach dem Sen­der-Emp­fän­ger-Modell denn als tech­ni­sche Kör­per­aus­wei­tun­gen, mit denen mas­si­ve pro­gram­mie­ren­de Wir­kun­gen nicht nur auf die Wahr­neh­mungs- und Emp­fin­dungs­struk­tu­ren ein­zel­ner Indi­vi­du­en, son­dern gan­zer Gesell­schaf­ten ein­her­ge­hen, ver­schiebt sich der Fokus von Fra­gen der Sinn­kon­sti­tu­ti­on auf die ener­ge­ti­schen Effek­te von Mensch-Maschi­nen-Kopp­lun­gen. Folgt man die­ser Fähr­te, wird offen­kun­dig, dass Emo­tio­nen, Affek­te, Sub­jek­tiv­ma­te­ri­al heu­te als essen­ti­el­le Roh­stof­fe für den Betrieb moder­ner, indus­tri­el­ler Medi­en­sys­te­me fun­gie­ren und unse­re kol­lek­ti­ven und indi­vi­du­el­len Gestimmt­hei­ten in kaum über­schätz­ba­rem Mas­se beeinflussen.

Das Füh­len des Fühlens

Wenn bis­wei­len gesagt wird, nichts inter­es­sie­re Men­schen so sehr, wie ande­re Men­schen, muss wohl prä­zi­ser for­mu­liert wer­den, dass nichts so sehr inter­es­siert, wie die Gefüh­le, das inne­re Erle­ben, die Emo­tio­nen und Affek­te ande­rer Men­schen, die zugleich den Königs­weg zum authen­ti­schen Sein des Ande­ren zu bah­nen ver­spre­chen. Attrak­tiv sind die­se Gefüh­le – am liebs­ten im Aus­nah­me­zu­stand – ver­mut­lich des­halb, weil sie sich ein­ver­lei­ben las­sen zur Poten­zie­rung des eige­nen Erle­bens. Wir kon­su­mie­ren die Emo­tio­nen ande­rer Men­schen als Sti­mu­lanz­dro­gen, als eine Art emo­tio­na­les Glut­amat, zur Erzeu­gung emo­tio­na­ler Kicks und zum Pushen des eige­nen Rea­li­täts­ge­fühls. In die­sem Sin­ne steht die Por­no­gra­phi­sie­rung des Sozia­len im Diens­te einer indus­tri­el­len Evo­lu­ti­on von Eksta­se­tech­no­lo­gien, die frei­lich Züge einer nur bedingt kon­trol­lier­ten und kon­trol­lier­ba­ren Dro­gen­kul­tur aufweisen.

Wir kon­su­mie­ren die Emo­tio­nen ande­rer Men­schen als Sti­mu­lanz­dro­gen, als eine Art emo­tio­na­les Glut­amat, zur Erzeu­gung emo­tio­na­ler Kicks und zum Pushen des eige­nen Realitätsgefühls

Attrak­tiv dürf­te solch medi­al-distan­zier­tes Affektsha­ring heu­te des­we­gen sein, weil es Set­tings emo­tio­na­len Pro­be­han­delns bzw. indi­vi­du­ell dosier­ba­re ‚Kon­fron­ta­ti­ons­the­ra­pien‘ für ein brei­tes Spek­trum gesell­schaft­lich erzeug­ter Ängs­te bereit­stellt. Auch wenn der­ar­ti­ge Trau­ma­ti­sie­run­gen nur medi­al simu­liert und aus der Distanz wahr­ge­nom­men wer­den, dürf­ten sie doch einen gewis­sen – wenn auch affir­ma­ti­ven – Trai­nings­wert besit­zen: Man ‚lernt‘, der­ar­ti­ge Miss­brauchs­for­men als ’nor­mal‘ anzu­neh­men, sich dar­auf vor­zu­be­rei­ten und an Coping-Stra­te­gien zu arbei­ten, statt sie als Skan­dal anzuprangern.

„Du warst nicht gut genug“: Eine ehe­ma­li­ge Kan­di­da­tin für Germany’s Next Top­mo­del erlei­det – für uns – die Will­kür des Selektionsprozesses.

Cui bono?

Schliess­lich darf man jene kühl kal­ku­lie­ren­den Akteu­re nicht aus dem Blick ver­lie­ren, die eine Por­no­gra­phi­sie­rung des Sozia­len als geziel­tes Instru­ment zur För­de­rung ihrer öko­no­misch-ideo­lo­gi­schen und poli­ti­schen Inter­es­sen anhei­zen und ein­set­zen. Dies betrifft ers­tens die Kon­sum­gü­ter­in­dus­trie, die ihre Waren bei wach­sen­der Sät­ti­gung und ver­schär­fen­dem Kon­kur­renz­kampf auf den Absatz­märk­ten immer wirk­sa­mer mit Emo­tio­na­li­tät und Phan­ta­sie­ma­te­ri­al auf­la­den muss, um bei den Kun­den affek­ti­ve Erwerbs­mo­ti­va­tio­nen jen­seits nüch­ter­ner Gebrauchs­wert­ar­gu­men­te zu erzeu­gen. Wer heu­te ein bestimm­tes Auto, Deo oder was auch immer kauft, erwirbt ja immer auch, wenn nicht gar in ers­ter Linie ‚ein Lebens­ge­fühl‘, ein Image, ein Identitätsangebot.

In den 2000er Jah­ren erreicht die
Emo­tio­na­li­sie­rung des Autos ein Hoch.

Zwei­tens die ver­schie­de­nen moder­nen Medi­en­in­dus­trien selbst. Sie tre­ten einer­seits als Ver­mitt­lungs­in­stanz der Kon­sum­gü­ter­in­dus­trie auf. Ande­rer­seits sind sie selbst immer akti­ver als Anbie­ter von Kon­sum­gü­tern in Form von Phan­ta­sie- und Gefühls­wa­ren tätig –  wenn sie nicht gleich grund­sätz­lich damit beschäf­tigt sind, Kom­mu­ni­ka­ti­on als uner­schöpf­li­che Res­sour­ce und alter­na­tiv­lo­se Sphä­re mensch­li­chen Lebens unter ihre Kapi­tal­in­ter­es­sen zu sub­su­mie­ren. Dies geschieht, indem sie alle nur denk­ba­ren Kom­mu­ni­ka­ti­ons­ak­te tech­nisch unter­wan­dern, instru­men­tie­ren und mit wach­sen­dem Zwang an die eige­nen Sys­te­me und deren Spiel­re­geln bin­den. Stich­wort: Smart­pho­nes und ’sozia­le Medien‘.

Und es dient drit­tens natür­lich all jenen Akteu­ren, die sich der moder­nen Medi­en­sys­te­me bedie­nen, um ihre Ideo­lo­gien oder Poli­ti­ken wirk­sam zu ver­brei­ten, wobei unüber­seh­bar ist, dass sowohl die Anbie­ter der Medi­en­sys­te­me als auch Unter­neh­men und Poli­ti­ker (Zucker­berg, Goog­le, Trump…) selbst in immer stär­ke­rem Mas­se zu Glo­bal Play­ern wer­den, die Ideo­lo­gie, Öko­no­mie und Tech­no­lo­gie erfolg­reich zu völ­lig neu­ar­ti­gen Macht­dis­po­si­ti­ven syn­the­ti­sie­ren. Aus­gang offen, Trag­wei­te nicht ab‑, auf jeden Fall aber kaum überschätzbar.

Kör­per im Exzess

Ganz neu ist die­se Art von Affekt­in­dus­trie frei­lich nicht. Ihre Wur­zeln rei­chen weit zurück. Ein­mal mehr dürf­te die Erfin­dung und Kapi­ta­li­sie­rung des Buch­drucks hier eine bedeu­ten­de his­to­ri­sche Zäsur bil­den. Seit dem 18. Jahr­hun­dert arbei­ten Dra­men, Tage­bü­cher und Roma­ne am Auf­bau kom­ple­xer Emp­fin­dungs­kul­tu­ren, am Aus­for­schen und Aus­buch­sta­bie­ren indi­vi­du­el­ler Gefühls­wel­ten und an der Sub­jek­ti­vie­rung ihrer Lese­rIn­nen. Bücher sind ja auch nichts ande­res als klei­ne Maschi­nen zur Expo­si­ti­on von bzw. zum emo­tio­na­len Ein­drin­gen in ande­rer Men­schen Leben und zur kon­su­mie­ren­den Nach­emp­fin­dung frem­der Sub­jek­ti­vi­tät. Mit den Mög­lich­kei­ten gestei­ger­ten Reiz­drucks, wie ihn die audio­vi­su­el­len Medi­en bie­ten, gewinnt die­ser Pro­zess im 20. Jahr­hun­dert an zusätz­li­cher Inten­si­tät, indem die Schau­lust ange­heizt und der für die Moder­ne eigen­tüm­li­che Trend zu einer Sexua­li­sie­rung des Blicks und Sko­pi­sie­rung des Begeh­rens (vgl. dazu Hent­schel 2001) befeu­ert wird.

Gleich bricht das Inne­re nach aus­sen durch – und wir sehen ent­setzt gebannt zu. (Screen­shot der Ches­t­burs­ter-Sze­ne aus dem Film Ali­en (Scott 1979))

Den visu­el­len Kon­sum­ge­nuss frem­den Erle­bens bedie­nen nach Lin­da Wil­liams (2009) ins­be­son­de­re die soge­nann­ten „Kör­per­gen­res“: Por­no- und Hor­ror­film, Melo­dram und – wie zu ergän­zen wäre – Action- und Gewalt­strei­fen. Ihnen gemein­sam ist das Bemü­hen, Kör­per im emo­tio­na­len Exzess zu insze­nie­ren, um Lust, Angst, Lie­be, Schmerz und Aggres­si­on in reiz­star­ke Bil­der zu ver­wan­deln. Im Exzess gera­ten die Sub­jek­te ‚aus­ser sich‘, das Inne­re der Gefühls­welt wan­dert auf die Kör­per­ober­flä­che und gewinnt eine Zei­chen­form, die für den Betrach­ter durch sei­ne natür­li­che Nei­gung zu Empa­thie nahe­zu zwin­gen­de Anste­ckungs­ef­fek­te im Sin­ne „unfrei­wil­li­ger Nach­ah­mung des Gefühls oder der Kör­per­emp­fin­dung des Lein­wand­kör­pers“ (Wil­liams) auslösen.

Im Exzess gera­ten die Sub­jek­te ‚aus­ser sich‘, das Inne­re der Gefühls­welt wan­dert auf die Kör­per­ober­flä­che und gewinnt eine Zeichenform.

You will die … of plea­su­re” Bar­ba­rel­la (Jane Fon­da) ist gefan­gen in der exces­si­ve machi­ne, die sie zu Tode zu lüs­tern droht. Screen­shot aus dem Kult-B-Movie Bar­ba­rel­la (Vadim 1968).

Das Cas­ting-Dis­po­si­tiv

Mit Social Media, Rea­li­ty-TV, bis­wei­len auch als „Affekt­fern­se­hen“ bezeich­net, und ins­be­son­de­re mit der Erfin­dung der Cas­ting Show haben die moder­nen Medi­en ein Medi­en­dis­po­si­tiv ent­wi­ckelt, um ihr Geschäft mit der ubi­qui­tä­ren Pro­vo­ka­ti­on und Dis­tri­bu­ti­on von authen­ti­schem Affekt­ma­te­ri­al vor­erst zu per­fek­tio­nie­ren. Dass es etwa beim Cas­ting um einen Aus­wahl­pro­zess für unter­schied­lichs­te Jobs (Model, Pop­star, Geschäfts­füh­rer etc.) gehe, ist ja nur eine vor­ge­scho­be­ne Behaup­tung, um die Kan­di­da­ten mit­tels „geziel­ter Grenz­ver­let­zung“ (Lünenborg/​Töpper) ihrer Intim­sphä­ren aus der emo­tio­na­len Reser­ve zu locken. Natür­lich hat etwa Germany’s Next Top­mo­del auch gros­ses Inter­es­se dar­an, sei­ne Teil­neh­me­rin­nen mög­lichst oft und mög­lichst weit zu ent­blös­sen und – im klas­sisch-por­no­gra­phi­schen Sin­ne – als Sex­ob­jek­te auszustellen.

Das grös­se­re Inter­es­se gilt frei­lich dem Unter­neh­men, die jun­gen Frau­en psy­chisch so unter Druck zu set­zen, dass die Mas­ke ihrer Per­so­na vor lau­fen­der Kame­ra aus­ein­an­der­bricht und einen mög­lichst unkon­trol­lier­ten aka authen­ti­schen Gefühls­aus­bruch frei­setzt. Man könn­te mit gutem Grund behaup­ten, dass das gesam­te Ensem­ble von Rea­li­ty-For­ma­ten und Social Media (inklu­si­ve You­tube) ein aus­dif­fe­ren­zier­tes und längst inter­na­li­sier­tes Cas­ting-Dis­po­si­tiv bil­det, um Sub­jek­tiv­ma­te­ri­al und emo­tio­na­le Roh­stof­fe unter eigen­tä­ti­ger Mit­hil­fe der Roh­stoff­pro­du­zen­ten sys­te­ma­tisch zu för­dern und öko­no­misch kos­ten­güns­tig auszubeuten.

Das Inter­es­se gilt dem Unter­neh­men, die jun­gen Frau­en psy­chisch so unter Druck zu set­zen, dass die Mas­ke ihrer Per­so­na vor lau­fen­der Kame­ra auseinanderbricht.

Der por­no­gra­phi­sche Blick die­ser Medi­en zielt daher fol­ge­rich­tig nicht mehr nur dar­auf ab, Momen­te emo­tio­na­len Aus­ser-sich-Seins thea­tra­lisch zu insze­nie­ren, son­dern sie in der lau­fen­den Rea­li­tät flä­chen­de­ckend auf­zu­spü­ren, anzu­rei­zen, zu ver­stär­ken und ein­zu­fan­gen. Davon infi­ziert ist längst auch die Bericht­erstat­tung soge­nann­ter ‚Qua­li­täts­me­di­en‘: Das sozio­por­no­gra­phi­sche Begeh­ren ist immer dort geweckt, wo Exzes­se emo­tio­na­len Erle­bens ge(t)wittert wer­den und sich Empa­thie in gros­sem Aus­mass mobi­li­sie­ren lässt. Ter­ro­rer­eig­nis­se, Grup­pen­aus­schrei­tun­gen, spek­ta­ku­lä­re Unfäl­le, nach Eska­la­ti­on rie­chen­de Men­schen­auf­läu­fe wer­den heu­te auf glei­che Wei­se, ja noch exten­si­ver und ein­dring­li­cher repor­tiert als hoch­emo­tio­na­le Sportereignisse.

Die ob ihrer Zudring­lich­keit immer wie­der beklag­te Fra­ge „Wie haben Sie es erlebt, wie haben Sie sich gefühlt als…“, gilt längst nicht mehr nur Fuss­ball­spie­lern oder Rad­sport­lern, son­dern auch und ver­mehrt zufäl­li­gen Beob­ach­tern oder Opfern von Gewalt. In gewis­sem Mas­se hat sich die­ser Mecha­nis­mus selbst den aner­ken­nungs­hei­schen­den Tätern von Gewalt ein­ge­prägt, die die Maxi­men des Cas­ting-Dis­po­si­tivs noch radi­ka­li­sie­ren, indem sie ihre inne­ren Befind­lich­kei­ten vor ihren men­schen­ver­ach­ten­den Taten auf­zeich­nen, um im Hoch­ge­fühl ima­gi­nier­ter glo­ba­ler Reso­nanz hin­rei­chend gedopt zur Tat zu schrei­ten und in den Tod zu gehen. Inso­fern bil­den die seit dem zwei­ten Irak-Krieg (1991) üblich gewor­de­nen, auf Bom­ben mon­tier­ten Kame­ras nur eine Art pri­mi­ti­ve Vor­stu­fe eines Medi­en­sys­tems, das sei­nen nahe­zu ulti­ma­ti­ven Rea­li­ty-Kick dar­in zu fin­den hofft, jenen inne­ren Erleb­nis­cock­tail aus Angst, Schmerz und Eupho­rie haut­nah und rea­lis­tisch auf­zu­zei­chen, der im Moment des Tötens oder eige­nen Ster­bens vom Kör­per zusam­men­ge­mixt wird und als Kon­sum­gut gewinn­brin­gend zur Ver­fü­gung zu stellen.

In gewis­sem Mas­se hat sich die­ser Mecha­nis­mus selbst den aner­ken­nungs­hei­schen­den Tätern von Gewalt ein­ge­prägt, die die Maxi­men des Cas­ting-Dis­po­si­tivs noch radi­ka­li­sie­ren, indem sie ihre inne­ren Befind­lich­kei­ten vor ihren men­schen­ver­ach­ten­den Taten auf­zeich­nen, um im Hoch­ge­fühl ima­gi­nier­ter glo­ba­ler Reso­nanz  zur Tat zu schreiten.

Die Por­no­gra­phi­sie­rung des Krie­ges: Embed­ded journalists

 

Lite­ra­tur

Hil­kens, Myr­t­he. 2010. McSex: die Por­no­fi­zie­rung unse­rer Gesell­schaft. Ber­lin: Orlanda.

Hent­schel, Lin­da. 2001. Por­not­o­pi­sche Tech­ni­ken des Betrach­tens: Raum­wahr­neh­mung und Geschlech­ter­ord­nung in visu­el­len Appa­ra­ten der Moder­ne, Mar­burg: Jonas Verlag.

Stef­fen, Nico­la. 2014. Porn Chic: Die Por­no­gra­fi­sie­rung des All­tags. Mün­chen: dtv.

Wil­liams, Lin­da. 2009. „Film­kör­per: Gen­der, Gen­re und Exzess.“ Mon­ta­ge 18/​2/​2009.

McLu­han, Mar­shall. 1996. Die Mecha­ni­sche Braut. Volks­kul­tur des indus­tri­el­len Men­schen. Ams­ter­dam: Ver­lag der Kunst.

The­we­leit, Klaus. 1988. Buch der Köni­ge, Band 1. Frank­furt a. M., Basel: Stroemfeld.

Lünen­borg, Mar­greth und Töp­per, Clau­dia. 2011. „Geziel­te Grenz­ver­let­zun­gen – Cas­ting­shows und Wer­te­emp­fin­den“. In: Aus Poli­tik und Zeit­ge­schich­te 2011 | Jugend und Medien

Sen­nett, Richard. 1983.Ver­fall und Ende des öffent­li­chen Lebens. Die Tyran­nei der Inti­mi­tät. Frank­furt: Fischer.

Bild­nach­weis

Titel­bild von Bla­ke Kathryn.

Fritz Böhler

Fritz Böh­ler

Fritz Böh­ler ist Welt­be­ob­ach­ter und Haus­mann, Theo­re­ti­ker und Kuli­na­ri­ker. Er unter­rich­tet Gesell­schafts­wis­sen­schaf­ten an der Uni Basel, arbei­tet als his­to­ri­scher Archi­var und Recher­cheur, als Über­set­zer und Autor.

Erschie­nen in:

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