Amateur­por­nos haben Hoch­kon­junk­tur. „Ama­teur“ gehört welt­weit zu den zehn meist­ge­such­ten Schlag­wör­tern auf por­no­gra­phi­schen Inter­net­platt­for­men. Ihren eigen­tüm­li­chen Reiz haben Ama­teur­fil­me erst nach der Pro­fes­sio­na­li­sie­rung der Por­no­gra­phie ent­fal­tet – nach­dem also ein gan­zer Indus­trie­zweig für Darsteller*innen und Regisseur*innen Berufs‑, Kar­rie­re- oder gar Pro­mi­nenz­mög­lich­kei­ten in Aus­sicht stell­te. Und die­ser pro­fes­sio­nel­len Mas­sen­pro­duk­ti­on begeg­net das Ama­teur­ma­te­ri­al mit dem Anspruch, ech­ter und authen­ti­scher zu sein.

Cum shot

Die­se Ambi­ti­on zur Dis­tink­ti­on ver­wun­dert zunächst, hebt sich doch der Por­no­film, egal ob pro­fes­sio­nel­len Ursprungs oder nicht, von Ero­ti­ka bereits durch sei­ne ‚Echt­heit‘ ab: Schliess­lich war­tet er gegen­über jenen kunst­vol­len Dar­stel­lun­gen von Sexua­li­tät mit Geschlechts­ak­ten auf, die tat­säch­lich vor der Kame­ra voll­zo­gen wer­den. Um die­sen Unter­schied noch zu unter­strei­chen, führ­ten Film und Foto in den 1930er-Jah­ren den soge­nann­ten money shot oder cum shot ein: Seit­dem bezeugt meist der Mann die Echt­heit des Aktes der Eja­ku­la­ti­on aus­ser­halb des Kör­pers sei­ner Geschlechtspartner*innen (Seeß­len 1990). Wenn nicht qua eines exklu­si­ven Anspruchs auf Echt­heit in die­sem Sin­ne, inwie­fern kann sich der Ama­teur­film als das noch authen­ti­sche­re Gen­re behaup­ten?

Auf der Suche nach einer Ant­wort stösst man auf die merk­wür­dig evas­i­ve Natur alles Ama­teur­haf­ten: Ähn­lich einer Flie­ge ent­kommt die Kate­go­rie nahe­zu jedem Ver­such, sie zu defi­nie­ren und stu­die­ren. Und denkt man, sie wäre end­lich unterm Glas, ver­än­dert sie noch rasch ihre Gestalt. Tat­säch­lich hat sich das, was wir als Ama­teur­por­no­gra­phie emp­fin­den, inner­halb der letz­ten Jah­re so rasch gewan­delt und aus­ge­wei­tet, dass selbst ihre Abgren­zung zur pro­fes­sio­nel­len Por­no­gra­phie durch­läs­sig gewor­den ist. Aus die­sem Grun­de tref­fen wir am Ende die­ser Suche auf die Fra­ge, ob der Ama­teur der Por­no­gra­phie nicht längst ver­lo­ren ging und nur noch in der Kate­go­rie des Hob­bys zu fin­den ist.

Ama­teur-Ästhe­tik 1.0

Nach sei­ner all­ge­mei­nen und vagen Defi­ni­ti­on ist ein Ama­teur jemand, der einer Tätig­keit aus Lei­den­schaft nach­geht. In den ers­ten Lexi­ka-Ein­trä­gen fin­det sich aller­dings schon die Ein­schrän­kung, dass die Lieb­ha­be­rei Din­gen und nicht etwa Per­so­nen gilt. Daher wird die Figur des Ama­teurs im Kon­text von spe­zia­li­sier­ten Tätig­keits- bzw. Ding­be­rei­chen the­ma­ti­siert, wobei Fra­gen der Inklu­si­on im Mit­tel­punkt ste­hen: Unter wel­chen Bedin­gun­gen dür­fen wel­che Per­so­nen an spe­zia­li­sier­ten Fel­dern par­ti­zi­pie­ren? Zeit­ge­nös­sisch gren­zen sich Ama­teu­re stets von Pro­fes­sio­nel­len ab. Wie jedoch der rele­van­te Unter­schied fixiert wird, ob anhand von For­ma­lia, Ent­loh­nung oder Pra­xis­stan­dards, hängt stets vom jewei­li­gen Bereich ab.

„Ama­teur“ In: Fure­tiè­re, Antoi­ne. 1690. Dic­tionn­aire uni­ver­sel con­ten­ant géné­ra­le­ment tous les mots françois, tant vieux que moder­nes, & les ter­mes de tou­tes les sci­en­ces et des arts.
Auf­dring­li­che Kame­ra: Ein Mann lässt sei­nen Geschlechts­ver­kehr von sei­nem ver­steck­ten Mobil­te­le­fon auf­zeich­nen.

In der Por­no­gra­phie geniesst der Ama­teu­ris­mus eine wun­der­li­che Stel­lung, da er einer­seits für ein ästhe­ti­sches Gen­re, ande­rer­seits für den Sta­tus einer Per­son steht. Ästhe­tisch gilt eine por­no­gra­phi­sche Insze­nie­rung dann als ama­teur­haft, wenn sie sich in Abgren­zung zu pro­fes­sio­nel­len Dar­stel­lungs­wei­sen kon­sti­tu­iert – mit dem Anspruch, eine zweck­freie Lei­den­schaft zur Gel­tung zu brin­gen (Leh­man 2007). Die Frei­heit von kom­mer­zi­el­len Zwe­cken ist zunächst die Wäh­rung von Ama­teur­fil­men: Da letz­te­re nicht vor­ge­bucht und kaum orches­triert, schlecht aus­ge­leuch­tet und kaum geschnit­ten sind, dar­über hin­aus den kleb­ri­gen Küchen­bo­den gegen­über glit­zern­den Pool­decks bevor­zu­gen, wei­sen sie auf einen selbst­ge­nüg­sa­men, pas­sio­nier­ten, ja spon­ta­nen Lust­an­fall hin, der auch ohne Kame­ra hät­te statt­fin­den kön­nen. Inter­es­san­ter­wei­se kommt der Kame­ra in Ama­teur­por­nos eine viel höhe­re Prä­senz als in pro­fes­sio­nel­len Pro­duk­tio­nen zu. Auf­grund ihrer Auf­dring­lich­keit, die sich durch abrup­tes Zurecht­rü­cken, unge­wöhn­li­che Immo­bi­li­tät oder unmo­ti­vier­tes Ein- und Aus­schal­ten bemerk­bar macht, wähnt sich das Publi­kum hin­ter den Kulis­sen, wäh­rend ihm die­se immer­si­ve Erfah­rung bei pro­fes­sio­nel­len Fil­men ver­wehrt bleibt. Auf visu­el­ler Ebe­ne geht es also auch dar­um, das Publi­kum am Gesche­hen par­ti­zi­pie­ren zu las­sen.

Jen­na Jame­son gilt als die Por­noi­ko­ne der 1990er-Jah­re und als Export­schla­ger des San Fer­nan­do Val­leys, in dem bis zu 90 Pro­zent der US-ame­ri­ka­ni­schen Por­no­fil­me pro­du­ziert wur­den.

Neben der Pro­duk­ti­ons­wei­se drückt sich der Ama­teur­por­no beson­ders durch die Wahl ‚alter­na­ti­ver‘ Kör­per aus: Statt den uni­form makel­lo­sen, ope­rier­ten und bron­ze­nen bodies der Porn-Val­ley-Stars der 1990er-Jah­re kom­men unge­schmink­te, unra­sier­te und natur­be­las­se­ne Kör­per zum Ein­satz. Vor allem aber setzt der Ama­teur­strei­fen auf die Inklu­si­on alter­na­ti­ver Iden­ti­tä­ten wie Dykes, Queers, She­ma­les u.v.m.. Das macht ihn nicht nur für  ein Publi­kum attrak­tiv, das sich ob den hete­ro­nor­ma­len Reprä­sen­ta­ti­ons­for­men des pro­fes­sio­nel­len Por­nos gelang­weilt oder frus­triert abge­wandt hat. Auch femi­nis­tisch und kul­tur­kri­tisch inspi­rier­te Wis­sen­schafts­dis­kur­se ent­de­cken das Demo­kra­ti­sie­rungs­po­ten­ti­al des Ama­teur­haf­ten für sich (u.a. Jacobs et al., 2007; McGlot­ten 2014; Paa­so­o­nen 2010). Sie deu­ten und fei­ern den Do-it-yours­elf-Strei­fen als kunst­vol­le Selbst­dar­stel­lung und lei­den­schaft­li­che Eman­zi­pa­ti­on. Mehr noch: Sie machen in ihm eine sub­ver­si­ve Form aus, die sich nicht gegen Por­no­gra­phie an sich, son­dern gegen ihre hege­mo­nia­le und indus­tri­el­le male­stream-Vari­an­te wen­det.

Die Imi­ta­ti­on der Ama­teur-Ästhe­tik

So grund­le­gend die Abgren­zung vom Pro­fes­sio­nel­len für das Ama­teur­gen­re en gros ist, so kom­pli­ziert fällt die Unter­schei­dung en détail aus. Bereits auf der visu­el­len Ebe­ne erweist sich die Ästhe­tik des Ama­teur­por­nos als hoch­gra­dig imi­ta­ti­ons­an­fäl­lig. Denn wer Authen­ti­zi­tät kapi­ta­li­siert, han­delt sich den Fäl­schungs­ver­dacht mit ein. Schon vor dem digi­ta­len Ama­teur­por­no ent­deck­te die Indus­trie die Ama­teur-Ästhe­tik für sich, die auf­grund der home-video-Tech­no­lo­gie Mit­te der 1980er-Jah­re erst­mals boom­te. Der soge­nann­te shama­teu­rism, das Fin­gie­ren ama­teu­ria­ler Cha­rak­te­ris­ti­ka, kennt in der Por­no­gra­phie vie­le Vari­an­ten. Sie rei­chen von der Kura­tie­rung von Heim­vi­de­os durch pro­fes­sio­nel­le Stu­di­os über die Aneig­nung von Indie-Ästhe­tik bis hin zum pro­fes­sio­nel­len Film­dreh mit Ama­teu­ren.

Wer Authen­ti­zi­tät kapi­ta­li­siert, han­delt sich den Fäl­schungs­ver­dacht mit ein.

Shama­teu­rism: Die Sei­te Fake Agent gibt vor, jun­ge Frau­en mit Job­an­ge­bo­ten ins Bett zu locken. Bloss: fake ist nicht nur der Agent, son­dern auch die angeb­lich getäusch­ten Frau­en: Sie sind alle Pro­fi-Dar­stel­le­rin­nen.

Die­se Imi­ta­tio­nen füh­ren regel­mäs­sig zu ästhe­ti­schen Ver­un­si­che­run­gen, die in immer neue Ver­su­che der Ver­ge­wis­se­rung mün­den. Wo visu­el­le Indi­zi­en im Film selbst nicht mehr aus­rei­chen, wird nach Hin­wei­sen gesucht, die den Ama­teur-Sta­tus der Pro­duk­ti­on, min­des­tens aber jener der Darsteller*innen bewei­sen. Für die Konsument*in ist dies kein leich­tes Unter­fan­gen, da die Digi­ta­li­sie­rung nicht nur einen Exzess an Por­no­fil­men, son­dern auch an neu­en Ori­en­tie­rungs­mög­lich­kei­ten mit sich brach­te. Der digi­ta­le Umbau der Por­no­bran­che macht auch die klas­si­sche Kano­ni­sie­rung obso­let, die in Form von Stars, Pro­duk­ti­ons­häu­sern, Fern­seh­sen­dern oder Ver­leih­bi­blio­the­ken noch Selek­ti­ons­hil­fe bot.

Der Groß­teil des heu­ti­gen Por­no­gra­phie-Kon­sums fin­det auf soge­nann­ten Tube-Sei­ten wie xvi­de­os, xhams­ter oder porn­hub statt, wobei xvi­de­os allein mehr als sie­ben Mil­lio­nen Vide­os beher­bergt (Stand: April 2017). Auf die­sen Platt­for­men lei­ten einer­seits Kate­go­ri­en die Suche an, ande­rer­seits hel­fen benut­zer­spe­zi­fi­sche Algo­rith­men bei der Ori­en­tie­rung („Kun­den, die die­ses Video gese­hen haben, sahen auch …“).

Tube-Sei­tenWelt­wei­te Plat­zie­rung gemäss Daten­ver­kehr*
porn​hub​.com44
xhams​ter​.com79
xvi​de​os​.com83
xnxx​.com214
redtu​be​.com219
*erho­ben mit Ale​xa​.com (18. April 2017)
Kate­go­ri­en auf
Porn­hub

Die Kate­go­ri­en die­ser Tube-Sei­ten bie­ten der Sozio­lo­gin einen Ein­blick in Ten­den­zen und Varie­tä­ten der por­no­gra­phi­schen Seh­kul­tur – und damit in die Ver(un-)sicherungsstrategien des Ama­teur­haf­ten. So führt das Tube-Netz­werk Porn­hub nebst der Leit­un­ter­schei­dung „professionell/​ selbst gemacht“, auch die Kate­go­rie „Ama­teu­re“, die in ers­ter Linie als ästhe­ti­sches Gen­re ver­stan­den wird. Den ent­spre­chen­den Sta­tus erhal­ten die Fil­me anhand ihrer visu­el­len Qua­li­tät. Aller­dings scheint die Ästhe­tik ein zu schwa­cher Garant dafür zu sein, wes­halb die Sei­te die Zusatz­ka­te­go­rie „Veri­fi­zier­te Ama­teu­re“ führt. Sie ent­hält das Ver­spre­chen, dass Porn­hub die Darsteller*innen „veri­fi­ziert“ und damit die not­wen­di­ge Ver­ge­wis­se­rungs­ar­beit zum Sta­tus der Amateur*innen über die Ästhe­tik hin­aus leis­tet. In ihrer Beschrei­bung der Kate­go­rie offen­bart die Platt­form zugleich ihr  Ver­ständ­nis von „ama­teur“: „We veri­fy the­se ama­teurs are not only legal but not pro­fes­sio­nal porn­stars, well at least not yet“ (Her­vor­he­bung D.W.). Weil das Bewer­tungs­re­gime der Sei­te „Pro­fes­sio­nel­le“ als Darsteller*innen aus­gibt, die den Porn­star-Sta­tus mit­hil­fe des Popu­la­ri­tät-Ran­kings der Platt­form erreicht haben, gel­ten Ama­teu­re als Novi­zen.

Wer noch wei­ter in die unsi­che­re Welt der Ama­teur­por­no­gra­phie ein­tau­chen will, dem hel­fen ins­ge­samt 59 Aus­zeich­nun­gen wei­ter, die Porn­hub anhand des Akti­vi­täts­fort­schritts einer Dar­stel­le­rin oder eines Dar­stel­lers ver­gibt, dar­un­ter „New­co­mer of the Month“, „Ama­teur of the Year“ oder „8 year account“. Selbst wer sich nicht ins Sze­ne setzt, aber rege kom­men­tiert oder fleis­sig Play­lis­ten erstellt, erhält eben­falls eine Wür­di­gung: „The  Tol­stoy“ oder  „The Cura­tor“.

Ama­teu­re, pro­fes­sio­nell gewür­digt (Porn­hub)

Ama­teur-Ästhe­tik 2.0

Gegen­über der illu­so­ri­schen „Fan­ta­sie des Ama­teu­ris­mus“ im digi­ta­len Zeit­al­ter zeigt sich jüngst auch die wis­sen­schaft­li­che Beob­ach­tung sen­si­bel (Ruberg 2016). Einer­seits will man sich ange­sichts der ästhe­ti­schen Diver­si­tät auf Tube-Sei­ten nicht mehr auf visu­el­le Indi­zi­en zur Begrün­dung eines kri­ti­schen Ver­ständ­nis­ses des Ama­teur­haf­ten ver­las­sen. Ande­rer­seits zögert man immer mehr, den Nie­der­gang der klas­si­schen Por­no­in­dus­trie als Tri­umph­zug einer (ethisch höher­wer­ti­gen) Ama­teu­ri­sie­rung zu fei­ern. Fol­ge­rich­tig cha­rak­te­ri­siert der wis­sen­schaft­li­che Dis­kurs den zeit­ge­nös­si­schen Ama­teur­por­no jen­seits von ästhe­tisch ein­deu­ti­gen Kri­te­ri­en und binä­ren Unter­schei­dun­gen ver­stärkt anhand sei­ner „fuz­zy logic“ und „blur­ring bounda­ries“. In die­sem Sin­ne heben Stu­di­en kri­tisch her­vor, dass auch der Ama­teur­por­no vom männ­li­chen Blick nicht ver­schont ist (Van Doorn 2010), dass alter­na­ti­ve Platt­for­men eben­so nach kom­mer­zi­el­ler Logik ope­rie­ren (Att­wood 2007) oder dass die Ama­teur-Exis­tenz genau­so har­te Arbeit invol­viert (Ruberg 2016).

Es geht also nicht mehr um Sex, son­dern um die Ret­tung der Wäl­der, um Geschmacks­kul­tur, poli­ti­schen Akti­vis­mus oder Täto­wie­run­gen.

Als neue Kri­te­ri­en für Ama­teu­ris­mus wer­den Aspek­te dis­ku­tiert, die über den Geschlechts­akt hin­aus­wei­sen und For­men der Ver­ge­mein­schaf­tung in Blick neh­men (Att­wood 2007; Jacobs et al. 2010, Paa­so­o­nen 2010). Dies­be­züg­lich wer­den einer­seits For­men des Aus­tauschs gel­tend gemacht, die das Publi­kum noch mehr ein­be­zie­hen und so Gemein­schaf­ten von Pro­sumen­ten bil­den, denen pri­mär eine iden­ti­täts­stif­ten­de Funk­ti­on zukommt. Ande­rer­seits ste­hen Kri­te­ri­en zur Debat­te, die den Grund der Ver­ge­mein­schaf­tung in Blick neh­men: Es geht also nicht mehr um Sex, son­dern um die Ret­tung der Wäl­der, um Geschmacks­kul­tur, poli­ti­schen Akti­vis­mus oder Täto­wie­run­gen.

Fuck for Forest ist eine Grup­pe von Umwelt­ak­ti­vis­ten, die aus Ein­nah­men ihrer gleich­na­mi­gen Web­sei­te mit por­no­gra­phi­schen Ama­teur­auf­nah­men nach eige­nen Anga­ben Umwelt­schutz­pro­jek­te finan­ziert (Quel­le: Wiki­pe­dia)

Mög­li­cher­wei­se lässt sich mit die­ser Per­spek­ti­ve auf peri­phe­re Nischen das Ama­teur­haf­te ret­ten, nur: Die Por­no­gra­phie geht dabei ver­lo­ren.  Denn Wäl­der las­sen sich auch ohne die Auf­zeich­nung des dar­in statt­fin­den­den Sexu­al­ver­kehrs ret­ten.

Die Auf­lö­sung der Unter­schei­dung amateur/​ pro­fes­sio­nell

Wie die mar­kan­te Abgren­zung vom Pro­fes­sio­nel­len den Auf­stieg des Ama­teurs befeu­ert hat, zeugt nun die Ver­un­si­che­rung um den Sta­tus des Ama­teurs vom Kon­tur­ver­lust sei­ner Kon­trast­fi­gur. In einer Pro­duk­ti­ons­land­schaft, die vom Über­fluss an Bild- und Video­ma­te­ri­al und der Knapp­heit von Auf­merk­sam­keit geprägt ist, kann ein Kate­go­ri­en­sys­tem – stam­me es aus der Wis­sen­schaft oder der Bran­che selbst – nur schein­bar dar­über hin­weg täu­schen, dass inzwi­schen alle in die­sem Kon­kur­renz­kampf dilet­tie­ren. Die Auf­wei­chung des Pro­fes­sio­nel­len trei­ben nicht zuletzt die Tech-Fir­men vor­an, die mit nur wenig Inter­es­se an der Por­no­kul­tur  die lukra­ti­ve IT-Infra­struk­tur bereit­stel­len und besit­zen. Die­se sind ästhe­tisch zwar kei­nes­wegs hege­mo­ni­al, struk­tu­rell aber umso mehr. Porn­hubs Betrei­ber Mind­Geek etwa bewirt­schaf­tet ein bunt gemisch­tes Por­no­port­fo­lio, zu dem neben Stu­di­os, Pro­fi- genau­so wie Ama­teur­sei­ten gehö­ren. Inso­fern aber die­se Fir­men mit der Par­ti­zi­pa­ti­on tau­sen­der Men­schen ähn­lich wie Ama­zon oder Airb­nb ihr Geschäft machen, för­dern die­se ‚Arbeit­ge­ber‘ iro­ni­scher­wei­se den Ama­teur: Denn sie wer­ben mit einer anti-pro­fes­sio­nel­len Befrei­ungs­rhe­to­rik für die Teil­nah­me an ihrem „Ama­teur-Rekru­tie­rungs­pro­gramm“, ani­mie­ren zum direk­ten Kon­takt mit den Kun­den etwa inner­halb der „Porn­hub-Com­mu­ni­ty“ und set­zen sich für Diver­si­tät und die Beset­zung von Nischen ein.

Jen­seits aller Unter­schei­dun­gen: Das Hob­by

In kei­ner ande­ren Sphä­re ist der Ama­teu­ris­mus so sicht­bar wie in der Por­no­gra­phie, und sein Sta­tus ist hier durch­aus spe­zi­fisch. Aller­dings kommt man mei­nes Erach­tens sei­ner Spe­zi­fik nicht über Ästhe­tik, ver­schie­de­ne Sta­tus­as­pek­te oder einer „fuz­zy logic“ bei. Wenn, dann über sei­ne pro­fes­sio­nel­le Gegen­sei­te, gegen­über der sich das Gen­re Ama­teur fort­wäh­rend abgrenzt.

Denn bei aller Rede über die Pro­fes­sio­na­li­sie­rung der Por­no­sphä­re sind vie­ler­lei Funk­tio­nen, die Pro­fes­sio­nen qua Beru­fe zur Arbeits­or­ga­ni­sa­ti­on mit sich brin­gen, hier nicht insti­tu­tio­na­li­siert. Dazu zäh­len etwa Instru­men­te der kol­lek­ti­ven Kon­trol­le über Pro­dukt­rech­te und Pro­duk­ti­ons­be­din­gun­gen. Oder die Bil­dung und Ver­tei­di­gung einer pro­fes­sio­nel­len Zustän­dig­keit sowie eines Selbst­ver­ständ­nis­ses über Asso­zia­tio­nen – eine Anglie­de­rung der Por­no­dar­stel­le­rin­nen an die Schau­spiel­er­gil­de wur­de mehr­mals ver­wei­gert. In ihren viel­fäl­ti­gen Zeug­nis­sen beschrei­ben pro­fes­sio­nel­le Por­no­dar­stel­le­rin­nen ihr Selbst-Unter­neh­mer­tum, das zwar Frei­hei­ten gewäh­re, aber jeden kor­po­ra­ti­ven Schutz ent­beh­re (Berg 2016). Aus die­ser Per­spek­ti­ve erscheint der Tri­umph­zug der Ama­teu­re eher not­wen­dig denn tri­um­phal. Die­se pre­kä­ren Arbeits­be­din­gun­gen sind mög­li­cher­wei­se das Ergeb­nis kul­tu­rell ver­an­ker­ter Beschrän­kun­gen, Sex­ar­beit über­haupt als Arbeit anzu­se­hen (Nuss­baum 1996). Dar­über hin­aus bie­tet Por­no­gra­phie kei­ne lang­fris­ti­gen Kar­rie­re­mög­lich­kei­ten – mit dem Effekt, dass die hohe Fluk­tua­ti­on zum ama­teu­ria­len Zustand der Por­no­gra­phie wesent­lich bei­trägt. Laut jüngs­ten Umfra­gen wächst der Rekru­tie­rungs­pool stän­dig an, wäh­rend die Kar­rie­ren immer kür­zer wer­den (Tar­rant 2016).

So bleibt die Fra­ge, ob künf­ti­ge Indi­zi­en es nahe­le­gen, die Suche nach dem Ama­teur und den Gegen­satz amateurial/​professionell in der Por­no­gra­phie ad acta zu legen und die Tätig­keit voll­ends in die Kate­go­rie des Hob­by­is­mus zu ver­schie­ben.  Für den Kate­go­ri­en-Wech­sel sprä­che, dass der Hob­by­is­mus – im Gegen­satz zu einer Tätig­keit aus Pas­si­on – ähn­lich cha­rak­te­ri­siert ist wie der zeit­ge­nös­si­sche Por­no­film: Quick and dir­ty.

Für den Kate­go­ri­en-Wech­sel sprä­che, dass der Hob­by­is­mus ähn­lich cha­rak­te­ri­siert ist wie der zeit­ge­nös­si­sche Por­no­film: Quick and dir­ty.

Lite­ra­tur

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Titel­bild von Bla­ke Kathryn.

Désirée Waibel

Dési­rée Wai­bel

Dési­rée Wai­bel ist Sozio­lo­gin und wis­sen­schaft­li­che Mit­ar­bei­te­rin am SOCIUM – For­schungs­zen­trum für Ungleich­heit und Sozi­al­po­li­tik der Uni­ver­si­tät Bre­men sowie an der Fern­Uni Schweiz. In Ihrer Dok­tor­ar­beit forscht sie über den zeit­ge­nös­si­schen Ama­teu­ris­mus und zur Sozio­lo­gie der Exper­ti­se. Für ihre For­schun­gen hat sie ein Sti­pen­di­um des Schwei­ze­ri­schen Natio­nal­fonds erhal­ten.

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