Unten trau­ern noch
die Ego­is­ten,
Major Tom denkt sich
‚Wenn die wüss­ten,
mich führt hier ein Licht
durch das All.
Das kennt ihr noch nicht.
Ich kom­me bald;‘

Diese Zei­len träl­ler­te Peter Schil­ling vor 35 Jah­ren über den völ­lig los­ge­lös­ten Major Tom. Heut­zu­ta­ge folgt auch ein Faps­tro­naut dem Licht durch die Wei­ten des Inter­net. Im Gegen­satz zu Major Tom wird der Faps­tro­naut aber nicht kom­men. Par­don, er will nicht kom­men. Denn er ist davon über­zeugt, dass die dunk­len und schmud­de­li­gen Tie­fen des elek­tro­ni­schen Welt­alls – er meint hier vor allem die porn­ö­sen Dar­kooms vol­ler Fes­seln, Gangs und Mas­ken – sei­ner Gesund­heit und Psy­che scha­den. „Zurück zur Natur!“, for­der­te Rous­se­au einst, „Zurück zur por­no­frei­en Welt“, pro­kla­miert der Faps­tro­naut. Ent­fes­selt und los­ge­löst klingt das zwar nicht. Den­noch ver­bün­den sich welt­weit jun­ge Män­ner zu der Anti-Por­no-Bewe­gung NoFap – abge­lei­tet aus dem Eng­li­schen to fap für mas­tur­bie­ren.

NoFap ist inter­net­ba­sier­te Gemein­schaft, die 2011 auf Red­dit ins Leben geru­fen wur­de und heu­te (April 2017) mehr als 220’000 Mit­glie­der, soge­nann­te Fab­s­t­ro­nau­ten, zählt. Der Ver­zicht auf Por­no­gra­phie und Mas­tur­ba­ti­on führt laut Anhän­gern zu einem höhe­ren Tes­to­ste­ron­spie­gel, der mehr Lebens­qua­li­tät, bes­se­ren ‚ech­ten‘ Sex, höhe­re Zufrie­den­heit etc. mit sich brin­ge. Die Com­mu­ni­ty moti­viert ihre Anhän­ger mit Wett­be­wer­ben im Durch­hal­te­wil­len und Trost für die Rück­fäl­li­gen.

Die Faps­tro­nau­ten gehö­ren einer Genera­ti­on an, die mit Web­sei­ten wie You­Porn, Porn­hub oder Porn­tu­be auf­wuchs – Por­no­ka­nä­le, wo jeder Kick nur einen Klick ent­fernt ist. Knapp 12,2 Mil­lio­nen Deut­sche haben allein im Juli 2016 min­des­tens ein­mal eine Por­no- oder Ero­tik­sei­te auf­ge­ru­fen. Das ent­spricht einem Fünf­tel der Internetnutzer*innen in Deutsch­land. Der Por­no­kon­sum über mobi­le End­ge­rä­te wie Smart­pho­nes oder Tablets ist in die­ser Befra­gung noch gar nicht berück­sich­tigt (die medi­en­an­stal­ten 2016). Aus den Traf­ficda­ten geht her­vor, dass Deutsch­land seit vier Jah­ren kon­stant in der welt­wei­ten Top 10 der Porn­hub-Nut­zung zu fin­den ist.

Por­no­gra­phie ist in all ihren Varia­tio­nen ver­füg­ba­rer denn je und sie wird mas­siv genutzt. Der Medi­en­wan­del hin zur Gesell­schaft 4.0, Breit­band­zu­gän­ge und nahe­zu voll­stän­di­ge Netz­ab­de­ckung haben auch beim The­ma Sex Spu­ren hin­ter­las­sen: Die ver­schäm­te Bit­te an den älte­ren Freund, doch mal in der hin­te­ren Abtei­lung in der Video­thek vor­bei­zu­schau­en, bleibt erspart. Heu­te kann der erwar­tungs­vol­le Fap­freund – zumin­dest gefühlt anonym – mit der Maus über nack­te Kör­per jeg­li­cher Form und sämt­li­chen Alters strei­chen und sei­nen sexu­el­len Vor­lie­ben mit­tels aus­ge­feil­ter Such­wort­kom­bi­na­tio­nen zumin­dest visu­ell frö­nen. „Sind Sie 18 Jah­re oder älter?“ – „Klar, was auch immer du willst, Baby!“

NoFap – wis­sen­schaft­lich beglau­bigt?

Die gerin­ge Zugangs­schwel­le zu Por­no­gra­phie und die Anony­mi­tät ist beson­ders für Jugend­li­che attrak­tiv, denn sie kön­nen ohne Scham stau­nen. Aus der Schwei­zer JAMES-Stu­die geht her­vor, dass 74 Pro­zent der männ­li­chen Schü­ler zwi­schen 12 und 19 Jah­ren schon mal Por­no­fil­me auf dem Han­dy oder Com­pu­ter ange­schaut haben. Bei den Mäd­chen waren es 19 Pro­zent (Wal­ler et al. 2016). Ihnen bie­tet sich ein Pro­gramm, das die Optio­nen der Rea­li­tät bei Wei­tem über­schrei­tet. Ein kon­trä­res Pro­gramm zum abge­klär­ten Bio­lo­gie­leh­rer, der krampf­haft im Auf­klä­rungs­un­ter­richt ver­sucht, ein Kon­dom über eine Bana­ne zu stül­pen und dabei von Syphi­lis, HIV und Feig­war­zen erzählt. War da nicht noch was? Ach ja: Lei­den­schaft, Lust und Ver­gnü­gen – na, das wird spä­ter im Netz nach­ge­holt.

Frus­tra­ti­on und Mas­tur­ba­ti­on:
Ein­neh­men­de Kau­sa­li­tä­ten wol­len
Fap­pers zu NoF­ap­pers machen.

Gera­de die dort anzu­tref­fen­de, ganz und gar lust­zen­trier­te und auf die mul­ti-orgas­mi­sche Spit­ze getrie­be­ne Dar­bie­tung von ‚Rea­li­tät‘ turnt die Faps­tro­nau­ten ab. Die Dar­stel­lun­gen wür­den fal­sche Vor­stel­lun­gen der Rea­li­tät kre­ieren, fes­ti­gen und kul­ti­vie­ren. Sie zemen­tier­ten macho-kon­for­me Rol­len­bil­der, mal­ten Bil­der vom ‚Immer-Kön­nen‘ in kaum vor­stell­ba­ren For­men, Far­ben und Men­gen. Schlim­mer noch: Gewalt, Sex mit Min­der­jäh­ri­gen oder Tie­ren wür­den als gesell­schafts­fä­hig wahr­ge­nom­men wer­den. Das Devi­an­te erhal­te eine media­le Pro­mi­nenz, die in kaum einer Rea­li­tät zu fin­den sei. Die Dis­kre­panz zur eige­nen Sexua­li­tät füh­re zu unrea­lis­ti­schen Erwar­tun­gen und zu Frus­tra­ti­on.

Medi­en­for­scher kön­nen die­sen Effekt spä­tes­tens seit den 1970er Jah­ren regel­mä­ßig bele­gen: Viel­se­her bestimm­ter Inhal­te schät­zen die Rea­li­tät eher so ein, wie sie in den Medi­en dar­ge­stellt wird. Vom Anrei­chern über das Abän­dern bis hin zum kom­plet­ten Ersatz der eige­nen Rea­li­täts­vor­stel­lun­gen durch die media­len Ein­drü­cke ist bei den Viel­se­hern alles mög­lich. Durch die aus­ge­präg­te Nut­zung wer­den sie am Ende in zwei­fa­cher Hin­sicht kul­ti­viert. Die Rea­li­täts­ein­schät­zun­gen aus den Medi­en mani­fes­tie­ren sich zum einen in den Ein­stel­lun­gen, z. B. gegen­über Frau­en oder Män­nern, und zum ande­ren im Ver­hal­ten wie etwa dem eige­nen Sexu­al­le­ben. Wie sieht der Welt­raum aus? Was läuft bei einer Gang-Bang-Par­ty ab? Obgleich die wenigs­ten weder das eine noch das ande­re je live erlebt haben, for­miert sich den­noch ein Bild im Kopf, das durch die Medi­en kon­stru­iert wur­de. Kommt nun noch eine Ein­stel­lung und ein Ver­hal­ten hin­zu – voi­là, ein voll­stän­di­ger Kul­ti­vie­rungs­ef­fekt.

Der lan­ge Schat­ten Arthur Schnitz­lers: Des­sen psy­cho­ana­ly­tisch gepräg­te Traum­no­vel­le von 1925 bil­det nach wie vor eine Inspi­ria­ti­ons­quel­le für wis­sen­schaft­li­che Hypo­the­sen­bil­dung und cine­as­ti­sche Fik­ti­on: Sie arbei­ten sich bei­de an der Idee ab, wonach sexu­el­le Phan­ta­si­en unser Leben nicht spie­geln, son­dern umge­kehrt: Die kul­tu­rel­le und gesell­schaft­li­che Wirk­lich­keit ist Resul­tat eige­ner oder frem­der Phan­ta­si­en. (Screen­shot aus Eyes Wide Shut, Kubricks Ver­fil­mung der Traum­no­vel­le (1999)).

Unter­stüt­zung fin­den die Faps­tro­nau­ten im US-Bun­des­staat Utah. Die­ser ver­tritt in einer offi­zi­el­len Reso­lu­ti­on zur Public Health 2016 die Auf­fas­sung, dass Por­no­gra­phie ein Gesund­heits­ri­si­ko dar­stel­le und eine sexu­ell ver­gif­te­te Umwelt fes­ti­ge (SCR 2016). Ähn­lich wie die Faps­tro­nau­ten for­dert der Mor­mo­nen­staat zu einem dras­ti­schen Ver­zicht auf. Die Augu­ren stüt­zen sich auf Stu­di­en, wel­che die nega­ti­ve Wir­kung von län­ger­fris­ti­gem Por­no­kon­sum sowohl auf die Wahr­neh­mung von Lie­bes­be­zie­hun­gen als auch die Zufrie­den­heit in der Part­ner­schaft nach­wei­sen. So zeig­ten Stu­di­en der Kom­mu­ni­ka­ti­ons­for­scher Jen­nings Bryant und Dolf Zill­mann aus den 1980er und 90er Jah­ren: Je häu­fi­ger man Por­nos kon­su­miert, des­to unzu­frie­de­ner und miss­traui­scher begeg­net man dem Part­ner. Zudem ver­deut­lich­te Zill­manns Team, dass Viel­se­her von Por­nos eher Untreue akzep­tie­ren und weni­ger bereit sind für den Bund der Ehe und eine eige­ne Fami­lie. Aktu­el­le neu­ro­wis­sen­schaft­li­che Stu­di­en wie von Simo­ne Kühn und Jür­gen Gal­li­nat offen­ba­ren einen Zusam­men­hang zwi­schen Por­no­gra­phie­kon­sum und einem Rück­gang der Ner­ven­zel­len im Beloh­nungs­zen­trum des Gehirns. Die Psy­cho­lo­gen nen­nen die­sen Effekt Habi­tua­ti­on: Man gewöhnt sich peu à peu an das Erre­gungs­ni­veau, die Reak­ti­on auf die glei­chen Rei­ze schwächt sich all­mäh­lich ab. Es wird „immer mehr“ oder „immer Stär­ke­res“ benö­tigt, um das Gra­ti­fi­ka­ti­ons­ni­veau auf­recht zu erhal­ten und um immer wie­der einen Kick zu verspüren.[optin-monster-shortcode id=„dt9rsfvwqpi1fje5qsi0“]

End­lich ist es mög­lich, nicht nur aus moral-ethi­schen, son­dern auch aus wis­sen­schaft­li­chen Grün­den Por­no­gra­phie zu ver­teu­feln, jubelt der Faps­tro­naut.

End­lich ist es mög­lich, nicht nur aus moral-ethi­schen, son­dern auch aus wis­sen­schaft­li­chen Grün­den Por­no­gra­phie zu ver­teu­feln, jubelt der Faps­tro­naut. Denn in einer Gesell­schaft, die Por­no­gra­phie als rea­li­täts­nah ver­kauft, kann die Rea­li­tät an die­sen Bil­dern der Lust nur abschlaf­fen. Den For­schern zufol­ge müss­te der Por­no­lieb­ha­ber ein miss­traui­scher, unzu­frie­de­ner und abge­stumpf­ter Part­ner sein, zur Untreue bereit und immer auf dem Sprung, sobald das Wort ‚Ehe‘ fällt.

Pla­kat­kam­pa­gne von 2015 der Mor­mo­nen-Akti­vis­ten Fight the new Drug.

NoFap – wis­sen­schaft­lich dif­fe­ren­ziert.

Aber nein, halt, moment mal! Mög­li­cher­wei­se han­delt es sich eher um eine ohne­hin abge­stumpf­te Krea­tur, die ihre Lust vor allem im Dark Net aus­le­ben kann? Tat­säch­lich bleibt bei den meis­ten Kul­ti­vie­rungs­stu­di­en die Kau­sa­li­tät offen: Ist die Abstump­fung oder Rea­li­täts­ver­zer­rung eine Fol­ge des Por­no­kon­sums oder nei­gen viel­mehr Men­schen mit einer bestimm­ten Welt­sicht eher zu dem ‚über­mäs­si­gen‘ Kon­sum, weil die­ser ihr Bild bestä­tigt? Die Beto­nung liegt also weni­ger auf dem  Auf­re­gungs­po­ten­ti­al der gemei­nen Welt, son­dern auf den anre­gen­den und erre­gen­den Mög­lich­kei­ten por­no­gra­phi­scher Inhal­te. Schwebt der sen­si­ble Faps­tro­naut also völ­lig zu Unrecht sto­isch in den hell erleuch­te­ten Berei­chen im Net und hät­te längst den Sprung in ein schwar­zes Loch ris­kie­ren kön­nen?

Denn wie die jün­ge­re For­schung zeigt, ist die Annah­me einer mono­kau­sa­len Bezie­hung – der ein­sei­ti­ge Ein­fluss der Medi­en auf die Rea­li­täts­ein­schät­zun­gen, Ein­stel­lun­gen und das Ver­hal­ten – naiv.

Die Ant­wor­tet lau­tet weder Ja noch Nein, son­dern: Es kommt dar­auf an. Und zwar auf die Per­sön­lich­keit des Nut­zers und der Nut­ze­rin und auf den Inhalt der Bot­schaft. Denn wie die jün­ge­re For­schung zeigt, ist die Annah­me einer mono­kau­sa­len Bezie­hung – der ein­sei­ti­ge Ein­fluss der Medi­en auf die Rea­li­täts­ein­schät­zun­gen, Ein­stel­lun­gen und das Ver­hal­ten – naiv. Statt­des­sen iden­ti­fi­zie­ren For­scher welt­weit immer mehr Fak­to­ren, die ein dif­fe­ren­zier­tes Licht wer­fen auf das Zusam­men­spiel von Por­no­gra­phie und etwa patri­ar­cha­li­schen Ein­stel­lun­gen gegen­über Frau­en oder sexu­ell auf­fäl­li­gem Ver­hal­ten. Nicht jeder Por­no­lieb­ha­ber neigt dem­nach zur Unzu­frie­den­heit oder gar aggres­si­vem Ver­hal­ten gegen­über dem Part­ner, oder erwar­tet Dau­er­erek­tio­nen in den atem­be­rau­bends­ten Stel­lun­gen an den exo­tischs­ten Plät­zen. Und ein aggres­si­ve­res Ver­hal­ten durch exzes­si­ven Por­no­gra­phie­kon­sum ist vor allem bei Män­nern anzu­tref­fen, die ohne­hin eine abschät­zi­ge Hal­tung gegen­über Frau­en haben. Por­no­gra­phie ver­stärkt also vor allem bestehen­de sexu­el­le Laten­zen, als dass es aus Mis­sio­nars­stel­lungs-Lieb­ha­bern Gang-bang-Bes­ti­en macht. Eine fünf­pro­zen­ti­ge Irr­tums­wahr­schein­lich­keit nicht aus­ge­schlos­sen.

Die beru­hi­gen­de Wir­kung des
Play­boy. Im Bild: ers­te Aus­ga­be.

Kalei­do­sko­par­tig zeigt eine aktu­el­le sys­te­ma­ti­sche Zusam­men­fas­sung von 22 Stu­di­en aus sie­ben Län­dern, dass die Art der „Dar­bie­tung“ einen ent­schei­den­den Ein­fluss auf die Wahr­neh­mung hat (Wright et al. 2016). Wird der Geschlechts­akt expli­zit dar­ge­stellt, wie es in Por­no­fil­men der Fall ist, nei­gen sowohl weib­li­che als auch männ­li­che Zuschau­er tat­säch­lich – zumin­dest unmit­tel­bar nach der Rezep­ti­on – zu aggres­si­ve­rem Ver­hal­ten, sei es phy­sisch oder ver­bal. Nimmt man hin­ge­gen einen Play­boy zur Hand, der den rei­nen Nackt­bil­dern hul­digt, dann wer­den Aggres­sio­nen sogar redu­ziert. Eine wich­ti­ge Erkennt­nis, die ins­be­son­de­re für eine Genera­ti­on rele­vant ist, die den all­zu harm­lo­sen Play­boy ver­schmäht und sich statt­des­sen durch You­Porn klickt.

Für den Faps­tro­nau­ten wäre somit Die Geburt der Venus von San­dro Bot­ti­cel­li kein Tabu­bild mehr, son­dern dürf­te ganz im Gegen­teil als Desk­top­hin­ter­grund die­nen. Ver­stär­ken Por­no­fil­me mit Gewalt­se­quen­zen ein aggres­si­ves Ver­hal­ten? Zum Über­blick: Eine Inhalts­ana­ly­se aus dem Jahr 2010 unter­such­te 304 Sze­nen der meist­ver­kauf­ten bzw. ver­lie­hen­den Hard­core-Vide­os in den USA. Dem­zu­fol­ge ent­hiel­ten 88 Pro­zent phy­si­sche Aggres­si­on wie etwa „den Hin­tern ver­soh­len“, klat­schen und kne­beln sowie 49 Pro­zent Beschimp­fun­gen und Belei­di­gun­gen. Die Täter waren meist die Män­ner (70 Pro­zent), die Opfer zu 94 Pro­zent Frau­en. Noch gra­vie­ren­der: Die Opfer genos­sen in 95 Pro­zent aller Fäl­le das Ver­hal­ten oder reagier­ten neu­tral (Brid­ges et al., 2010). Nimmt der Zuschau­er die­se Dar­stel­lun­gen als rea­li­täts­nah wahr und wird im bes­ten Fal­le von der tat­säch­li­chen Rea­li­tät über­rascht? Tat­säch­lich zeigt die sys­te­ma­ti­sche Zusam­men­fas­sung von 22 Stu­di­en im aggres­si­ven Ver­hal­ten der Zuschau­er kei­nen Unter­schied zwi­schen Fil­men, in denen der Por­no­dar­stel­le­rin der Hin­tern ver­soh­len wird oder nicht. Doch Obacht: Nicht-gewalt­hal­ti­ge Por­no­fil­me sind ent­ge­gen ihrer Klas­si­fi­zie­rung noch lan­ge kein Hin­weis dar­auf, dass ein ein­ver­nehm­li­cher Ver­kehr dar­ge­stellt wird. Sie kön­nen immer noch degra­die­ren­de und patri­ar­cha­li­sche Bot­schaf­ten ent­hal­ten, wel­che die Ein­stel­lun­gen und das Ver­hal­ten der Zuschau­er kul­ti­vie­ren.

Por­no­gra­phie ist folg­lich nicht unbe­dacht die Abso­lu­ti­on zu ertei­len.

Por­no­gra­phie ist folg­lich nicht unbe­dacht die Abso­lu­ti­on zu ertei­len. Neben den genann­ten und durch­aus nicht uner­heb­li­chen Kul­ti­vie­rungs­ef­fek­ten kön­nen por­no­gra­phi­sche Dar­stel­lun­gen, in denen in der Regel (irgend­wann) bei­de hef­tigst wol­len und kön­nen, zur Pro­li­fe­ra­ti­on des so genann­ten Rape Myth bei­tra­gen: Das Opfer, in der Regel die Frau, will von Natur aus über­wäl­tigt wer­den will – Man(n) muss nur lan­ge genug drän­gen. Gera­de Freun­de des Dark Net nei­gen dazu, die­sem Mythos anzu­hän­gen. Sie leben in der Über­zeu­gung, dass Frau­en sich ins­ge­heim wün­schen, Opfer einer Ver­ge­wal­ti­gung zu wer­den und eigent­lich ‚ja‘ mei­nen, wenn sie ’nein‘ sagen. Gespeist wird die Vor­stel­lung von der Annah­me, dass Frau­en Gewalt sexu­ell sti­mu­lie­rend emp­fän­den. Die Tat wird durch den Umstand ent­schul­digt, dass die Frau­en auf­rei­zend geklei­det und abends allei­ne unter­wegs waren – ihnen wäre mit der Gewalt­an­wen­dung recht gesche­hen. Dabei hat in der Rea­li­tät wohl kaum eine Lie­bes­ge­schich­te mit ‚Ich woll­te kei­nen Sex mit ihm‘ begon­nen – so lesen sich allen­falls Pro­to­kol­le in Ver­ge­wal­ti­gungs­pro­zes­sen. Oder eben die Skrip­te von Por­no­fil­men.

Es ist offen­bar nicht der gene­rel­le Ver­zicht auf Por­no­gra­phie, der ent­span­nend wirkt. Statt­des­sen soll­ten in einer Kri­tik an Por­no­gra­phie von Faps­tro­nau­ten, US-Bun­des­staa­ten oder ande­ren stets der Medi­en­typ, die Art der Dar­stel­lung und die per­sön­li­chen Merk­ma­le der Nut­zer berück­sich­tigt wer­den. Je nach­dem, wie die­se Kom­bi­na­ti­on aus­fällt, sind unter­schied­li­che Moti­ve hin­ter der Nut­zung und ver­schie­de­ne Wir­kun­gen zu erwar­ten. Von die­ser Erkennt­nis beseelt schwebt er völ­lig los­ge­löst von der Erde, schwebt der Faps­tro­naut völ­lig schwe­re­los. Die Erde schim­mert blau. Sein letz­ter Funk kommt: „Grüßt mir mei­ne Frau.“

Völ­lig los­ge­löst. Screen­shot aus Gra­vi­ty (Cuarón 2013)

Lite­ra­tur

Brid­ges, A. J., et al.. 2010. „Aggres­si­on and sexu­al beha­vi­or in best-sel­ling por­no­gra­phy vide­os: a con­tent ana­ly­sis update“, Vio­lence Against Women 16(10). S. 1065–1085.

Die Medi­en­an­stal­ten. 2016. „Daten und Fak­ten zur Inter­net­nut­zung im Juli 2016. Auf Basis von Niel­sen Digi­tal Con­tent Mea­su­rement (Mit dem Schwer­punkt ‚Nut­zung von Por­no- und Ero­tik­an­ge­bo­ten im Inter­net‘)“, URL.

Kühn, S., & Gal­li­nat, J.. 2014. „Brain struc­tu­re and func­tio­n­al con­nec­tivi­ty asso­cia­ted with por­no­gra­phy con­sump­ti­on: the brain on porn“, JAMA Psych­ia­try 71(7), S. 827–34.

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Wright, P. J., Toku­na­ga, R. S., & Kraus, A.. 2016. „A Meta-Ana­ly­sis of Por­no­gra­phy Con­sump­ti­on and Actu­al Acts of Sexu­al Aggres­si­on in Gene­ral Popu­la­ti­on Stu­dies“, Jour­nal of Com­mu­ni­ca­ti­on 66, S. 183–205.

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Titel­bild von Bla­ke Kathryn.

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Andre­as Fahr & Ele­na Pel­zer

Andre­as Fahr ist Pro­fes­sor für Empi­ri­sche Kom­mu­ni­ka­ti­ons­for­schung an der Uni­ver­sité de Fri­bourg.
Ele­na Pel­zer, M.A. ist Diplo­mas­sis­ten­tin am Lehr­stuhl Empi­ri­sche Kom­mu­ni­ka­ti­ons­for­schung an der Uni­ver­sité de Fri­bourg.

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