Unten trauern noch
die Egoisten,
Major Tom denkt sich
‘Wenn die wüssten,
mich führt hier ein Licht
durch das All.
Das kennt ihr noch nicht.
Ich komme bald;’

Peter Schilling in
den 1980er Jahren.

Diese Zeilen trällerte Peter Schilling vor 35 Jahren über den völlig losgelösten Major Tom. Heutzutage folgt auch ein Fapstronaut dem Licht durch die Weiten des Internet. Im Gegensatz zu Major Tom wird der Fapstronaut aber nicht kommen. Pardon, er will nicht kommen. Denn er ist davon überzeugt, dass die dunklen und schmuddeligen Tiefen des elektronischen Weltalls – er meint hier vor allem die pornösen Darkooms voller Fesseln, Gangs und Masken – seiner Gesundheit und Psyche schaden. “Zurück zur Natur!”, forderte Rousseau einst, “Zurück zur pornofreien Welt”, proklamiert der Fapstronaut. Entfesselt und losgelöst klingt das zwar nicht. Dennoch verbünden sich weltweit junge Männer zu der Anti-Porno-Bewegung NoFap – abgeleitet aus dem Englischen to fap für masturbieren.

NoFap ist internetbasierte Gemeinschaft, die 2011 auf Reddit ins Leben gerufen wurde und heute (April 2017) mehr als 220’000 Mitglieder, sogenannte Fabstronauten, zählt. Der Verzicht auf Pornographie und Masturbation führt laut Anhängern zu einem höheren Testosteronspiegel, der mehr Lebensqualität, besseren ‘echten’ Sex, höhere Zufriedenheit etc. mit sich bringe. Die Community motiviert ihre Anhänger mit Wettbewerben im Durchhaltewillen und Trost für die Rückfälligen.

Die Fapstronauten gehören einer Generation an, die mit Webseiten wie YouPorn, Pornhub oder Porntube aufwuchs – Pornokanäle, wo jeder Kick nur einen Klick entfernt ist. Knapp 12,2 Millionen Deutsche haben allein im Juli 2016 mindestens einmal eine Porno- oder Erotikseite aufgerufen. Das entspricht einem Fünftel der Internetnutzer*innen in Deutschland. Der Pornokonsum über mobile Endgeräte wie Smartphones oder Tablets ist in dieser Befragung noch gar nicht berücksichtigt (die medienanstalten 2016). Aus den Trafficdaten geht hervor, dass Deutschland seit vier Jahren konstant in der weltweiten Top 10 der Pornhub-Nutzung zu finden ist.

Pornographie ist in all ihren Variationen verfügbarer denn je und sie wird massiv genutzt. Der Medienwandel hin zur Gesellschaft 4.0, Breitbandzugänge und nahezu vollständige Netzabdeckung haben auch beim Thema Sex Spuren hinterlassen: Die verschämte Bitte an den älteren Freund, doch mal in der hinteren Abteilung in der Videothek vorbeizuschauen, bleibt erspart. Heute kann der erwartungsvolle Fapfreund – zumindest gefühlt anonym – mit der Maus über nackte Körper jeglicher Form und sämtlichen Alters streichen und seinen sexuellen Vorlieben mittels ausgefeilter Suchwortkombinationen zumindest visuell frönen. “Sind Sie 18 Jahre oder älter?” – “Klar, was auch immer du willst, Baby!”

NoFap – wissenschaftlich beglaubigt?

Die geringe Zugangsschwelle zu Pornographie und die Anonymität ist besonders für Jugendliche attraktiv, denn sie können ohne Scham staunen. Aus der Schweizer JAMES-Studie geht hervor, dass 74 Prozent der männlichen Schüler zwischen 12 und 19 Jahren schon mal Pornofilme auf dem Handy oder Computer angeschaut haben. Bei den Mädchen waren es 19 Prozent (Waller et al. 2016). Ihnen bietet sich ein Programm, das die Optionen der Realität bei Weitem überschreitet. Ein konträres Programm zum abgeklärten Biologielehrer, der krampfhaft im Aufklärungsunterricht versucht, ein Kondom über eine Banane zu stülpen und dabei von Syphilis, HIV und Feigwarzen erzählt. War da nicht noch was? Ach ja: Leidenschaft, Lust und Vergnügen – na, das wird später im Netz nachgeholt.

Frustration und Masturbation:
Einnehmende Kausalitäten wollen
Fappers zu NoFappers machen.

Gerade die dort anzutreffende, ganz und gar lustzentrierte und auf die multi-orgasmische Spitze getriebene Darbietung von ‘Realität’ turnt die Fapstronauten ab. Die Darstellungen würden falsche Vorstellungen der Realität kreieren, festigen und kultivieren. Sie zementierten macho-konforme Rollenbilder, malten Bilder vom ‘Immer-Können’ in kaum vorstellbaren Formen, Farben und Mengen. Schlimmer noch: Gewalt, Sex mit Minderjährigen oder Tieren würden als gesellschaftsfähig wahrgenommen werden. Das Deviante erhalte eine mediale Prominenz, die in kaum einer Realität zu finden sei. Die Diskrepanz zur eigenen Sexualität führe zu unrealistischen Erwartungen und zu Frustration.

Medienforscher können diesen Effekt spätestens seit den 1970er Jahren regelmäßig belegen: Vielseher bestimmter Inhalte schätzen die Realität eher so ein, wie sie in den Medien dargestellt wird. Vom Anreichern über das Abändern bis hin zum kompletten Ersatz der eigenen Realitätsvorstellungen durch die medialen Eindrücke ist bei den Vielsehern alles möglich. Durch die ausgeprägte Nutzung werden sie am Ende in zweifacher Hinsicht kultiviert. Die Realitätseinschätzungen aus den Medien manifestieren sich zum einen in den Einstellungen, z. B. gegenüber Frauen oder Männern, und zum anderen im Verhalten wie etwa dem eigenen Sexualleben. Wie sieht der Weltraum aus? Was läuft bei einer Gang-Bang-Party ab? Obgleich die wenigsten weder das eine noch das andere je live erlebt haben, formiert sich dennoch ein Bild im Kopf, das durch die Medien konstruiert wurde. Kommt nun noch eine Einstellung und ein Verhalten hinzu – voilà, ein vollständiger Kultivierungseffekt.

Der lange Schatten Arthur Schnitzlers: Dessen psychoanalytisch geprägte Traumnovelle von 1925 bildet nach wie vor eine Inspiriationsquelle für wissenschaftliche Hypothesenbildung und cineastische Fiktion: Sie arbeiten sich beide an der Idee ab, wonach sexuelle Phantasien unser Leben nicht spiegeln, sondern umgekehrt: Die kulturelle und gesellschaftliche Wirklichkeit ist Resultat eigener oder fremder Phantasien. (Screenshot aus Eyes Wide Shut, Kubricks Verfilmung der Traumnovelle (1999)).

Unterstützung finden die Fapstronauten im US-Bundesstaat Utah. Dieser vertritt in einer offiziellen Resolution zur Public Health 2016 die Auffassung, dass Pornographie ein Gesundheitsrisiko darstelle und eine sexuell vergiftete Umwelt festige (SCR 2016). Ähnlich wie die Fapstronauten fordert der Mormonenstaat zu einem drastischen Verzicht auf. Die Auguren stützen sich auf Studien, welche die negative Wirkung von längerfristigem Pornokonsum sowohl auf die Wahrnehmung von Liebesbeziehungen als auch die Zufriedenheit in der Partnerschaft nachweisen. So zeigten Studien der Kommunikationsforscher Jennings Bryant und Dolf Zillmann aus den 1980er und 90er Jahren: Je häufiger man Pornos konsumiert, desto unzufriedener und misstrauischer begegnet man dem Partner. Zudem verdeutlichte Zillmanns Team, dass Vielseher von Pornos eher Untreue akzeptieren und weniger bereit sind für den Bund der Ehe und eine eigene Familie. Aktuelle neurowissenschaftliche Studien wie von Simone Kühn und Jürgen Gallinat offenbaren einen Zusammenhang zwischen Pornographiekonsum und einem Rückgang der Nervenzellen im Belohnungszentrum des Gehirns. Die Psychologen nennen diesen Effekt Habituation: Man gewöhnt sich peu à peu an das Erregungsniveau, die Reaktion auf die gleichen Reize schwächt sich allmählich ab. Es wird “immer mehr” oder “immer Stärkeres” benötigt, um das Gratifikationsniveau aufrecht zu erhalten und um immer wieder einen Kick zu verspüren.[optin-monster-shortcode id=”dt9rsfvwqpi1fje5qsi0″]

Endlich ist es möglich, nicht nur aus moral-ethischen, sondern auch aus wissenschaftlichen Gründen Pornographie zu verteufeln, jubelt der Fapstronaut.

Endlich ist es möglich, nicht nur aus moral-ethischen, sondern auch aus wissenschaftlichen Gründen Pornographie zu verteufeln, jubelt der Fapstronaut. Denn in einer Gesellschaft, die Pornographie als realitätsnah verkauft, kann die Realität an diesen Bildern der Lust nur abschlaffen. Den Forschern zufolge müsste der Pornoliebhaber ein misstrauischer, unzufriedener und abgestumpfter Partner sein, zur Untreue bereit und immer auf dem Sprung, sobald das Wort ‘Ehe’ fällt.

Plakatkampagne von 2015 der Mormonen-Aktivisten Fight the new Drug.

NoFap – wissenschaftlich differenziert.

Aber nein, halt, moment mal! Möglicherweise handelt es sich eher um eine ohnehin abgestumpfte Kreatur, die ihre Lust vor allem im Dark Net ausleben kann? Tatsächlich bleibt bei den meisten Kultivierungsstudien die Kausalität offen: Ist die Abstumpfung oder Realitätsverzerrung eine Folge des Pornokonsums oder neigen vielmehr Menschen mit einer bestimmten Weltsicht eher zu dem ‘übermässigen’ Konsum, weil dieser ihr Bild bestätigt? Die Betonung liegt also weniger auf dem  Aufregungspotential der gemeinen Welt, sondern auf den anregenden und erregenden Möglichkeiten pornographischer Inhalte. Schwebt der sensible Fapstronaut also völlig zu Unrecht stoisch in den hell erleuchteten Bereichen im Net und hätte längst den Sprung in ein schwarzes Loch riskieren können?

Denn wie die jüngere Forschung zeigt, ist die Annahme einer monokausalen Beziehung – der einseitige Einfluss der Medien auf die Realitätseinschätzungen, Einstellungen und das Verhalten – naiv.

Die Antwortet lautet weder Ja noch Nein, sondern: Es kommt darauf an. Und zwar auf die Persönlichkeit des Nutzers und der Nutzerin und auf den Inhalt der Botschaft. Denn wie die jüngere Forschung zeigt, ist die Annahme einer monokausalen Beziehung – der einseitige Einfluss der Medien auf die Realitätseinschätzungen, Einstellungen und das Verhalten – naiv. Stattdessen identifizieren Forscher weltweit immer mehr Faktoren, die ein differenziertes Licht werfen auf das Zusammenspiel von Pornographie und etwa patriarchalischen Einstellungen gegenüber Frauen oder sexuell auffälligem Verhalten. Nicht jeder Pornoliebhaber neigt demnach zur Unzufriedenheit oder gar aggressivem Verhalten gegenüber dem Partner, oder erwartet Dauererektionen in den atemberaubendsten Stellungen an den exotischsten Plätzen. Und ein aggressiveres Verhalten durch exzessiven Pornographiekonsum ist vor allem bei Männern anzutreffen, die ohnehin eine abschätzige Haltung gegenüber Frauen haben. Pornographie verstärkt also vor allem bestehende sexuelle Latenzen, als dass es aus Missionarsstellungs-Liebhabern Gang-bang-Bestien macht. Eine fünfprozentige Irrtumswahrscheinlichkeit nicht ausgeschlossen.

Die beruhigende Wirkung des
Playboy. Im Bild: erste Ausgabe.

Kaleidoskopartig zeigt eine aktuelle systematische Zusammenfassung von 22 Studien aus sieben Ländern, dass die Art der “Darbietung” einen entscheidenden Einfluss auf die Wahrnehmung hat (Wright et al. 2016). Wird der Geschlechtsakt explizit dargestellt, wie es in Pornofilmen der Fall ist, neigen sowohl weibliche als auch männliche Zuschauer tatsächlich – zumindest unmittelbar nach der Rezeption – zu aggressiverem Verhalten, sei es physisch oder verbal. Nimmt man hingegen einen Playboy zur Hand, der den reinen Nacktbildern huldigt, dann werden Aggressionen sogar reduziert. Eine wichtige Erkenntnis, die insbesondere für eine Generation relevant ist, die den allzu harmlosen Playboy verschmäht und sich stattdessen durch YouPorn klickt.

Für den Fapstronauten wäre somit Die Geburt der Venus von Sandro Botticelli kein Tabubild mehr, sondern dürfte ganz im Gegenteil als Desktophintergrund dienen. Verstärken Pornofilme mit Gewaltsequenzen ein aggressives Verhalten? Zum Überblick: Eine Inhaltsanalyse aus dem Jahr 2010 untersuchte 304 Szenen der meistverkauften bzw. verliehenden Hardcore-Videos in den USA. Demzufolge enthielten 88 Prozent physische Aggression wie etwa “den Hintern versohlen”, klatschen und knebeln sowie 49 Prozent Beschimpfungen und Beleidigungen. Die Täter waren meist die Männer (70 Prozent), die Opfer zu 94 Prozent Frauen. Noch gravierender: Die Opfer genossen in 95 Prozent aller Fälle das Verhalten oder reagierten neutral (Bridges et al., 2010). Nimmt der Zuschauer diese Darstellungen als realitätsnah wahr und wird im besten Falle von der tatsächlichen Realität überrascht? Tatsächlich zeigt die systematische Zusammenfassung von 22 Studien im aggressiven Verhalten der Zuschauer keinen Unterschied zwischen Filmen, in denen der Pornodarstellerin der Hintern versohlen wird oder nicht. Doch Obacht: Nicht-gewalthaltige Pornofilme sind entgegen ihrer Klassifizierung noch lange kein Hinweis darauf, dass ein einvernehmlicher Verkehr dargestellt wird. Sie können immer noch degradierende und patriarchalische Botschaften enthalten, welche die Einstellungen und das Verhalten der Zuschauer kultivieren.

Pornographie ist folglich nicht unbedacht die Absolution zu erteilen.

Pornographie ist folglich nicht unbedacht die Absolution zu erteilen. Neben den genannten und durchaus nicht unerheblichen Kultivierungseffekten können pornographische Darstellungen, in denen in der Regel (irgendwann) beide heftigst wollen und können, zur Proliferation des so genannten Rape Myth beitragen: Das Opfer, in der Regel die Frau, will von Natur aus überwältigt werden will – Man(n) muss nur lange genug drängen. Gerade Freunde des Dark Net neigen dazu, diesem Mythos anzuhängen. Sie leben in der Überzeugung, dass Frauen sich insgeheim wünschen, Opfer einer Vergewaltigung zu werden und eigentlich ‘ja’ meinen, wenn sie ‘nein’ sagen. Gespeist wird die Vorstellung von der Annahme, dass Frauen Gewalt sexuell stimulierend empfänden. Die Tat wird durch den Umstand entschuldigt, dass die Frauen aufreizend gekleidet und abends alleine unterwegs waren – ihnen wäre mit der Gewaltanwendung recht geschehen. Dabei hat in der Realität wohl kaum eine Liebesgeschichte mit ‘Ich wollte keinen Sex mit ihm’ begonnen – so lesen sich allenfalls Protokolle in Vergewaltigungsprozessen. Oder eben die Skripte von Pornofilmen.

Es ist offenbar nicht der generelle Verzicht auf Pornographie, der entspannend wirkt. Stattdessen sollten in einer Kritik an Pornographie von Fapstronauten, US-Bundesstaaten oder anderen stets der Medientyp, die Art der Darstellung und die persönlichen Merkmale der Nutzer berücksichtigt werden. Je nachdem, wie diese Kombination ausfällt, sind unterschiedliche Motive hinter der Nutzung und verschiedene Wirkungen zu erwarten. Von dieser Erkenntnis beseelt schwebt er völlig losgelöst von der Erde, schwebt der Fapstronaut völlig schwerelos. Die Erde schimmert blau. Sein letzter Funk kommt: “Grüßt mir meine Frau.”

Völlig losgelöst. Screenshot aus Gravity (Cuarón 2013)

Literatur

Bridges, A. J., et al.. 2010. “Aggression and sexual behavior in best-selling pornography videos: a content analysis update”, Violence Against Women 16(10). S. 1065-1085.

Die Medienanstalten. 2016. “Daten und Fakten zur Internetnutzung im Juli 2016. Auf Basis von Nielsen Digital Content Measurement (Mit dem Schwerpunkt ‘Nutzung von Porno- und Erotikangeboten im Internet’)”, URL.

Kühn, S., & Gallinat, J.. 2014. “Brain structure and functional connectivity associated with pornography consumption: the brain on porn”, JAMA Psychiatry 71(7), S. 827-34.

Senate Concurrent Resolution SCR09. 2016. “Concurrent Resolution on the Public Health Crisis. State of Utah”, https://le.utah.gov/~2016/bills/static/SCR009.html.

Wright, P. J., Tokunaga, R. S., & Kraus, A.. 2016. “A Meta-Analysis of Pornography Consumption and Actual Acts of Sexual Aggression in General Population Studies”, Journal of Communication 66, S. 183-205.

Zillmann, D.. 1989. “The effects of prolonged consumption of pornography”. In: D. Zillmann & J. Bryant (Eds.): Pornography: Research Advances and Policy Considerations . Hillsdale, NJ: Erlbaum.

Zillmann, D., & Bryant, J.. 1988. “Effects of Prolonged Consumption of Pornography on Family Values”, Journal of Family Issues, 9(4), S. 518-544.

Zillmann, D., Bryant, J., & Huston, A. C.. 1994. Media, children, and the family: Social scientific, psychodynamic, and clinical perspectives. Hillsdale, NJ: Erlbaum.

Waller, G., Willemse, I., Genner, S., Suter L.,& Süss, D.. 2016. JAMES – Jugend, Aktivitäten, Medien – Erhebung Schweiz. Zürich: Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften.

Bildnachweis

Titelbild von Blake Kathryn.

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Andreas Fahr & Elena Pelzer

Andreas Fahr ist Professor für Empirische Kommunikationsforschung an der Université de Fribourg.
Elena Pelzer, M.A. ist Diplomassistentin am Lehrstuhl Empirische Kommunikationsforschung an der Université de Fribourg.

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