Der Roman­tik ver­dan­ken wir eine Viel­zahl an Frag­men­ten, Apho­ris­men und Novel­len, die uns auf einen Dro­gen­trip ohne Kon­sum­zwang mit­neh­men. Sie offe­rie­ren uns künst­li­che Para­die­se, wenn­gleich mit Neben­wir­kun­gen. An die Fei­er des befrei­ten und ent­grenz­ten Bewusst­seins fügen sie stets die Kla­ge über das Gefäng­nis der bür­ger­li­chen Gesell­schaft an, in dem der berausch­te Geist wie­der zu sich kommt. Die­ser Ambi­va­lenz von Para­dies und Gefäng­nis blei­ben die Rausch­tex­te lan­ge Zeit treu – solan­ge, bis in den 1960er und 70er Jah­ren eine Erleb­nis­ge­sell­schaft der bür­ger­li­chen den Kul­tur­kampf ansagt. Sie macht das berausch­te Erleb­nis zur gesell­schaft­li­chen Pflicht, mit oder ohne Dro­gen. Wel­co­me to the plea­su­redo­me.

Vom indi­vi­du­el­len Rauscherlebnis …

OPIATE, n. An unlo­cked door in the pri­son of Identity.
It leads into the jail yard.
The Devil’s Dic­tion­a­ry, 1911.

Bier­ce, Ambro­se. 1911. The Devil’s Dic­tion­a­ry. Dar­aus:
Allein: In schlech­ter Gesell­schaft.
Barm­her­zig­keit: Eine Eigen­schaft, die von ertapp­ten Delin­quen­ten sehr geschätzt wird.
Eman­zi­pa­ti­on: Der Wech­sel eines Skla­ven aus der Tyran­nei eines ande­ren unter den Des­po­tis­mus sei­ner selbst.
Zyni­ker: Ein Schuft, des­sen man­geln­de Wahr­neh­mung Din­ge sieht, wie sie sind, statt wie sie sein sollten.

In sei­nem Wör­ter­buch des Teu­fels gibt Ambro­se Bier­ce eine Kost­pro­be der Ambi­va­lenz von Rau­sch­er­leb­nis­sen. Denn die Tür aus dem Ker­ker der eige­nen Iden­ti­tät füh­re letzt­lich auf einen Gefäng­nis­hof. Alex­an­der Kup­fer, der mit Künst­li­che Para­die­se (1996) eine umfang­rei­che Lite­ra­tur­ge­schich­te des Rau­sches vor­ge­legt hat, ver­steht Bier­ce‘ Gefäng­nis­hof in ers­ter Linie als einen gesell­schaft­li­chen. Das Indi­vi­du­um dür­fe sich, so Kup­fer, kei­nes­falls in einem Dasein ein­rich­ten, das als radi­ka­le Abwei­chung von eta­blier­ten Erfah­rungs­nor­men den Aus­bruch aus der Gesell­schaft pro­pa­gie­re. Will das ein­ge­ker­ker­te Bewusst­sein die eige­ne Indi­vi­dua­li­tät über­win­den, um ein höhe­res Bewusst­sein zu erlan­gen, müs­se es mit Sank­tio­nen einer Gesell­schaft rech­nen, in der hal­lu­zi­na­to­ri­sche Mit­tel geäch­tet wer­den (ebd.: 4).

Die Ent­de­ckungs­rei­sen eines vom Rausch ent­rück­ten Bewusst­seins sind wahr­lich teu­er erkauft. Schon Tho­mas De Quin­cey weiß in sei­nem auto­bio­gra­fi­schen Essay Con­fes­si­ons of an Eng­lish Opi­um Eater (1822) von den „Lei­den des Opi­ums“ zu berichten:

Ich schien jede Nacht hin­ab­zu­stei­gen – nicht meta­pho­risch, son­dern buch­stäb­lich hin­ab­zu­stei­gen – in Klüf­te und son­nen­lo­se Abgrün­de, in Tie­fen unter den Tie­fen, aus denen je wie­der auf­zu­stei­gen hoff­nungs­los erschien.“ (De Quin­cey 1981: 237).

Mit neun­zehn Jah­ren nimmt De Quin­cey erst­mals Opi­um als Schmerz­mit­tel ein. Spä­ter erhöht er sei­nen täg­li­chen Kon­sum auf ein Maß, das für ande­re Men­schen töd­lich wäre. Erst fol­gen­schwe­re gesund­heit­li­che und per­sön­li­che Kri­sen zwin­gen ihn, die Ein­nah­me des Rausch­gifts auf ein erträg­li­ches Quan­tum zu reduzieren.

Von Sucht spre­chen wir heu­te als von einem wie­der­keh­ren­den Ver­lan­gen nach bestimm­ten Erleb­nis- und Bewusst­seins­zu­stän­den, die nur durch Ein­nah­me psy­cho­tro­per Sub­stan­zen zu errei­chen sind. His­to­risch dien­te die Sucht, abge­lei­tet vom mit­tel­hoch­deut­schen ‚siech‘ oder ‚sie­chen‘, zunächst der Bezeich­nung kör­per­li­cher Krank­hei­ten. Im 16. Jahr­hun­dert taucht sie als Begriff für las­ter­haf­te und sün­di­ge Ver­hal­tens­wei­sen auf, die in Form der Rach­sucht, Eifer­sucht oder Hab­sucht feh­len­des Maßhal­ten mora­li­sie­ren. Das 19. Jahr­hun­dert löst, zumin­dest im medi­zin­si­chen Kon­text, wie­der das Band von Sucht und Schuld. Der Süch­ti­ge ist für sei­nen Alko­ho­lis­mus, so der pri­mä­re Gegen­stand der dama­li­gen Sucht­for­schung, nicht mehr ver­ant­wort­lich. Die Ver­wis­sen­schaft­li­chung der Sucht wei­tet sich schon bald auf ande­re Sub­stan­zen aus und iden­ti­fi­ziert sie mit zwang­haf­ten Verhalten.

Die­ser vor­läu­fig letz­te Wan­del des Sucht­be­griffs voll­zieht sich in einer bür­ger­li­chen Gesell­schaft, in der die Sucht die funk­tio­na­len Not­wen­dig­kei­ten der Farbrik­ar­beit mas­siv stö­re, so der Sucht­for­scher Aldo Legna­ro. Ihre Irra­tio­na­li­tät und Exzes­si­vi­tät wider­spre­chen dia­me­tral der Ratio­na­li­tät und Bere­chen­bar­keit von Indus­tria­li­sie­rung und Moder­ni­sie­rung: „Sucht als die exzes­si­ve Abwei­chung hier­von erscheint dann nur als Krank­heit ver­ständ­lich.“ (Legna­ro 2016: 21).

Der ers­te Dro­gen­kon­sum? Immer­hin han­delt es sich um die Frucht vom Baum der Erkennt­nis… (Bild: Lucas Cra­nach d. Ä., Adam und Eva im Gar­ten Eden, 1530)

Die Sucht (und ihre Patho­lo­gi­sie­rung) ist frei­lich nur die eine, die bür­ger­li­che Sei­te des Rauschs. Die ande­re ist das künst­li­che Para­dies, das nicht nicht nur im über­tra­ge­nen Sin­ne mit dem reli­giö­sen ver­gleich­bar ist. Die Ähn­lich­kei­ten gehen für Alex­an­der Kup­fer gar so weit, dass er Evas Genuss der ver­bo­te­nen Frucht – nota bene: vom Baum der Erkennt­nis – als urzeit­li­chen Dro­gen­kon­sum interpretiert:

Schon der Anfang unse­rer Geschich­te geht dem­nach auf den Genuss einer Dro­ge zurück, und bereits hier ist er, wie in der heu­ti­gen west­li­chen Kul­tur, mit dem Stig­ma des Ille­ga­len ver­se­hen; der Dea­ler ist der Teu­fel in Schlan­gen­ge­stalt und wird eben­so wie die Ver­führ­ten von der Obrig­keit durch eine gesell­schaft­li­che Äch­tung bestraft“ (Kup­fer 1996: 13).

Der Flucht­punkt, in dem reli­giö­se und künst­li­che Para­die­se sich annä­hern, liegt in der Ent­bet­tung von Raum und Zeit. Die idea­li­sier­ten Gegen­wel­ten reli­giö­ser Para­die­se ent­zie­hen sich „einer fes­ten räum­li­chen und zeit­li­chen Deter­mi­nie­rung“ und leben selbst in säku­la­ren Gesell­schaf­ten als „ver­lo­re­ner Ursprung, idea­les Natur­ver­hält­nis oder tröst­li­chen Aus­sicht“ wei­ter (Ben­t­hien & Ger­lof 2010: 8). Künst­li­che Para­die­se unter­lie­gen, kon­sta­tiert der Kul­tur­wis­sen­schaft­ler Mark But­ler, eben­falls einer Meta­mor­pho­se von Raum und Zeit:

Alle Psy­cho­tro­pi­ka sind Zeit­ma­schi­nen, erzeu­gen spe­zi­fi­sche Be- bzw. Ent­schleu­ni­gungs­pro­zes­se: So bewirkt z.B. Can­na­bis zumeist eine Ver­lang­sa­mung aller Akti­vi­tä­ten, wäh­rend Amphet­amin zu einer regel­rech­ten Rase­rei füh­ren kann“ (But­ler 2009: 255).

Im Rausch kom­me es zudem zu einer Stei­ge­rung der Gegen­wart, die dazu ten­die­re, abso­lut zu wer­den. „Das Hier und Jetzt hat Vor­rang vor dem Dann und Dort“ (ebd.). Dabei deh­ne sich die Dimen­si­on des inne­ren Erle­bens ins Uner­mess­li­che aus, so dass man­che trips bei phy­si­scher Bewe­gungs­lo­sig­keit mit geschlos­sen Augen stattfinden.

Vor allem Schrift­stel­ler des 19. Jahr­hun­derts, wie etwa De Quin­cey, Bau­de­lai­re, Poe oder Oscar Wil­de, las­sen sich vom Rau­sch­er­leb­nis inspi­rie­ren und schil­dern die Wir­kung ein­zel­ner Sub­stan­zen detail­ge­treu. Als kul­tur­ge­schicht­li­che Ursa­chen für die lite­ra­ri­sche Berau­schung macht Kup­fer u.a. den roman­ti­schen Irra­tio­na­lis­mus mit sei­ner Über­hö­hung des sub­jek­ti­ven Gefühls und sei­ner Beschäf­ti­gung mit dem Traum aus. Von ihm glaub­ten die Lite­ra­ten, er sei imstan­de, die Türe zum Unbe­wuss­ten auf­zu­stos­sen. (vgl. Kup­fer 1996: 90ff.).

 

Charles Bau­de­lai­re, gemalt von Fran­tišek Kup­ka, 1907.

Dem berausch­ten Auf­stieg in Erkennt­nis­sphä­ren jen­seits von Raum und Zeit folgt der rasan­te Abstieg ins Gefäng­nis des All­tags. Hier ist man der Höl­le plötz­lich näher als dem Him­mel. Die Kri­se danach hat kaum jemand so ein­dring­lich wie Charles Bau­de­lai­re beschrie­ben, der schon früh Erfah­run­gen mit Haschisch und Opi­um gesam­melt hat – nicht zuletzt, um sei­ne künst­le­ri­sche Pro­duk­ti­vi­tät zu stei­gern. In sei­nem Essay „Les para­dis arti­fi­ciels“ (1860) gibt er minu­ti­ös Aus­kunft über sei­ne Rau­sch­er­leb­nis­se. Um das zu errei­chen, was er „das künst­li­che Ide­al“ nennt, sei­en Dro­gen, ins­be­son­de­re Haschisch und Opi­um, am bes­ten geeig­net. Unter der Herr­schaft des Gif­tes mache sich der Berausch­te „bald zum Mit­tel­punkt des Uni­ver­sums“, ja, er wer­de am Ende sogar sagen: „Ich bin Gott!“ (Bau­de­lai­re 2016: 36f.).

Der Berausch­te sagt: ‚Ich bin Gott!‘ “
Bau­de­lai­re

Doch die gren­zen­lo­sen Ein­sich­ten, die der Rausch ermög­li­che, sei­en nicht von Dau­er. Nüch­tern resü­miert Bau­de­lai­re, „dass der Haschisch in sei­nem augen­blick­li­chen Zustand viel stär­ker als das Opi­um, dem regel­mä­ßi­gen Leben weit­aus feind­li­cher, weit­aus zer­stö­re­ri­scher, in einem Wort, weit­aus ver­wir­ren­der ist.“ (2016: 29). Die Ernüch­te­rung und das Unbe­ha­gen nach dem Rausch sind kaum aus­zu­hal­ten. Der Eupho­rie folgt die Abstump­fung, der Ver­lust der Wil­lens­kraft und das Erwa­chen in einem uner­träg­li­chen Alltag:

Der schreck­li­che ande­re Mor­gen, Erschlaf­fung und Ermü­dung aller Orga­ne, die Ent­span­nung der Ner­ven, die bren­nen­de Lust zu wei­nen, die Unmög­lich­keit bei einer Arbeit aus­zu­har­ren, beleh­ren dich grau­sam, dass du ein ver­bo­te­nes Spiel gespielt hast“ (Bau­de­lai­re 2016: 37f.).

Die Flucht in den Rausch füh­re zu kei­ner Stei­ge­rung der lite­ra­ri­schen Pro­duk­ti­vi­tät, da Dro­gen­erfah­rung und die künst­le­ri­sche Umset­zung nicht gleich­zei­tig gelin­gen. Damit stellt Bau­de­lai­re nicht das Erkennt­nis­po­ten­ti­al im Rausch in Fra­ge, son­dern bloss die Mög­lich­kei­ten, die kurz­wei­li­gen Ein­sich­ten noch recht­zei­tig zu verarbeiten.

… zum gesell­schaft­li­chen Erlebnisrausch

Wel­co­me to the Pleasuredome“
Fran­kie Goes to Hol­ly­wood, 1984

Bau­de­lai­re Selbst­an­zei­ge liest sich wie das Doku­ment eines reu­mü­ti­gen Bür­gers, des­sen Trieb­sub­li­mie­rung kurz­fris­tig außer Kon­trol­le gera­ten ist. Einer­seits ver­zeiht er sich nicht, den Rausch nicht in Pro­duk­ti­vi­tät umge­münzt zu haben, ande­rer­seits fürch­tet er sich vor der Abhän­gig­keit und ihren sozia­len Fol­gen. Es ist das Doku­ment einer Gesell­schaft, die – unab­hän­gig vom Krank­heits­bild der Sucht – außer­ge­wöhn­li­che Bewusst­seins­zu­stän­de als Normab­wei­chun­gen dele­gi­ti­miert und mit einem Schuld­kom­plex bestraft, den selbst Lite­ra­ten inter­na­li­siert haben.

Die­se Gesell­schaft brö­ckelt, wenn sie Rausch­mit­tel zu lega­li­sie­ren und in all­ge­mein akzep­tier­te Prak­ti­ken zu über­füh­ren beginnt. Und sie macht Platz einer ande­ren Gesell­schafts­for­ma­ti­on, wenn sie den Rausch zu dul­den lernt, selbst wenn die­ser vor­erst nur von Künst­le­rin­nen, Wis­sen­schaft­lern oder Grü­nen, heu­te: der crea­ti­ve class, gepflegt wird. Fort­an über­schrei­ten „Rau­schnar­ra­ti­ve“ nicht mehr gesell­schaft­li­che Gren­zen, „son­dern pas­sen sich den Tat­sa­chen einer fle­xi­bi­li­sier­ten Arbeits­ge­sell­schaft und des Kapi­ta­lis­mus an“, dia­gnos­ti­ziert der Poli­tik­wis­sen­schaft­ler Robert Feus­tel. In einem Umfeld, in dem „Kunst, Kom­merz und Kapi­tal unun­ter­scheid­bar gewor­den sind, haben sie ihren spe­zi­fi­schen Nut­zen.“ (2013: 286). Mit ande­ren Wor­ten: Der Rausch wird von sei­ner bewusst­seins­er­wei­tern­den Funk­ti­on befreit und in das insze­nier­te Spek­ta­kel moder­ner Erleb­nis­wel­ten überführt.

Der Sozio­lo­ge Andre­as Reck­witz deu­tet die­sen Wan­del als eine Ästhe­ti­sie­rung der Kon­sum­ge­sell­schaft. Ihm zufol­ge sind es die ästhe­ti­schen, anti­bür­ger­li­chen Bewe­gun­gen der Moder­ne, ange­fan­gen von der Roman­tik, über die Avant­gar­den zu Beginn des 20. Jahr­hun­derts bis zur coun­ter cul­tu­re der 1960er und 70er Jah­re, die eine Gegen­po­si­ti­on zu dem durch Mode­rat­heit, Natür­lich­keit und Nütz­lich­keit cha­rak­te­ri­sier­ten bür­ger­li­chen Selbst­ver­ständ­nis errich­ten. Reck­witz behaup­tet also, dass die ästhe­ti­schen Gegen­be­we­gun­gen aus einer Min­der­heits­po­si­ti­on Ansät­ze eines kon­su­mie­ren­den Sub­jekts lie­fern (Reck­witz 2006: 426). Die anti­bür­ger­li­chen Bewe­gun­gen machen ein exzes­si­ves, arti­fi­zi­el­les und para­si­tä­res Sub­jekt stark – ein Sub­jekt, das die Gren­zen des rech­ten Maßes über­schrei­tet, das jede Natür­lich­keit miss­ach­tet und das Akti­vi­tä­ten ver­folgt, die jen­seits des Nütz­lich­keits­an­spruchs lie­gen (ebd.: 428). Mit ihrer radi­ka­len For­de­rung nach einer Ästhe­ti­sie­rung der Lebens­welt sickern die­se Gegen­kul­tu­ren all­mäh­lich in den bür­ger­li­chen Main­stream ein. Und die­ser beginnt, das krea­ti­ve Poten­ti­al ehe­ma­li­ger Gegen­kul­tu­ren zu entdecken.

Die Ästhetisierung des Konsumsubjekts: Romantik, Avantgarden, Postmodernismus (aus: Reckwitz 2016: 427)
Die Ästhe­ti­sie­rung des Kon­sum­sub­jekts: Roman­tik, Avant­gar­den, Post­mo­der­nis­mus (aus: Reck­witz 2016: 427)

Eine Kon­sum­hal­tung, die sich als exzes­siv, arti­fi­zi­ell und para­si­tär gebär­det, muss der bür­ger­li­chen Kul­tur als Bedro­hung ihrer ratio­na­len Lebens­füh­rung erschei­nen. In allen drei ästhe­ti­schen Bewe­gun­gen der Moder­ne, ange­fan­gen von der Roman­tik über die Avant­gar­de bis zur Post­mo­der­ne, kün­di­gen sich Dis­po­si­tio­nen des zeit­ge­nös­si­schen Kon­sum­sub­jekts an: „die Prä­mie­rung des Erle­bens statt des Han­delns [ …], Lust­prin­zip statt Rea­li­täts­prin­zip, Selbst­ex­pres­si­on statt Mora­li­tät [ …], Prä­mie­rung des Neu­en statt der Sta­bi­li­tät des Bewähr­ten.“ (ebd. 2006: 431). Die Sub­jek­te wäh­len die ästhe­ti­sche Orga­ni­sa­ti­on ihres All­tags selbst und wer­den zu erleb­nis­ori­en­tier­ten Akteu­ren, die in ers­ter Linie ihrem eige­nen Genuss und damit einem Kon­sum­stil fol­gen, den Reck­witz als „indi­vi­du­al­äs­the­tisch“ umschreibt.

Wel­co­me to the Plea­su­redo­me (1984) ist das Debüt­al­bum der bri­ti­schen Band Fran­kie goes to Hol­ly­wood. Selbst in Deutsch­land wur­de es als „Lust und Gier beja­hen­des Fest“ (Musik­ex­press) gefei­ert.

So groß die Zahl der Ange­bo­te auch sein mag, liegt doch im Kon­sum des Erleb­nis­ses unver­meid­lich eine Fest­le­gung. Zu wäh­len, bedeu­tet gleich­zei­tig, ande­re Mög­lich­kei­ten aus­zu­schlie­ßen. Damit wächst die Angst vor Lan­ge­wei­le und vor dem Rück­fall in ein ereig­nis­lo­ses All­tags­le­ben. Hier nun trifft sich das spät­mo­der­ne Sub­jekt mit sei­nem von Opi­um berausch­ten Vor­gän­ger. Denn der Anspruch, alles zu wäh­len und alles zu ent­schei­den, führt zu nichts weni­ger als zu Erschöp­fung und Antriebs­lo­sig­keit: „Wo Akti­vi­tät gefor­dert ist, ist es antriebs­los; wo Krea­ti­vi­tät ver­langt wird, fällt ihm nichts ein; [ … ] an Ent­schei­dungs­kraft fehlt es ihm eben­so wie an Mut zum Risi­ko; statt noto­risch gute Lau­ne zu ver­brei­ten, ist es unend­lich trau­rig“ (Reck­witz 2008, 289).

Was mit dem Rau­sch­er­leb­nis begann, endet im Erleb­nis­rausch: Der moder­ne Para­dies-Begriff steht nun für einen Ort, an dem Wün­sche sofort rea­li­siert und auf die Erwar­tun­gen pas­si­ver Benut­zer zuge­schnit­ten sind, die ihre Besu­che in künst­li­chen Erleb­nis­wel­ten (z.B. tro­pi­sche Bade­pa­ra­die­se) zu einem emo­tio­na­len und sinn­li­chen Gesamt­erleb­nis gestal­ten wol­len. So wird auch das künst­li­che Para­dies zu dem, was das ursprüng­li­che schon immer war: ein ver­lo­ren­ge­gan­ge­ner Ort, dem eine Visi­on inne­wohnt, deren Erreich­bar­keit bezwei­felt wer­den mag, die aber einen uto­pi­schen Cha­rak­ter trägt.

Lite­ra­tur

Bau­de­lai­re, Charles. 2016 [1860]. Les para­dis arti­fi­ciels, dt. Die künst­li­chen Para­die­se. Über­setzt von Erik-Ernst Schwa­bach, Berlin.

Ben­t­hien, Clau­dia; Ger­lof, Manue­la (Hg.). 2010. Para­dies – Topo­gra­fien der Sehn­sucht. Köln.

But­ler, Mark. 2009. „Im Auge des Zyklons. Vom che­mi­schen Rausch und dem psy­cho­tro­pen Spiel mit sich“, ilinx – Ber­li­ner Bei­trä­ge zur Kul­tur­wis­sen­schaft 1: 243–260.

De Quin­cey, Tho­mas. 1981 [1821]. The con­fes­si­ons of an Eng­lish Opi­um-Eater, dt. Bekennt­nis­se eines eng­li­schen Opi­u­m­es­sers. Über­setzt von Peter Mei­er, Leipzig.

Feus­tel, Robert. 2013. Grenz­gän­ge – Kul­tu­ren des Rauschs seit der Renais­sance, Mün­chen.

Kup­fer, Alex­an­der. 1996. Die künst­li­chen Para­die­se – Rausch und Rea­li­tät seit der Roman­tik, Stutt­gart.

Legna­ro, Aldo. 2016. „Dro­gen­kon­sum und Ver­hal­tens­kon­trol­le in der Sozi­al­ge­schich­te Euro­pas“, In: Kas­ten­butt, Burk­hard; Legna­ro, Aldo; Schmie­der, Arnold (Hg.). Rausch­dis­kur­se – Dro­gen­kon­sum im kul­tur­ge­schicht­li­chen Wan­del, Ber­lin: 11–28.

Reck­witz, Andre­as. 2006. „Das Sub­jekt des Kon­sums in der Kul­tur der Moder­ne: Der kul­tu­rel­le Wan­del der Kon­sum­ti­on“. In: Reh­berg, Karl-Sieg­bert (Hg.). Sozia­le Ungleich­heit, kul­tu­rel­le Unter­schie­de: Ver­hand­lun­gen des 32. Kon­gres­ses der Deut­schen Gesell­schaft für Sozio­lo­gie, Frank­furt am Main: 424–436.

Reck­witz, Andre­as. 2008. Unschar­fe Gren­zen – Per­spek­ti­ven der Kul­tur­so­zio­lo­gie, Bie­le­feld.

Bild­nach­weis

Das Titel­bild wur­de uns freund­li­cher­wei­se von Lumas zur Ver­fü­gung gestellt.

Bild­ti­tel: Elu­si­ve Treasures
Jahr: 2013/​14
Künst­le­rin: Isa­bel­le Menin
Erhält­lich bei: www​.lumas​.com

Wil­fried Heise

Wil­fried Hei­se hat Ger­ma­nis­tik, Geschich­te und Phi­lo­so­phie für das Lehr­amt an Gym­na­si­en stu­diert. Nach dem Stu­di­um in Gie­ßen und Hei­del­berg arbei­te­te er zunächst im Mar­ke­ting und in der Wer­bung, danach bei ver­schie­de­nen Unter­neh­men in der Öffent­lich­keits­ar­beit. Nach Jah­ren im Aus­land ist er der­zeit Leh­rer an einem Berufs­kol­leg in Nordrhein-Westfalen.

Erschie­nen in:

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