August Macke und Franz Marc pfleg­ten bis zum Tod eine inni­ge Freund­schaft, die in einem gemein­sam gemal­ten Bild einen fast uto­pi­schen Aus­druck fand: Das Para­dies-Fres­ko in Mackes Haus in Bonn. Das über­le­bens­große Bild zeugt einer­seits vom sel­te­nen, aber gelun­ge­nen Ver­such einer künst­le­ri­schen Zusam­men­ar­beit. Zum ande­ren doku­men­tiert es die Suche nach einem neu­en, meta­phy­si­schen Kunst­an­spruch. Gera­de Marc ging es dar­um, das Para­dies nicht abzu­bil­den, son­dern als Jen­seits durch das Bild durch­schei­nen zu las­sen.

Das Para­dies in den Köp­fen

Abb. I: Franz Marc, <em>Zwei springende Affen</em> | August Macke, <em>Laufende Affenherde</em>, 1911
Abb. I: Franz Marc, Zwei sprin­gen­de Affen | August Macke, Lau­fen­de Affen­her­de, 1911

Eine Dop­pel­sei­te in einem Skiz­zen­buch von Macke zeugt von einem ers­ten Aus­tausch über das Bild­mo­tiv. Die Skiz­ze ent­stand wäh­rend eines Besuchs von Macke bei Marc in Sin­dels­dorf im Okto­ber 1911. Offen­bar soll­ten Affen das Para­dies als ers­te Wesen bevöl­kern. Marc aqua­rel­lier­te oben auf der Dop­pel­sei­te in Grau­tö­nen zwei Affen, die in der Dia­go­na­le nach links abwärts sprin­gen. Dar­un­ter zeich­ne­te Macke eine Affen­her­de, die eben­falls nach links strömt. Kur­ze, kräf­ti­ge Blei­stift­stri­che beto­nen dabei die gleich­ge­rich­te­ten Rücken der Tie­re. Die Vor­stel­lung einer „lau­fen­den Affen­her­de“, so ver­traut Macke sei­nem Künst­ler­freund an, habe ihn schon seit Kinds­bei­nen an beglei­tet.

August Macke, <em>Porträt Franz Marc</em>, 1911.
Abb. 2: August Macke, Por­trät Franz Marc, 1911.

Die bei­den Künst­ler lern­ten sich 1910 bei einer Aus­stel­lung ken­nen. Marc war knapp drei­ßig, Macke drei­und­zwan­zig Jah­re alt. Schon bald ent­wi­ckel­ten die Män­ner eine „ero­tisch-pla­to­ni­sche Freund­schafts­lie­be“ (Cle­menz 2015), die Leben und Arbeit durch­drang. Marc inter­es­sier­te sich für das gemein­sa­me Expe­ri­ment und den Aus­tausch von Erfah­run­gen. Und auf die vie­len Geschen­ke, die er sei­nem jun­gen Freund ver­mach­te, ant­wor­te­te jener mit Hun­der­ten von Skiz­zen, die er von Marc über die Jah­re hin­weg anfer­tig­te.

Aber die Ate­lier­fra­ge! Das ist das Aller‑, Aller­wich­tigs­te“, schrieb August Macke im Novem­ber 1910 an sei­ne Schwie­ger­mut­ter in Bonn (in: Free­se & Güse 1987). Der nahen­de Win­ter hat­te dem Malen im Frei­en ein Ende berei­tet. Macke muss­te den frucht­ba­ren Auf­ent­halt am Tegern­see been­den und zu sei­ner Fami­lie nach Bonn zurück­keh­ren. Dort zog sich der Umbau des Hau­ses, ins­be­son­de­re der Aus­bau des Dach­ge­schos­ses zum Ate­lier, über zig Mona­te hin. Am 6. Novem­ber mein­te Macke, sei­nem Freund mit­tei­len zu kön­nen: „Das Ate­lier ist in den ers­ten Wehen“ (in: W. Macke 1964).

Viel Glück in’s neue Ate­lier! Behal­te eine Kalk­wand für mich auf!“
Marc an Macke

Marc, der in Sin­dels­dorf grö­ße­re For­ma­te in einem Ver­schlag im Frei­en, im Win­ter in einem unge­heiz­ten Spei­cher mal­te, nahm an Mackes Ate­lier leb­haft Anteil. „Rich­te Dir doch ein paar Wän­de in Eurem Hau­se für Fres­ko! Dann malen wir’s zusam­men,“ schlägt er am 2. Dezem­ber 2011, ein geschla­ge­nes Jahr spä­ter, dem Freund vor (ebd.). Die­ser grüßt am 9. Febru­ar 1912 als „August in den Kalk­wän­den“ und mel­det: „Das Ate­lier tritt nächs­te Woche in Betrieb.“ Marc wünscht am 14. Febru­ar „Viel Glück in’s neue Ate­lier! Behal­te eine Kalk­wand für mich auf!“ (ebd.). Im Som­mer 1912 kam Marc zu einem ers­ten Besuch nach Bonn; dann noch ein­mal vom 26. Sep­tem­ber bis 20. Okto­ber. In die­ser Zeit erschu­fen sie das Para­dies.

Das Para­dies an der Kalk­wand

August Macke, Franz Marc, Paradies, 1912.
August Macke; Franz Marc, Para­dies, 1912.

Das Para­dies bann­ten sie auf eine hohe und schma­le Wand, die den klei­nen Ate­lier­raum Mackes zum Trep­pen­haus abgrenzt. Bau­li­che Gege­ben­hei­ten bestimm­ten das For­mat von etwa vier Metern in der Höhe und zwei Metern in der Brei­te. Der gemal­te Rah­men hebt das Bild­feld her­vor: Durch die braun­ro­te Sockel­zo­ne unten und den seit­lich wie oben umlau­fen­den grü­nen Strei­fen wird die unru­hi­ge Wir­kung der unre­gel­mä­ßi­gen Begren­zung nach oben gemil­dert. Mit stel­len­wei­se stark ver­dünn­ter Ölfar­be mal­ten sie Adam und Eva auf den tro­cke­nen Ver­putz. Umge­ben von Tie­ren, genie­ßen die ers­ten Men­schen müßig den Gar­ten Eden – noch bereut der Herr es nicht, dass er den Men­schen schuf.

Das Hoch­for­mat der Wand legt eine steil anstei­gen­de Land­schaft als Bild­ar­chi­tek­tur nahe. Adam erscheint in der obe­ren Bild­hälf­te, vom Bild­rand ange­schnit­ten und den Rücken der Bertrachter*in zuge­wandt. Er streckt bei Arme nach einem Äff­chen über sei­nem Kopf aus. Die­ses turnt auf einem Baum,  der am rech­ten Bild­rand ein kom­po­si­to­ri­sches Gegen­ge­wicht zur lebens­gro­ßen Gestalt des Man­nes bil­det. Zu Adams Füßen, aus der Bild­mit­te leicht nach links ver­rückt, sitzt Eva auf einem natür­li­chen Podest.

Vege­ta­ti­ons­for­men in Blau und Grün gehen durch das Gelb­rot der Eva-Gestalt hin­durch; ihr Kör­per scheint gewicht­los und durch­läs­sig. Zu ihren Füßen äst ein rotes Reh, den Kör­per geschmei­dig bie­gend. Ein brand­ro­ter Fuchs, in sei­ner Erd­höh­le gebor­gen, hebt neu­gie­rig sei­nen Kopf zum Reh auf. Rechts steht ein mas­si­ger Stier, rot leuch­tend im strah­lend blau­en Was­ser; er trinkt, den schwe­ren Nacken gebeugt. Dazwi­schen erscheint rot die Erde, die auf­grund ihrer inten­si­ven Kolo­rie­rung eine ähn­li­che Gewich­tung wie die Tie­re erhält.

links: Auschnitt aus dem Para­dies­bild

rechts: Das Ate­lier von August Macke mit einer Repro­duk­ti­on des Para­dies­bil­des. Das Ori­gi­nal wur­de 1980 abge­tra­gen und im LWL-Lan­des­mu­se­um für Kunst und Kul­tur­ge­schich­te, Müns­ter, neu auf­ge­stellt.

Das Para­dies der Zusam­men­ar­beit

Das Para­dies ist das gemein­sa­me Werk zwei­er Künst­ler­freun­de. Es ist ein Werk, das als Gan­zes über die Sum­me der indi­vi­du­el­len Bei­trä­ge hin­aus­weist. Die gemein­sa­me Autor­schaft kann aber nur wür­di­gen, wer den Fäden von Marc und Macke nach­spürt, die die bei­den Künst­ler in das Bild ver­wo­ben haben.

Die Fra­ge nach der indi­vi­du­el­len Leis­tung am Bild ist bis­lang nur für Franz Marc beant­wor­tet. Des­sen Bio­graf, Klaus Lank­heit, schreibt Marc den Adam, den Baum mit den Affen, die Tie­re und einen gro­ßen Teil der Land­schaft zu. In der Fami­lie Macke hin­ge­gen schreibt eine münd­li­che Tra­di­ti­on ihrem Spröss­ling die ori­en­ta­li­sche Sze­ne, Eva und wie­der: den Adam zu. Die „nai­ven“ Büschel­pflan­zen der lin­ken unte­ren Ecke des Fres­kos stam­men wohl eben­falls von Macke.

August Macke, <em>Männliche Rückenfigur</em>,1909.
August Macke, Männ­li­che Rückenfigur, 1909.

Der Anteil Mackes an der Gesamtom­po­si­ti­on darf aber nicht, wie so eini­ge Werk­über­sich­ten sug­ge­rie­ren, unter­schätzt wer­den. Immer­hin hat­te Macke bereits bei sei­nem Auf­ent­halt am Tegern­see Vor­stu­di­en für eine ähn­li­che Bild­idee zu Papier gebracht. Adam wen­det sich dar­in eben­falls vom Betrach­ter ab und greift eben­so in die Äste des Apfel­bau­mes. Das cha­rak­te­ris­ti­sche Bild­the­ma eines idea­li­sier­ten Män­ner­ak­tes, der in arka­di­scher Land­schaft das vege­ta­bi­le Dasein der Bäu­me teilt, bleibt auch in Mackes wei­te­rem Schaf­fen prä­sent, wie zahl­rei­che Skiz­zen­buch­zeich­nun­gen bele­gen. Ob der jun­ge Künst­ler neben dem Motiv auch die Aus­füh­rung des baum­grei­fen­den Adam zu ver­ant­wor­ten hat, ist eine ande­re Fra­ge.

Franz Marc, Affenfries, 1911.
Franz Marc, Affen­fries, 1911.

Dage­gen ent­stam­men die Tie­re unstrit­tig dem Motiv­re­per­toire von Marc. Stier und Reh erin­nern an sei­ne Arbei­ten von 1911. Im kur­vi­gen Auf­bie­gen des Fuchs­rü­ckens und in der geschmei­di­gen Wen­dung des Reh­kör­pers klingt die har­mo­ni­sche For­men­spra­che der Roten Rehe von 1912 an. Auch der Baum mit den klet­tern­den Affen hat Vor­gän­ger in Marcs Affen­fries von 1911, auf dem eine Affen­her­de in der Bild­dia­go­na­le abwärts steigt. Im Para­dies hin­ge­gen herr­schen ener­gi­sche Rich­tungs­ge­gen­sät­ze vor, aus denen die Leb­haf­tig­keit der Tie­re spür­bar wird. Das Bäum­chen selbst, mit sei­nem geschwun­ge­nen Stamm und dem kur­vi­gen Gegen­schwung sei­ner Äste, ver­hält sich kon­tra­punk­tisch zu den Hal­tun­gen der tur­nen­den Tie­re und ist als Bil­der­fin­dung von die­sen nicht zu tren­nen.

Ein Fabel­tier auf Evas Kni­en

Ein Detail des Wand­bil­des ver­dient beson­de­re Auf­merk­sam­keit: die Über­ma­lun­gen bei Evas Bei­nen. Über deren Kni­en lagert ein Tier mit einer gra­zi­len Kopf­hal­tung – ein ephe­me­res Wesen, das in sei­nen zar­ten Grün- und Blau­tö­nen nahe­zu durch­sich­tig wirkt. Dahin­ter befin­det sich noch ein zwei­tes sei­ner Art, von dem aber nur Kopf und Ohren zu sehen sind. Die­se zar­ten Fabel­tie­re, die weder als Fuchs noch Reh klar iden­ti­fi­zier­bar sind, tau­chen spä­ter in Marcs berühm­ten Skiz­zen­buch aus dem Fel­de (1915) wie­der auf, einem Kon­vo­lut aus 36 klein­for­ma­ti­gen Blei­stift­zeich­nun­gen, die er weni­ge Mona­te vor sei­nem und eine Jahr nach Mackes Tod anfer­tig­te.

Franz Marc, Skiz­ze 12 aus: Skiz­zen­buch aus dem Fel­de, 1915.

Merk­wür­dig wir­ken zudem die ori­en­ta­lisch geklei­de­ten Men­schen, die am rech­ten Bild­rand Eva und Adam Gesell­schaft leis­ten. Sie ent­stam­men mit gro­ßer Wahr­schein­lich­keit Mackes Vor­stel­lun­gen über den Ori­ent, die die­ser wie­der­um der Lek­tü­re von Nietz­sches Ori­ent­phan­ta­sie in Also sprach Zara­thus­tra ver­dank­te.

– sit­ze hier, die bes­te Luft schnüf­felnd,
Para­die­ses-Luft wahr­lich,
Lich­te leich­te Luft, gold­ge­streif­te,
So gute Luft nur je
Vom Mon­de her­ab­fiel – (Kapi­tel 88, Unter Töch­tern der Wüs­te).

Orientalische Figuren
Ori­en­ta­li­sche Figu­ren

Das Para­dies hin­ter dem Para­dies

Ein über­le­bensgroßes Wand­bild in einem pri­va­ten Ate­lier mutet zunächst para­dox an, rich­ten sich doch monu­men­ta­le Wer­ke zumeist an eine grös­se­re Öffent­lich­keit.

Trotz des pri­va­ten Rah­mens erhebt das Para­dies­bild einen Anspruch auf eine idea­le Zuschau­er­schaft. Gera­de Franz Marc arti­ku­lier­te in sei­nen Schrif­ten Zur Kunst­theo­rie einen uni­ver­sa­len Kunst­an­spruch, der beson­ders das Ver­hält­nis des Bil­des zur sicht­ba­ren Natur betraf. Bereits 1912 lehn­te es Marc als Künst­ler ab, sich vor die „güti­ge, immer gedul­di­ge Natur“ zu stel­len und an ihr her­um­zu­bie­gen, „bis das Bild den ersehn­ten moder­nen Schnitt hat“ (1978: §5). Viel­mehr gel­te es, das Natur­bild zu ver­nich­ten, um die dahin­ter lie­gen­den Geset­ze zu zei­gen.

Das Para­dies wur­de für Marc zu einem Bild des eige­nen künst­le­ri­schen Bestre­bens. Dabei ging es ihm nicht so sehr um das his­to­ri­sche Para­dies von Adam und Eva, viel­mehr um das Para­dies im Jen­seits, das uns am Ende aller Tage bes­ten­falls erwar­tet. Mit dem Tod, so Marc, begin­ne schließ­lich erst das eigent­li­che Sein. Just die­se Sehn­sucht nach dem eigent­li­chen Sein sei die Grund­stim­mung aller Kunst: „Ihr gro­ßes Ziel ist, […] ein unir­di­sches Sein zu zei­gen, das hin­ter allem wohnt, den Spie­gel des Lebens zu zer­bre­chen, daß wir in das Sein schau­en.“ (1978: §12).

Marcs und Mackes Para­dies an der Born­hei­mer Stra­ße erscheint als Resul­tat einer nahe­zu uto­pi­schen Lie­bes- und Schaf­fens­ge­mein­schaft. Als sol­ches bil­det es gleich­be­rech­tigt die Sehn­süch­te und Phan­tas­men bei­der Künst­ler ab. Dar­über hin­aus ste­hen das gemal­te Para­dies, ins­be­son­de­re die Traum­tie­re in Evas Schoss, für jenes unsicht­ba­re „eigent­li­che Sein“, dem sich die Kunst über­haupt und grund­sätz­lich anzu­nä­hern ver­su­che – para­die­sisch abso­lu­te Kunst, sozu­sa­gen.

Nach zwei Wochen in Bonn kehr­te Marc in sei­ne Hei­mat zurück. An Macke schrieb er dar­auf: „Die Luft riecht nach Schnee; es ist so still und win­ter­lich gewor­den, seit Du weg bist.“ (in: W. Macke 1964).

Lite­ra­tur

Cle­menz, Man­fred. 2015. „ ‚Eine ero­tisch pla­to­ni­sche Freund­schafts­lie­be‘. Ale­xej Jaw­len­sky und Mari­an­ne von Weref­kin“, IMAGO. Inter­dis­zi­pli­nä­res Jahr­buch für Psy­cho­ana­ly­se und Ästhe­tik 3.

Free­se, Wer­ner & Güse, Ernst Ger­hard (Hg.). 1987. August Macke, Brie­fe an Eli­sa­beth und die Freun­de. Mün­chen.

Lank­heit, Klaus. 1970. Franz Marc: Kata­log der Wer­ke, Köln.

Macke, Wolf­gang (Hg.). 1964. August Macke – Franz Marc, Brief­wech­sel, Köln.

Marc, Franz. 1978. „Zur Kunst­theo­rie“, in: der­sel­be (Hg.). Schrif­ten. Köln.

Bild­nach­weis

Das Titel­bild wur­de uns freund­li­cher­wei­se von Lumas zur Ver­fü­gung gestellt.

Bild­ti­tel: L’Em­bar­que­ment pour Cythè­re Nº 11
Jahr: 2014
Künst­le­rin: Isa­bel­le Menin
Erhält­lich bei: www​.lumas​.com

Jean Marie Carey

Jean Marie Carey

Jean Marie Carey ist pro­mo­vier­te Kunst­his­to­ri­ke­rin (Ph. D. an der Uni­ver­si­ty of Otago, Neu­see­land). Der­zeit arbei­tet sie an einer neu­en Bio­gra­phie zu Franz Marc. Neben­bei schreibt sie über moder­ne und zeit­ge­nös­si­sche Kunst.

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Pri­va­cy Pre­fe­rence Cen­ter