Seit 2015 wächst in Mai­land der Wald ver­ti­kal. Bosco Ver­ticale ist ein vom Archi­tek­ten Ste­fa­no Boe­ri ent­wor­fe­ner Wohn­kom­plex aus zwei Tür­men, 110 und 80 Meter hoch. Rund 800 Bäu­me, Tau­sen­de von Sträu­chern und Stau­den gedei­hen hier auf Bal­ko­nen und Ter­ras­sen. Ver­mark­tet wird der Kom­plex als Bei­trag zur öko­lo­gi­schen Stadt­er­neue­rung. Inmit­ten einer Stadt, die seit Jahr­zehn­ten ver­geb­lich gegen die Luft­ver­schmut­zung ankämpft, sol­len sich nun die kli­ma­ti­schen und ästhe­ti­schen Qua­li­tä­ten des Wal­des rei­ni­gend ent­fal­ten. In Lau­sanne baut Boe­ri mit dem Tour des Cèd­res einen wei­te­ren Wald­turm. In der chi­ne­si­schen Stadt Shi­jiazhuang plant er gar eine gan­ze Forest City für 100.000 Menschen.

Sol­che Immo­bi­li­en sei­en der Ver­such, „eine Art urtüm­li­chen Para­dies­gar­ten in unse­ren Wohn- und Arbeits­be­rei­chen nach­zu­bil­den“, sagt die Archi­tek­tur-Beob­ach­te­rin Jill Feh­ren­bach (zitiert in Babbs 2013). Damit behält sie mehr als recht. Denn das ursprüng­li­che Para­dies in der per­si­schen Anti­ke beinhal­te­te nicht nur die Har­mo­nie zwi­schen Mensch und Natur, son­dern auch die Mau­ern, die den herr­schaft­li­chen Lust­gar­ten abgrenz­ten – pai­ri­daë­za. Das Para­dies ist exklu­siv im dop­pel­ten Sinn: Ein Qua­drat­me­ter Wohn­flä­che kos­tet bis zu 12.000 Euro im ‚urba­nen Öko­sys­tem‘ Bosco Ver­ti­ca­le und der Zutritt ist nur über eine Lob­by mög­lich, in der Con­cier­ges den Zugang kon­trol­lie­ren und über die Sicher­heit wachen.

Bosco Ver­ti­ca­le in Mailand
(Bild: Loren­zo Click, Flickr)

Das Para­dies ist ein exklu­si­ver Ort

Die gegen­wär­ti­ge Sym­bol­öko­no­mie preist in vie­len euro­päi­schen Städ­ten kost­spie­li­ge Wohn­an­la­gen als herr­schaft­li­che Lust­gär­ten an. Sie füh­ren das Para­die­si­sche als „Gär­ten“, „Parks“ usw. im Namen. So bie­tet der ein­schlä­gi­ge Inves­tor Fran­ko­nia Euro­bau in Deutsch­land von den Sophien­ter­ras­sen in Ham­burg bis zu den Len­bach­gär­ten in Mün­chen eine gan­ze Rei­he sol­cher Anla­gen. In Leip­zig ent­stand die als Gated Area fir­mie­ren­de Cen­tral Park Resi­dence, in Aachen der Bar­ba­ros­sa Park, in Pots­dam heißt die Gated Com­mu­ni­ty gleich Arca­dia. Über­all regeln Con­cier­ges mit ihren digi­ta­len Sicher­heits­netz­wer­ken den Zutritt.

Eine Gated Com­mu­ni­ty beschreibt einen geschlos­se­nen Wohn­kom­plex mit ver­schie­de­nen Arten von Zugangs­be­schrän­kun­gen. Die Grö­ße von Gated Com­mu­ni­tys vari­iert von ein­zel­nen bewach­ten Appar­te­ment­blö­cken bis hin zu groß­flä­chi­gen Sied­lun­gen mit über 100.000 Ein­woh­nern mit eige­ner Infra­struk­tur wie Ein­kaufs­mög­lich­kei­ten, Gemein­schafts­ein­rich­tun­gen, eige­nen Schu­len und Kran­ken­häu­sern und sogar eige­nen Büro­zen­tren und Arbeits­stät­ten.“ (Wiki­pe­dia)

Gemäß Wiki­pe­dia gel­ten in Deutsch­land fol­gen­de Anla­gen als Gated Communitys:

  • Arca­dia-Wohn­an­la­ge in Potsdam
  • Bar­ba­ros­s­a­park in Aachen
  • Wohn­an­la­ge am Olym­pia­park in München

Es ent­ste­hen Räu­me der resi­den­zi­el­len Segre­ga­ti­on, deren sym­bo­li­sche Gren­zen zugleich mani­fes­te Gren­zen sind, oft gan­ze Quar­tie­re von eini­ger Grö­ße, zu denen nur Berech­tig­te Zutritt haben; ganz, wie es für Para­die­se vor­ge­se­hen ist. Das Para­die­si­sche die­ser ‚Gär­ten‘, Gated Are­as oder Com­mu­nities erschöpft sich meist im Namen; dar­an ändern auch die obli­ga­to­ri­schen Grün­an­la­gen nicht viel. Gele­gent­lich aber gehört das Para­die­si­sche auch expli­zit zum Baukonzept.

Eingang zum Barbarossapark in Aachen (Bild: Ingold Janssen, Flickr)
Ein­gang zum Bar­ba­ros­s­a­park in Aachen (Bild: Ingold Jans­sen, Flickr)

Die bereits erwähn­te Fran­ko­nia Euro­bau stell­te 2009 in Müns­ter 2009 die Klos­ter­gär­ten fer­tig. Dafür wur­de eigens ein Fran­zis­ka­ner­klos­ter aus dem 19. Jahr­hun­dert abge­ris­sen, wobei die Klos­ter­mau­ern erhal­ten blie­ben – ergänzt nun um hohe Zäu­ne. Ein „Stadt­pa­lais“ und vier „Stadt­vil­len“ sind um einen Gar­ten­hof mit einem zen­tra­len Brun­nen grup­piert. Arka­den wol­len einen Kreuz­gang sug­ge­rie­ren. Fran­ko­nia ver­mark­te­te die Anla­ge aus­drück­lich als hor­tus con­cl­usus. Bemüht wird damit das seit der Anti­ke bekann­te Motiv des geschlos­se­nen Gar­tens, des­sen Mau­ern das para­die­si­sche Innen – den lieb­li­chen Ort (locus amo­e­nus) also – vor dem schreck­li­chen Außen (locus ter­ri­bi­lis) schüt­zen.

Geschützt wer­den soll in den Klos­ter­gär­ten ein „[p]rivilegiertes Leben auf höchs­tem Niveau […], geprägt von Kom­fort, Sicher­heit und Exklu­si­vi­tät“, so der Inves­tor. Schließ­lich sei­en Klös­ter his­to­risch schon immer auch Rück­zugs­or­te für welt­li­che Herr­scher gewe­sen, was man nun „kon­se­quent in unse­re Zeit über­setzt und moder­nen Erfor­der­nis­sen ange­passt“ habe (Zita­te in Ter­meer 2010). Archi­tek­to­nisch stützt sich die­se Über­set­zung in unse­re Zeit regel­mä­ßig auf For­men der Art Déco oder aber des Neo-Neo­klas­si­zis­mus – auf eine For­men­spra­che der kon­ser­va­ti­ven Bürgerlichkeit.

Als eine ganz ande­re Vari­an­te des para­die­si­schen Exklu­siv-Woh­nens war­ten die Ver­ti­ka­len Wäl­der in Mai­land und Lau­sanne, aber auch die Urban Vil­la­ges wie das Green­wich Mill­en­ni­um Vil­la­ge in Lon­don oder der Ber­li­ner Mart­has­h­of auf. Die zeit­ge­nös­si­sche, oft ver­schach­tel­te (Hochhaus-)Architektur betont im Ver­gleich zur kon­ser­va­ti­ven Bür­ger­lich­keit eher die „ganz­heit­lich öko­lo­gi­schen“ Konzepte.

Das Lon­do­ner Dorf wirbt mit Parks, altem Baum­be­stand, natur­na­hen Gehöl­zen und See­ro­sen­tei­chen, bie­tet aber auch gan­ze Wohn­blocks mit zehn Eta­gen. Dage­gen ist die Bebau­ung beim Mart­has­h­of in Ber­lin-Prenz­lau­er Berg mit sei­nen Gar­den und Town Houses klein­tei­li­ger. Das Mar­ke­ting setzt hier auf die Erneue­rung einer – sehr exklu­si­ven – Dorf­idyl­le. Hier herr­schen „Har­mo­nie“ und „Gemein­schaft“, es gibt „Frei­raum und Gebor­gen­heit“ und kei­ne „Angst vor der Ein­sam­keit oder einem Bur­nout“. Die Men­schen fin­den ihr See­len­heil – auch öko­lo­gisch, mit all den Haus­be­grü­nun­gen, Holz­pel­let­hei­zun­gen und Regen­was­ser­auf­fang­sys­te­men. Kurz: „Bei­na­he eine Klos­ter­idyl­le“ (Zita­te in Rensch o.J.).

Bosco Ver­ti­ca­le ist ein wahr­lich her­aus­ra­gen­des Bei­spiel für die Aus­rich­tung der post­for­dis­ti­schen Stadt­po­li­tik auf die Bedürf­nis­se einer finanz­kräf­ti­gen Klientel.

Hoch­prei­si­ges Woh­nen kann eben­so als vor­geb­li­cher Dienst an der All­ge­mein­heit daher kom­men. Die Wer­bung für Bosco Ver­ti­ca­le betont, dass die Begrü­nung der Häu­ser im Gegen­wert eines Hekt­ars Wald kli­ma­tisch dem gan­zen Vier­tel nüt­ze. De fac­to aber muss­te für den Bau ein belieb­ter öffent­li­cher Park dran glau­ben. Bosco Ver­ti­ca­le ist ein wahr­lich her­aus­ra­gen­des Bei­spiel für die Aus­rich­tung der post­for­dis­ti­schen Stadt­po­li­tik auf die Bedürf­nis­se einer finanz­kräf­ti­gen Klientel.

Das Para­dies ist ein Pro­dukt post­for­dis­ti­scher Stadtpolitik

Das Städte-Ranking 2016 (©The Economist)
Das Städ­te-Ran­king 2016 (©The Eco­no­mist)

Im For­dis­mus gal­ten die Städ­te noch als aus­füh­ren­de Orga­ne des natio­na­len Sozi­al­staats. Bis in die 1980er Jah­re war auf­grund des Wett­be­werbs zwi­schen den Natio­nen noch kei­ne Kon­kur­renz unter den Städ­ten aus­zu­ma­chen.  Das hat sich Post­for­dis­mus der letz­ten 20 Jah­re signi­fi­kant ver­än­dert. Seit­dem herrscht ein per­ma­nen­ter, natio­na­ler wie inter­na­tio­na­ler Wett­be­werb unter den Städ­ten – ein Kampf, der nicht zuletzt in den Stadt­rankings zum Aus­druck kommt. In die­sem Wett­be­werb defi­nie­ren sich die Städ­te zuneh­mend als Unter­neh­men und han­deln dementsprechend.

Städ­te sind zu einer wich­ti­gen Kli­en­tel von Unter­neh­mens­be­ra­tun­gen à la McK­in­sey gewor­den, sie müs­sen sich in Ran­kings bewäh­ren und ent­wi­ckeln Manage­ment­stra­te­gien und Ver­kaufs-Sto­rys im Wett­be­werb um wohl­ha­ben­de Haus­hal­te, Tourist*innen, Dienst­leis­tungs­un­ter­neh­men und Investor*innen. Als Ren­di­te die­ses Wett­be­werbs sol­len Image­ge­win­ne, neue Arbeits­plät­ze und stei­gen­de Steu­er­ein­nah­men winken.

Eine post­for­dis­ti­sche Stadt­po­li­tik betreibt eine ‚Renais­sance der Innen­stadt‘ zuguns­ten pro­spe­rie­ren­der Bevöl­ke­rungs­grup­pen und ihrer Wohn­be­dürf­nis­se. Zwang­läu­fig führt dies – oft auch gewollt – zur Ver­drän­gung wenig kauf­kräf­ti­ger Einwohner*innen. Im Rah­men die­ser Poli­tik gerät auch der öffent­li­che Raum unter Druck. Ist er nicht schon pri­va­ti­siert, wird er bes­tens kon­trol­liert: Public pri­va­te part­ners­hips sor­gen zum einen für sei­ne ästhe­ti­sche Auf­wer­tung, zum ande­ren für eine ‚ange­mes­se­ne‘ Bespie­lung mit Kon­zer­ten oder Open-Air-Kinos. Kom­mu­na­le oder pri­va­te Sicher­heits­diens­te ach­ten längst nicht mehr nur auf Sicher­heit, son­dern zuneh­mend auch auf Sau­ber­keit. Der öffent­li­che muss wie der pri­va­te Raum stets vor­zeig­bar sein.

Flo­ri­da, Richard. 2002. The Rise of the Crea­ti­ve Class. Sowie: Flo­ri­da, Richard. 2012. The Rise of the Crea­ti­ve Class – Revi­si­ted.

Aktu­el­le Stra­te­gien zur Auf­wer­tung von Stadt­land­schaf­ten beru­fen sich regel­mä­ßig auf die The­sen des Öko­no­men Richard Flo­ri­da, der die über­ra­gen­de Bedeu­tung der crea­ti­ve class für das öko­no­mi­sche Wachs­tum einer Stadt betont. Die Her­aus­stel­lung des Krea­ti­ven ver­weist auf ein wei­te­res Merk­mal post­for­dis­ti­scher (Stadt-)Strukturen: Sie sind durch­aus offen für ehe­mals oppo­si­tio­nel­le, post­ma­te­ria­lis­ti­sche Posi­tio­nen und Stra­te­gien. Als ‚krea­ti­ve‘ Lösun­gen fügen sie sich heu­te bes­tens in das Mar­ke­ting ‚inno­va­ti­ver‘ Städte.

In den 1970er und 80er Jah­ren sehn­ten vie­le links-alter­na­ti­ven Uto­pien das Auf­bre­chen grau­er for­dis­ti­scher Struk­tu­ren durch den Ein­bruch grü­ner Natur her­bei. Das Ziel waren urba­ne Para­die­se fern­ab des Kapi­ta­lis­mus. 1975 erschien Ernest Cal­len­bachs Roman Öko­to­pia, der von einem länd­li­chen neu­en San Fran­cis­co im Jahr 1999 träum­te – von einer Stadt mit Was­ser­fäl­len, Bäu­men und Stra­ßen­lö­chern vol­ler Blumen.

Der Wunsch, Städ­te in Pal­men­strän­de zu ver­wan­deln, beweg­te aus­ser­dem die „Jugend­un­ru­hen“ in Zürich und Bern (vgl. Bei­trag Ueli Mäder). 1984 ent­warf die femi­nis­ti­sche Archi­tek­tin Anne­lie Schliecker Häu­ser und Stadt­tei­le, die mit „wild wach­sen­den Pflan­zen“ und Nutz­gär­ten begrünt waren und einen Bei­trag zum Öko­so­zia­lis­mus leis­ten soll­ten. Auch Joseph Beuys‘ Pflanz­ak­ti­on 7000 Eichen an der Docu­men­ta Kas­sel gehör­te unter dem Mot­to Stadt­ver­wal­dung statt Stadt­ver­wal­tung zu die­ser grü­nen Auf­bruch­stim­mung (vgl. Ter­meer 2016). Und nicht zuletzt ent­stand in Wien mit dem Hun­dert­was­ser­haus (ent­wor­fen vom Maler Frie­dens­reich Hun­dert­was­ser) gar ein ‚bewal­de­ter‘ Bau mit 50 Sozialwohnungen.

Joseph Beuys pflanzt 1982 eine der ersten von insgesamt 7000 Eichen.
Joseph Beuys pflanzt 1982 eine der ers­ten von ins­ge­samt 7000 Eichen.

Heu­te gehö­ren sol­che Aus­brü­che aus büro­kra­ti­sier­ten Arbeits- und Lebens­struk­tu­ren, sol­che ‚Ver­flüs­si­gun­gen‘ ehe­mals star­rer urba­ner Gren­zen zum All­tag inner­halb des Kapi­ta­lis­mus. Ideen einer grü­nen Oppo­si­ti­on von damals sind Bestand­tei­le einer post­for­dis­ti­schen Stadt­po­li­tik von heu­te. Der Wan­del zeigt sich an etwa an heu­ti­gen Kon­zep­ten zur ‘Ver­wil­de­rung’ von urba­nen Brach­flä­chen, an der Dul­dung von Füch­sen oder Wild­schwei­nen in der Stadt oder aber in umfas­sen­den Stra­te­gien zur Begrü­nung und Renaturierung.

Das Para­dies ist ein umkämpf­ter Ort

Einen Kon­tra­punkt zu die­sen kapi­ta­lis­ti­schen Ver­flüs­si­gun­gen will das basis­ak­ti­vis­ti­sche Urban Gar­de­ning set­zen. Es ver­sucht, Frei­räu­me sozia­ler Koope­ra­ti­on, des Pro­tests und alter­na­ti­ver Prak­ti­ken der Selbst­ver­sor­gung zu schaf­fen und markt­frei­en Räu­men eine Chan­ce zu geben (Mül­ler, C. 2013). Doch selbst so wider­stän­di­ge Räu­me kön­nen – ent­ge­gen der Moti­va­ti­on ihrer Protagonist*innen – vom Mar­ke­ting ver­ein­nahmt wer­den. Städ­te rüh­men sich heu­te in Image­kam­pa­gnen oft ihrer Sub­kul­tur, gehört doch zu sol­chen place bran­dings die per­ma­nen­te Pro­duk­ti­on auf- und anre­gen­der Atmo­sphä­ren, gera­de auch durch „Abwei­chun­gen und Beson­der­hei­ten“ (Reck­witz 2012).

Zugleich sind die Para­die­se der Sub­kul­tur stets auch Ver­fü­gungs­mas­se. Sie müs­sen meist geräumt wer­den, wenn Investor*innen ihre Pro­jek­te umset­zen  – etwa hoch­prei­si­ge Archi­tek­tu­ren im Zei­chen der Nach­hal­tig­keit. Doch auch die Rea­li­sie­rung von Pres­ti­ge-Pro­jek­ten ver­läuft kei­nes­wegs bruch­los, wie das Bei­spiel des Ber­li­ner Mart­has­h­ofs zeigt. Seit sei­ner Pla­nung leh­nen Initia­ti­ven und Stadt­teil­grup­pen das Pro­jekt als „Super-Gen­tri­fi­zie­rung“ ab.

Der Weg ins Para­dies steht eben nicht allen offen.

Der Mart­has­h­of illus­triert neben­bei ein­drück­lich, wie sich die Ver­flüs­si­gun­gen von Gren­zen im Post­for­dis­mus arti­ku­lie­ren. Das Leben im Ein­klang mit der Natur soll mit dem Genuss des Exklu­si­ven, das beschau­lich Rura­le mit dem kom­for­ta­bel Urba­nen gepaart wer­den. Die­ses und ande­re Bei­spie­le erschei­nen wie ein Ver­spre­chen auf ein Para­dies im Hier und Jetzt, dank ihrer untrenn­ba­ren Ver­bin­dung von Nach­hal­tig­keit und Luxus. Und selbst die für Para­die­se kenn­zeich­nen­de Lan­ge­wei­le soll hier nicht auf­kom­men, exis­tie­ren sie doch inmit­ten der „auf­re­gen­den“ urba­nen Viel­falt der Groß­städ­te. Oder, wie es für den Mart­has­h­of heißt: „Tren­dig, kul­tu­rell, exo­tisch […]. Abwechs­lungs­reich und viel­fäl­tig“ (Zitat in Rensch o.J.).

Das 30-geschos­si­ge Hoch­haus Har­mo­ny Vil­la­ge in Toron­to will den Baby-Boo­mern allen Luxus und Schutz bie­ten – dank Con­cier­ge. (Bild: © City Core Deve­lo­p­ments)

Zugangs­kon­trol­len und Sicher­heits­sys­te­me hal­ten wie­der­um die bedroh­li­chen Sei­ten der urba­nen Viel­falt drau­ßen. Urban Vil­la­ges sind mit elek­tro­ni­schen Ein­lass­kon­trol­len und audi­vi­su­el­len Über­wa­chungs­sys­te­men aus­ge­rüs­tet. Der Zugang zur Dorf­idyl­le des Mart­has­h­of ist  durch ein meist ver­schlos­se­nes  Tor gere­gelt. Und im Bosco Ver­ti­ka­le, in den Quar­tie­ren der Fran­ko­nia Euro­bau und ver­gleich­ba­ren Immo­bi­li­en die­nen Con­cier­ges der Sicher­heit einer­seits, dem Dis­tink­ti­ons­ge­fühl andererseits.

Post­for­dis­ti­sche Stadt­struk­tu­ren bie­ten neue Öff­nun­gen, eben­so aber neue Schlie­ßun­gen. Der Weg ins Para­dies steht eben nicht allen offen.

Lite­ra­tur

Babbs, Helen. 2013. „High-rise gar­de­ning. When is a sky­s­cra­per not just a sky­s­cra­per? When it’s a gar­den“. The Guar­di­an, Febru­ar 27. Online.

Mül­ler, Chris­ta. 2013. „Sehn­suchts­stadt statt Land­lust. Wie post­in­dus­tri­el­le Sehn­suchts­or­te des Sel­ber­ma­chens und der Natur­be­geg­nung neue Bil­der von Urba­ni­tät ent­wer­fen. In: Mar­co Tho­mas Boss­hardt u.a. (Hg.). Sehn­suchts­städ­te. Auf der Suche nach lebens­wer­ten urba­nen Räu­men. Bie­le­feld: Tran­script, 141–151 (Zitat S. 147f.).

Reck­witz, Andre­as. 2012. Die Erfin­dung der Krea­ti­vi­tät. Zum Pro­zess gesell­schaft­li­cher Ästhe­ti­sie­rung. Ber­lin: Suhr­kamp (Zitat S. 306).

Rensch, Ulri­ke. O.J. „Urban Vil­la­ge: Vor­ort-Flair direkt am Prenz­lau­er Berg in Ber­lin“. Online.

Ter­meer, Mar­cus. 2016. Men­schen mit frem­den Wur­zeln in hybri­den Stadt­land­schaf­ten. Ver­such über Iden­ti­tät und Urba­ni­tät im Post­for­dis­mus. Ber­lin: Neo­fe­lis (Zita­te auf S. 74–80).

Ter­meer, Mar­cus. 2010. Müns­ter als Mar­ke. Die »lebens­wer­tes­te Stadt der Welt«, die Öko­no­mie der Sym­bo­le und ihre Vor­ge­schich­te. Müns­ter: West­fä­li­sches Dampf­boot (Zita­te auf S. 77).

Bild­nach­weis

Das Titel­bild wur­de uns freund­li­cher­wei­se von Lumas zur Ver­fü­gung gestellt.

Bild­ti­tel: E la nave va Nº 1
Jahr: 2013/​14
Künst­le­rin: Isa­bel­le Menin
Erhält­lich bei: www​.lumas​.com

Mar­cus Termeer

Mar­cus Ter­meer ist pro­mo­vier­ter Sozio­lo­ge und frei­er Autor in Freiburg/​Breisgau. Er beschäf­tigt sich mit den Struk­tu­ren urba­ner Räu­me sowie mit Natu­ra­li­sie­run­gen sozia­ler Kon­struk­tio­nen. Zuletzt erschien sein Buch Men­schen mit frem­den Wur­zeln in hybri­den Stadt­land­schaf­ten. Ver­such über Iden­ti­tät und Urba­ni­tät im Post­for­dis­mus (Ber­lin 2016: Neofelis).

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