Para­dies und Uto­pie tau­chen häu­fig als syn­ony­me Chif­fren auf. Bei­de erzeu­gen Bil­der­wel­ten von Frie­den und Har­mo­nie unter Men­schen, von Ein­tracht mit der Natur und einer sor­gen­frei­en Exis­tenz. Doch bei­de Kon­zep­te trennt mehr, als sie verbindet.

Das Para­dies ist Ver­gan­gen­heit. Glaubt man sei­ner wich­tigs­ten Quel­le, dann liegt der Ursprung des Men­schen­ge­schlechts im Gar­ten Eden (1. Mose 2, 8–15). Noch kann­ten die Men­schen dort weder Not noch Krank­heit, weder Elend noch Tod. Trotz die­sen gran­dio­sen Lebens­be­din­gun­gen war das Para­dies – zumin­dest zunächst – kein gedank­li­ches Ide­al und auch kei­ne Ima­gi­na­ti­on unge­trüb­ten Glücks, son­dern jener phy­si­sche Ort auf Erden, in den Gott die ers­ten Men­schen setz­te und wegen Unge­hor­sams dar­aus ver­bann­te. Das ist, alles in allem, recht lan­ge her. Selbst von Moses aus gerech­net, liegt die Ver­trei­bung aus dem Para­dies min­des­tens 4000 Jah­re zurück.

Thomas Morus brachte es bis zu seiner Hinrichtung auch politisch weit. Im Bild: Thomas More (Jeremy Northam) in der Fernsehserie Die Tudors
Tho­mas Morus brach­te es bis zu sei­ner Hin­rich­tung auch poli­tisch weit. Im Bild: Tho­mas More (Jere­my Nort­ham) in der Fern­seh­se­rie Die Tudors

Tho­mas Morus dage­gen sie­del­te sei­ne Uto­pia in der Gegen­wart an, auf einer fer­nen Insel, in der Nähe des jüngst ent­deck­ten Kon­ti­nents. Das ist zunächst ein hand­fes­ter per­spek­ti­vi­scher Unter­schied. In Morus’ Schil­de­rung bereist ein See­fah­rer namens Rapha­el Hyth­lo­dae­us die bemer­kens­wer­te Insel Uto­pia, wovon er nun, zurück in Euro­pa, aus­führ­lich berich­tet. Der Wahr­heits­ge­halt sei­ner Geschich­te ist mit der bibli­schen Gar­ten-Eden-Epi­so­de aller­dings in etwa ver­gleich­bar: Das bibli­sche Para­dies hat es als his­to­ri­sches Fak­tum wohl so sicher gege­ben, wie sich Uto­pi­as Haupt­stadt Amau­ro­tum auf einer Land­kar­te fin­det. Doch um sol­che topo­gra­phi­schen Wahr­hei­ten ging es den Erzäh­lun­gen ohne­hin nicht.

Mit Morus beginnt im Jahr 1516 die Geschich­te eines Gen­res, in dem Raum – und nicht Ver­wandt­schaft wie bei der Stam­mes­ge­schich­te Isra­els – eine zen­tra­le Rol­le spielt. Die klas­si­schen Uto­pien, die Morus’ Nach­fol­ge antra­ten, erzäh­len alle von Insel­ent­de­ckun­gen, von fer­nen Län­dern mit ori­gi­nel­len und meist deut­lich ver­nünf­ti­ge­ren Insti­tu­tio­nen als sie die zeit­ge­nös­si­schen euro­päi­schen Gemein­we­sen zu bie­ten hat­ten. Dazu gehö­ren: Sti­b­lins Maka­ria-Uto­pie (1555), Cam­pa­nellas Son­nen­staat (1623), And­rea­es Chris­tia­no­po­lis (1619), Bacons Nova-Atlan­tis (1627) oder Schna­bels Insel Fel­sen­burg (1731)

Para­dies und Uto­pie gemein­sam ist der klar defi­nier­te Raum mit deut­li­chen Gren­zen. Es gibt ein Innen und ein Außen. Die Mensch­heit muss nach dem Sün­den­fall ihren Gar­ten Eden ver­las­sen; eine Rück­kehr ist ihnen unmög­lich. Uto­pien sind kaum weni­ger her­me­tisch. Die uto­pi­schen Inseln sind mit natür­li­chen Hin­der­nis­sen und künst­li­chen Wehr­an­la­gen umge­ben, der Zutritt unter­liegt strik­ten Beschrän­kun­gen oder ist mit auf­wen­di­gen Initia­ti­ons­ri­ten verbunden.

Para­dies und Uto­pie gemein­sam ist der klar defi­nier­te Raum mit deut­li­chen Gren­zen. Es gibt ein Innen und ein Außen.

Ver­falls­ge­schich­te gegen Zukunftshoffnung

Aller­dings haben sich die klas­si­schen Uto­pis­ten nie in eine vor­zi­vi­li­sa­to­ri­sche Har­mo­nie zurück­ge­sehnt; es gibt kei­ne Ver­klä­rung oder Über­hö­hung des Ver­gan­ge­nen. Viel­mehr adres­sie­ren sie mit ihrer Kri­tik an den gegen­wär­ti­gen Miss­stän­den stets eine Hoff­nung auf künf­ti­ge Bes­se­rung. Ihr Impuls ist nach vor­ne gerichtet.

Die unter­schied­li­che Zeit­per­spek­ti­ve hat noch eine wei­te­re Dimen­si­on: Im Grun­de ist der Gar­ten Eden nur die berühm­tes­te Vari­an­te eines deut­lich älte­ren Mythos, näm­lich des Gol­de­nen Zeit­al­ters. Und die­ser ist, ähn­lich wie der bibli­sche Schöp­fungs­my­thos, eine Ver­falls­ge­schich­te. Am Anfang, am sieb­ten Tag, war alles gut, wohl­ge­ord­net, nicht Wirr­nis und Kampf, son­dern Har­mo­nie der Sphä­ren und Ele­men­te. Auf ähn­li­che Wei­se beschrieb schon Hesi­od um 700 vor Chr. das Gol­de­ne Zeit­al­ter: „Alles Gewünsch­te hat­ten sie“, berich­tet Hesi­od, denn „Frucht bescher­te die nah­rungs­pen­den­de Erde immer von sel­ber, unend­lich und viel­fach.“ Dem Gol­de­nen Zeit­al­ter schloss sich jedoch ein Sil­ber­nes an, dann folg­te eines aus Erz, schließ­lich ein vier­tes und ein fünf­tes, das gegen­wär­ti­ge: nun voll „Müh­sal und Leid“ (Hesi­od 1947: 78, 82).

Das Gol­de­ne Zeit­al­ter, Das Bron­ze­ne Zeit­al­ter, Das Eiser­ne Zeit­al­ter. Bil­der­zy­klus zu Ovids Meta­mor­pho­sen von Pie­tro da Cor­to­na (1637)

Wei­te­re Ver­sio­nen die­ses mythi­schen Urbil­des fin­den sich bei Pla­ton und Ara­tus, bei Vir­gil und Ovid. Immer ist es der Ver­lust einer reich­hal­ti­gen, ver­schwen­de­ri­schen Natur und einer sor­gen­frei­en Men­schen­exis­tenz. Die Geschich­te gehorcht einem Ver­falls­ge­setz, das sich dem mensch­li­chen Wil­len ent­zieht. Die Uto­pie ist von einer sol­chen Geschichts­theo­rie – zunächst – völ­lig frei. Sie kri­ti­siert die Gegen­wart mit einem räum­li­chen Alter­na­tiv­ent­wurf. Sie pro­ji­ziert kein Ide­al in die Ver­gan­gen­heit, das als Refe­renz­grö­ße oder Kri­tik­fo­lie dient.

Ich bin 700 Jahre alt. Der Ich-Erzähler in Merciers Roman schläft 1768 in einem korrupten, despotischen und versmogten Paris ein und wacht 2440 daselbst als alter Mann wieder auf. Paris ist kaum wiederzuerkennen.
Ich bin 700 Jah­re alt. Der Ich-Erzäh­ler in Mer­ciers Roman schläft 1768 in einem kor­rup­ten, des­po­ti­schen und ver­smog­ten Paris ein und wacht 2440 daselbst als alter Mann wie­der auf. Paris ist kaum wiederzuerkennen.

Den­noch machen bei­de Kon­zep­te schließ­lich eine ver­gleich­ba­re Wen­dung durch: Sowohl Para­dies wie Uto­pie kom­men dem Men­schen als­bald aus der Zukunft ent­ge­gen. Die Uto­pie ver­lässt Ende des 18. Jahr­hun­derts end­gül­tig ihren insu­la­ren Schau­platz und wird zur Zukunfts­vi­si­on. Zwar gab es schon frü­her ers­te Bei­spie­le, doch am sicht­bars­ten wird der Per­spek­ti­ven­wech­sel um 1771 mit Lou­is-Sébas­ti­en­Mer­ciers Roman Das Jahr 2440. Uto­pia liegt fort­an in der Zukunft.

Das 19. Jahr­hun­dert reißt auch die Uto­pie in den Stru­del einer all­ge­gen­wär­ti­gen Fort­schritt­seu­pho­rie. Nichts scheint auf der Zeit­ach­se mehr unmög­lich. Das Zukunfts­bild gewinnt zuwei­len den teleo­lo­gi­schen Sta­tus einer zwangs­läu­fi­gen his­to­ri­schen Ent­wick­lung. Fort­schritt­s­uto­pien kon­ver­gie­ren gar mit einer linea­ren Geschichts­phi­lo­so­phie und sind schon bald von Pro­gnos­tik kaum noch zu unter­schei­den. Damit erleb­te auch die Uto­pie, wenn­gleich sie sich im 20. Jahr­hun­dert wie­der erkenn­bar davon eman­zi­piert, ihren geschichts­phi­lo­so­phi­schen Sündenfall.

Das Para­dies hat­te zu die­sem Zeit­punkt sei­nen Wan­del von Ort zu Zeit längst hin­ter sich. Bereits in der jüdi­schen Tra­di­ti­on bezeich­ne­te Gan Eden den Ort, an dem sich die Gerech­ten nach dem Tod ver­sam­meln. Damit ver­lor schon damals das Para­dies sei­ne welt­li­chen Koor­di­na­ten. Von hier an scheint es einer para­do­xen Chro­no­lo­gie zu fol­gen: Der Blick auf das Ver­lo­re­ne wird zur Hoff­nung auf das Wie­der­zu­ge­win­nen­de. Die Pro­phe­ten ver­kün­den eine Zeit, in der das Para­dies auf­er­steht. Die Johan­nes-Apo­ka­lyp­se und der Pro­phet Jesa­ja, spä­ter Joa­chim von Fio­re, die Wie­der­täu­fer und Tho­mas Münt­zer – sie alle pro­phe­zei­en ein künf­ti­ges Para­dies, errich­tet auf den Trüm­mern des ver­lo­re­nen: die Wie­der­her­stel­lung des Himm­li­schen Jeru­sa­lems, des Drit­ten Zeit­al­ters des Hei­li­gen Geis­tes oder des Tau­send­jäh­ri­gen Reichs des Friedens.

Dann sah ich einen neu­en Him­mel und eine neue Erde; […] Ich sah die hei­li­ge Stadt, das neue Jeru­sa­lem, von Gott her aus dem Him­mel her­ab­kom­men; sie war bereit wie eine Braut, die sich für ihren Mann geschmückt hat.

Die Offen­ba­rung des Johan­nes, 21, 1 & 2

Jen­seits gegen Diesseits

Als unge­klärt muss­te irgend­wann die Fra­ge auf­tau­chen, ob das kom­men­de Para­dies im Him­mel oder auf Erden ange­sie­delt sei. Seit Augus­ti­nus galt für das Mit­tel­al­ter noch die kla­re Vor­ga­be: „Wer solch gro­ßes Gut in die­ser Welt­zeit und auf die­ser Erde erhofft, ist ein Narr“ (1997: Bd. 2, 584). Das End­ziel des gött­li­chen Heils­plans lag also vor­erst jen­seits der Geschich­te. Mit Joa­chim von Fio­re und Tho­mas Münt­zer aber gelangt das Reich des Frie­dens ins Dies­seits. „Man kann man­chen Uto­pien nach­sa­gen“, so Hans Frey­er, „sie hät­ten die Erde zum Him­mel wer­den las­sen. Der Chi­li­as­mus denkt umge­kehrt: er lässt den Him­mel zur Erde wer­den“ (2000: 82).

Chi­li­as­mus ist die Bezeich­nung für christ­li­che Grup­pie­run­gen, die an eine Wie­der­an­kunft Jesu‘ sowie die Errich­tung eines tau­send­jäh­ri­gen Reichs glau­ben. Der Chi­liast Joa­chim von Fio­re (1130–1202) begrün­de­te die Drei-Zei­ten-Leh­re. Dem Zeit­al­ter des Vaters folgt das Zeit­al­ter des Soh­nes, danach das Zeit­al­ter des Hei­li­gen Geis­tes (Bild: © Cor­pus Chris­ti College)

Für Uto­pien war die Ant­wort seit jeher ein­deu­tig. Sie waren immer dezi­diert irdisch und mensch­lich. Das hat sie trotz­dem nicht davor bewahrt, als pseu­do-reli­giö­se Erlö­sungs­vi­sio­nen inter­pre­tiert zu wer­den. Für den Phi­lo­so­phen und Fun­da­men­tal­theo­lo­gen Alo­is Gug­gen­ber­ger sind Uto­pien nicht weni­ger als „offe­ne oder ver­leug­ne­te Heils­er­war­tun­gen“ (Gug­gen­ber­ger 1957: 40).

Wer Morus’ Uto­pia liest, wird dar­über nur schmun­zeln kön­nen. Morus war viel zu reli­gi­ös, um sich der Sün­de einer sol­chen Anma­ßung schul­dig zu machen. Sei­ne Uto­pier sind ver­nünf­ti­ge, humor­be­gab­te, sin­nen­fro­he und gebil­de­te Wesen, die in ers­ter Linie die größ­ten sozia­len Tor­hei­ten des zeit­ge­nös­si­schen Euro­pas besei­tigt haben. Weder ver­wei­gern sie brei­ten Bevöl­ke­rungs­krei­sen eine aus­kömm­li­che Exis­tenz­grund­la­ge, noch ent­hal­ten sie ihren Bür­gern Bil­dungs­op­tio­nen vor. Und schon gar nicht „züch­ten“ sie Die­be, wie es heißt, um sie dann zu hängen.

Wer sei­nen Blick auf die klas­si­schen Uto­pien wirft, begeg­net kei­nen reli­giö­sen Heils­ver­spre­chen, son­dern Gedan­ken­ex­pe­ri­men­ten, die in einer geschlos­se­nen und men­ta­len Labo­ran­ord­nung ver­su­chen, ver­än­der­te Gesell­schafts­for­men durchzuspielen.

Morus zeich­net ein Gegen­bild, das vor allem Ana­ly­se und Kri­tik sei­ner Gegen­warts­ge­sell­schaft ist. Oben­drein ist in Uto­pia bei­lei­be nicht alles vor­bild­lich oder wider­spruchs­frei – man­ches ist sogar ein­deu­tig als Warn­sze­na­rio zu ver­ste­hen. Morus setz­te auf den reflek­tier­ten Leser, auf einen Anstoß zum Dis­kurs. Das ist ein gänz­lich ande­res Para­dig­ma als die Tra­di­ti­on hei­li­ger Erzäh­lun­gen, die der Geschich­te einen nach­träg­li­chen meta­phy­si­schen Sinn ein­zu­hau­chen versuchen.

Wer sei­nen Blick auf die klas­si­schen Uto­pien wirft, begeg­net kei­nen reli­giö­sen Heils­ver­spre­chen, son­dern Gedan­ken­ex­pe­ri­men­ten, die in einer geschlos­se­nen und men­ta­len Labo­ran­ord­nung ver­su­chen, ver­än­der­te Gesell­schafts­for­men durch­zu­spie­len. Das sozio­lo­gi­sche Para­dig­ma von Uto­pien ist Men­schen­werk und kein tran­szen­den­ter Gna­den­akt. Für Uto­pia spielt die Schil­de­rung von ver­lo­re­ner Ver­gan­gen­heit und gna­den­rei­cher Zukunft über­haupt kei­ne Rol­le (Saa­ge 2001: 54).

Zwei­fel­los, es gibt auf­fal­len­de Über­schnei­dun­gen in den Bil­der- und Lebens­wel­ten von Uto­pie und Para­dies: die frei­gie­bi­ge Natur, das Feh­len von Pri­vat­ei­gen­tum, Frau­en- und Kin­der­ge­mein­schaf­ten, die Ver­wirk­li­chung des Gleich­heits­prin­zips, Frie­den unter den Men­schen und Har­mo­nie mit den Tie­ren. Selbst Anspie­lun­gen an das Himm­li­sche Jeru­sa­lem fin­den sich. Doch der Geist der neu­zeit­li­chen Uto­pien ist kein genu­in reli­giö­ser: Das Dies­seits wird nicht als unab­wend­ba­res Schick­sal oder gott­ge­woll­te Zeit der Prü­fung und Bewäh­rung erlebt. Uto­pien deu­ten die sozia­len und poli­ti­schen Miss­stän­de nicht als gött­li­chen Heils­plan, son­dern als Fol­ge mensch­li­chen Han­delns oder Unter­las­sens. Und was mensch­lich gemacht ist, ist auch durch die Men­schen – zum Bes­se­ren hin – veränderbar.

Tota­li­tär und dys­to­pisch: Ist die Uto­pie die Höl­le auf Erden?

Karl R. Popper (1902 – 1994) verteidigte die „offene Gesellschaft“ gegen totalitäre Ideologien, zu deren Vordenkern er Platon, Hegel und Marx zählte.
Karl R. Pop­per (1902 – 1994) ver­tei­dig­te die „offe­ne Gesell­schaft“ gegen tota­li­tä­re Ideo­lo­gien, zu deren Vor­den­kern er Pla­ton, Hegel und Marx zählte.

Uto­pia aber war nicht nur eine unglück­li­che Meta­pher für das Him­mel­reich auf Erden, son­dern dien­te gele­gent­lich auch als Chif­fre für das Gegen­teil. „Der Ver­such, den Him­mel auf Erden ein­zu­rich­ten, erzeugt stets die Höl­le.“ So hat es im Ange­sicht der tota­li­tä­ren Schre­cken des 20. Jahr­hun­derts der beken­nen­de Uto­pie­kri­ti­ker und Wis­sen­schafts­theo­re­ti­ker Karl Pop­per in sei­ner Offe­nen Gesell­schaft und ihre Fein­de (1992: Bd. 2, 277) for­mu­liert. In die glei­che Rich­tung wei­sen die Zei­len von Max Beer­bohm, der über Uto­pien die Zei­len dich­te­te: „So this is uto­pia, is it? Well – I beg your par­don; I thought it was Hell“ (zitiert in Sar­gent 2010: 1). Grif­fi­ge Wor­te, kei­ne Frage.

Die The­se, wonach jeder Ver­such, den Him­mel in die Gegen­wart zu holen, zur Höl­le auf Erden führt, mag nach den bar­ba­ri­schen Erfah­run­gen des 20. Jahr­hun­derts zunächst plau­si­bel erschei­nen. Das Pro­blem ist nur, was unter „Uto­pie“ zu ver­ste­hen ist. Denn was Pop­per als Uto­pie wer­tet, sind die tota­li­tä­ren Ideo­lo­gien des 20 Jahr­hun­derts. Die eigent­li­che Uto­pie­tra­di­ti­on erwähnt Pop­per mit kei­nem Wort.

Pop­pers Vor­wurf geht an den klas­si­schen Uto­pien weit­ge­hend vorbei.

Morus und sei­ne Nach­fol­ger haben dem­ge­gen­über fast durch­weg dar­auf ver­zich­tet, ihren Zeit­ge­nos­sen eine poli­tisch-ideo­lo­gi­sche Blau­pau­se vor­zu­le­gen, und noch weni­ger haben sie mit mis­sio­na­ri­schem Eifer zu deren Rea­li­sie­rung auf­ge­ru­fen. Pop­pers Vor­wurf geht an den klas­si­schen Uto­pien weit­ge­hend vor­bei. Die­se haben bereits früh neben archis­ti­schen (also herr­schafts­ori­en­tier­ten) auch anar­chis­ti­sche Model­le ent­wor­fen. Sie haben – zumin­dest in der über­wie­gen­den Mehr­zahl – nicht ver­sucht, ein Para­dies auf Erden vor­zu­gau­keln. Und sie haben nicht zuletzt in Gestalt der düs­te­ren Dys­to­pien schon früh­zei­tig – mit Sam­ja­tins Wir (1921), Hux­leys Schö­ne Neue Welt (1932) und Orwells 1984 (1949) – vor den Gefah­ren all­um­fas­sen­der Macht, staat­li­cher Über­wa­chung und Unter­drü­ckung durch die tota­li­tä­ren Gewalt­dik­ta­tu­ren zu war­nen ver­sucht, indem sie, in der Tat, einen höl­len­ar­ti­gen Zustand der zukünf­ti­gen Welt imaginierten.

Fazit

Die Sehn­sucht nach einer bes­se­ren Welt ist wohl kaum einen Tag jün­ger als die Mensch­heit selbst. Die­se hat sich – mit­tels Spra­che und Fan­ta­sie – seit jeher dem Traum von einem unge­stör­ten Glück auf Erden hin­ge­ge­ben. Para­dies und Uto­pie ver­lei­hen nicht nur die­ser Sehn­sucht, son­dern auch der Dis­kre­panz zu den bedrü­cken­den Lebens­ver­hält­nis­sen ihrer Gegen­wart bild­haft Aus­druck. Und doch gehö­ren sie unter­schied­li­chen Denk­tra­di­tio­nen an. „Es ist nicht euer, son­dern des Herrn Streit“, ruft Tho­mas Münt­zer auf dem Höhe­punkt des apo­ka­lyp­ti­schen Auf­ruhrs sei­ner Schar auf­stän­di­scher Bau­ern ent­ge­gen (1973: 181). In den bibli­schen und chi­lias­ti­schen Pro­phe­ti­en bleibt Gott offen­bar das Sub­jekt der Geschich­te. Die Uto­pie hin­ge­gen ent­wirft auf expe­ri­men­tel­le, kon­struk­ti­ve und selbst­re­fle­xi­ve Wei­se Alter­na­ti­ven zu den Kri­sen­phä­no­me­nen ihrer Zeit – Alter­na­ti­ven, in denen der Mensch sei­ne Geschi­cke weit­ge­hend selbst bestimmt.

Lite­ra­tur

Augus­ti­nus, Aure­li­us. 1997. Vom Got­tes­staat. Über­setzt von Wil­helm Thim­me. Ein­ge­lei­tet und kom­men­tiert von Carl And­re­sen. München.

Frey­er, Hans. 2000. Die poli­ti­sche Insel. Eine Geschich­te der Uto­pien von Pla­ton bis zur Gegen­wart. Wien u. Leipzig.

Gug­gen­ber­ger, Alo­is. 1957. Die Uto­pie vom Para­dies, Stutt­gart 1957.

Hesi­od. 1947. Sämt­li­che Wer­ke. Deutsch von Thas­si­lo von Schef­fer. Wiesbaden.

Morus, Tho­mas. 1996. „Uto­pia“, in: Der uto­pi­sche Staat. Hrsg. von Klaus J. Hei­nisch. Rein­bek bei Ham­burg: 9–110.

Münt­zer, Tho­mas. 1973. Schrif­ten und Brie­fe. Ein­ge­lei­tet und kom­men­tiert von Ger­hard Wehr. Frank­furt am Main.

Pop­per, Karl. 1992. Die offe­ne Gesell­schaft und ihre Fein­de. Tübingen.

Saa­ge, Richard. 2001. Uto­pi­sche Pro­fi­le, Bd. 1: Renais­sance und Refor­ma­ti­on. Münster.

Sar­gent, Lyman Tower. 2010. Uto­pia­nism. A Very Short Intro­duc­tion. Oxford.

Bild­nach­weis

Das Titel­bild wur­de uns freund­li­cher­wei­se von Lumas zur Ver­fü­gung gestellt.

Bild­ti­tel: E la nave va Nº 1
Jahr: 2013/​14
Künst­le­rin: Isa­bel­le Menin
Erhält­lich bei: www​.lumas​.com

Tho­mas Schölderle

Tho­mas Schöl­der­le ist pro­mo­vier­ter Poli­tik­wis­sen­schaft­ler, Publi­ka­ti­ons­re­fe­rent an der Aka­de­mie für Poli­ti­sche Bil­dung in Tutz­ing sowie Dozent an der Hoch­schu­le für Poli­tik Mün­chen. Bereits in der zwei­ten Auf­la­ge erschie­nen ist sei­ne Geschich­te der Uto­pie. Eine Ein­füh­rung (2017)

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