Ein Anwalt bla­se sich zu Beginn eines Pro­zes­ses mäch­tig auf, beein­dru­cke sei­ne Kli­en­ten und schüch­te­re den Geg­ner ein. Danach müs­se man sich, so ein befreun­de­ter Jurist, durch viel Papier durch­ar­bei­ten. Jetzt sei der Zeit­punkt gekom­men, dem auf­ge­plus­ter­ten Anwalt die Luft raus­zu­las­sen.

Richard Schu­berth ist zwar kein Anwalt, doch ein Luft­raus­las­ser im bes­ten öster­rei­chi­schen Sin­ne. Eben ist sein viel gelob­tes Buch zu Karl Kraus, dem schar­fen Kri­ti­ker und Sati­ri­ker der K&K‑Monarchie  erschie­nen. Das Inter­view mit Richard Schu­bert haben wir im Sep­tem­ber via E‑Mail geführt.

Ave­nue: Lie­ber Richard Schu­berth, wie hal­ten Sie’s mit den Hoch­stap­lern?

Richard Schu­berth: In Lite­ra­tur und Leben sind Hoch­stap­ler mei­ne Lieb­lings­schur­ken, mei­ne eigent­li­chen Hel­den. Den Räu­ber und Ban­di­ten als Sozi­al­re­bel­len hat­te ich rela­tiv früh über­wun­den. Ich mag Täu­scher, Blen­der, Gau­ner, fal­sche Pries­ter, erfin­dungs­rei­che Ple­be­jer, die sich höhe­ren Sta­tus erschlei­chen. Ich hat­te immer schon ein Fai­ble für Tra­ves­tie, Iden­ti­täts­wech­sel, für Sin­nes­täu­schung, Fri­vo­li­tät und Schwin­del. Der gera­de Michel ist nicht so mein Ding.

Zuge­ge­ben, unsym­pa­thisch sind auch mir der psy­cho­pa­thi­sche Hoch­stap­ler, der naï­ve Men­schen miss­braucht, der fal­sche Herz­chir­urg mit fran­zö­si­schem Akzent, oder der nar­ziss­tisch gestör­te Hoch­stap­ler, der die bestehen­de Ord­nung affir­miert, weil er sich sel­ber durch eine höhe­re Posi­ti­on auf­wer­tet. Trotz­dem erfüllt er eine gesell­schaft­lich inter­es­san­te Funk­ti­on. Der Hoch­stap­ler stellt die Ord­nung der Gesell­schaft auf den Kopf. Er über­führt sie ihrer Heu­che­lei­en, foppt sie, zeigt Nai­vi­tät und Ver­führ­bar­keit auf und spricht der Vor­stel­lung von fixer Iden­ti­tät Hohn.

Ave­nue: Wel­che Hoch­stap­ler mögen Sie denn beson­ders gern?

Schu­berth: Ich mag die Hoch­stap­ler­fi­gu­ren am liebs­ten, die gar nicht so auf Ego-Gewinn, son­dern gleich  auf mate­ri­el­len aus sind. Sie genü­gen sich ohne­hin selbst – und durch­schau­en en pas­sant die Falsch­heit des gesam­ten Gefü­ges. Das 18. Jahr­hun­dert ist die gro­ße Zeit der galan­ten und schlau­en Halun­ken, das beginnt in den Tra­ves­tien der Stuart-Komö­­di­en. Eine fan­tas­ti­sche Hoch­stap­le­rin ist Dani­el Defoes Moll Flan­ders. Rame­aus Nef­fe von Dide­rot ist das wohl unmo­ra­lischs­te Hoch­stap­ler­stück, das je geschrie­ben wur­de. Bei­de Tex­te zei­gen ein­dring­lich, dass ohne Hoch­sta­pe­lei nur mate­ri­el­le Not zu haben ist.

Bevor das Sub­jekt pathe­tisch, sen­ti­men­tal, roman­tisch und bier­ernst wur­de, war das Ver­gnü­gen an Täu­schun­gen und Wir­run­gen sehr groß. Aber man braucht gar nicht in die Fik­ti­on gehen, die Geschich­te beschert uns genug wun­der­ba­re Hoch­stap­ler. Und ver­ges­sen wir nicht die Hoch­stap­le­rin­nen: Lola Mon­tez etwa, Adah Isaacs Men­ken oder Mary Baker vul­go Prin­zes­sin Cara­bu. Weib­li­che Hoch­stap­le­rin­nen sind heroi­sche Über­win­de­rin­nen ihrer gesell­schaft­li­chen Macht­lo­sig­keit. Ihr Risi­ko war stets grös­ser als das ihrer männ­li­chen Kol­le­gen. Man muss sich mal vor­stel­len, was für eine Selbst­er­mäch­ti­gung es bedeu­tet, aus einer sub­al­ter­nen fixen und zuge­schrie­be­nen Iden­ti­tät aus­zu­stei­gen. Ich mag Lüg­ner, wel­che die Gesell­schaft wahr­lü­gen.

Im Grun­de sind die meis­ten Men­schen Hoch­stap­ler. In den Kul­tur­wis­sen­schaf­ten, in Medi­en und Kunst erle­be ich fast nur Hoch­sta­pe­lei. Der Erfolg gibt ihnen Recht. Und Hoch­stap­ler eva­lu­ie­ren Hoch­stap­ler. Es gibt einen heim­li­chen Hoch­stap­ler­kon­sens, der nur durch Men­schen durch­bro­chen wird, die wirk­lich was kön­nen oder wirk­li­che Idea­lis­ten sind. Der bewuss­te Hoch­stap­ler aber führt den unbe­wuss­ten oder halb­be­wuss­ten Kol­le­gen und Kol­le­gin­nen vor, dass sie auch nichts ande­res sind als eben Hoch­stap­ler. Hoch­stap­le­rin­nen und Hoch­stap­ler mit Absicht sind nolens volens Hel­den der Auf­klä­rung.

Es gibt einen heim­li­chen Hoch­stap­ler­kon­sens, der nur durch Men­schen durch­bro­chen wird, die wirk­lich was kön­nen oder wirk­li­che Idea­lis­ten sind.

Ave­nue: Wie sieht es denn mit Hoch­stap­le­rin­nen in ihren eige­nen Tex­ten aus?

Schu­berth: Eine phi­lo­so­phi­sche und femi­nis­ti­sche Hoch­stap­le­rin ist mei­ne Roman­fi­gur Big­gy aus Chro­nik einer fröh­li­chen Ver­schwö­rung (2015). Und eine phi­lo­so­phi­sche Hoch­stap­le­rin wird auch die Haupt­fi­gur eines mei­ner nächs­ten Bücher sein, eine 400 Jah­re alte Vam­pi­rin, die eine Teen­age­rin in den wah­ren Non­ko­for­mis­mus ein­führt. Die­ser Rat­ge­ber wird hei­ßen: How Not To Beco­me A Zom­bie – A Vam­py­re Ladie’s Gui­de To Non­con­for­mism.

Ave­nue: Sie haben soeben Karl Kraus. 30 und drei Anstif­tun­gen (2016) ver­öf­fent­licht. Kraus hat sei­ne Feder ja gegen aller­hand Auf­ge­bla­sen­hei­ten gespitzt.

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„Schu­berth hat einen genaue­ren Sinn als der bra­ve Jona­than Fran­zen dafür, was es mit der Aktua­li­tät von Kraus auf sich hat“. Hel­mut May­er in der FAZ

Schu­berth: Karl Kraus hat­te es in sei­ner Sati­re auf jeg­li­ches fal­sches Pathos, auf die fal­schen Bär­te des Gra­vi­tä­ti­schen abge­se­hen. Alles was an der kaka­ni­schen Kul­tur auf­ge­plus­tert, gelackt, gespreizt und kapri­zi­ös war, hat er ver­spot­tet. Gera­de in der Peri­ode vor dem I. Welt­krieg trieb, vor allem in Lite­ra­tur und Pres­se, die­ses Stre­ben nach dem Höhe­ren, dem Wah­ren, der Ver­voll­komm­nung die bizarrs­ten Blü­ten und ver­stieg sich dann in Opfer­wil­le und Todes­sehn­sucht. Sehr schön wird die­ser Zeit­geist von Robert Musil im Mann ohne Eigen­schaf­ten bei sei­ner Beschrei­bung der „Par­al­lel­ak­ti­on“ ein­ge­fan­gen, mit der sowohl das öster­rei­chi­sche als auch das deut­sche Thron­ju­bi­lä­um vor­be­rei­tet wer­den soll­te. In Deutsch­land kul­mi­nier­te die­se Witz­lo­sig­keit zur Wagner’schen Oper, in Öster­reich reich­te es nur zur Ope­ret­te. Stets gerie­ten die gro­ßen Ideo­lo­gien im pro­vin­zi­el­le­ren Öster­reich zur unfrei­wil­li­gen und sel­te­ner frei­wil­li­gen Par­odie.

Ave­nue: Wenn Sie die Schaum­schlä­ge­rei in Kraus‘ (post-)kakanischen Öster­reich mit dem der­zei­ti­gen Öster­reich ver­glei­chen – was stösst Ihnen heu­te auf?

Schu­berth: Im heu­ti­gen Öster­reich herrscht eher das Pathos der Medio­kri­tät vor. Man ver­bie­dert und ver­bus­sit sich, und schließt aus. Mehr zu schei­nen, als man ist, gehört zum Kon­sens des kul­tu­rel­len und sozia­len Umgangs. Men­schen, die so viel schei­nen, wie sie sind, gel­ten als höchst unsym­pa­thisch. Und weni­ger zu schei­nen, als man ist, wirkt schlicht min­der­wer­tig. Leicht mani­pu­lier­bar ist man auf­grund des Nie­der­gangs des kri­ti­schen Den­kens über­all, aber es gibt selbst in der Ver­blö­dung Loka­lis­men. Die spe­zi­ell öster­rei­chi­sche Ver­blö­dung, bei der Anti­in­tel­lek­tua­lis­mus und Ver­göt­zung von cha­ris­ma­ti­schen Füh­rern stär­ker als sonst wo ist, sucht noch nach ihrem genia­len Köpe­nick, der die Ösis ‚auf­plat­telt‘, wie man bei uns sagt.

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„Anti­in­tel­lek­tua­lis­mus und Ver­göt­zung von cha­ris­ma­ti­schen Füh­rern“: Jörg Hai­der an einem Fest in Kärn­ten 2008 (Bild: Wolf­gang, Flickr)

Ave­nue: Wenn Hoch­sta­pe­lei recht weit ver­brei­tet ist, wer wär‘ denn der Ande­re, vor dem es sich zu pro­fi­lie­ren gilt? Gut ver­die­nen­de Aus­län­der viel­leicht? Ver­men­gen sich in der klein­bür­ger­li­chen Hoch­sta­pe­lei gar Abstiegs­angst und Xeno­pho­bie?

Schu­berth: Ihr engt mir den Fokus biss­chen auf den Auf­schnei­der ein, der mit Besitz und Sta­tus angibt, den er nicht hat. Das ist doch ein recht beschei­de­nes Per­so­nal in Anbe­tracht der präch­ti­gen Mög­lich­kei­ten der Hoch­sta­pe­lei. Da gehö­ren auch ein wenig die kok­sen­den Rechts­po­pu­lis­ten dazu, wie sie in Öster­reich seit 30 Jah­ren immer wie­der nach­wach­sen. Mir lie­gen mehr die smar­ten Trick­be­trü­ge­rin­nen der Screw­ball­co­me­di­es.

Öster­reich scheint das ein­zi­ge Land zu sein, wo ein mate­ria­lis­ti­scher Erklä­rungs­an­satz nicht greift, denn hier kann der Faschis­mus auch ohne Kon­junk­tur­schwä­che Fuss fas­sen. Obwohl das alles, was ich sage, ver­mut­lich auch für die Schweiz gül­tig ist.

Aber zurück zur eigent­li­chen Fra­ge. Bei der spe­zi­fisch alpi­nen Ver­men­gung von Angst vor sozia­lem Abstieg und Xeno­pho­bie kom­men mir die Öster­rei­cher eher als Tief­stap­ler vor. Sie sind chro­nisch ängst­lich, unsi­cher, res­sen­ti­ment­ver­seucht, duck­mäu­se­risch und per­ma­nen­te Opfer. Nach wie vor ist Öster­reich eines der wohl­ha­bends­ten Län­der der Welt. Das Sozi­al­sys­tem ist trotz mas­si­ver Anfech­tun­gen gerech­ter als in Deutsch­land, die Arbeits­lo­sig­keit im euro­päi­schen Ver­gleich nied­rig. Trotz­dem war die Frem­den­feind­lich­keit per­ma­nent hoch – auch in Zei­ten der Hoch­kon­junk­tur. Der Faschis­mus hät­te in Euro­pa ohne die Depres­si­on nicht oder nicht so schnell gesiegt. Öster­reich hin­ge­gen scheint das ein­zi­ge Land zu sein, wo ein mate­ria­lis­ti­scher Erklä­rungs­an­satz nicht greift, denn hier kann der Faschis­mus auch ohne Kon­junk­tur­schwä­che Fuss fas­sen. Obwohl das alles, was ich sage, ver­mut­lich auch für die Schweiz gül­tig ist.

Ave­nue: Ver­ste­hen wir rich­tig: Hoch­sta­pe­lei und Sozi­al­ängs­te sind kei­ne schich­ten­spe­zi­fi­sches Phä­no­me­ne?

Schu­berth: Im Neo­li­be­ra­lis­mus wer­den die Men­schen wie­der zu aus­tausch­ba­ren, über­schüs­si­gen Objek­ten degra­diert. Sie geben die­sen Druck auf klar defi­nier­te Fein­de, die Ande­ren (Flücht­lin­ge) oder noch Schwä­che­re (Obdach­lo­se) wei­ter. In Öster­reich emp­fin­det sich auch der Nicht­p­re­ka­ri­sier­te als Würs­tel und muss folg­lich die Frem­den nicht nur zu Würs­teln machen, son­dern for­dert, dass ihnen die Haut abge­zo­gen wird. Die­se Men­ta­li­tät spürt man erst, wenn man aus Län­dern, wo man mehr Selbst­be­wusst­sein, Zivi­li­tät und Herz­lich­keit gespürt hat, nach Öster­reich zurück­kommt. Sofort fällt einem auf, wor­an man zuvor zu sehr gewöhnt war. Die unru­hi­gen, unsi­cher durch­drin­gen­den Bli­cke oder deren scheu­es Aus­wei­chen, ein Air der laten­ten Aggres­si­on, ein per­ma­nen­ter Frust über rea­les oder ein­ge­bil­de­tes Über­vor­teilt­sein. Die­se Patho­lo­gie ver­hin­dert einen kla­ren Blick dar­auf, wo man wirk­lich über­vor­teilt wird.

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Am Wie­ner Floh­markt (Bild: x1klima, Flickr)

Ave­nue: Die 17-jäh­­ri­­ge Big­gy, Hel­din Ihres Buchs Chro­nik einer fröh­li­chen Ver­schwö­rung, erteilt einem alten Phi­lo­so­phen und damit auch uns Lese­rin­nen eine Lek­ti­on. Sie rem­pelt in der U‑Bahn zehn Leu­te an. Anstatt dass sie sich bekla­gen, ent­schul­di­gen sie sich. Das ist sehr real …

Schu­berth: … und sehr gefähr­lich. Ita­lie­ni­sches thea­tra­li­sches Auf­plus­tern oder süd­ost­eu­ro­päi­sche macho­ide Groß­spre­che­rei sind bere­chen­bar und harm­lo­ser als die­ses mit­tel­eu­ro­päi­sche Duck­mäu­ser­tum. Aber ich darf nicht den Feh­ler machen, in die lite­ra­ri­sche Tra­di­ti­on des Anti­ös­ter­rei­cher­tums zu ver­fal­len, die ich ja sehr kri­ti­sie­re, weil ich sie für einen umge­dreh­ten Natio­na­lis­mus hal­te, der die­ses natio­na­le Kon­strukt ex nega­tivo bestä­tigt. Die Öster­reich­be­schimp­fer haben für die öster­rei­chi­sche Iden­ti­tät mehr getan als die kon­ser­va­ti­ven Patrio­ten.

branka
„Die bit­ter­bö­se Para­bel
auf die soge­nann­ten Aus­­län­­der-
und Gen­der­dis­kur­se“
Bernd Vasa­ri in der
Wie­ner Zei­tung

Ave­nue: In Ihrem Thea­ter­stück Wie Bran­ka sich nach oben putz­te (2012) füh­ren Sie die jun­ge Aka­de­mi­ke­rin Magis­tra Moser vor. Sie schwärmt für das ‚Unver­stell­te’ an ihrer Putz­frau Bran­ka, die vom Bal­kan kommt.  Sind Exo­tis­mus und Sozi­al­kitsch eben­falls eine Form von Hoch­sta­pe­lei im Sin­ne eines Gut- oder Wohl­mei­nens?

Schu­berth: Nein. Ich fin­de, wenn wir die­sen ohne­hin viel­deu­ti­gen Begriff so weit fas­sen, ver­liert er sich in Bedeu­tungs­lo­sig­keit. Sozi­al­kitsch und Exo­tis­mus sind bes­ten­falls naiv, Pro­jek­tio­nen, die typisch sind für Bür­ger­kin­der, die in Kate­go­rien der per­sön­li­chen Iden­ti­tät den­ken und der Innen­aus­stat­tung ihrer Erle­b­­nis- oder Wohl­fühl­zo­nen viel Auf­merk­sam­keit schen­ken. Sie nei­gen zur Kul­tu­ra­li­sie­rung. In ihrer Dicho­to­mi­sie­rung von Eige­nem und Frem­den ver­fah­ren sie im Grun­de genau so wie die Rech­ten, bloß, dass sie das ima­gi­nä­re Frem­de auf­wer­ten. Das merkt man ja immer wie­der bei vie­len Lin­ken. Im Anti­ras­sis­mus fin­den sie den kleins­ten Nen­ner. Sie wol­len die Opfer des Ras­sis­mus vor den Ras­sis­ten beschüt­zen und bekun­den dabei, dass gesell­schaft­li­cher Kampf eine Fra­ge von Hal­tun­gen sei. In die­ser pater­na­lis­ti­schen Vor­stel­lung sind die Ras­sis­ten der patho­lo­gi­sche Abschaum, sie selbst die auf­ge­klär­ten Bes­ser­men­schen und die Refu­gees ihre bemut­te­rungs­wür­di­gen Schütz­lin­ge. Dass es die gesell­schaft­li­chen Ver­hält­nis­se zu ver­än­dern gilt, auf denen Ras­sis­mus und Irra­tio­na­lis­mus wach­sen wie Schim­mel, wis­sen sie oft nicht mehr. Poli­ti­sche Öko­no­mie ist so tro­cken, par­ty­un­taug­lich und so schreck­lich Seven­ties.

Magis­tra Moser ist bloß in dem Sin­ne eine Hoch­stap­le­rin wie fast alle, die in aka­de­mi­schen Insti­tu­tio­nen reüs­sie­ren. Sie schaf­fen sich die Codes und rhe­to­ri­schen Mini­mal­fä­hig­kei­ten an, wel­che Serio­si­tät und Kom­pe­tenz mar­kie­ren. Für geis­ti­ge Ver­tie­fung ihres Fachs bleibt in der aka­de­mi­schen Rat Race zumeist kei­ne Zeit. Die Putz­frau Bran­ka ver­kör­pert für sie das pral­le Leben. Alles wird ver­wer­tet, in die­sem Fall nach dem Well­ness­fil­ter. Well­ness, schrieb ich im Buch Das neue Wör­ter­buch des Teu­fels (2014), ist das Beha­gen, das man uns geklaut hat und als Ware wie­der andreht.

Ave­nue: Wel­chen Pos­ten über­nimmt die Putz­frau Bran­ka in die­sem Spiel zwi­schen Oben und Unten, Eigen und Fremd?

Schu­berth: Bran­ka ver­kör­pert die rech­te Urangst vor dem aus­ge­fuchs­ten Aus­län­der, der uns ans Ein­ge­mach­te will, das wir ihm bis jetzt erfolg­reich vor­ent­hal­ten konn­ten. Als sich das ‚lin­ke‘ Bedürf­nis Magis­tra Mosers nicht ein­löst, vom boden­stän­di­gen Aus­län­der als müt­ter­li­che (oder schwes­ter­li­che) Kom­pli­zin geliebt zu wer­den, brö­ckelt auch ihre Gut­men­schen­scha­le ab. Nach­dem die ‚Tschu­schin‘, die ‚Rom­ni‘, sich also nicht kul­tu­ra­li­sie­ren lässt, bleibt nur das bil­dungs­bür­ger­li­che Über­le­gen­heits­ge­fühl gegen­über dem Pro­lo übrig. Doch Bran­ka ist auch das bizarr über­zeich­ne­te Sym­bol für die Benach­tei­lig­ten, wel­che bei glei­chen Rech­ten und Chan­cen tat­säch­lich in unse­re Chef­eta­gen ein­drin­gen und uns dar­aus ver­drän­gen könn­ten. Magis­tra Moser schei­tert, weil sie ihre eige­ne gesell­schaft­li­che Posi­ti­on nicht wahr­ha­ben will – sowie an dem Umstand, dass es da drau­ßen wie in der Seren­ge­ti zugeht. Bran­ka, der Knecht, ist eine vita­le­re und geschmei­di­ge­re Wahr­neh­me­rin ihres Vor­teils – und wer weiß, viel­leicht auch eine begab­te­re Gen­­der-Spe­­zia­­lis­­tin als die Frau, für die sie putzt.

Ave­nue: Kann sich Bran­ka denn über­haupt nach oben put­zen?

Schu­berth: Die grau­sa­me Poin­te mei­nes Stü­ckes ist, dass Bran­ka es mit Put­zen eben nicht kann. Der US-ame­­ri­­ka­­ni­­sche libe­ra­le Mythos vom Self­made­man (mit der Self­made­wo­man funk­tio­niert das umso weni­ger) wird durch den Neo­li­be­ra­lis­mus noch bru­ta­ler ad absur­dum geführt: Der Leis­tungs­druck wird erhöht, das Hams­ter­rad dreht sich schnel­ler, die Leis­tungs­mo­na­de, die Ich-AG sinkt sozi­al wei­ter ab, und nicht ein­mal das Sys­tem braucht ihr das als per­sön­li­ches Ver­sa­gen oder Schma­rot­zer­tum vor­wer­fen, weil sie es schon sel­ber tut.

Schaufensterputzen in Graz
Schau­fens­ter­put­zen in Graz (Bild: And­rey, Flickr)

Ave­nue: Also führt Bran­ka, die von unten kommt, nicht nur die Selbst­täu­schung der Magis­tra vor, son­dern auch den – fal­schen – Mythos von der Tel­ler­wäscher­kar­rie­re.

Schu­berth: Bran­ka gelingt der Auf­stieg nur durch List, durch Iden­­ti­­täts-Wech­­sel. Ich füh­re bloß die Herr-Knecht-Dia­­le­k­­tik von Hegel mit femi­nis­ti­schen Vor­zei­chen fort. Magis­tra Moser war ja hin- und her­ge­ris­sen zwi­schen idea­lis­ti­schem Enga­ge­ment (ihrer Rol­le als Sozi­al­wis­sen­schaft­le­rin) und Anpas­sung und Hedo­nis­mus (ihre Rol­le in der Pri­vat­wirt­schaft). In ihrem Zwie­spalt wit­tert Bran­ka Heu­che­lei und Unsi­cher­heit, und die will sie aus­nüt­zen. Über die Bal­ka­no­phi­lie der Aka­de­mi­ke­rin schleicht sie sich in deren Leben, treibt sie in den Wahn­sinn (nicht sie allein tut es, sie for­ciert den Pro­zess bloß) und nimmt peu à peu deren Iden­ti­tät an. Am Anfang sind es nur Woh­nung und Klei­der, ist es die mate­ri­el­le Sei­te des Auf­stiegs, die Bran­ka inter­es­siert. Als sie sich aber auch um das bevor­ste­hen­de Refe­rat Magis­tra Mosers küm­mern muss, wird sie – sur­pri­se – zur bes­se­ren Dis­kur­skri­ti­ke­rin. Das ist die List der Ver­nunft in mei­nem Stück. Magis­tra Moser hat ihren intel­lek­tu­el­len Idea­lis­mus zuguns­ten ihrer Sta­­tus- und Kon­sum­wün­sche ver­ra­ten müs­sen und hat dadurch ihre tief­sit­zen­de klein­bür­ger­li­che Prä­gung ent­larvt. Die böse Cin­de­rel­la Bran­ka bekommt am Schluss nicht nur deren Woh­nung, son­dern führt den kri­ti­schen Dis­kurs radi­ka­ler fort als ihre Vor­gän­ge­rin. Doch böse Poin­te, die Dia­lek­tik von Kon­for­mie­rung reißt nicht ab –, in der Schluss­sze­ne taucht eine neue Put­ze auf, und die kommt nicht aus dem ehe­ma­li­gen Jugo­sla­wi­en, dem ple­be­ji­schen Süden oder aus der Tür­kei, son­dern aus Ost­deutsch­land. One World, aber eine ganz und gar nicht har­mo­ni­sche.

Ave­nue: Wenn wir schon von Dis­kurs spre­chen: In den Geis­­tes- und Sozi­al­wis­sen­schaf­ten gibt es eine prä­zi­se Wis­sen­schafts­spra­che. Schmal ist aller­dings die Gren­ze zu einer ärger­lich kom­pli­zier­ten, letzt­lich unver­ständ­li­chen Schutz­spra­che. In Bran­ka putzt sich nach oben wird sie ‚Post­struk­tu­ra­lis­tisch’ genannt.

Schu­berth: Zu die­sen Punk­ten lie­ße sich eine gan­ze Ave­nue voll­schrei­ben. Also wer­de ich ver­su­chen, im Tele­gramm­stil zu ant­wor­ten.

  • Impe­ra­tiv von Karl Kraus dazu: „Unge­wöhn­li­che Wor­te zu gebrau­chen, ist eine lite­ra­ri­sche Unart. Man darf dem Publi­kum bloß gedank­li­che Schwie­rig­kei­ten in den Weg legen.“
  • Mei­ne Trenn­li­nie ver­läuft nicht zwi­schen kom­pli­zier­ter und ein­fa­cher Spra­che, son­dern zwi­schen klu­ger kom­pli­zier­ter und unnö­tig kom­pli­zier­ter, zwi­schen guter ein­fa­cher und schlech­ter ein­fa­cher Spra­che.
  • Im Zeit­al­ter der Blogs, SMS, schnell kon­su­mier­ba­ren und auf Kon­sens und Likes abzie­len­den Stand­punkt­ver­or­tun­gen ist essay­is­ti­sches Schrei­ben und Lesen, sol­ches, das sich Zeit nimmt und den Gedan­ken durch sei­ne Spi­ra­len folgt, ver­pönt.
  • Schnel­le Ein­gän­gig­keit, Tex­te, die ‚einen abho­len‘ sind angeb­lich gefragt. Doch wer stän­dig abge­holt wird, ver­lernt das Gehen, und die Wider­stands­kraft, soll­te er/​​sie wirk­lich mal ‚abge­holt‘ wer­den.
  • Her­me­ti­sche Jar­gons sind genau so doof wie Sprach­po­pu­lis­mus, der sich dem jeweils aktu­el­len Sprach­ver­lust­stand anbie­dern will.
  • Ansons­ten bie­tet Dia­lekt wun­der­ba­re Mög­lich­kei­ten und Nuan­cen.

Wer stän­dig abge­holt wird, ver­lernt das Gehen.

Ave­nue: Nicht sel­ten spre­chen Schwei­ze­rin­nen und Schwei­zer osten­ta­tiv Mund­art, um sich nicht nur von den Deut­schen, son­dern auch den ‚Intel­lek­tu­el­len‘ abzu­set­zen. Aller­dings ist, wer in der Schweiz Dia­lekt spricht, auch nicht ‚bran­ded on the tongue‘.

Schu­berth: Als ich nach Wien kam, gab es dort das typi­sche Wie­ne­risch, einen für vie­len gräss­li­chen gezo­ge­nen pro­le­ta­ri­schen Dia­lekt, der aber eine Fül­le an poe­ti­schen und wit­zig mehr­bö­di­gen Wen­dun­gen kennt, und auch als Relikt alter Zei­ten das näseln­de ‚Schön­brun­ner­deutsch‘ der Upper Class. Seit­dem ver­schmel­zen die zu einem mir uner­träg­li­chen Infan­til­sprech, den wir in den 90er Jah­ren schon ‚Schei­ßerl­deutsch‘ nann­ten. Bereits zwei, wenn nicht drei Genera­tio­nen reden so. Als trü­gen sie noch immer Zahn­span­gen und hie­ßen sie alle Fluffy oder Schur­li. Harm­los, regres­siv, erfah­rungs­los, mit­tel­stän­disch seicht, ohne Kan­ten und Ecken. Die­ser Ton kratzt in den Ohren und ist chro­nisch unse­xy. Ich neh­me an, die­se Wesen sind zur Endo­ga­mie ver­dammt, kein Art­frem­der, kei­ne Art­frem­de kann sich mit ihnen paa­ren wol­len.

Duu, in der Josef­sch­däd­der Schdraaaa­ße haaad a neu­er Kof­fi Shobb auf­gmaaachd, du musst unbe­dingt amal die Gar­­da­­mom-Basi­­li­­gum-Mie­­schung aus­bro­biee­ren. Du haasd ges­dan den Gri­se­ma­an und Schde­er­mann im OAF gseehn? de waaarn wie­e­da ächd lei­wand. Dodaal boli­di­gel­li ingor­regd. Hi hi …“

Das mei­ne ich natür­lich nicht so böse, wie ich es sage. Die­se Wie­ner und Wie­ne­rin­nen kön­nen sehr hübsch sein, aber sie soll­ten end­lich ler­nen, dass die Sprach­me­lo­die Wesen und Cha­rak­ter ver­rät. Hoch­sta­peln hie­ße ja auch neue Rol­len aus­pro­bie­ren, in die man so rein­wächst, dass sie zur authen­ti­schen Per­sön­lich­keit wer­den. Somit gin­ge Ler­nen nicht ohne Hoch­sta­pe­lei. Seht ihr, jetzt ist mir unab­sicht­lich auch noch ein Schluss­ge­dan­ke zu eurem The­ma ein­ge­fal­len.

Hoch­deutsch mit einem leicht melan­cho­li­schen öster­rei­chi­schen Touch ist übri­gens das schöns­te Hoch­deutsch, das ich ken­ne. Oskar Wer­ner konn­te das, und hat es auch ein wenig über­trie­ben.

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Restau­rant­sze­ne in Wien (Bild: x1klima, Flickr)

Richard Schu­berth ist Schrift­stel­ler, Gesell­schafts­kri­ti­ker, Sati­ri­ker, Car­too­nist und gele­gent­lich Schau­spie­ler und Regis­seur. Neben sei­nem künst­le­ri­schen Schaf­fen arbei­te­te Schu­berth auch als Musik­jour­na­list (sein ers­tes Buch war ein 500-sei­­ti­­ges Musik­le­xi­kon), als Tex­ter, Sperr­müll­samm­ler, Medi­ka­men­ten­pro­band, als Gestal­ter von Radio­sen­dun­gen sowie als Grün­der und Lei­ter eines Bal­­kan-Musi­k­­fes­­ti­­vals („Bal­kan Fever“). Für sein künst­le­ri­sches und poli­ti­sches Enga­ge­ment wur­de ihm der MigA­ward (als “Per­sön­lich­keit des Jah­res”) ver­lie­hen, eine Aus­zeich­nung, die aus­schließ­lich von Migran­ten und Men­schen mit Migra­ti­ons­hin­ter­grund per Voting ver­ge­ben wird. Mehr über Richard Schu­berth in der Wiki­pe­dia oder auf sei­ner Web­site.

Erwähn­te Lite­ra­tur

Schu­berth, Richard. 2016. Karl Kraus. 30 und drei Anstif­tun­gen. Wien: Kle­ver Ver­lag

Schu­berth, Richard. 2015. Chro­nik einer fröh­li­chen Ver­schwö­rung. Wien: Zsol­nay

Schu­berth, Richard. 2014. Das neue Wör­ter­buch des Teu­fels. Ein apho­ris­ti­sches Lexi­kon. Wien: Kle­ver Ver­lag

Schu­berth, Richard. 2012. Wie Bran­ka sich nach oben putz­te. Eine Tragikomödie in drei Akten. Kla­gen­furt: Dra­va

 

Bild­nach­weis

Alham­bra“, fo­to­gra­phiert von Corin­ne Rusch.

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