Dumm­heit, selbst­ver­schul­det

Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung? (Abbildung aus: Deutsches Textarchiv)
Beant­wor­tung der Fra­ge: Was ist Auf­klä­rung? (Abbil­dung aus: Deut­sches Text­ar­chiv)

Die For­de­rung, die Kant an sei­ne Leser stell­te, pack­te er in die berühm­te For­mu­lie­rung, wonach Auf­klä­rung der Aus­gang des Men­schen aus der selbst­ver­schul­de­ten Unmün­dig­keit sei. Das Wort „selbst­ver­schul­det“ hat­te dabei eine spe­zi­el­le Bedeu­tung. Denn der Aber­glau­be, die Anhäng­lich­keit an Dog­men, der Auto­ri­täts­ge­hor­sam, ob gegen­über den Män­nern der Kir­che oder jenen im wei­ßen Man­tel der Wis­sen­schaft – das alles war ja kei­nes­wegs von den Ein­zel­nen selbst­ver­schul­det. Es war viel­mehr ein Ergeb­nis von Unbil­dung, Indok­tri­na­ti­on, undurch­schau­tem Vor­ur­teil, auch irra­tio­na­len Nei­gun­gen, die mit der mensch­li­chen Natur ein­her­ge­hen. Der Begriff „selbst­ver­schul­det“ gewann sei­nen Sinn erst dadurch, dass es eine hin­rei­chend belehr­te, zu logi­scher Ana­ly­se und kri­ti­scher Hin­ter­fra­gung fähi­ge, rela­tiv vor­ur­teils­re­sis­ten­te Per­sön­lich­keit gab. Nur sie konn­te als das Sub­jekt der Auf­klä­rung begrif­fen und ent­spre­chend in die Pflicht genom­men wer­den.

Die Ver­nunft darf nicht im bloß Bio­lo­gi­schen ver­an­kert sein, denn dort ist alles Mög­li­che ver­an­kert, auch die Dumm­heit, der Wahn­sinn und das Böse.

Wenn wir anneh­men wol­len, der Begriff der mensch­li­chen Ver­nunft sei hin­rei­chend klar (was nicht ohne Wei­te­res ange­nom­men wer­den darf), dann beruht der „Glau­be an die Ver­nunft“ zunächst dar­auf, dass alle, die tat­säch­lich ver­nünf­tig sind, sich dar­an – und das heißt vor allem: an die Regeln der Logik – natur­wüch­sig gebun­den füh­len. Aber eben die fak­ti­sche Natur­wüch­sig­keit der Ver­nunft­bin­dung, ihre blo­ße bio­lo­gi­sche Ver­an­ke­rung, wäre zu wenig, um wirk­sam gegen jenen Glau­ben oppo­nie­ren zu kön­nen, der aus der Offen­ba­rung erwächst.

 'zu biologisch' für die Vernunft: Getrocknetes Gehirn (© Riccardo Meneghini, Flickr)
‚zu bio­lo­gisch‘ für die Ver­nunft: Getrock­ne­tes Gehirn (© Ric­car­do Meneghi­ni, Flickr)

Aller Auf­klä­rung, die sich als die ein­zig ratio­na­le Alter­na­ti­ve zur Reli­gi­on ver­steht, eig­net daher seit eh und je ein unduld­sa­mer Zug. Das hat mit der Auto­ri­täts­pro­ble­ma­tik der mensch­li­chen Ver­nunft zu tun. Sie darf nicht im bloß Bio­lo­gi­schen ver­an­kert sein, denn dort ist alles Mög­li­che ver­an­kert, auch die Dumm­heit, der Wahn­sinn und das Böse. Kant ver­sucht daher, die Kate­go­ri­en und Prin­zi­pi­en der Ratio­na­li­tät in einem trans­bio­lo­gi­schen Bereich fest­zu­ma­chen, des­sen Stel­lung zur Erfah­rungs­welt „tran­szen­den­tal“ sein soll, das heißt: aller inner­welt­li­chen Erkennt­nis vor­ge­ord­net, sie erst ermög­li­chend und daher auch nicht kri­ti­sier­bar. Hier klingt noch reich­lich vom obers­ten, abso­lu­ten Gel­tungs­an­spruch der Offen­ba­rung durch.

Dumm­heit, auf­ge­klärt

Die Unduld­sam­keit der Auf­klä­rer wird ärger­lich, sobald das Cre­do der Auf­klä­rung, „Sel­ber den­ken!“, kein risi­ko­rei­ches Ein­tre­ten für die Frei­heit des Den­kens und Redens mehr erfor­dert. Grund­recht­lich ver­fass­te, prin­zi­pi­ell säku­la­re und libe­ra­le Staa­ten legen mit der all­ge­mei­nen Schul­pflicht den Grund­stein für einen hohen Bil­dungs­stan­dard, an dem brei­te Tei­le der Bevöl­ke­rung teil­ha­ben. Es ist zu einem fun­da­men­ta­len Erzie­hungs­ziel gewor­den, dass nie­mand bloß des­halb an irgend­et­was glau­ben sol­le, weil es sich um eine kon­ven­tio­nel­le oder auto­ri­ta­tiv abge­seg­ne­te Sache hand­le. Dies gilt für Welt­an­schau­un­gen nicht weni­ger als für reli­giö­se Bekennt­nis­se, und es gilt sogar, wenn auch in gerin­ge­rem Maße, für den Stand­punkt des wis­sen­schaft­li­chen Exper­ten.

Kant-Tatoo (© Via Olivia)
‚Horaz-Tat­too‘ (© Via Oli­via)

Doch kein Licht ohne Schat­ten. Eine tri­via­le Ein­sicht, gewiss, aber sie hat – gera­de wegen ihrer Tri­via­li­tät – für die Auf­klä­rung, les lumiè­res, eine spe­zi­fi­sche Bedeu­tung. Ihr ent­spre­chend for­mu­liert Robert Musil, ein Auf­klä­rer mit Hang zur Mys­tik, in sei­nem Vor­trag Über die Dumm­heit aus dem Jah­re 1937 eini­ge bemer­kens­wer­te The­sen. Er unter­schei­det in sei­nem Vor­trag zwi­schen der „ehr­li­chen“ oder „schlich­ten Dumm­heit“, die ein­fach daher rührt, dass ein Mensch dumm ist, und jener ande­ren, die er die „höhe­re“ nennt. In ihr erblickt der Autor des Manns ohne Eigen­schaf­ten die „eigent­li­che Bil­dungs­krank­heit“. Die höhe­re Dumm­heit defi­niert Musil, der sich gele­gent­lich ganz und gar eli­tär als „kon­ser­va­ti­ven Anar­chis­ten“ bezeich­net, fol­gen­der­ma­ßen: „Sie ist nicht sowohl ein Man­gel an Intel­li­genz als viel­mehr deren Ver­sa­gen aus dem Grun­de, dass sie sich Leis­tun­gen anmaßt, die ihr nicht zuste­hen…“ (Musil 1978a). Musil gibt im Vor­trag selbst kein Bei­spiel für die­ses Ver­sa­gen. Andern­orts lässt sich aber nach­le­sen, dass er Oswald Speng­lers unge­mein erfolg­rei­chem und bis heu­te nach­wir­ken­dem Werk, Der Unter­gang des Abend­lan­des, das 1918 und ’22 erscheint, ein Bespre­chungs­at­test aus­stell­te, das sum­ma sum­ma­rum ver­nich­tend war:

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Höhe­re Dumm­heit ist ein Ver­sa­gen der Intel­li­genz, da „sie sich Leis­tun­gen anmaßt, die ihr nicht zuste­hen“ (Robert Musil Über die
Dumm­heit
)

Indem Speng­ler sich anma­ße – so Musil (1978b) –, über alle Völ­ker und Kul­tu­ren der Welt­ge­schich­te ein kom­pe­ten­tes Urteil abzu­ge­ben, noch dazu eines, aus dem mit schein­bar stren­ger Geschichts­lo­gik fol­ge, Euro­pa sei ver­greist und daher zum Abster­ben ver­ur­teilt, lie­fe­re der viel­be­le­se­ne, doch fort­wäh­rend dilet­tie­ren­de Autor einen gera­de­zu mons­trö­sen Mus­ter­fall der bür­ger­li­chen Bil­dungs­krank­heit. Es war des­halb auch nicht blo­ße Beck­mes­se­rei, wenn Musil sei­ne Kri­tik an Speng­ler mit dem Nach­weis begann, dass die­sem für den Quer­ver­gleich der mathe­ma­ti­schen Denk­wei­se ver­schie­de­ner Kul­tu­ren in unter­schied­li­chen Ent­wick­lungs­sta­di­en schlicht­weg das nöti­ge Fach­wis­sen fehl­te.

über sei­ne intel­lek­tu­el­len Ver­hält­nis­se hin­aus den­ken

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„Es war bei­na­he so, als wan­de­le der Geist Speng­lers an sei­ner Sei­te“: Der ehe­ma­li­ge US-Aus­sen­mi­nis­ter Hen­ry Kis­sin­ger war ein glü­hen­der Ver­eh­rer des Unter­gang des Abend­lan­des (Zitat in Der Spie­gel 1974)

Was also Musil, ganz im Sin­ne des Kon­zepts der höhe­ren Dumm­heit, an Speng­ler beson­ders stört, ist des­sen Hang, sich groß­flä­chig über sei­ne intel­lek­tu­el­len Ver­hält­nis­se hin­aus theo­re­tisch zu betä­ti­gen. Zum Bei­spiel wird ein begrenzt anwend­ba­res Voka­bu­lar in meta­pho­ri­scher Wei­se auf Berei­che aus­ge­dehnt, in denen es nichts ver­lo­ren hat. Man den­ke an das Sche­ma der Lebens­al­ter, wel­ches, statt Wach­sen und Ver­ge­hen bio­lo­gi­scher Orga­nis­men zu beschrei­ben, plötz­lich den Gang gan­zer Kul­tu­ren erklä­ren soll – eine zu Speng­lers Zeit über­aus belieb­te Ana­log­set­zung natür­li­cher und his­to­ri­scher Evo­lu­ti­on. Das Ergeb­nis die­ser Dilet­tan­ten­kunst ergab im Fall Speng­lers jene höhe­re Dumm­heit, die da lau­te­te, dem Abend­land – was immer das sein moch­te – blie­be nichts ande­res übrig, als sich in sei­nen lebens­al­ters­mä­ßig not­wen­di­gen Unter­gang zu fügen.

Para­wis­sen­schaft

Heu­te wim­melt es von para­wis­sen­schaft­li­chen Begrif­fen, Kon­zep­ten, Theo­ri­en, die alle eine Fol­ge davon sind, dass sich mehr oder min­der gebil­de­te Lai­en im Sin­ne der Auf­klä­rungs-Maxi­me „Sel­ber den­ken!“ ein Bild der sie jeweils inter­es­sie­ren­den Ver­hält­nis­se machen. Dabei ist es, sieht man genau­er hin, mit dem Selbst­den­ken gar nicht so weit her. Denn es sind in ers­ter Linie die popu­lär­wis­sen­schaft­li­chen und jour­na­lis­ti­schen Medi­en, die dem Lai­en vor­kau­en, was „in“ und was „out“ ist, was „ange­sagt“ und was „pas­sé“, wodurch sie ihm, durch leicht hand­li­che Flos­keln und Rezep­tu­ren, das Gefühl ver­mit­teln, mit­den­ken zu kön­nen und sich eine eige­ne Mei­nung bil­den zu sol­len.

Mitt­ler­wei­le ist die Cha­os­theo­rie, von der kein Nicht­ma­the­ma­ti­ker auch nur annä­he­rungs­wei­se eine Ahnung hat­te, samt „But­ter­fly-Effekt“, „Frak­ta­len“ und „Apfel­männ­chen“ wie­der in den Hin­ter­grund der sai­so­na­len Lei­me­ta­phern getre­ten, wenn es dar­um geht, sich pseu­do­kom­pe­tent über die Zukunft aus­zu­las­sen. Zwi­schen­durch war der – for­mal weni­ger anspruchs­vol­le, weil sozi­al­ge­schicht­li­che – Clash of Civi­li­za­ti­ons in aller Mun­de, fast gleich­zei­tig wur­de The End of Histo­ry pro­kla­miert. Neu­er­dings gras­siert das Kon­zept der Post­de­mo­kra­tie, nach­dem eine Wei­le das Wort von der Risi­ko­ge­sell­schaft die Run­de unter den Selbst­den­kern mach­te.

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Buch­ti­tel, die zu Plas­tik­wör­tern wur­den.

Selbst­den­ken ohne Inkom­pe­tenz-Ein­sicht

Nun könn­te man sich fra­gen, was denn dar­an so tadelns­wert sei, dass im Umlauf befind­li­che Begrif­fe und Model­le von der mehr oder weni­ger gebil­de­ten Öffent­lich­keit dazu ver­wen­det wer­den, um über welt­an­schau­li­che, kul­tu­rel­le und sozia­le Fra­gen, die von Bedeu­tung sind, mehr oder min­der selb­stän­dig, kri­tisch, auf eige­ne Mei­nung abzie­lend, nach­zu­den­ken und zu dis­ku­tie­ren? Ohne hier einem Musil’schen Eli­ta­ris­mus frö­nen zu wol­len, muss doch auf zwei Effek­te auf­merk­sam gemacht wer­den, deren nega­ti­ve Aus­wir­kun­gen beträcht­lich sein kön­nen.

Erstens ver­bin­det sich eine schein­ra­tio­na­le Atti­tü­de, die sich auf halb ver­stan­de­ne und unkla­re, dafür aber emo­tio­nal und anschau­lich ein­präg­sa­me For­meln stützt, leicht mit ein­ge­fleisch­ten ideo­lo­gi­schen Mus­tern, die ihrer­seits bestä­tigt sein wol­len. Man den­ke nur an die lan­ge geheg­te Mei­nung, wonach im Neo­ka­pi­ta­lis­mus Risi­ko­freu­dig­keit eine Haupt­tu­gend und jede Art von staat­li­cher Ein­mi­schung hin­der­lich sei, weil die Selbst­re­gu­lie­rungs­kräf­te des Mark­tes dadurch gestört wür­den. In Wirk­lich­keit führ­te die­ses Sys­tem zu empö­ren­der sozia­ler Unge­rech­tig­keit, scham­lo­ser Berei­che­rung eini­ger Weni­ger, dem dro­hen­den Zusam­men­bruch der Finanz­märk­te und einer kata­stro­pha­len Über­schul­dung auch der wohl­ha­ben­den Staa­ten.

Man ver­wech­selt die kind­li­chen Gefüh­le ange­sichts der üppi­gen Pro­duk­ti­on eines Gebor­gen­heits­vo­ka­bu­lars mit dem mün­di­gen Ein­ver­ständ­nis eines zum kri­ti­schen Urteil Befä­hig­ten.

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Gebor­gen­heits­vo­ka­bu­lar: „Aven­tu­rin för­dert Ent­span­nung, Geduld, Gelas­sen­heit, Selbst­be­stim­mung, Ide­en und Begeis­te­rung, Ent­schei­dungs­fä­hig­keit, Lie­be zum Leben und zur Natur“

Zwei­tens jedoch beför­dert die Ein­übung in das Mus­ter der höhe­ren Dumm­heit zu einer ent­spre­chen­den Kul­tur der bil­dungs­ge­sell­schaft­li­chen Irra­tio­na­li­tät. Da man sich des­sen sicher ist, die Din­ge des Lebens sel­ber den­kend bewäl­ti­gen zu kön­nen, schwin­det auch die Berüh­rungs­scheu vor allen soge­nann­ten „Alter­na­ti­ven“. Wäh­rend man die ange­stamm­ten Insti­tu­tio­nen pau­schal ver­däch­tigt, maßt man sich ein Urteil in Berei­chen an, von denen man kaum eine Ahnung hat, sei es die Deme­ter-Metho­de im bio­lo­gi­schen Land­bau, die hei­len­de Kraft aura­ti­scher Ener­gie­fel­der und kos­mi­scher Har­mo­ni­en oder die spi­ri­tu­el­le Reli­gio­si­tät des Fer­nen Ostens. Man ver­wech­selt die kind­li­chen Gefüh­le ange­sichts der üppi­gen Pro­duk­ti­on eines Gebor­gen­heits­vo­ka­bu­lars mit dem mün­di­gen Ein­ver­ständ­nis eines zum kri­ti­schen Urteil Befä­hig­ten.

Gera­de indem man sich ein­bil­det, urteils­fä­hig zu sein, ver­fällt man nicht sel­ten der – mit Kants Wor­ten – selbst­ver­schul­de­ten Unmün­dig­keit. Dabei han­delt es sich dann frei­lich um jene Vari­an­te, die gera­de nicht typisch ist für Analpha­be­ten, son­dern im Gegen­teil: für die Absol­ven­ten der mitt­le­ren Rei­fe. Die­se wer­den – um im Bei­spiel zu blei­ben – mas­sen­haft will­fäh­ri­ge Mit­spie­ler, Kon­su­men­ten und Opfer des mul­ti­mil­li­ar­den­schwe­ren Lebenskunst‑, Spi­ri­tua­li­täts- und Eso­te­rik-Mark­tes. Denn da man ja ohne­hin gebil­det ist, wei­gert man sich als das ver­nunft­be­gab­te Wesen, das man von Natur aus ist, maß­voll ein­zu­se­hen, dass wah­re Auf­klä­rung dar­in bestün­de, sich dort des Urteils und der damit ver­bun­de­nen Pra­xis zu ent­hal­ten, wo einem die Kom­pe­tenz des Urtei­lens fehlt.

Selbst­den­ken ohne Inkom­pe­tenz-Ein­sicht: Das ist die eigent­li­che Bil­dungs­krank­heit, aus wel­cher die höhe­re Dumm­heit viel­fäl­tig erwächst und sich schließ­lich tief ein­wur­zelt in die herr­schen­de Vor­stel­lung davon, was erst eine mün­di­ge Per­son aus­macht.

Selbst­den­ken ohne Tran­szen­denz-Ein­sicht

Doch selbst wer der fal­schen Tran­szen­denz des Eso­te­rik­mark­tes miss­traut, ist vor höhe­rer Dumm­heit nicht gefeit. Je wei­ter sich die Moder­ne, mit­tels Dekon­struk­ti­on, auto­no­mi­sie­ren möch­te, des­to stär­ker wird die Ent­frem­dung des Ein­zel­nen von dem, was er wirk­lich will. Er wird in der Betrach­tung sei­ner Sub­jek­ti­vi­tät dann akku­rat auf jenes Medi­um ver­wie­sen, das gera­de nichts außer exakt defi­nier­ba­rer Objek­ti­vi­tät gel­ten lässt: auf die Natur­wis­sen­schaft der See­le, auf Psy­cho­lo­gie und Hirn­for­schung.

Marylinne Robinson wird 2012 die 'National Humanities Medal' von Barack Obama überreicht
Mary­lin­ne Robin­son wird 2012 die Natio­nal Huma­nities Medalvon Barack Oba­ma über­reicht (Quel­le: NEH​.gov)

In ihrem Buch Absence of Mind (2010) hat Mari­lyn­ne Robin­son, eine der bedeu­tends­ten Schrift­stel­le­rin­nen unse­rer Zeit, das pre­kä­re Ver­hält­nis von Sub­jek­ti­vi­tät und Wis­sen­schaft zum Gegen­stand tief­drin­gen­der Über­le­gun­gen gemacht. Ihr wich­tigs­ter Punkt ist der, dass unse­re auf­ge­klär­te Welt in Wahr­heit von para­wis­sen­schaft­li­chen Model­len beherrscht wird, die das Geheim­nis des Men­schen, sei­nen zur Welt­erschlie­ßung, Selbst­er­kennt­nis und Tran­szen­den­zer­fah­rung fähi­gen Geist, vor­geb­lich auf irgend­ei­ne phy­sio­lo­gi­sche Basis, beson­ders das Gehirn, zurück­füh­ren und redu­zie­ren wol­len.

In Volks­hoch­schul­kur­sen wird der stau­nen­de Laie von Fach­leu­ten dar­über belehrt, dass die wirk­li­che Welt mit jener, die wir mit unse­ren Sin­nen erfah­ren, nichts zu tun habe; die­se sei – wie übri­gens auch unser Ich samt dem frei­en Wil­len – viel­mehr durch und durch ein Erzeug­nis unse­res Gehirns, und zwar zu dem Zweck, eine über­le­bens­dien­li­che Inter­ak­ti­on zwi­schen uns und unse­rer Umwelt – das heißt in letz­ter Instanz: unse­rer Gene – zu ermög­li­chen. Dar­in spie­gelt sich eben­falls ein Stück höhe­rer Dumm­heit, denn aber­mals geht es „um ein Ver­sa­gen der Intel­li­genz aus dem Grun­de, dass sie sich Leis­tun­gen anmaßt, die ihr nicht zuste­hen“. Es han­delt sich um das chro­ni­sche Erkennt­nis­lei­den einer Moder­ne, wel­che sich ange­wöhnt hat, alles über­haupt Exis­tie­ren­de als objek­tiv und imma­nent zu den­ken, das heißt, so zu den­ken, dass es der wis­sen­schaft­li­chen Begriff­lich­keit prin­zi­pi­ell und aus­nahms­los fass­bar sein muss.

Von „Para­wis­sen­schaft“ spricht Robin­son, weil die stren­ge natur­wis­sen­schaft­li­che Metho­de über­haupt kei­ne Aus­sa­ge über den Geist als Phä­no­men mensch­li­cher Sub­jek­ti­vi­tät zulässt. Der simp­le Grund: Das Voka­bu­lar der Phy­sik, Che­mie und Bio­lo­gie kennt nur die Phä­no­me­ne der äuße­ren Welt, vom Urknall bis zu den Strings, von den ers­ten Ato­men bis zu den Rie­sen­mo­le­kü­len, wel­che die DNA for­men, von den hirn­lo­sen Ein­zellern, die sich selbst redu­pli­zie­ren, bis zum Neu­ro­nen-Uni­ver­sum des mensch­li­chen Gehirns.

Selbst­den­ken ohne Tran­szen­denz-Ein­sicht, ver­stan­den als die Leug­nung von Sub­jek­ti­vi­tät als pri­mä­rer Quel­le aller Seins- und Daseins­er­schlie­ßung: auch das ist eine Fol­ge der para­wis­sen­schaft­li­chen Hege­mo­nie unse­rer natu­ra­lis­tisch ver­eng­ten Welt­zu­wen­dung. Auch die­se Ver­en­gung ist also, könn­te man sagen, ein Kol­la­te­ral­scha­den des Aus­gangs aus der selbst­ver­schul­de­ten Unmün­dig­keit.

Fazit

Wer mit dem Selbst­den­ken nicht halt­macht, wo das Den­ken tie­fe­ren For­men der Ein­sicht Platz machen soll­te, der ver­dummt, und zwar auf höchs­tem Niveau. Die Niveaus der Ver­dum­mung lau­ten: Selbst­den­ken ohne Inkom­pe­tenz-Ein­sicht und ohne Ein­sicht in die Tran­szen­denz. Wah­re Auf­klä­rung hin­ge­gen bedeu­tet auch den Aus­gang aus jener selbst­ver­schul­de­ten Unmün­dig­keit, deren Name seit Musil „höhe­re Dumm­heit“ lau­tet.

Lite­ra­tur

Kant, Imma­nu­el. 1784. „Beant­wor­tung der Fra­ge: Was ist Auf­klä­rung?“ in: Ber­li­ni­sche Monats­schrift. 12, 481–494.

Musil, Robert. 1978a. „Über die Dumm­heit“, in: Gesam­mel­te Wer­ke, hrsg. v. Adolf Fri­sé. Bd. 2, Rein­bek b. Ham­burg: Rowohlt. Zitat auf S. 1270 ff (1286 f).

Musil, Robert. 1978b. „Geist und Erfah­rung. Anmer­kun­gen für Leser, wel­che dem Unter­gang des Abend­lan­des ent­ron­nen sind“ [März 1921], in: Gesam­mel­te Wer­ke. Hrsg. v. Adolf Fri­sé. Bd. 2, Rein­bek b. Ham­burg: Rowohlt. 1042–1059.

N.N. 1974. „Kis­sin­ger: ‚Wenn ich gehe, dann ohne Skan­dal‘ “, in: Der Spie­gel. 25 (17. Juni 1974). 60–74.

Robin­son, Mari­lyn­ne. 2010. Absence of Mind, The Dis­pel­ling of Inward­ness From the Modern Myth of the Self. The Ter­ry Lec­tures. New Haven & Lon­don: Yale Uni­ver­si­ty Press.

Eine frü­he­re Ver­si­on die­ses Tex­tes erschien in der Wochen­end­bei­la­ge „Spec­trum“ der öster­rei­chi­schen Tages­zei­tung Die Pres­se am 4. Novem­ber 2012.

Bild­nach­weis

Left over”, foto­gra­phiert von Corin­ne Rusch.
Peter Strasser

Peter Stras­ser

Prof. Dr. Peter Stras­ser lehr­te an der Uni­ver­si­tät Graz Phi­lo­so­phie. Noch heu­te forscht er zu Fra­gen der theo­re­ti­schen Kri­mi­no­lo­gie. Er ver­fass­te mehr als 30 Bücher, zuletzt Onto­lo­gie des Teu­fels. Mit einem Anhang: Über das Radi­kal­gu­te. Seit Novem­ber 2015 ver­fasst Stras­ser die Kolum­ne Mor­gen­grau­en (2‑tägig) für das elek­tro­ni­sche For­mat der NZZ Öster­reich nzz​.at. 2014 wur­de Stras­ser mit dem Öster­rei­chi­schen Staats­preis für Kul­tur­pu­bli­zis­tik geehrt.

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