Eines Tages kommt’s heraus: Der Riesenbezwinger ist ein Schneiderlein, der Hauptmann von Köpenick ein Schumacher, Postel ein Pöstler. Beltracchi ist nicht Campendonk und der Minister hat seine Doktorarbeit nicht selbst geschrieben.

Wir hatten gerade unsere erste Avenue-Druckrechnung bezahlt und unser Konto war leer. Wir wussten, wie sehr uns beide die Unsicherheit bedrückte. Doch wenn wir vom Einkaufen zurückkamen, stapelten sich in unseren Tüten frische Früchte, das schönste Gemüse, guter Fisch und feiner Käse. Wir stapelten gegenseitig und voreinander hoch, um dem anderen jeweils zu signalisieren: So schlimm steht’s doch gar nicht um uns. Und flogen voreinander an der Kasse auf, weil jeder einzelne nicht mehr genug Geld hatte, um den Einkauf allein zu bezahlen.

noch nicht bezahlt (© Boston Public Library)
noch nicht bezahlt (© Boston Public Library)

Hochstaplerinnen und Hochstapler gaukeln falsche Tatsachen vor, um sich in eine gesellschaftlich oder beruflich bessere Position zu hieven. Solange sie dabei keine Urkunden fälschen, Titel missbrauchen oder jemanden um sein Vermögen bringen, schert sich die Justiz nicht um sie. Wer aber nicht nur als Aufschneider, Wichtigtuer oder sozialer Aufsteiger in die Annalen eingehen will, muss skandalträchtige Fallhöhe erzeugen. Falls es doch zum Prozess kommt, dürfen die Gründe für das Täuschungsmanöver nicht so niederträchtig scheinen, dass sie als Fälschung und Betrug allein vor das Tribunal treten. Hochstapeln ist also ein Hochseilakt zwischen Wichtigtuerei und Betrug.

Uniform des Hauptmanns im Ausstellungsraum des Rathauses Köpenick
Uniform des Hauptmanns im Ausstellungsraum des Rathauses Köpenick

Ein Paradebeispiel für den Hochstapler ist der Hauptmann von Köpenick. Der mehrfach wegen Diebstals verurteilte Schumachergeselle Wilhelm Voigt besorgt sich bei Trödlern die Uniform eines Hauptmanns. Mit dieser verkleidet bringt er 1906 einen Trupp Soldaten unter sein Kommando, besetzt das Rathaus von Köpenick und verhaftet den Bürgermeister. Anschliessend lässt er die Staatskasse beschlagnahmen, verlässt coram publico den Schauplatz und besteigt den Zug nach Berlin, wo er untertaucht. Zehn Tage später wird er verraten und darauf wegen unbefugten Tragens einer Uniform, Freiheitsberaubung, Betruges und schwerer Urkundenfälschung zu vier Jahren Gefängnis verurteilt. Kaiser Wilhelm II. begnadigt ihn bereits nach zwei Jahren.

Die Medien feiern den Coup als gelungenes Gaunerstück, üben zugleich harsche Kritik am preussischen Militarismus, an Uniformgläubigkeit und Kadavergehorsam. Die Köpenickiade geht in Literatur, Theater und Film ein und wird zum Lehrstück darüber, wie ein Individuum eine ganze Gesellschaft vorführt.

Warum faszinieren uns Hochstapler? Am Fall Voigt lassen sich drei Gründe für unser Interesse zeigen:

  1. Hochstapelei eröffnet den Blick auf das Getriebe und die Eingeweide einer Gesellschaft. Wird der Hochstapler enttarnt, fliegen mit ihm zugleich Werte, Normen und Praktiken auf, die sich nicht selten als bodenlos erweisen.
  2. Hochstapelei bringt ein gebrochenes Verhältnis von Individuum und Gesellschaft zum Ausdruck. Der Hochstapler gehört weder dorthin, woher er kommt, noch dorthin, wohin er will.
  3. Hochstapelei ist Gesellschaftskunst. Der Hochstapler lebt nicht wie andere Menschen in seiner Gesellschaft, vielmehr spielt er sie. Er erfasst mit seiner Kunst all die ungeschriebenen Gesetze, die zwischen Menschen Vertrauen erzeugen. Er liest und analysiert Zeichen, legt Spuren und entwickelt eine stupende Technik im So-tun-als-ob.

1. Zu schön, um wahr zu sein

Wenn Hochstapler auffliegen, knirscht es im Gebälk des Systems. Der niederländische Sozialpsychologe Diederik Stapel hat nachweislich mehr als 50 Studien geschönt. Bei seiner Hochstapelei verzichtete er auf die grosse Geste. Er tauschte einfach hie und da Zahlen aus, um schönere Ergebnisse zu erhalten:

“Ich öffnete eine Tabelle, die ich gerade ausgefüllt hatte, und machte aus einer unerwarteten 2 eine 4. Und etwas weiter in der Tabelle aus einer 3 eine 5. Es fühlte sich nicht richtig an. (…) Ich ließ den Computer rechnen. Als ich die neuen Resultate sah, war die Welt wieder logisch geworden. Ich sah, was ich erwartet hatte. Ich war glücklich” (Stapel, zitiert in Rauner 2014).

Stapel hat hochgestapelt und ist aufgeflogen. Mit ihm aufgeflogen ist die Sozialpsychologie, vor allem aber auch die neoliberal organisierte Universität. Stapel hat mit seinen Täuschungen und Fälschungen das Spiel der gegenwärtigen Wissenschaft zur Kenntlichkeit entstellt. Die Sozialpsychologie sah sich in Erklärungsnot: Die Wissenschaftlichkeit der Disziplin stand auf dem Spiel. 150 Psychologen gründeten daraufhin eine Initiative, um die Zuverlässigkeit psychologischer Experimente zu untersuchen. Zudem geriet die zunehmende Ökonomisierung der Universität in Misskredit, die von ihren Forschenden immer mehr Marketing, mehr exzellente Papers und mehr Drittmittelprojekte verlangt und damit die Zeit zur Kontrolle und Diskussion der Resultate verknappt.

“‘Ich bin ein Verkäufer.’ Langsam, aber sicher setzte sich diese Idee in meinem Kopf fest. Ich wusste, dass ich punkten musste. Ich war in die Wissenschaft gegangen, weil ich vom Inhalt fasziniert war, aber ich fand mich immer mehr in Situationen, in denen der Inhalt nebensächlich war” (Stapel, zitiert in Rauner 2014).

Mit der Enttarnung kommt also die Erkenntnis: Wir ahnen für einen Augenblick, wie willkürlich und auch ungerecht die Regeln sind, die unser Zusammenleben organisieren. Wir erkennen, wie leichtgläubig wir uns auf Zeichen von Autorität verlassen: Auf Ausweise und Papiere im 15. Jahrhundert, auf Uniformen gestern, auf Zahlen, Bildungs- oder Echtheitszertifikate heute.

2. Gesellschaftsspiele

Viele soziologische und kulturanthropologische Theorien behaupten eine enge Bindung des Individuums an seine Gesellschaft. Wächst ein Mensch heran, internalisiert er die Regeln, Werte und Vorlieben der Familie, seiner peers und Ausbildungsstätten. Er bildet einen spezifischen Habitus oder Sozialcharakter heraus, der seine Chancen, seinen Spiel- und Freiheitsraum innerhalb der Gesellschaft absteckt und der anderen Menschen Hinweise über seine Herkunft und sozialen Rang gibt. Habitus macht sich etwa in der Wahl von Speisen bemerkbar: Wer eher Funktion (Kohlenhydrate, Stärke und Fette) isst, weiss wenig mit dem Konsum von Formen (Servietten, Süppchen und Schäumchen) anzufangen (Bourdieu 2005, 25f.).

Was hat er, was ich (noch) nicht habe? Tom Ripley (Matt Damon) bewundert, liebt und hasst Dickie Greenleaf (Jude Law). Screenshot aus der gleichnamigen Verfilmung (Minghella 1999) von Patricia Highsmiths Roman The Talented Mr. Ripley.

Wer gesellschaftlich hochstapelt, muss diese enge Bindung lösen. Nichts am Habitus des Hochstaplers darf seine Herkunft mehr verraten. Er ist gezwungen, sein Leben zwischen Stuhl und Bank einzurichten. Einerseits kann er nicht mehr dorthin zurück, woher er kommt; andererseits ist er noch nicht gerüstet für das, wohin er will. Da hilft nur das Simulieren von den Gepflogenheiten und vom Geschmack seiner angeblichen Herkunft weiter. Seine Kleidung darf nicht mehr funktional sein, sondern muss Individualität und sozialen Rang zugleich ausdrücken. Seine Geschmacksnerven haben sich an exotische Speisen zu gewöhnen und er muss locker mit Menschen unterschiedlichster Provenienz parlieren können. Glauben wir einschlägigen Romanen und Filmen, begleitet ihn dabei die ständige Angst aufzufliegen.

Allerdings: Diese Angst beschleicht inzwischen nicht mehr nur den ‘echten’ Hochstapler. Vielmehr sucht sie inzwischen zahlreiche allzu ehrliche Arbeitnehmerinnen und -nehmer heim. Insbesondere gut qualifizierte Frauen scheinen häufig an der Sorge zu leiden, sie könnten als Nichtsnutze enttarnt werden. Das Phänomen trägt inzwischen den Namen Hochstapler-Syndrom (engl. impostor syndrom) und beschreibt die Unfähigkeit, sich trotz harter Arbeit Erfolge zuzuschreiben.

Vielleicht ist diese Angst aufzufliegen ein Symptom einer Leistungsgesellschaft, die ein ambivalentes Verhältnis gegenüber ambitionierten Aufsteigern an den Tag legt. Einereits ermöglicht sie soziale Mobilität als Anerkennung für Leistung, andererseits beargwöhnt sie den Parvenue.

3. Gesellschaftskunst

Gäbe es eine Kunst, die zu Ehren des Hochstaplers nachträglich erfunden werden müsste, es wäre die Gesellschaftskunst. Sei es im Film, in der Literatur oder im echten Leben, in nahezu jeder Hochstaplerbiographie finden sich Erlebnisse, die von sozialer Herabsetzung und erlittenem Unrecht erzählen. Aus solchen Erfahrungen lernt der angehende Hochstapler seine Lektion fürs Leben: Es ist es sinnlos, die Benachteiligung durch besondere Anstrengungen im Beruf, einzigartige Leistungen in der Wissenschaft oder unvergleichliche Werke in der Kunst wettzumachen. Die soziale Anerkennung, die für den Aufsteiger zu ernten ist, wiegt zu leicht verglichen mit dem, was dem Parvenue herkunftshalber entgangen ist. Anstatt daran zu verbittern, tut der Hochstapler so, als gäbe es ein Schicksal der Geburt nicht. Er schreibt sich schlicht den sozialen Status zu, den er seiner Meinung nach verdient. Der Rest ist Gesellschaftskunst: eine Show des Als-Ob, ein atemberaubendes impression management (Goffmann 1976), ein mal genussvolles, mal hektisches Simulieren und Kopieren jener Gesellschaft, der er angeblich rechtmässig angehört.

Frank Abagnale (Leondardo DiCaprio) übt seinen neuen Habitus ein. Screenshot aus Catch Me If You Can (Spielberg 2002)

Die Kunst des Hochstaplers ist damit eine Kunst zweiter Ordnung. Während der Musiker noch brav sein Geigenspiel übt, übt sich der Hochstapler schon darin, für sein angebliches Können gefeiert zu werden. Als Virtuose des gesellschaftlichen Scheins folgt er keinen Regeln er spielt sie. Sein Metier ist das Schinden von Eindruck, das er wie eine Sprache, eine Melodie oder eine Sportart beherrscht.

Möglicherweise ist es diese Gesellschaftskunst, die den Hochstapler zur attraktiven Figur für Film und Literatur macht. Mit Hochstapelei lässt sich ein Spiel im Spiel inszenieren, das die Grenzen zwischen Wirklichkeit und Fiktionalität auch für das Publikum verschiebt. Felix Krull, Tom Ripley oder Frank Abagnale sie alle üben uns in diese schwierige Kunst ein, bei der wir immer selbst aufzufliegen drohen.

Die Hochstapler auf der Avenue

Die zweite Ausgabe der Avenue widmet sich den Hochstaplern in der Literatur, im Film und im ‚echten Leben’, zwischen Mittelalter und Jetzt. Eine Leistungsgesellschaft, eine Gesellschaft mit hoher sozialer Mobilität weist andere Hochstapler auf als eine Ständegesellschaft. Mit Bildung, Wissen, Liebe oder Ansehen bluffen wir auf andere Weise als mit Geld. Und über Social Media, per Briefpost oder Telefon stapelt es sich nicht gleichermassen hoch, als wenn man jemandem von Angesicht zu Angesicht gegenübersteht.

Wir freuen uns, Euch, liebe Leserinnen und Leser, eine vielfältige Auswahl an Texten vorzulegen, die sich dem Phänomen der Hochstapelei aus unterschiedlichen geistes- und sozialwissenschaftlichen Disziplinen nähern. In den nächsten Wochen erscheinen hier jeweils ein oder zwei Artikel, die wir bis Mitte September der öffentlichen Kritik und Korrektur vorlegen. Wir bitten um Kommentare, Fragen und Lesespuren jeder Art. Fühlt unseren Autorinnen und Autoren auf den Zahn, wo immer Ihr vermutet, sie könnten selbst ein bisschen in ihrer Analyse hochgestapelt haben – sie werden Euch Rede und Antwort stehen.

matchpoint
Fliege ich auf oder nicht? Screenshot aus Match Point (Allen 2005)

Literatur

Bourdieu, Pierre. 2005. Die feinen Unterschiede: Kritik der gesellschaftlichen Urteilskraft. Frankfurt am Main: Suhrkamp. Erstmals erschienen als: Bourdieu, Pierre. La distinction. Critique sociale du jugement. Paris: Éditions de Minuit.

Goffman, Erving. 1976. Wir alle spielen Theater: die Selbstdarstellung im Alltag. Übersetzt von Peter Weber-Schäfer. München: Piper. Erstmals erschienen als: Goffman, Erving. 1959. The Presentation of Self in Everyday Life. New York: Doubleday.

Rauner, Max. 2014. „Hochstapler: Dieser Mann hat der Wissenschaft die Smarties geklaut“. Die Zeit, Juli 28. http://www.zeit.de/zeit-wissen/2014/04/hochstapler-betrug-wissenschaft/komplettansicht.

Bildnachweis

It is not a beauty contest”, fotographiert von Corinne Rusch.