Müt­ter sind Stoff für Trau­ma­ta. Und wohl kaum eine Mut­ter eig­net sich dafür bes­ser als die „jid­di­sche Mam­me“. Nach­dem Frau­en wie Getru­de Berg die­se als Figur für die Popu­lär­kul­tur fit gemacht haben, arbei­ten sich eine Genera­ti­on spä­ter die Söh­ne wie Phil­ip Roth oder Woo­dy Allen an ihr ab. Ver­söhn­li­cher nähern sich inzwi­schen Töch­ter wie Gayle Kir­schen­baum ihren Müt­tern an …

Die jüdi­sche Mut­ter, die ihre Kin­der kon­trol­liert, mani­pu­liert und dabei alle Scham­gren­zen über­schrei­tet, gehört in den USA zu den bekann­tes­ten Ste­reo­ty­pen. Die­ser stock cha­rac­ter wur­zelt in der Geschich­te der jüdi­schen Einwanderer*innen New Yorks. Sie flo­hen aus den ost­eu­ro­päi­schen Shtet­ln in die Neue Welt, auch wenn sie da auf eine nicht min­der elen­de Lebens­wirk­lich­keit tra­fen. Hier wie dort erhiel­ten die Müt­ter ihre Fami­li­en wirt­schaft­lich und sozi­al am Leben. Dabei ver­schwam­men häu­fig die Gren­zen zwi­schen Sor­ge um und Kon­trol­le über die eige­nen Kin­der. Dan Green­burgs „Manu­al“ How to Be a Jewish Mother (1964) infor­miert in iro­nisch-sati­ri­scher Form über die „basic tech­ni­ques“ der Müt­ter­lich­keit. In deren Mit­tel­punkt stand das kind­li­che Schuld­be­wusst­sein: „Con­trol guilt and you con­trol the child“ (Green­burg 1964:13).

Die jüdi­sche Mut­ter erobert die US-ame­ri­ka­ni­sche Pop­kul­tur und Lite­ra­tur in der Zwi­schen­kriegs­zeit. Die Enter­tai­ne­rin Sophie Tucker (1887–1966) besingt im Lied My Yid­dis­he Mom­me das har­te Leben und die hin­ge­bungs­vol­le Sor­ge um die Kin­der. Doch der dar­in geprie­se­ne „swee­test angel“ weicht immer mehr der Mam­me „with a fin­ger in every pie“. Bespiel­haft wird die­se in der Figur der Mol­ly Gold­berg ver­kör­pert, Prot­ago­nis­tin der Hör­spiel- und spä­te­ren Fern­seh­se­rie The Gold­bergs, die von 1929 bis 1955 aus­ge­strahlt wur­de. Die Sit­coms der fol­gen­den Jahr­zehn­te erfan­den für sie zahl­rei­che Nachfolgerinnen.

Obses­si­on

<em>Portnoy's Complaint</em> (Philip Roth 1969) in einer neuen deutschen Übersetzung (2009).
Portnoy’s Com­p­laint (Phil­ip Roth 1969) in einer neu­en deut­schen Über­set­zung (2009).

Eine Genera­ti­on spä­ter legen sich die Söh­ne der jüdi­schen Mam­me auf die Couch. In Phil­ip Roth‘ Portnoy’s Com­p­laint (1969) offen­bart sich Alex­an­der Port­noy sei­nem Ana­ly­ti­ker Dr. Spiel­vo­gel: Im Mit­tel­punkt steht natür­lich sei­ne Kind­heit mit einer auf­op­fe­rungs­vol­len, gleich­zei­tig aber domi­nan­ten und über­grif­fi­gen Mut­ter. Wäh­rend der Vater unter Ver­stop­fung lei­det, rebel­liert der Sohn mit obses­si­ver Sexua­li­tät. Sei­ne Vor­lie­be für nicht-jüdi­sche „Schick­sen“ löst ihn einer­seits von sei­ner Mut­ter ab, ander­seits bin­den ihn die Schuld­ge­füh­le nur noch enger an sie.

Fil­me grei­fen Roth‘ wirk­mäch­ti­ges Mut­ter­bild auf: In Oedi­pus Wrecks (1989) spielt Woo­dy Allen den New Yor­ker Anwalt Shel­don Mills, der auf­grund sei­ner Mut­ter­be­zie­hung ein neu­ro­ti­sches Dasein fris­tet. Auch er ist zunächst mit einer „Schick­se“ liiert und ver­han­delt sei­ne Pro­ble­me in the­ra­peu­ti­schen Sit­zun­gen. Deren Erkennt­nis­wert ist aller­dings zwei­fel­haft: Shel­don ver­liebt sich in sei­ne Ana­ly­ti­ke­rin und stei­gert damit letzt­lich sein Mut­ter­pro­blem. Die Unmög­lich­keit, der müt­ter­li­chen Obhut zu ent­kom­men, wird über­deut­lich als Mrs. Mills als gigan­ti­sches Über-Ich an New Yorks Him­mel erscheint und den Sohn vor allen Passant*innen bloß­stellt. Die Sze­ne gemahnt nicht nur an das ver­mut­lich jüdi­sche Sprich­wort: „Weil Gott nicht über­all sein konn­te, hat er die Müt­ter erschaf­fen“. Viel­mehr ver­weist sie auf absurd tra­gi­sche Wei­se auf das inter­ge­nera­tio­nel­le Trau­ma des Exils, in das Eltern und Kin­der glei­cher­ma­ßen ver­strickt sind.

Mrs. Mills erscheint an New Yorks Himmel. Aus: Oedipus Wrecks - New York Stories (Allen 1989)
Mrs. Mills erscheint an New Yorks Him­mel. Aus: Oedi­pus Wrecks – New York Sto­ries (Allen 1989)

Kas­tra­ti­on

Roths und Allens Ein­fluss lässt sich auch im deutsch­spra­chi­gen Kon­text aus­ma­chen. Bei­spie­le dafür sind die Roma­ne Die jid­di­sche Mam­me (1990) von Rafa­el Selig­mann und Wol­ken­bruchs wun­der­li­che Rei­se in die Arme einer Schick­se (2012, Ver­fil­mung 2018) von Tho­mas Mey­er. In bei­den wie­der­holt sich die Kon­stel­la­ti­on des jüdi­schen Man­nes, der „Schick­sen“ begehrt.

<em>Die jiddische Mamme</em> (Seligmann 1990)
Die jid­di­sche Mam­me (Selig­mann 1990)

Selig­man lässt den Stu­den­ten Samu­el Gold­mann eine deutsch-israe­li­sche Aben­teu­er­rei­se unter­neh­men, die im wahrs­ten Sin­ne des Wor­tes über ver­schie­de­ne (jüdi­sche und nicht­jü­di­sche) Frau­en­kör­per führt. Eine Bade­sze­ne zu Beginn des Romans offen­bart den ödi­pa­len Ursprung die­ser Odys­see. Sie lotet den Bereich früh­kind­li­cher Sexua­li­tät bis an und über sei­ne Gren­zen aus. Spä­ter kon­kre­ti­siert Samu­els Tan­te die inzes­tuö­sen Spie­le: Sie gewährt ihrem „Jin­ge­le“ alles – bis auf die Pene­tra­ti­on: „Sie woll­te alles haben – außer mei­nen Schmock im Schoß“ (1990:41).

Die patho­lo­gi­schen Gegen­sät­ze von Begeh­ren und Kon­trol­le, Zurück­wei­sung und Nähe bestim­men die Bezie­hun­gen zwi­schen Samu­el, sei­ner Mut­ter und sei­ner Tan­te. Jeder Ver­such, die­sen „Ödi­pus­kom­plex“ (Freud 1923: 36f.) zu über­win­den, kann nur in wei­te­ren Frau­en­be­zie­hun­gen mün­den. Eine Psy­cho­ana­ly­se schlägt fehl, weil sich der ewi­ge Sohn nicht gegen sei­ne Mam­me auf­het­zen las­sen will.  Samu­els Ehe mit einer sephar­di­schen Israe­lin gerät schließ­lich zum Zerr­spie­gel sei­nes Mut­ter­kom­ple­xes: „Du bist mei­ne wei­che, alber­ne Dia­spo­ra-Samue­la“, lässt Sara ihren Ehe­mann nach der Trau­ung wis­sen. Damit kas­triert sie ihn ver­bal; der Prot­ago­nist kann dar­auf nur noch dank­bar erge­ben erwi­dern: „Ja, Mam­me“ (1990:244).

Eman­zi­pa­ti­on

<em>Wolkenbruchs wunderliche Reise in die Arme einer Schickse</em>(Meyer 2012). Der Roman wurde von Michael Steiner 2018 verfilmt.
Wol­ken­bruchs wun­der­li­che Rei­se in die Arme einer Schick­se(Mey­er 2012). Der Roman wur­de von Micha­el Stei­ner 2018 verfilmt.

Wäh­rend Samu­el sym­bo­lisch in den Mut­ter­schoß zurück­kehrt, ent­geht Mor­de­c­hai „Mot­ti“ Wol­ken­bruch die­sem Schick­sal. Im Roman Wol­ken­bruchs wun­der­li­che Rei­se in die Arme einer Schick­se ver­sucht der Held den Ehe­schlies­sungs­plä­nen sei­ner Mut­ter zu ent­kom­men, die sie mit Kon­trol­le und knajd­lech (jidd. Knö­del) durch­zu­set­zen trach­tet – unter­stützt von zahl­rei­chen Gleich­ge­sinn­ten der Züri­cher Gemein­schaft. Die „jüdi­schen Mani­pu­la­ti­ons­küns­te“ sind, davon ist Mot­ti über­zeugt, eine weib­li­che Dis­zi­plin mit direk­ter Erbfolge:

Muss­te mei­ne Mut­ter auf­wen­digs­te Rän­ke­spie­le drech­seln, um ihre Umge­bung gefü­gig zu machen, genüg­te mei­ner Groß­mutter ein kaum merk­li­ches Schul­ter­zu­cken oder eine mini­mal weg­wi­schen­de Ges­te, um sämt­li­chen Per­so­nen im Umkreis von fin­fzig (jidd. fünf­zig) Metern eine Jah­res­do­sis schlech­tes Gewis­sen zu ver­pas­sen“ (Mey­er 2012:75).

Der von zahl­rei­chen Jid­dis­men durch­zo­ge­ne Text ver­dich­tet die Mam­me zu einer tra­gisch-komi­schen Gestalt, zur Kari­ka­tur der im tra­di­tio­nel­len Juden­tum ver­ehr­ten „Hüte­rin des Hau­ses“ (Her­weg 1995:157). Ihrer Sor­ge um die misch­pu­che (jidd. Fami­lie) ver­mag sie nur noch über eine Mélan­ge aus Über­für­sor­ge und Schuld Aus­druck zu verleihen.

Die Mut­ter ver­kör­pert aus der Per­spek­ti­ve des Soh­nes das matri­li­nea­re Juden­tum: Mit ihr zu bre­chen, ist Ver­rat an der eige­nen reli­gi­ös-kul­tu­rel­len Her­kunft. Die „Schick­se“ hin­ge­gen wird in die­sen (männ­lich erzähl­ten) Mut­ter-Sohn-Kon­stel­la­tio­nen zur ver­lo­cken­den Ande­ren. Sie ver­spricht nicht nur die sexu­el­le, son­dern auch die tat­säch­li­che Befrei­ung von den müt­ter­li­chen Fes­seln und den Regeln der jüdi­schen Gemeinschaft.

Ver­söh­nung

Die Bezie­hung der Toch­ter zu ihrer Mam­me ist nicht weni­ger kom­plex. Die Doku­men­tar­fil­me­rin und Pro­du­zen­tin Gayle Kir­schen­baum lotet in ihren Kurz­film My Nose (2007) und des­sen Erwei­te­rung und Fort­set­zung Look at Us Now, Mother! (2016) das Drei­ecks­ver­hält­nis zwi­schen ihrer Nase, ihrer Mut­ter und sich selbst aus. Kir­schen­baum lässt ihre Nase in ver­schie­de­nen Schön­heits­kli­ni­ken begut­ach­ten, gleich­zei­tig bit­tet sie Passant*innen um ein Urteil. Dabei wird nicht nur ihre Nase ver­mes­sen, son­dern auch die Bezie­hung zu der distan­ziert-küh­len Mut­ter. Die­se rät schon dem Tee­nie zu einem „nose job“, also zu einer Nasen­kor­rek­tur (Rhi­no­plas­tik).

Die­ser the­ra­peu­tisch-künst­le­ri­sche Ansatz bricht mit der miso­gyn grun­dier­ten Per­spek­ti­ve männ­li­cher Autoren und Regisseure.

Kir­schen­baum wächst als Jüngs­te von drei Kin­dern und ein­zi­ges Mäd­chen auf. Ihrer Mut­ter, die sich einen wei­te­ren Sohn gewünscht hat­te, bleibt sie fremd. Das Trau­ma ihrer lieb­lo­sen Kind­heit kul­mi­niert in dem kri­ti­schen Blick der Mut­ter auf ihre Nase, die zum Syn­onym wird für die Ableh­nung nicht nur ihrer Toch­ter, son­dern einer weib­lich-jüdi­schen Nach­kom­men­schaft. Die zag­haf­te Annä­he­rung der bei­den Frau­en mün­det in einem knapp zehn Jah­re spä­ter ver­öf­fent­lich­ten Lang­film Look at Us Now, Mother!, der Bestand­teil eines von Kir­schen­baum initi­ier­ten „For­gi­ve­ness Pro­jects“ ist. Letz­te­res wid­met sich der Wie­der­her­stel­lung rele­van­ter Bezie­hun­gen („Res­to­ring Rela­ti­ons­hips that Mat­ter“) und umfasst diver­se TED Talks, Coa­ching- und Work­shop-Ange­bo­te. Die­ser the­ra­peu­tisch-künst­le­ri­sche Ansatz bricht mit der miso­gyn grun­dier­ten Per­spek­ti­ve männ­li­cher Autoren und Regis­seu­re. Empa­thie und Pathos sind Kir­schen­baums Mit­tel, um ein inter­ge­nera­tio­nel­les Trau­ma aufzubrechen.

Trai­ler zu Look At Us Now, Mother! auf Vimeo

Fazit

Die Figur der über­grif­fi­gen und omni­po­ten­ten Mam­me, wel­che die gan­ze Fami­lie zusam­men­hält, ist zunächst kei­ne Män­ner­fan­ta­sie, son­dern  viel­mehr ein kul­tu­rel­les Kon­strukt, ent­stan­den in der US-ame­ri­ka­ni­schen Zwi­schen­kriegs­zeit. Die inten­dier­ten und nicht-inten­dier­ten Nach­wir­kun­gen die­ses stock cha­rac­ters wer­den erst eine Genera­ti­on spä­ter viru­lent. Die ech­ten und fin­gier­ten Söh­ne ver­su­chen mehr oder weni­ger erfolg­reich dem Klam­mer­griff zu ent­kom­men, indem sie sich in die Arme von nicht­jü­di­schen Frau­en ret­ten und – ver­folgt von Schuld­ge­füh­len – ein „Zerr­bild“ (Lude­wig 2012:58) ihrer Müt­ter ent­wer­fen. Dass Flucht nicht der ein­zi­ge Aus­weg ist, zei­gen die Ver­söh­nungs­be­mü­hun­gen von Töch­tern wie Gayle Kirschenbaum.

Abschlie­ßend bleibt fest­zu­stel­len, dass die­ses Mut­ter­ste­reo­typ nicht auf jüdi­sche Lebens­wel­ten beschränkt, son­dern ins­be­son­de­re in Emi­gran­ten­fa­mi­li­en zu beob­ach­ten ist. Ein Bei­spiel ist die erfolg­rei­che Lie­bes­ko­mö­die My Big Fat Greek Wed­ding (Zwick 2002). In die­sem Sin­ne meint bereits Greenburg:„You do not have to be Jewish to be a Jewish mother, but it hel­ps“ (1964:145). Die jüdi­sche Dia­spo­ra und Ver­fol­gungs­ge­schich­te haben frei­lich zu spe­zi­fi­schen Aus­prä­gun­gen und einer wohl ein­zig­ar­ti­gen Ver­schrän­kung von psy­cho­ana­ly­ti­schen und künst­le­ri­schen Nar­ra­ti­ven geführt.

Lite­ra­tur

Freud, Sig­mund. 1923. Das Ich und das Es. Leipzig/​Wien/​Zürich.

Green­burg, Dan. 1964. How to be a Jewish Mother. A very lovely trai­ning manu­al. Los Angeles.

Her­weg, Rachel Moni­ka. 1995. Die Jüdi­sche Mut­ter. Das ver­bor­ge­ne Matri­ar­chat. Darm­stadt.

Mey­er, Tho­mas. 2012. Wol­ken­bruchs wun­der­li­che Rei­se in die Arme einer Schick­se. Zürich.

Lude­wig, Anna-Doro­thea. Das Bild der Jüdi­schen Mut­ter zwi­schen Schtetl und Groß­stadt. In: Zeit­schrift für Reli­gi­ons- und Geis­tes­ge­schich­te 64 (1), 2012, S. 48–58.

Selig­mann, Rafa­el. 1990. Die jid­di­sche Mam­me. Frankfurt/​M.

Bild­nach­weis

Bird’s Cus­tard Pow­der. Bri­ti­sche Print­wer­bung aus den 1950-Jahren.