„Noch drei Minuten bis zur Selbstzerstörung des Raumschiffs“. Kein Action-Film lässt es sich nehmen, den Wettlauf gegen die Zeit mit lebensgefährlichen Handlungen vollzupacken. Es gilt, den Bösewicht zu besiegen, die Geliebte zu befreien, die Welt zu retten und zuletzt den roten Knopf zu drücken, um die Zerstörung 7 Sekunden vor dem Ende aufzuhalten. Die wahre Großtat besteht aber nicht darin, all diese Handlungsstationen rechtzeitig zu absolvieren, sondern den eigentlichen Feind hinter all den Widrigkeiten zu schlagen: die knappe Zeit.

Weniger körperlich, doch ähnlich spannungsgeladen reagieren wir im Alltag auf Deadlines. Obwohl der Name eine Herkunft aus dem Horrorfilm vermuten lässt, entstammen die Todeslinien dem Zeitungsdruck. Hier bezeichnen sie den letztmöglichen Augenblick, an dem Redakteur*innen ihre Zeilen (engl. lines) in die Setzerei geben konnten. Weil die Arbeitswelt inzwischen von befristeten Projekten beherrscht wird, haben sich Deadlines in fast jedem Beruf breit gemacht.

Entschärfte Zeitbombe. Filmstill aus Goldfinger (Hamilton 1964).
Entschärfte Zeitbombe. Filmstill aus Goldfinger (Hamilton 1964).

Die ständige Verknappung der Zeit stellt nicht nur Organisationen vor Managementprobleme, sie schlägt auch auf die Psyche der Einzelnen. Seit Herbert Freudenberger 1974 den Begriff Burnout erstmals umschrieb, hat sich die Erschöpfung in den Nuller-Jahren zu einer wahren Epidemie entwickelt. Sicherlich – zur rasanten Ausbreitung hat der inflationäre Gebrauch der Diagnose genauso wie die Demokratisierung von Stress beigetragen. Dieser war mitsamt der Managerkrankheit bis in die 1960er Jahren noch einer überarbeiteten Elite vorbehalten. Doch damit lässt die Zunahme von Erschöpfungszuständen nicht wegerklären – genauso wenig die Tatsache, dass pro Zeiteinheit die Anforderungen an das Individuum gestiegen sind. Der immer gleich getaktete Fließbandarbeiter aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhundert ist im postindustriellen Zeitalter zum Museumsstück geworden.

Die immer knappere Zeit ist das Eine, der Kampf gegen sie das Andere. Seit mehr als zwei Jahrzehnten versuchen einige von uns, mit Slow Food, Achtsamkeit oder Meditation Schutzwälle gegen die Erosion unserer Zeit zu bauen. Wenngleich der Markt für Entschleunigung dank Yogakursen und Slow Tourism boomt, bleibt fraglich, wie tiefgreifend sein Einfluss auf die Arbeitsstrukturen ist, die immer noch unter dem Diktat der knappen Zeit stehen.

Wie wird Zeit verknappt?

Die achte Ausgabe der AVENUE will mit Hilfe der Geistes- und Sozialwissenschaften einen Blick in die black box der gesellschaftlichen Beschleunigung werfen. Hierfür möchte sie nicht in das Klagelied der knappen Zeit einstimmen, sondern vielmehr die Frage ins Zentrum rücken: Wie wird Zeit knapp gemacht? Welche Strukturen, welche Diskurse, welche Arrangements sorgen für die ständige Zeitinsolvenz?

Wir suchen Beiträge

Wir suchen verständliche, kurze und präzise Beiträge aus den verschiedenen Disziplinen der Geistes- und Sozialwissenschaften. Zu den gesuchten Formaten gehören wissenschaftliche Artikel, Reportagen, Positionen genauso wie Interviews. Zur Inspiration mögen die Beiträge der ersten sieben Ausgaben dienen.

Wir freuen uns über Exposés von bis zu 500 Wörtern, die am 19. Juli 2019 bei uns eintreffen: corinna.virchow@avenue.jetzt und mario.kaiser@avenue.jetzt. Anschließend entscheiden wir zeitnah, welche Skizze wir für geeignet halten, um als Beitrag ausgearbeitet zu werden.

Fair content

Wir setzen uns für fair content ein. Damit wollen wir wissenschaftliches und wissenschaftsjournalistisches Schreiben nicht nur honorieren, sondern auch ein Zeichen setzen: Geistes- und sozialwissenschaftliches Denken und Wissen sind wertvoll! Da für die Avenue noch keine langfristige Finanzierung gefunden ist, bitten wir die Autorinnen und Autoren, vorerst mit einer Entschädigung von bis zu 250 € pro Beitrag zu rechnen.

Wir danken herzlich für die Kenntnisnahme und Verbreitung dieses Call for Exposés und freuen uns jetzt schon über zahlreiche Einsichten und Reflexionen zum Thema Die Zeit ist knapp.

Corinna Virchow
Mario Kaiser