Lassen sich sämtliche Ideen einer Zeit sammeln und ordnen? Giulio Camillo war überzeugt davon und wollte dies der Welt des frühen 16. Jahrhunderts beweisen. Er gab seine Anstellung als Professor in Bologna auf und tüftelte fortan an einem Theater der Erinnerung. Dessen Besucher*innen sollten nach nur kurzer Zeit Gedanken verfertigen und memorieren können, die jenen Ciceros in nichts nachstanden. Camillos mnemotechnische Architektur sah einen invertierten Zirkus vor: Im ansteigenden Zuschauerraum drängten sich eng, aber wohlgeordnet Symbole und Bilder für schier jede Facette der Welt aneinander. Der Makro- hatte sich im Mikrokosmos perfekt zu spiegeln. In der Manege hingegen suchte das Subjekt mit seinem Blick die Ränge nach den verschiedenen Zeichen ab. Das assoziierende Betrachten der Zeichen sollte, so Camillos Plan, eine jede Idee und jeden Gedanken memorieren lassen.

Rekonstruktion von Camillos Theater der Erinnerung (Yates 1966)
Rekonstruktion von Camillos Theater der Erinnerung (Yates 1966)

Ob der Gelehrte sein Theater je fertigstellen konnte, ist nicht belegt. Doch sein Tagtraum sorgte für Gesprächsstoff Jahrzehnte über seinen Tod hinaus: Sollte es wirklich möglich sein, all unsere Einfälle mithilfe einer theatralen Ordnung von letztlich wenigen Symbolen zu sammeln, zu ordnen und zu speichern? Es ist ein historischer Zufall, dass Camillos Apparatur heute wie die Betaversion einer relationalen Datenbank für Gedanken anmutet. In ihrem kosmischen Ansinnen erinnert sie, wenn auch über Jahrhunderte entfernt, zudem an jene Sammel- und Speicherlust von IT-Konzernen, die anhand von Daten und Algorithmen nicht unsere Ideen, doch immerhin unsere Vorlieben und Wünsche nachbilden wollen.

Imaginäre und umstrittene Sammlungen

Sammlungen sind erstens immer auch imaginär. Sie erschöpfen sich nicht in der schieren Summe der gesammelten Dinge oder Daten. Ihnen liegt vielmehr eine Ordnung, Logik oder Grammatik zugrunde, die auf etwas verweist, das zumeist unsichtbar hinter, über oder unter den gehorteten Objekten liegt. Camillo ging es nicht nur um die Anhäufung und Speicherung von Gedanken, seine Architektur wollte vielmehr den Menschen einen gottgleichen Standort vermachen, von wo aus sie den gesamten Makrokosmos zu überblicken vermochten. Auch wenn Facebook den Eindruck gelegentlich vermittelt – der Konzern sammelt Daten nicht zum Selbstzweck, sondern um eine Infrastruktur zu schaffen, mit der jeder Mensch auf dieser Erde in seiner Individualität ansprechbar bzw. “targetierbar” wird. Und auch die Wunderkammern der Renaissance, in denen sich nahtlos Naturalia und Artificalia mischten, gehorchten einem Staunen über die Schöpfung Gottes. Eine Sammlung verkörpert eine spezifische Ordnung der Dinge (Foucault 1966), die etwas präsent macht, was ohne sie unsichtbar bliebe.

Die Welt als Theater der Daten – mit der Betrachterin im Weltraum. Im Bild: Wissenschaftliche Kooperationen zwischen Forscher*innen unterschiedlicher Städte (Beauchesne 2014)
Die Welt als Theater der großen Daten – mit der Betrachterin im Weltraum. Im Bild: Wissenschaftliche Kooperationen zwischen Forscher*innen unterschiedlicher Städte (Beauchesne 2014).
Raubkunst in europäischen Museen. Im Bild: Eine der 1897 erbeuteten Benin Bronzen im British Museum. Der französische Staatspräsident Emmanuel Macron versprach 2017 bei einem Besuch in Burkina Faso einen Neuanfang im Umgang mit dem kolonialen Erbe: „Das afrikanische Erbe darf kein Gefangener europäischer Museen sein.“
Raubkunst in europäischen Museen. Im Bild: Eine der 1897 erbeuteten Benin Bronzen im British Museum. Der französische Staatspräsident Emmanuel Macron versprach 2017 bei einem Besuch in Burkina Faso einen Neuanfang im Umgang mit dem kolonialen Erbe: „Das afrikanische Erbe darf kein Gefangener europäischer Museen sein.“

Sammlungen sind zweitens, das wissen die inzwischen umbenannten Völkerkundemuseen nur zu gut, häufig umstritten. Die Frage nach dem Umgang mit dem kolonialen Erbe berührt bei Weitem nicht nur die Rückgabe einzelner Exponate. Oft steckt der Kolonialismus mit seinen heroischen Erzählungen von Entdecken, Zivilisieren und Unterwerfen so tief in den Ordnungen drin, dass nur deren Dekonstruktion die koloniale Identität der europäischen Kultur angemessen zu erschüttern und zu erhellen vermag. Gegenwärtig begegnet man einer dunklen Vergangenheit u. a. mithilfe der Provenienzforschung. Sie gibt Sammlungen und ihren Exponaten eine Geschichtlichkeit zurück, die von der musealen Präsentation der „besten Stücke“ geblackboxt oder unterschlagen wurde.

Wir suchen Beiträge

Für die siebte Ausgabe der Avenue zum Thema Sammeln suchen wir verständliche, kurze und präzise Beiträge aus den verschiedenen Disziplinen der Geistes- und Sozialwissenschaften. Zu den gesuchten Formaten gehören wissenschaftliche Artikel, Reportagen, Positionen genauso wie Interviews. Zur Inspiration mögen die Beiträge der ersten sechs Ausgaben dienen.

Konkret freuen wir uns über Textvorschläge, die sich schwerpunktmäßig mit dem Imaginären und Umstrittenen von Sammlungen auseinandersetzen. Zusätzlich zu dieser thematischen Orientierung bitten wir die Autor*innen, auf eine oder mehrere der folgenden Fragen näher einzugehen:

  • Wer sammelt? Wie steht es um die Subjektivität und die soziale Position des homo collector? Wer genießt das Privileg zu sammeln? Wer repräsentiert wen – die Sammlung den Sammler oder vice versa? Welche Tugenden hatte oder hat eine Sammler*in zu verinnerlichen?
    #Cicero #Verres #Medici #Facebook #Habsburg #Aldrovandi
  • Was sind Sammeldinge? Krzysztof Pomian (1984) charakterisierte gesammelte Dinge als Semiophoren – als dem Alltag entrissene Gegenstände, die als sichtbare und dauerhafte, doch artifizielle Zeichen auf einen vergessenen, verlorenen oder verschütteten Kontext hinweisen. Wie lebendig oder tot sind gesammelte Dinge? Worin unterscheiden sich gesammelte Daten von Kunstwerken? Und worin von Müll?
    #Ontologie #Pomian #Musealisierung #Mülltheorie #Thompson
  • Warum sammeln wir? Ist Sammeln in der Neuzeit ein Remedium gegen die Melancholie der Kontingenz? Warum soll sich der Makrokosmos im Mikrokosmos wiederholen? Ist Sammeln eine Persönlichkeitsprothese? Diente das Sammeln in prähistorischen Zeiten tatsächlich nur dem Anhäufen von Vorräten?
    #Melancholie #Kontingenz #Jaegerin_Sammlerin #Repräsentanz
  • Wo ruhen Sammlungen? Wie öffentlich oder privat sind Sammlungen? Richten sich Sammlungen nicht auch an imaginäre Betrachter*innen – an Tote oder Götter? Wie sakral, wie profan sind Bibliotheken oder Museen?
    #Grabsammlungen #Statuen #Borges #Museum #sakral_profan
  • Wie sammeln Menschen? Und wie sammeln Maschinen? Welche Grammatiken oder Logiken leiten sie dabei? Wie hat sich die Ordnung der Dinge inner- und außerhalb von Sammlungen verändert? Wie verändern Datenstrukturen und Algorithmen unsere Vorstellungen von Sammlung und Ordnung?
    #similitudo #Datenbanken #Pinterest #Grammatik #Vollständigkeit

Fair content

Wir setzen uns für fair content ein. Damit wollen wir wissenschaftliches und wissenschaftsjournalistisches Schreiben nicht nur angemessen honorieren, sondern auch ein Zeichen setzen: Geistes- und sozialwissenschaftliches Denken und Wissen sind wertvoll! Da für die Avenue noch keine langfristige Finanzierung gefunden ist, bitten wir die Autorinnen und Autoren, vorerst mit einer Entschädigung von bis zu 250 € pro Beitrag zu rechnen.

Wir freuen uns über Exposés von bis zu 500 Wörtern, die spätestens am 28. November 2018 bei uns eintreffen: corinna.virchow@avenue.jetzt und mario.kaiser@avenue.jetzt. Anschließend entscheiden wir zeitnah, welche Skizze wir für geeignet halten, um als Beitrag ausgearbeitet zu werden.

Wir danken herzlich für die Kenntnisnahme und Verbreitung dieses Call for Exposés und freuen uns jetzt schon über zahlreiche Einsichten und Reflexionen zum Thema Sammeln.

Corinna Virchow
Mario Kaiser