Die öster­rei­chi­sche Prin­zes­sin Maria Anto­nia ist gera­de ein­mal 14 Jah­re alt, als sie den fran­zö­si­schen Thron­er­ben Lou­is-Augus­te hei­ra­ten soll. Der Ver­sail­ler Hof mit sei­nem stren­gen Regel­werk ist eine Her­aus­for­de­rung für das jun­ge Mäd­chen, aber auch sie hat ihren eige­nen Kopf. Sie wei­gert sich, Madame Du Bar­ry zu grü­ßen. In ihren Augen hat die Mätres­se des Königs Lud­wig XV. die Gunst roya­ler Ach­tung nicht ver­dient. Der König ist ver­är­gert und Marie Antoi­net­te gefähr­det ihre Stel­lung am fran­zö­si­schen Hof. Ein Brief bringt die jun­ge Dau­phi­ne 1771 wie­der auf Kurs:

Man muß sei­ne Rol­le zu spie­len ver­ste­hen, wenn man geach­tet wer­den will. Sie kön­nen es, wenn Sie sich ein wenig zusam­men­neh­men und befol­gen wol­len, was man Ihnen anrät. Wenn Sie sich trei­ben las­sen, sehe ich gro­ßes Unglück für Sie vor­aus.“ (Chris­toph 1958: 57).

Autorin der ein­dring­li­chen Wor­te ist Marie Antoi­net­tes Mut­ter, Maria The­re­sia. Seit mehr als drei­ßig Jah­ren herrscht sie sou­ve­rän über Öster­reich, Ungarn, Kroa­ti­en und Böh­men. Und sie sichert ihre Macht­po­si­ti­on geschickt durch die Ver­mäh­lung ihrer Kin­der an ande­re euro­päi­sche Höfe. Marie Antoi­net­tes Ver­hei­ra­tung an den mäch­tigs­ten Hof der Zeit, bedeu­tet für sie den größ­ten Tri­umph. Im nach­läs­si­gen Ver­hal­ten ihrer Toch­ter sieht sie des­halb ihre neu geknüpf­ten Bezie­hun­gen zu Frank­reich gefähr­det und rügt sie pos­ta­lisch: „Ich will dem vor­beu­gen und beschwö­re Sie, den Wei­sun­gen einer Mut­ter zu fol­gen, die die Welt kennt und ihre Kin­der ver­göt­tert.“ (ibid.).

Wenn, wie Max Weber (1922: 651) behaup­te­te, Akten die Grund­la­ge büro­kra­tisch-zen­tra­lis­ti­scher Herr­schaft sei­en, dann schafft der Brief ein Jahr­hun­dert zuvor die Vor­aus­set­zung dafür. Das Zeit­al­ter des 18. Jahr­hun­dert ist domi­niert von einer exzes­si­ven Brief­kul­tur und wird rück­bli­ckend als Jahr­hun­dert der Brie­fe bezeich­net. Vom Schreib­tisch aus kom­mu­ni­ziert man mit der Welt, berich­tet Per­sön­li­ches, tauscht wis­sen­schaft­li­che Über­le­gun­gen aus, reflek­tiert Poli­tik und Tages­ge­sche­hen und gibt Instruk­tio­nen. Macht erlangt man nur, wenn man sich ver­netzt. Das gilt heu­te noch wie damals. Und Maria The­re­sia weiß das Kom­mu­ni­ka­ti­ons- und Macht­me­di­um ihrer Zeit zu nutzen.

Mehr als tau­send Brie­fe ver­fasst die Mon­ar­chin: an Staats­ober­häup­ter, Staats­die­ner und Bot­schaf­ter. Vor allem aber schreibt sie an ihre 16 Kin­der. In die­sen macht sich eine trans­gres­si­ve Regie­rungs­form bemerk­bar, die ins Intims­te vor­dringt und es in den Dienst der Poli­tik stellt. Doch wer Herr­schaft so tief unter die Haut bringt, braucht dafür psy­cho­lo­gi­sche Raf­fi­nes­se. Maria The­re­sia erfin­det hier­zu die Rol­le der Mut­ter neu: Lie­be, Nähe und Zunei­gung nutzt sie, um ihren poli­ti­schen Wil­len über per­sön­li­che und kör­per­li­che Gren­zen hin­weg durch­zu­set­zen. Damit ent­wirft sie eine Form weib­li­cher Regent­schaft, die den eige­nen und die Kör­per ihrer Kin­der zu einer staat­li­chen Kör­per­schaft umgestaltet.

Die drei Kör­per der Königin

Maria The­re­sia setzt ihr Ehe- und Fami­li­en­le­ben zeit­le­bens in Sze­ne. Was die Geschichts­schrei­bung lan­ge als Zei­chen einer inti­men Bür­ger­lich­keit deu­te­te, ver­ste­hen jün­ge­re Arbei­ten, die anläss­lich des 300. Geburts­tags der Herr­sche­rin erschie­nen sind, als geziel­te poli­ti­sche Insze­nie­rung (Bad­in­ter 2016, Lau 2016, Stoll­berg-Rilin­ger 2017). Maria The­re­sia ist sich, so die Autoren, ihrer poli­ti­schen Posi­ti­on genau­so bewusst wie ihrer Rol­le als Frau. Die Stu­di­en ver­an­schau­li­chen, wie Maria The­re­sia gezielt von sich das Bild einer Lan­des­mut­ter ent­wirft, um mit Hil­fe ihrer „müt­ter­li­chen“ Für­sor­ge und Erzie­hung poli­ti­sche Zie­le zu errei­chen: Alli­an­zen zu stif­ten, Refor­men durch­zu­set­zen und die Mon­ar­chie zu verstetigen.

Drei Biographien anlässlich des 300. Geburtstags der österreichischen Landesmutter
Drei Bio­gra­phien anläss­lich des 300. Geburts­tags der öster­rei­chi­schen Landesmutter

Die femi­nis­ti­sche Phi­lo­so­phin Éli­sa­beth Bad­in­ter ana­ly­siert die eigen­ar­tig mater­na­le Macht mit­hil­fe der berühm­ten The­se vom dop­pel­ten Königs­kör­per des His­to­ri­kers Ernst Kan­to­ro­wicz (1957). Dem­zu­fol­ge ver­fügt ein König über zwei Kör­per: einen sterb­li­chen „body natu­ral“ einer­seits, einen sym­bo­li­schen „body poli­tic“ ande­rer­seits. Eng­li­sche Kron­an­wäl­te nutz­ten zur Regie­rungs­zeit Eli­sa­beths I., so Kan­to­ro­wicz, das Dou­ble, um die könig­li­che Hoheits­ge­walt über den Tod hin­aus zu erhal­ten: Stirbt der Amts­in­ha­ber, bleibt der König am Leben – er bedarf ledig­lich eines neu­en sterb­li­chen Kör­pers. „Der König ist tot. Lang lebe der König!“

Maria The­re­si­as Brief­wech­sel mit ihren Kin­dern lässt die Span­nun­gen zwi­schen den dif­fe­ren­ten Kör­pern unschwer erken­nen. Selbst ihre Kin­der chan­gie­ren in der Anre­de zwi­schen „très chè­re mère“ und „vot­re majes­té“ – je nach­dem, ob sie den natür­li­chen oder poli­ti­schen Kör­per von Maria The­re­sia adressieren.

Im natür­li­chen Kör­per der Frau erkennt Bad­in­ter aber noch einen drit­ten: den der Mut­ter. Ihm obliegt nicht nur, die Dynas­tie um Nach­kom­men zu berei­chern, son­dern auch, die Macht als einen Fami­li­en­kör­per zu reprä­sen­tie­ren. Ent­spre­chend häu­fig zeigt sich Maria The­re­sia mit ihrer Fami­lie am Hof oder lässt sich im Kreis ihrer Liebs­ten abbilden.

Kaiserin Maria Theresia im Kreise ihrer Kinder. 1776. Gemälde von Friedrich Heinrich Füger (Quelle: https://freimaurer-wiki.de/)
Kai­se­rin Maria The­re­sia im Krei­se ihrer Kin­der. 1776. Gemäl­de von Fried­rich Hein­rich Füger (Quel­le: https://​frei​mau​rer​-wiki​.de/)

Dass eine der­ar­ti­ge Kop­pe­lung von mater­na­len und herr­schaft­li­chen Inter­es­sen die Bezie­hung von Mut­ter und Kin­der vor eine Zer­reiß­pro­be stellt, scheint vor­pro­gram­miert. Auch Bad­in­ter legt des­halb mit einer jüngst erschie­ne­nen Stu­die nach und beleuch­tet die „Kon­flik­te einer Mut­ter“, die zugleich ein­fluss­reichs­te Herr­sche­rin des auf­ge­klär­ten Abso­lu­tis­mus ist (Bad­in­ter 2021). Denn obgleich sich Maria The­re­sia um ihre Kin­der sorgt, zwingt sie sie in ein Kor­sett, das ihnen die Luft für jede psy­chi­sche und kör­per­li­che Selbst­be­stim­mung nimmt. Letzt­lich müs­sen es sich die Kin­der via Brief­post gefal­len las­sen, dass ihre leib­li­chen Kör­per zuguns­ten eines poli­tisch reprä­sen­ta­ti­ven Fami­li­en- oder Mut­ter­kör­pers ent­eig­net werden.

Obgleich sich die Mut­ter um ihre Kin­der sorgt, zwingt sie sie in ein Kor­sett, das ihnen die Luft für jede psy­chi­sche und kör­per­li­che Selbst­be­stim­mung nimmt.

Im Kor­sett der Monarchin

Karo­li­ne, das 13. Kind, wird von Maria The­re­sia nach Nea­pel mit König Fer­di­nand ver­hei­ra­tet. Einem als unge­bil­det und unge­pflegt bekann­ten Wüst­ling. Nach der Hoch­zeits­nacht berich­tet Karo­li­ne, sie wür­de lie­ber ster­ben, als der­glei­chen noch­mals zu erle­ben. Des­halb lässt ihr Maria The­re­sia eine umfang­rei­che „Instruk­ti­on“ zukom­men, deren ers­ter Absatz bereits deut­lich macht, wel­cher Kör­per wel­che Pflich­ten zu erfül­len hat:

Ihre zukünf­ti­ge Stel­lung … muß unter zwei Gesichts­punk­ten betrach­tet wer­den: der eine betrifft Ihre Ehe und der ande­re Ihre Eigen­schaft als Sou­ve­rä­nin. Ich wer­de ver­su­chen, sofern es mir mei­ne zärt­li­che Lie­be zu Ihnen und mei­ne Lebens­er­fah­run­gen ein­ge­ben, Ihnen wenigs­tens die Haupt­grund­sät­ze über die­se bei­den Gegen­stän­de zu geben. … Ich fan­ge an mit Ihren Pflich­ten als Köni­gin und als Gat­tin und las­se zum Schluß die fol­gen, die sich auf Ihr Pri­vat­le­ben bezie­hen“ (Arneth 1881: 32f.).

In all den Unter­wei­sun­gen erkennt man die Sor­ge einer Mut­ter, die weiß, dass ihre Toch­ter als Opfer der eige­nen Hei­rats­po­li­tik eine har­te Zeit vor sich haben wird. Gleich­wohl for­dert Maria The­re­sia unbe­ding­ten Gehor­sam und gewis­sen­haf­te Erfül­lung all jener Pflich­ten ein, die dem ver­staat­lich­ten Kör­per einer ver­hei­ra­te­ten Sou­ve­rä­nin auf­er­legt sind.

Auch Marie Antoi­net­tes leib­li­cher Kör­per steht unter strengs­ter Beob­ach­tung. Maria The­re­sia ord­net eine monat­li­che Kor­re­spon­denz an, um die Toch­ter aus der Fer­ne im Auge zu behal­ten und sie in allen Belan­gen zu unter­rich­ten – ange­fan­gen von der Hal­tung in der Kir­che, über den ange­mes­se­nen gesell­schaft­li­chen Umgang bis hin zu ihrer Figur:

Man fin­det, daß Sie gewach­sen sind und zuge­nom­men haben. Wenn Sie mich nicht durch das Fisch­bein­kor­sett, das Sie tra­gen, beru­hig­ten, hät­te mir die­ser Umstand Sor­ge gemacht, weil ich fürch­te, daß Sie, wie man im Deut­schen sagt, ‚aus­ein­an­der­ge­hen und schon die Tail­le wie eine Frau haben, ohne es zu sein‘. Ich bit­te Sie, sich nicht gehen zu las­sen und zu ver­nach­läs­si­gen“ (Chris­toph 1958: 27).

Die inti­me Nach­fra­ge nach der rich­ti­gen Unter­wä­sche ist für die Über­mut­ter poli­tisch bri­sant. Denn sie gilt nicht ein­fach der Sor­ge um den sich aus­bil­den­den Frau­en­kör­per, son­dern dem Reprä­sen­ta­ti­ons­kör­per einer künf­ti­gen Mon­ar­chin. Nach­läs­sig­kei­ten im Aus­se­hen und Auf­tre­ten sind des­halb unver­zeih­lich. Umso ver­är­ger­ter ist Maria The­re­sia über die Wei­ge­rung ihrer Toch­ter, das grand corps, ein der Dau­phi­ne vor­be­hal­te­nes, über­aus stei­fes Kor­sett zu tragen.

Ein grand corps des 18. Jahrhunderts (Bild: Metropolitan Museum of Art)
Ein grand corps des 18. Jahr­hun­derts (Bild: Metro­po­li­tan Muse­um of Art)

Trans­gres­sio­nen

Damit nicht genug. So ist Marie Antoi­net­te auf­ge­for­dert, neben ihrem Beicht­ver­hal­ten auch ihre Regel­blu­tung per Brief zu pro­to­kol­lie­ren. Der im Brief ver­wen­de­te Code-Name la géné­ral für die monat­li­che Blu­tung ist dabei bezeich­nend. Es geht nicht um ein gesund­heit­li­ches als viel­mehr um ein dynas­ti­sches Inter­es­se. Über die Gene­ra­lin siegt die Mut­ter. Ganz im Sin­ne Bad­in­ters soll der zukünf­ti­ge Mut­ter-Kör­per Marie Antoi­net­tes über sich selbst hin­aus­wach­sen: mit Enkel­kin­dern für Maria The­re­sia und die Län­der Europas.

"Madame ma tres chere Mere". Erste Seite des Briefes vom 16. April 1771, in dem Marie Antoinette über ihre Periode als "la general" spricht.
„Madame ma tres che­re Mere“. Ers­te Sei­te des Brie­fes vom 16. April 1771, in dem Marie Antoi­net­te über ihre Peri­ode als „la gene­ral“ spricht (aus: Chris­toph 1958: 37).

Nach Marie Antoi­net­tes Ver­mäh­lung mit dem Dau­phin bleibt die aus­blei­ben­de Schwan­ger­schaft beherr­schen­des The­ma der Kor­re­spon­denz. Beson­ders die Situa­ti­on des „lit à part“, der getrenn­ten Ehe­bet­ten, macht der Mut­ter Sor­gen: „Ich bedau­re es, daß es der König nicht liebt zu zweit zu schla­fen“ (Chris­toph 1958: 225). Zärt­lich­kei­ten und Schmei­che­lei­en, Sanft­mut und Geduld sei­en, so die Mon­ar­chin, die Mit­tel, um den jun­gen und schüch­ter­nen Lou­is XVI. aus der Reser­ve zu locken.

Maria The­re­sia bie­tet sich ihrer Toch­ter als „inti­me Freun­din“ und Ver­trau­te an, der man noch mehr als einer „zärt­li­chen Mut­ter“ sein Herz aus­schüt­ten kön­ne. Die­ses aus der Emp­find­sam­keit ent­lehn­te Voka­bu­lar der Nähe, Zärt­lich­keit, Inner­lich­keit, Freund­schaft und Her­zens­lie­be nutzt Maria The­re­sia, um mit emo­tio­na­ler Nähe poli­ti­sche Inter­es­sen durchzusetzen.

Es sind Maria The­re­si­as emo­tio­nal-schrift­li­che Raf­fi­nes­sen, mit denen sie ihre Kin­der an sich bin­det und gleich­zei­tig ver­pflich­tet. „Gera­de die­se Spra­che der emo­tio­na­len Nähe“, so die His­to­ri­ke­rin Bar­ba­ra Stoll­berg-Rilin­ger (2016: 804), „mach­te es für den Brief­part­ner zur emo­tio­na­len Pflicht, sei­ner­seits voll­kom­men offen und ehr­lich zu sein und nichts zu verschweigen.“

Doch mit Ver­traut­heit und Nähe gehen Ent­gren­zun­gen aller Art ein­her: Ob Bei­schlaf, Regel­blu­tung oder die Figur der Kin­der – kein The­ma bleibt von Maria The­re­sia unbe­rührt. Mit Hil­fe ihrer Brie­fe greift die Mon­ar­chin in das Leben und Den­ken ihrer Kin­der ein, ihre Wor­te gehen die­sen buch­stäb­lich unter die Haut. Die inti­me Schreib­wei­se ver­schafft Maria The­re­sia eine auto­ri­tä­re Prä­senz über ihren eige­nen Hof hin­aus und erlaubt ihr, den erwei­ter­ten mon­ar­chi­schen Fami­li­en­kör­per zu len­ken und zu steuern.

Rebel­lio­nen

Den­noch gibt es Momen­te, in denen die Kin­der rebel­lie­ren. Vor allem zwi­schen der Mut­ter und dem Thron­fol­ger ent­fa­chen immer wie­der har­te Wort­ge­fech­te. Joseph II., der nach dem Tod sei­nes Vaters zum Kai­ser des Hei­li­gen Römi­schen Rei­ches und zusam­men mit Maria The­re­sia Co-Regent über die habs­bur­gi­schen Erb­lan­de wird, erzürnt es, dass ihm sei­ne Mut­ter die Mit­re­gent­schaft nur nomi­nell über­trägt, ihm jedoch kei­ne wirk­li­chen Auf­ga­ben zukom­men lässt. Das sorgt für Zünd­stoff zwi­schen Mut­ter und Sohn. Joseph wei­gert sich dar­auf­hin die offi­zi­el­len Regie­rungs­pa­pie­re gemein­sam zu unter­zeich­nen. Maria The­re­sia, empört über so ein Ver­hal­ten, bit­tet den Sohn nicht zum Gespräch, son­dern zückt die Feder:

Ich hof­fe immer noch, dass Ihr Herz es fühlt, aber Ihre Stur­heit und Ihre Vor­ur­tei­le wer­den das Unglück Ihrer Tage sein, momen­tan sind es mei­ne. … Gott allein, weiß, was ich lei­de.“ (Arneth 1867: 236).

Maria The­re­sia kann gera­de­zu als Meis­te­rin der affek­ti­ven Len­kung ver­stan­den wer­den. Dabei bedient sie sich der Rhe­to­rik­leh­ren ihrer Zeit, die sich der Psych­ago­gie – der sprach­li­chen Evo­ka­ti­on und Steue­rung der Gefüh­le – ver­schrie­ben haben. Joseph lenkt am Ende ein und unter­zeich­net wider­wil­lig die Papiere.

Unter­halb von Rhe­to­rik und Thea­tra­lik offen­bart die Stel­le erneut das eigen­tüm­li­che Über­schrei­ten von Gren­zen: Obwohl Maria The­re­sia in einem ers­ten Schritt Stur­heit und Vor­ur­tei­le ihrem Sohn zu Las­ten legt, macht sie sich in einem zwei­ten die Fol­gen die­ser Schwä­chen zu eigen. Sie, die all­ver­ant­wort­li­che Mon­ar­chin, ist letzt­lich dazu aus­er­wählt, das Unglück des Soh­nes zu ertragen.

Wäh­rend Maria The­re­sia ihren Töch­tern den Kör­per ent­win­det und ihn in Dienst ihrer Hei­rats­po­li­tik stellt, ent­bin­det sie ihren Sohn sei­nes Urteils­ver­mö­gens und über­ant­wor­tet es ihrer eige­nen Staatsräson.

Fazit

Kaum ein ande­res Medi­um ist wie der Brief imstan­de, Inti­mes und Poli­ti­sches so geschickt zu ver­stri­cken. Der Brief ermög­licht über die Distanz hin­weg eine ver­trau­li­che Kom­mu­ni­ka­ti­on zwi­schen zwei Men­schen und rahmt die­se in eine zere­mo­ni­el­le Form durch Anre­de, Schluss­flos­kel, Höf­lich­keits­for­men etc. Dabei gab es bis ins 18. Jh. hin­ein fes­te Regeln für den Auf­bau und Schreib­stil eines Brie­fes, die erst durch die neu ent­deck­te Inner­lich­keit auf­ge­bro­chen wer­den. Nun ist es mög­lich, sich in einer freie­ren und inti­me­ren Form aus­zu­tau­schen und auch das per­sön­li­che Emp­fin­den zu beleuchten.

Maria The­re­sia nutzt die­se intim media­le Infra­struk­tur, ergänzt sie zusätz­lich um die Tra­di­ti­on der apos­to­li­schen Brie­fe, um auf die­se Wei­se mora­li­sche Instruk­tio­nen, Ermah­nun­gen, Unter­wei­sun­gen an ihre Kin­der zu rich­ten. Sie sichert sich damit die mora­lisch-emo­tio­na­le Ver­pflich­tung ihrer Kin­der und lenkt das Gesche­hen aus der Fer­ne. Weib­li­che Herr­schaft wird mit Hil­fe des müt­ter­li­chen Brie­fes ent­fal­tet, der den Kin­dern die mater­na­le Macht inkor­po­ra­tiv ein­zu­schrei­ben weiß. Maria The­re­sia ver­steht es wie kei­ne ande­re, sich die­ser medi­al-affek­ti­ven Steue­rung zu bedienen.

Lite­ra­tur

Arneth, Alfred Rit­ter von. 1881. Brie­fe der Kai­se­rin Maria The­re­sia an ihre Kin­der und Freun­de. 4 Bän­de. Wien .

Bad­in­ter, Éli­sa­beth. 2017. Maria The­re­sia. Die Macht der Frau. Mün­chen.

Bad­in­ter, Éli­sa­beth. 2021. Les con­flits d’une mère. Marie-Thè­rès d’Autriche et ses enfants. Flamma­ri­on.

Chris­toph, Paul. 1958. Maria The­re­sia und Marie Antoi­net­te. Ihr gehei­mer Brief­wech­sel, hg. und ins Deut­sche über­tra­gen von Paul Chris­toph. Wien.

Kan­to­ro­wicz, Ernst. 1957. The King’s Two Bodies. A Stu­dy in Media­eval Poli­ti­cal Theo­lo­gy. Prince­ton.

Lau, Tho­mas. 2016. Die Kai­se­rin. Maria The­re­sia. Wien.

Stoll­berg-Rilin­ger, Bar­ba­ra. 2017. Maria The­re­sia. Die Kai­se­rin in ihrer Zeit. Eine Bio­gra­phie. Mün­chen.

Weber, Max. 1922. Wirt­schaft und Gesell­schaft. Tübin­gen.

Bild­nach­weis

Bat­che­lors Foods. Bri­ti­sche Print­wer­bung aus den 1950er-Jahren.

Sarah Maria Tere­sa Goeth

Sarah Maria Tere­sa Goe­th ist Lite­ra­tur­wis­sen­schaft­le­rin. Sie stu­dier­te an den Uni­ver­si­tä­ten Mün­chen und Pas­sau. Jüngst hat sie ihre Dis­ser­ta­ti­on zur Figur der Ana­lo­gie bei Kant, Nova­lis und Goe­the ein­ge­reicht. In ihrem neu­en For­schungs­pro­jekt geht sie dem Gemein­sinn (sen­sus com­mu­nis) von der Anti­ke bis zur Gegen­wart nach.

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