Es ist ein schö­ner Tag Mit­te März und der Som­mer scheint schon nah. Doch die sonst so beleb­te Strand­pro­me­na­de von Livor­no ist öde und ver­las­sen. Nur zwei Men­schen haben sich zum Lesen in siche­rem Abstand auf den Bän­ken nie­der­ge­las­sen.

Am Sams­tag, dem 7. März, ver­kün­de­te Minis­ter­prä­si­dent Giu­sep­pe Con­te die Abrie­ge­lung der gesam­ten Lom­bar­dei sowie 14 wei­te­rer Pro­vin­zen. Außer­dem wei­te­te die Regie­rung die Schutz­maß­nah­men, die vor­her für die „roten Zonen“ erlas­sen wur­den, auf das gan­ze Staats­ge­biet aus. Seit­her gibt es kein öffent­li­ches Leben mehr – weder in Bars noch Geschäf­ten, weder bei Ver­an­stal­tun­gen noch in klei­nen Grup­pen. Wer auf Stras­sen unter­wegs sein will, muss trif­ti­ge Grün­de haben. In eini­gen Regio­nen kon­trol­liert die Armee die Ein­hal­tung der Maß­nah­men.

Trotz­dem. Wir befin­den uns nicht im Krieg. Die Stu­die­ren­den büf­feln im Fern­un­ter­richt, die Lebens­mit­tel­ge­schäf­te sind vol­ler Pro­duk­te, die öffent­li­chen Ver­kehrs­mit­tel fah­ren wei­ter und die Ämter sind geöff­net.

Auch die Fische­rei geht wei­ter. Den­noch steckt sie in der Kri­se. Die Men­schen ver­zich­ten auf den Gang zum Fisch­händ­ler. Ander­seits kön­nen die gro­ßen Boo­te nicht aus­lau­fen, da hier­zu eine Mann­schaft erfor­der­lich wäre, die phy­sisch eng zusam­men­ar­bei­ten müss­te.

#iorestoa­ca­sa, ich blei­be zu Hau­se. Doch mit wel­chen Fol­gen? In Ita­li­en sind mehr als 50 000 Men­schen obdach­los. 360 000 haben kei­ne sani­tä­re Grund­ver­sor­gung in ihren Woh­nun­gen. Hin­zu kommt die Woh­nungs­not in den Städ­ten. Doch auch das Zuhau­se ist oft kein Zufluchts­ort. Für Frau­en und Kin­der, die jetzt mit ihren Pei­ni­gern ein­ge­schlos­sen sind, ist es nur die Höl­le.

Ste­fa­nia ist 69 Jah­re alt und fährt täg­lich eine hal­be Stun­de Rad, auf der Stras­se übli­cher­wei­se. Vor einem Monat wur­de sie Groß­mutter. Auf­grund der Selbst­iso­la­ti­on kann sie ihrer Enke­lin nur via Bild­schirm beim Auf­wach­sen zuse­hen. „Ich habe nie mit einer Epi­de­mie gerech­net.  Eher hät­te ich einen inter­na­tio­na­len Kon­flikt befürch­tet.“

Giu­lia betei­ligt sich an einem soli­da­ri­schen Netz­werk, das von pote­re al popo­lo! ins Leben geru­fen wur­de. Sie orga­ni­siert Frei­wil­li­ge, nimmt Anru­fe ent­ge­gen und erle­digt Ein­käu­fe.

Pie­ro ist ein alter Mann, der sein Haus im Stadt­zen­trum nicht mehr ver­las­sen darf. Für ihn besorgt Giu­lia Medi­zin, die Ein­käu­fe der Woche sowie ein hal­bes Brat­hähn­chen. Nach der Über­ga­be grüsst Pie­ro sie noch­mals vom Fens­ter aus. Giu­lia zieht ihre Mas­ke hin­un­ter und winkt lächelnd zurück.

Auch der 64-jäh­ri­ge Tizi­an, ein Hand­wer­ker, sitzt zu Hau­se. Er und sei­ne Fami­lie sind eigent­lich mit­ten im Umzug. Wann es wei­ter geht, weiß nie­mand. Auch nicht, wann Tizi­an wie­der arbei­ten wird. Jetzt essen sie immer zusam­men mit ihrem Sohn, die Atmo­sphä­re ist gesel­lig. Doch das Gesprächs­the­ma ist immer das­sel­be: das Coro­na­vi­rus.

Es scheint eine hal­be Ewig­keit her zu sein, als am 8. März die ita­lie­ni­sche Regie­rung das Land unter Qua­ran­tä­ne stell­te. Damals gab es in Livor­no nur eine Per­son, die posi­tiv auf Covid-19 getes­tet wur­de. Seit­dem steht die Zeit in der Hafen­stadt still.