Vade­me­cum

  • Cli­ma­te fic­tion ant­wor­tet mit inno­va­ti­ven Gestal­tun­gen von Zeit auf die dro­hen­de Kli­ma- und Umwelt­kri­se.
  • Hier­für formt cli fi Zeit­schlau­fen, ‑sprün­ge und ‑inseln und bedient sich bei Uto­pien, Sze­na­ri­en, Zeit­rei­sen und Pro­gno­sen.
  • An cli fi par­ti­zi­pie­ren Schrift­stel­le­rin­nen und Wis­sen­schaft­ler, Jour­na­lis­tin­nen und Apho­ris­ti­ker glei­cher­ma­ßen.

Vor Kur­zem noch kamen die meis­ten Kli­ma-Roma­ne aus Eng­land und Aus­tra­li­en, Ame­ri­ka und Kana­da. Auch wenn die Roma­ne von aner­kann­ten Autor*innen stamm­ten, erwähn­ten die deut­schen Über­set­zun­gen die ein­schlä­gi­gen Begrif­fe wie Erd­er­wär­mung, Kli­ma­wan­del oder Mas­sen­aus­ster­ben sel­ten auf den Klap­pen- und in den Wer­be­tex­ten. Das ändert sich lang­sam, zumal sich her­um­spricht, dass es sogar eine Fach­be­zeich­nung für Kli­ma­er­zäh­lun­gen aller nur denk­ba­ren Gen­res gibt: die Cli­ma­te Fic­tion oder cli fi.

Cli fi hat nur wenig mit einem linea­ren Zeit­strahl in den Unter­gang zu tun.

Vie­le Wer­ke ant­wor­ten auf die Pro­ble­ma­tik der Kli­ma- und Umwelt­kri­se mit ästhe­tisch inno­va­ti­ven Insze­nie­run­gen und Gestal­tun­gen von Zeit . Cli fi hat also nur wenig mit einem linea­ren Zeit­strahl in den Unter­gang zu tun. Statt­des­sen ord­nen die Autor*innen loka­le und glo­ba­le Ereig­nis­se in Zeit­schlau­fen, ‑sprün­gen und ‑net­zen an. Damit gelingt ihnen, was einer schlich­ten Chro­no­lo­gie ver­sagt bleibt: Die sich anbah­nen­de Kata­stro­phe nicht nur aus ver­schie­de­nen Blick‑, son­dern auch Zei­ten­win­keln wahr­zu­neh­men und so die Eigen­tä­tig­keit der Vor­stel­lungs­kraft der Leser*innen anzu­re­gen.

Zeit­pfei­le und Kreis­läu­fe

Eine der schöns­ten Zeit­ge­stal­tun­gen fin­det sich im Klas­si­ker Das Flug­ver­hal­ten der Schmet­ter­lin­ge von Bar­ba­ra King­sol­ver (2007). Erzählt wird die Geschich­te der jun­gen Far­mers­frau Della­ro­bia, gefan­gen im Kreis­lauf ihres Fami­li­en­le­bens, umzin­gelt von einem müden Gat­ten, zwei Klein­kin­dern und den Schwie­ger­el­tern. Jenen gehört eine gemein­sam bewirt­schaf­te­te Schaf­farm in den Appa­la­chen; dazu ein Wald, der abge­holzt wer­den soll, um die Farm zu ent­schul­den.

Kingsolver, Barbara. 2014. <em>Das Flugverhalten der Schmetterlinge</em>. München. Erstmals erschienen: 2012. <em>Flight Behavior</em>. London.
King­sol­ver, Bar­ba­ra. 2014. Das Flug­ver­hal­ten der Schmet­ter­lin­ge. Mün­chen. Erst­mals erschie­nen: 2012. Flight Beha­vi­or. Lon­don.

Als sich die gelang­weil­te Far­mers­gat­tin zum ers­ten Mal mit einem Lieb­ha­ber tref­fen will, begeg­net sie einem gigan­ti­schen, den gan­zen Wald bede­cken­den Schmet­ter­lings­schwarm. Sie ist fas­zi­niert, die geplan­te Flucht geplatzt. Schon bald stel­len die rät­sel­haf­ten Fal­ter die fra­gi­le Ord­nung des gesam­ten Pro­vinz­le­bens auf den Kopf. Es ent­ste­hen reli­giö­se, spi­ri­tu­el­le und öko­ra­di­ka­le Lager: „Die Fal­ter sind Teu­fels­werk“, „Die Fal­ter sind ein Got­tes­zei­chen“, „Kein Fal­ter darf ster­ben!“.

Öko­lo­gisch klärt sich das Wun­der auf: Die Mon­arch­fal­ter wan­dern nor­ma­ler­wei­se in einem zwei­jäh­ri­gen Zyklus von Alas­ka nach Mexi­ko und zurück. Für den gan­zen Kreis­lauf benö­ti­gen sie zwei Genera­tio­nen. Die ers­te legt einen Zwi­schen­stopp ein, zeugt die Fol­ge­ge­nera­ti­on und stirbt. Die zwei­te wan­dert wei­ter und so fort. Nun hat der Kli­ma­wan­del die Fal­ter in eine ver­häng­nis­vol­le Zone gelockt. Hier, im Wald der Farm, wür­den sie den Win­ter nicht über­le­ben.

King­sol­vers Roman bie­tet eine ori­gi­nel­le Geo­me­trie des Zeit­li­chen auf: Da wo der unter­bro­che­ne Migra­ti­ons­zy­klus der Mon­arch­fal­ter plötz­lich Della­ro­bi­as kreis­för­mi­ge Exis­tenz unter­bricht, setzt die gera­de Linie eines Bil­dungs- und Eman­zi­pa­ti­ons­ro­mans an. Am Anfang darf die intel­lek­tu­ell unter­for­der­te Land­frau mit den Bio­lo­gen Fal­ter zäh­len, am Ende stu­diert sie selbst in der Stadt.

Schwärme von Monarchfaltern überwintern nahe Monterey, Kalifornien (Bild,: Joanna Gilkeson/USFWS).
Schwär­me von Mon­arch­fal­tern über­win­tern nahe Mon­te­rey, Kali­for­ni­en (Bild,: Joan­na Gilkeson/​USFWS).

Ein Spin­nen­netz aus Zei­ten

Gera­de­zu in einer wil­den Poly­chro­nie explo­diert die Zeit im Groß­stadt-Roman Wea­ther von Jen­ny Offill (2020). Dar­in ver­knüpft sie eine Unzahl von Pro­sa­frag­men­ten, Situa­ti­ons­be­schrei­bun­gen, inne­ren Mono­lo­gen und Dia­log­fet­zen sowie Zita­ten aus Medi­en oder Büchern zu einer locker gewo­be­nen Tex­tur. Die­ses Netz­werk besteht aus sorg­sam gestal­te­ten Beob­ach­tun­gen. Liz­zie Ben­son, die Ich-Erzäh­le­rin, nimmt uns durch ihren All­tag in New York, den sie als Mut­ter, Biblio­the­ka­rin, Ehe­frau und Schwes­ter eines dro­gen­ab­hän­gi­gen Bru­ders bestrei­tet. Ihr Leben fächert sich in diver­se Kon­tex­te mit eige­nen Zei­ten und Rhyth­men auf.

Offill, Jenny. 2020. <em>Weather </em>. New York.
Offill, Jen­ny. 2020. Wea­ther . New York.

Die Bana­li­tä­ten erhal­ten Gewicht, als Liz­zie und ihren Freun­den auf­geht, dass Donald Trump die Wahl gewon­nen hat. Die­ses Ereig­nis kon­ta­mi­niert alle ande­ren, aber es ist ein ver­zö­ger­ter Schock. Das poli­ti­sche Trau­ma dehnt sich in Zeit­lu­pe aus. Es beginnt, an den Spinn­fä­den all der Ana­chro­nien, der ver­schie­den getak­te­ten Lokal­zei­ten, zu zie­hen.

After the elec­tion, Ben makes small woo­den things. One to orga­ni­ze our uten­sils, one to keep the trash can from wobb­ling. He spends hours on them.  “The­re, I fixed it,” he says. 

Ähn­lich ver­netzt insze­niert der Text den Kli­ma­wan­del. Er macht sich zunächst an Liz­zi­es Fai­ble für Prep­per-Rat­ge­ber bemerk­bar. Er taucht in ver­streu­ten Bemer­kun­gen zum Aus­blei­ben der Vögel auf. Er schleicht sich in Fra­gen hil­fe­su­chen­der Men­schen ein, die Liz­zie im Auf­trag ihrer eins­ti­gen Men­to­rin per E‑Mail beant­wor­tet: When will humans go extinct?

Das Wet­ter wird zur Meta­pher sowohl der poli­tisch beängs­ti­gen­den Atmo­sphä­re als auch des ver­än­der­ten Kli­mas der Erde. Dass bei­des in einer Apo­ka­lyp­se endet, macht kon­se­quen­ter­wei­se eine Kli­ma­to­lo­gin am Fern­se­her klar:

I find it real­ly hard to deci­de on one par­ti­cu­lar regi­on, say­ing this one is going to be safe and we are just going to lock this one in. I don’t think the­re will be any safe pla­ces. I am … the impacts are going to be big. So my approach is to be as mobi­le, as fle­xi­ble as pos­si­ble, to be able to adapt to wha­te­ver is going to hap­pen. My child­ren are bilin­gu­al and we’­re working on a third lan­guage. Both child­ren have three pass­ports, and they actual­ly have the free­dom to able to stu­dy and work even in the Euro­pean Uni­on, or in Cana­da, or in Aus­tra­lia.

Ret­te sich wer kann, das poli­ti­sche Pro­jekt ist tot, gespens­tisch ragt der Trump World Tower über das UNO-Haupt­quar­tier und in die­ses lite­ra­ri­sche Pan­op­ti­kum hin­ein. Dar­in evo­zie­ren Zei­ten ver­schie­de­ner Ska­len und sub­jek­ti­ver Qua­li­tä­ten eine Gleich­zei­tig­keit des Ungleich­zei­ti­gen, die der glo­ba­len Des­ori­en­tie­rung durch­aus ent­spricht.

Bemer­kens­wert ist in Jen­ny Offills Roman, dass nicht geschieht, was zu erwar­ten wäre: dass er uns nicht in den Abgrund der Hoff­nungs­lo­sig­keit stürzt. Mit dem Mut der Ver­zweif­lung ruft die­se Autorin eine ästhe­ti­sche Resi­li­enz auf und die Fähig­keit des post-trau­ma­ti­schen Sub­jekts, die fas­ri­gen Fäden im Netz der Zei­ten irgend­wie selbst zusam­men zu hal­ten.

Zeit­los im Dys­to­pi­schen

Ursu­la Le Guin ist eine Meis­te­rin der Zeit­ge­stal­tung. In fer­nen Zukünf­ten und noch fer­ne­ren Ver­gan­gen­hei­ten spielt sie gegen­wär­ti­ge Fra­ge­stel­lun­gen einer gerech­ten Welt­ge­sell­schaft und einer nach­hal­ti­gen Zivi­li­sa­ti­on durch. Ver­gli­chen mit dem mehr­bän­di­gen Hai­nish-Zyklus ist ihr Nah­zu­kunfts­ro­man The Lathe of Hea­ven (1971) nur eine Fin­ger­übung, aber auch hier ver­hilft in cli fi-typi­scher Wei­se eine zeit­li­che Ver­schie­bung zur Ver­ge­gen­wär­ti­gung einer noch ent­fern­ten Gefahr.

Le Guin, Ursula K. 1971. <em>The Lathe of Heaven</em>New York. Deutsche Erstausgabe: 1974. <em>Die Geißel des Himmels</em>. München.
Le Guin, Ursu­la K. 1971. The Lathe of Hea­venNew York. Deut­sche Erst­aus­ga­be: 1974. Die Gei­ßel des Him­mels. Mün­chen.

Ursu­la Le Guin erzählt von den Lei­den Geor­ge Orrs, des­sen Träu­me zu sei­nem Leid­we­sen wahr wer­den. Träumt er einen Unfall, ereig­net sich die­ser tat­säch­lich. Er stürzt in tie­fe Depres­sio­nen und ver­greift sich an Medi­ka­men­ten, um ja nicht träu­men zu müs­sen. Das Gesund­heits­sys­tem im tech­nisch fort­ge­schrit­te­nen Über­wa­chungs­staat bemerkt den Miss­brauch und schickt den Träu­mer in die The­ra­pie.

Dort gerät er an den Psych­ia­ter Haber, des­sen Spe­zia­li­tät die direk­te Gedan­ken­ma­ni­pu­la­ti­on unter Hyp­no­se ist. Als Haber ungläu­big die kau­sa­le Ver­bin­dung zwi­schen Traum und Wirk­lich­keit sei­nes Pati­en­ten Orr ent­schlüs­selt, kann er dem Impuls der Macht nicht wider­ste­hen: Er beein­flusst Orrs Träu­me, um die Welt zu ret­ten. Der Ver­such führt zu einer Rei­he von uner­wünsch­ten Neben­fol­gen, der Lan­dung Außer­ir­di­scher inklu­si­ve. Um die Feh­ler zu kor­ri­gie­ren, erzeugt Haber eine immer ste­ri­le­re Welt, aus der Men­schen, Ber­ge und Städ­te ins wach­sen­de Nichts ver­schwin­den. Nichts ereig­net sich mehr, die Zeit bleibt ste­hen. End of time.

Ursula K. Le Guin verstarb 2018 in Portland, Oregon. Sie hinterließ 23 Romane, 12 Erzählbände, 11 Gedichtbände und zig Übersetzungen. Für ihr phantastisches Werk wurde sie mit den bedeutendsten Preisen für Science fiction ausgezeichnet, teils mehrfach (Foto: Photo Marian Wood Kolisch)
Ursu­la K. Le Guin ver­starb 2018 in Port­land, Ore­gon. Sie hin­ter­ließ 23 Roma­ne, 12 Erzähl­bän­de, 11 Gedicht­bän­de und zig Über­set­zun­gen. Für ihr phan­tas­ti­sches Werk wur­de sie mit den bedeu­tends­ten Prei­sen für Sci­ence fic­tion aus­ge­zeich­net, teils mehr­fach (Foto: Pho­to Mari­an Wood Kolisch)

Ursu­la Le Guin hat in ihren Roma­nen sys­te­ma­tisch die neu­es­ten wis­sen­schaft­li­chen Erkennt­nis­se ver­ar­bei­tet, hier vor allem neu­ro­wis­sen­schaft­li­che Theo­rien. Unauf­fäl­lig und im Hin­ter­grund legt sie auch schon Zeug­nis ab vom damals mög­li­chen Wis­sen über den Kli­ma­wan­del. Eine der vie­len dezen­ten  Beschrei­bun­gen des Set­tings, die tief­grün­dig die Stim­mung des Romans beherr­schen:

Es hat immer gereg­net in West Ore­gon, aber jetzt reg­ne­te es unauf­hör­lich, kon­stant, lau­warm. Es war, wie für immer in einem Wol­ken­bruch war­mer Sup­pe zu leben.

Der Regen wird hier zur stän­di­gen Gegen­wart, die sich ohne Aus­sicht auf Ver­än­de­rung in die Ewig­keit dehnt.

Sze­na­ri­en

Nach dem zwei­ten Welt­krieg ent­wi­ckel­te sich ein neu­es Instru­ment, mit der Zukunft zu rech­nen: das Sze­na­rio. Es stell einen Mit­tel­weg zwi­schen den akri­bi­schen, aber beschränk­ten Pro­gno­sen der Wis­sen­schaft und den visio­nä­ren, aber wenig fak­ten­treu­en Gestal­tungs­ideen der Poli­tik dar. Im cli fi-Uni­ver­sum fin­den sich etli­che Bei­spie­le sze­na­rio­haf­ter Zeit­ge­stal­tung. Im Gegen­satz zur sci­ence fic­tion und poli­ti­schen Uto­pie springt sie nicht in fer­ne und fan­tas­ti­sche Zukünf­te, son­dern extra­po­liert aus der Gegen­wart Ent­wür­fe, die, gemes­sen an der gegen­wär­ti­gen Ratio­na­li­tät, Glaub­wür­dig­keit rekla­mie­ren.

Guha, Anton Andreas. 1993. <em>Der Planet schlägt zurück</em>. Göttingen
Guha, Anton Andre­as. 1993. Der Pla­net schlägt zurück. Göt­tin­gen

Anton Andre­as Guha lässt in sei­nem fik­ti­ven Tage­buch Der Pla­net schlägt zurück (1993) die Kli­ma­kri­se in zwei Etap­pen ablau­fen. Mit­hil­fe von Tage­buch­ein­trä­gen hält ein Zei­tungs­re­dak­teur im Jahr 2000 einen Kli­ma­kol­laps fest. Die Insel Sylt ver­schwin­det, die Ber­ge der Alpen stür­zen ein, ganz Süd­deutsch­land ver­sinkt im Schlamm. Im Jahr 2020 notiert der Redak­teur aber­mals die aktu­el­len Ereig­nis­se. Zugleich rekon­stru­iert er anhand von Mikro­tex­ten das Schei­tern der west­li­chen Zivi­li­sa­ti­on. Der Kli­ma­wan­del ist fort­ge­schrit­ten, das Meer hat gro­ße Tei­le der Küs­ten­re­gio­nen ver­schlun­gen, eine faschis­ti­sche Bewe­gung ist ent­stan­den, deren ein­zi­ger poli­ti­scher Pro­gramm­punkt die Zurück­schla­gung der Kli­ma­f­lücht­lin­ge aus dem Süden ist. Aber dann kommt die Inter­ven­ti­on:

Ein Wen­de­punkt in der Geschich­te der Mensch­heit! Die Groß­rech­ner haben die Gestal­tung der Zukunft über­nom­men. Sie haben erkannt, dass es so nicht mehr wei­ter­ge­hen kann. Sie haben vor­aus­ge­dacht, sie haben mehr noch die not­wen­di­gen Kon­se­quen­zen aus ihren Daten gezo­gen. Unbe­stech­lich, objek­tiv, ohne Inter­es­se. Dazu waren wir nicht mehr fähig, dazu waren wir nie fähig. Die Groß­rech­ner bewei­sen die Anti­quiert­heit des Men­schen, sie haben ihn um sei­ner selbst wil­len ent­mün­digt und gleich­zei­tig die Vor­herr­schaft über­nom­men – um ihn zu ret­ten.“

Hansen, Thore D. 2019. <em>Die Reinsten</em>. Berlin.
Han­sen, Tho­re D. 2019. Die Reins­ten. Ber­lin.

Wie Guha, der für die Frank­fur­ter Rund­schau tätig war, ist auch auch Tho­re D. Han­sen Jour­na­list. Die­ser nimmt 30 Jah­re spä­ter den KI-Faden sei­nes Kol­le­gen wie­der auf. Im Roman Die Reins­ten (2019) ent­wirft Han­sen eine Zukunft im Jah­re 2191, in der die künst­li­che Intel­li­genz Askit das Leben auf der Erde kon­ser­viert. 150 zuvor hat­te eine Pan­de­mie Mil­li­ar­den Men­schen­le­ben aus­ge­löscht und Askit über­nahm die Kon­trol­le über den Pla­ne­ten. Inzwi­schen prüft die Intel­li­genz, ob sie die Mensch­heit über­haupt zum Erhalt des Lebens auf der Erde braucht. Um das her­aus­zu­fin­den, schickt sie eini­ge der „Reins­ten“, eine wis­sen­schaft­lich hoch­qua­li­fi­zier­te Éli­te mit exklu­si­ven Pri­vi­le­gi­en und direk­ter Ver­bin­dung zu Askit, auf eine Mis­si­on. Nun gera­ten die Din­ge aus dem Lot, die Geschich­te ent­hüllt zuneh­mend die dunk­len Sei­ten der tech­no­lo­gi­schen Macht­über­nah­me.

Das Schei­tern der Demo­kra­tie und die Kli­ma­ka­ta­stro­phe füh­ren zu einer tech­no­lo­gi­schen Öko­dik­ta­tur und einer Schicht Pri­vi­le­gier­ter.

Ob eine Künst­li­che Intel­li­genz das Leben auf der Erde ret­ten soll­te, falls die Mensch­heit dabei ver­sagt, dis­ku­tie­ren wir seit den 1940er Jah­ren und Asi­movs Robo­ter­ge­set­zen. In Han­sens Roman ist dies kei­ne Opti­on. Das Schei­tern der Demo­kra­tie und die Kli­ma­ka­ta­stro­phe füh­ren zu einer tech­no­lo­gi­schen Öko­dik­ta­tur und einer Schicht Pri­vi­le­gier­ter in einer gehei­men Par­al­lel­ge­sell­schaft.

Ali­ce in der Zeit­ma­schi­ne

Neben erzäh­len­den Jour­na­lis­ten gibt es auch lite­ra­ri­sche Wis­sen­schaft­ler, die aus ihrem Wis­sens­fun­dus schöp­fen kön­nen. Die Geo­lo­gin und Paläoon­to­lo­gin Mar­gret Boy­sen adap­tiert in Ali­ce, der Kli­ma­wan­del und die Kat­ze Zeta (2016) zunächst Lewis Caroll‘s Geschich­te: Die Ber­li­ner Schü­le­rin Ali­ce folgt einem Kanin­chen mit Wes­te und Gol­de­ner Uhr und rutscht sodann durch einen Lüf­tungs­schacht in die Super­rech­ner des Pots­dam-Insti­tut für Kli­ma­fol­gen­for­schung, kurz: PIK. Dar­in erlebt sie Din­ge, die weni­ger auf lite­ra­ri­scher Fan­ta­sie, mehr auf wis­sen­schaft­li­chen Spe­ku­la­tio­nen und Pro­gno­sen beru­hen, denn sol­ches sind auch die hoch­kom­ple­xen Kli­ma­mo­del­le am PIK, an dem die Autorin selbst tätig ist.

Wie einst der Namen­lo­se in H. G. Wells Zeit­ma­schi­ne (1895) durch die Jahr­tau­sen­de reis­te, so durch­quert Ali­ce nun mit­hil­fe der Super­rech­ner die ver­schie­dens­ten Kli­ma­zo­nen, indem sie von Fan­ta­sie­fi­gu­ren durch die Kli­ma­mo­del­le gelei­tet wird. Das ist fan­ta­sie­voll und unter­halt­sam gemacht, wis­sen­schaft­lich gut fun­diert und eine gelun­ge­ne Ver­bin­dung von Lite­ra­tur und Kli­ma­wis­sen­schaft. Durch die Ska­lie­rung gro­ßer geo­lo­gi­scher Zeit­räu­me auf das erzähl­ba­re Maß einer Fik­ti­on erreicht die­ser Roman exem­pla­risch eine der wesent­li­chen Ziel­stel­lun­gen der Cli­ma­te Fic­tion: Die sinn­li­che Ver­an­schau­li­chung der extrem kom­ple­xen Kli­ma­kri­se, die zu igno­rie­ren wir uns nicht mehr leis­ten kön­nen.

Lite­ra­tur

Guha, Anton Andre­as. 1993. Der Pla­net schlägt zurück. Göt­tin­gen.

Han­sen, Tho­re D. 2019. Die Reins­ten. Ber­lin.

King­sol­ver, Bar­ba­ra. 2014. Das Flug­ver­hal­ten der Schmet­ter­lin­ge. Mün­chen. Erst­mals erschie­nen: 2012. Flight Beha­vi­or. Lon­don.

Le Guin, Ursu­la K. 1971. The Lathe of Hea­venNew York. Deut­sche Erst­aus­ga­be: 1974. Die Gei­ßel des Him­mels. Mün­chen.

Offill, Jen­ny. 2020. Wea­ther . New York.

Wells, Her­bert Geor­ge. 1895. The Time Machi­ne, Lon­don. Deut­sche Erst­aus­ga­be: 1904. Die Zeit­ma­schi­ne. Min­den.

Bild­nach­weis

© Fabia Zin­del, Matrix.