Vade­me­cum

  • Das Arbei­ten zuhau­se för­de­re Krea­ti­vi­tät, Enga­ge­ment und Inspi­ra­ti­on.
  • Doch das Home­of­fice darf nicht zur Nor­ma­li­tät wer­den.
  • Arbeit und Leben haben sich in der Oiko­di­zee bereits weit ent­grenzt.

Um das fade Ehe­le­ben auf­zu­fri­schen, beschlie­ßen Edu­ard und Char­lot­te in Goe­thes Wahl­ver­wandt­schaf­ten, den char­man­ten und nicht weni­ger arbeits­wil­li­gen Haupt­mann Otto ein­zu­la­den. Sie beauf­tra­gen ihn sogleich mit der Bewirt­schaf­tung des ver­nach­läs­sig­ten Anwe­sens. Eine sei­ner ers­ten Amts­hand­lun­gen sieht eine Arbeits­tei­lung vor: Arbeit und Pri­vat­sphä­re wer­den getrennt, um effi­zi­ent ans land­schafts­ar­chi­tek­to­ni­sche Werk zu gehen. Zwi­schen das gesel­li­ge Leben und die pro­fes­sio­nel­le Auf­wer­tung des Anwe­sens schiebt sich eine unsicht­ba­re Wand. Vor­bei sind jetzt die Zei­ten, in denen die Ama­teu­re Char­lot­te und Edu­ard durch ihren Gar­ten fla­nier­ten, um mal hier, mal da lie­be­voll Hand anzu­le­gen.

Die Tren­nung von pri­vat und öffent­lich, von Arbeit und Frei­zeit dien­te fort­an als Boll­werk gegen die Zumu­tun­gen von Indus­tria­li­sie­rung und Kapi­ta­lis­mus.

Seit der Erschei­nung Goe­thes Roman von 1809 sind mehr als zwei­hun­dert Jah­re ver­gan­gen, in denen sich die Wahr­neh­mung von Arbeit und Pri­vat­le­ben stark gewan­delt hat. Im Zuge des­sen hat die Wand, die Char­lot­te und Edu­ard auf Distanz brach­te, ihre Funk­ti­on auf den Kopf gestellt: Die Tren­nung von pri­vat und öffent­lich, von Arbeit und Frei­zeit dien­te fort­an als Boll­werk gegen die Zumu­tun­gen von Indus­tria­li­sie­rung und Kapi­ta­lis­mus. Statt zu ent­frem­den, schütz­te die Wand nun selbst vor Ent­frem­dung.

Die Viererkonstellation von links nach rechts: Ottilie, Charlotte, Eduard und der Hauptmann. Filmstill aus <em>Les affinitées électives</em> (Chabrol 1982).
Die Vie­rer­kon­stel­la­ti­on von links nach rechts: Otti­lie, Char­lot­te, Edu­ard und der Haupt­mann. Film­still aus Les affi­ni­tées élec­ti­ves (Chab­rol 1982).

Digi­ta­le Ent­gren­zun­gen

In den Tagen Covid-19 beding­ter Iso­la­ti­on stel­len sozia­le Medi­en einen alter­na­ti­ven Raum öffent­li­chen Lebens bereit. Sie bie­ten einen Ort für Soli­da­ri­täts­be­kun­dun­gen, Gemein­schaft­lich­keit und sozia­len Aus­tausch. Sie ver­brei­ten nütz­li­che Infor­ma­tio­nen, unter­brei­ten lie­be­vol­le Unter­stüt­zungs­ges­ten und ver­strö­men viel Zuver­sicht auf eine Welt nach Coro­na.

Umlen­ken, Umden­ken, Umbruch – nicht weni­ger erhofft man sich von der wirt­schaft­li­chen Ord­nung am Ende der Iso­la­ti­on (Mey­er 2020). Dass die Ver­än­de­run­gen, die sich nun inner­halb kür­zes­ter Zeit durch die Gesell­schaft zie­hen, das Ver­ständ­nis von dem nach­hal­tig ver­än­dern wer­den, was wir als Arbeit begrei­fen und wie wir sie aus­üben, ist popu­lä­rer Stoff im News­feed.

Maß­geb­lich Anteil dar­an haben zwei Ten­den­zen. Einer­seits hat Covid-19 die Arbeit ins Heim ver­la­gert: Das Home­of­fice hat in vie­len Tei­len der Bevöl­ke­rung bereits Nor­mal­sta­tus erreicht. Grup­pen und Netz­wer­ke las­sen Digi­ta­li­sa­te von Wis­sen­schafts­ar­ti­keln zir­ku­lie­ren, Platt­for­men wie JSTOR, Pro­ject­MU­SE, Muse­ums­ka­ta­lo­ge und ande­re Daten­ban­ken ste­hen unein­ge­schränkt zur Ver­fü­gung. Face time, teams oder ZOOM üben mit uns busi­ness calls ein. Sie füh­ren die ver­pi­xel­ten Kol­le­gin­nen und Vor­ge­setz­ten in die eige­nen vier Wän­de und machen sie mit unse­rem Pri­vat­le­ben bekannt.

Verpixelte Arbeitskolleg*innen in den eigenen vier Wänden.
Ver­pi­xel­te Arbeitskolleg*innen in den eige­nen vier Wän­den.

Ande­rer­seits wickeln wir dank Covid-19 pri­va­te Akti­vi­tä­ten zuneh­mend übers Netz ab: Abend­essen oder Fei­er­abend­ge­trän­ke orga­ni­sie­ren wir über die­sel­ben Platt­for­men wie zuvor die Tele­fon­kon­fe­ren­zen; Strea­ming-Diens­te bie­ten For­ma­te des social watchings an, die das gemein­schaft­li­che Video-Bin­gen mit einer Chat­funk­ti­on unter­stüt­zen; Urban Sports Club bie­tet eine grö­ße­re Anzahl an online Kur­sen für Heim­sport an.

Das Wohn­zim­mer, die Mona­de der libe­ra­len Welt­ord­nung, wird zum Haupt­sitz der Ich AG.

Die Arbeits­welt bricht unver­se­hens in die Rück­zugs­zo­ne. Dane­ben erwei­tert sich das Pri­vat­le­ben dank Face­book & Co. naht­los in den öffent­li­chen Raum. Der Schreib­tisch ist nie wei­ter als 20 Meter ent­fernt, man hält sich per­ma­nent erreich­bar und dank der Omni­prä­senz von digi­ta­len Gerä­ten ver­kür­zen sich kom­mu­ni­ka­ti­ve Akti­ons-Reak­ti­ons-Ket­ten. Das Wohn­zim­mer, eine Mona­de der libe­ra­len Welt­ord­nung, wird zum Haupt­sitz der Ich AG.

So not­wen­dig das Social Distancing für eine effek­ti­ve Pan­de­mie­kon­trol­le ist, so groß ist die Gefahr, dass sich die­ser sozia­le Inter­ak­ti­ons­mo­dus über die Qua­ran­tä­ne­zeit hin­aus ver­län­gert. Dass der Arbeits­mi­nis­ter Deutsch­lands, Huber­tus Heil, das Recht auf Home­of­fice nun auch gesetz­lich ver­an­kern will, ist ein ers­tes Anzei­chen dafür.

Krea­ti­vi­tät, Enga­ge­ment, Inspi­ra­ti­on?

Viel Hoff­nung ver­brei­ten in die­sen Zei­ten Stich­wor­te der Krea­ti­vi­tät, der Inno­va­ti­on und des Enga­ge­ments. Es han­delt sich um Kate­go­rien, die zur Über­win­dung der gegen­wär­ti­gen Kri­se den Fort­schritts­glau­ben reak­ti­vie­ren. Nur sind das zugleich die Schlag­wor­te, die uns in den letz­ten drei Jahr­zehn­ten die Libe­ra­li­sie­rung der Märk­te sowie die neo­li­be­ra­le Selbst­aus­beu­tung schmack­haft gemacht haben.

Das krea­ti­ve Plä­doy­er ver­läuft ent­lang den bekann­ten Lini­en, dass Not erfin­de­risch mache (Klingst 2020) und dass im Zuge der Kri­se neue wirt­schaft­li­che Poten­zia­le frei­ge­setzt wer­den (Guckel 2020). Letzt­lich macht es aus Pre­ka­ri­sie­rung und Mit­tel­ver­knap­pung eine Tugend, die pro­spe­rie­ren­de Zukünf­te her­bei­seh­nen (Pen­ne­kamp 2020). Und so ganz neben­bei ver­kennt es struk­tu­rel­le Ungleich­hei­ten, die sich aktu­ell zuspit­zen für

  • Eltern, die auf die Tages­be­treu­ung von Kin­dern ange­wie­sen sind,
  • Groß­fa­mi­li­en, in deren Woh­nung nicht genü­gend Rück­zugs­raum vor­han­den ist oder
  • Men­schen mit Migra­ti­ons­hin­ter­grund, denen nicht die Res­sour­cen für Home­schoo­ling zur Ver­fü­gung ste­hen.

Nicht alle sind in der Lage, ihr Leben und das ihrer Kin­der zum Home­of­fice zu machen.

Ver­la­gern wir außer­dem die pri­va­te Gemein­schaft ins Netz, ver­öf­fent­li­chen wir buch­stäb­lich pri­va­te Daten, die den Platt­form­ka­pi­ta­lis­mus mit zusätz­li­chem Treib­stoff ver­sor­gen. Stel­len wir bio­me­tri­sche Daten altru­is­tisch zur Ver­fü­gung, um Viren mit­hil­fe von Big Data zu tra­cken, ver­wirk­li­chen wir unge­wollt die Visi­on vom glä­ser­nen Men­schen (Hara­ri 2020) und bekräf­ti­gen unge­wollt unse­ren Glau­ben in eine Tech­no­kra­tie, die auch sozia­le Pro­ble­me mit tech­ni­schen Mit­teln lösen will.

Die­se Ent­gren­zung … scheint die bestehen­den Wirt­schafts- und Ord­nungs­mo­del­le noch zu ver­tie­fen.

Nie­mand will ernst­haft die Chan­cen digi­ta­ler Ver­net­zung und die Mög­lich­kei­ten räum­lich ver­teil­ter Zusam­men­ar­beit bestrei­ten. Doch das soll­te nicht über den Umstand hin­weg­täu­schen, dass damit eine wei­te­re Ero­si­on der unsicht­ba­ren Wand zwi­schen Arbeit und Frei­zeit, zwi­schen öffent­li­chem und pri­va­tem Leben ein­her geht. Ob die­se Ent­gren­zung uns tat­säch­lich in eine revo­lu­tio­när neue Wirt­schafts­ord­nung führt, bleibt frag­lich. Eher scheint eine sol­che Ero­si­on die bestehen­den Wirt­schafts- und Ord­nungs­mo­del­le noch zu sta­bi­li­sie­ren.

Oiko­di­zee

Umden­ken, Umlen­ken, Umbruch – eine Pessimist*in, wer glaubt, die­se Erwe­ckungs­vo­ka­beln führ­ten uns noch tie­fer in eine wirt­schaft­li­che Ord­nung hin­ein, die immer grös­se­re Stü­cke von unse­rem Pri­vat­le­ben ein­zu­ver­lei­ben droht. Doch ein sol­cher Pes­si­mis­mus ist nötig, um den seit Jahr­zehn­ten gepre­dig­ten Markt­op­ti­mis­mus die Stirn zu bie­ten. Die­sen hat der Kul­tur­wis­sen­schaft­ler Joseph Vogl in sei­nem Essay Das Gespenst des Kapi­tals (2010) der Oiko­di­zee bezich­tigt – des blin­den Glau­bens dar­an, dass der Markt trotz zahl­rei­cher Kri­sen «irgend­wie» die bes­te aller mög­li­chen Wel­ten ver­wirk­li­che. Leib­niz’ Idee einer Gerech­tig­keit Got­tes, die alles Übel not­wen­dig und ein­sich­tig mache, ver­kehrt sich hier in die «Annah­me, dass ein­zig der Markt und sei­ne Akteu­re als Garan­tien spon­ta­ner Ord­nung, inner­welt­li­cher Vor­se­hung und Sys­tem­haf­tig­keit über­haupt funk­tio­nie­ren» (31).

Damit sich die ver­meint­li­che Gerech­tig­keit des Mark­tes auch wirk­lich durch­set­ze, bedarf es, so Vogl, einer Ideo­lo­gie, die Markt­ge­set­ze zu sozia­len Geset­zen erklä­re. Nur dann, wenn die Gesell­schaft letzt­lich wie der Markt funk­tio­nie­re, wenn «öko­no­mi­sche Dyna­mi­ken die sozia­len Lebens­pro­zes­se bestim­men» (134), sei jener idea­le Markt erreicht, in dem Adam Smith’ unsicht­ba­re Hand aus dem ego­is­ti­schen Stre­ben des Ein­zel­nen eine für alle sor­gen­de Ord­nung erschaf­fe. Doch im opti­mis­ti­schen Glau­ben, dass jede Kri­se den gerech­ten Markt der Gesell­schaft einen Schritt näher­bringt, ver­steckt sich das wah­re Gespenst des Kapi­tals: ein Mythos.

Im opti­mis­ti­schen Glau­ben, dass jede Kri­se den gerech­ten Markt der Gesell­schaft einen Schritt näher­bringt, ver­steckt sich das wah­re Gespenst des Kapi­tals: ein Mythos.

Die Fra­ge ist, wie viel Krea­ti­vi­tät, Inspi­ra­ti­on und Enga­ge­ment wir in die­sen Mythos noch inves­tie­ren wol­len. Und wie weit wir die­sem Gespenst die Tür zu unse­rem Pri­vat­le­ben öff­nen möch­ten. In den 1990er Jah­ren hat IBM die Stech­uhr abge­schafft mit dem Effekt, dass die durch­schnitt­li­che Arbeits­zeit eine*s Ange­stell­ten pro Woche um sechs Stun­den anstieg. In den Nul­ler Jah­ren haben Goog­le oder PayPal die Frei­zeit ins Büro geholt, wo die Mitarbeiter*innen fort­an kickern oder After-Work-Par­tys fei­ern durf­ten. Bereits vor­her dehn­te ein bekann­tes Möbel­haus sei­ne Pro­duk­ti­ons­stät­ten in die Pri­vat­räu­me sei­ner Kund*innen aus. In der Frei­zeit schliess­lich hal­ten uns Wett­be­werbs­im­pe­ra­ti­ve dazu an, die bes­te Visi­on von uns zu ver­wirk­li­chen.

Immer­hin las­sen sich in all die­sen Fäl­len die kapi­ta­lis­ti­schen Zumu­tun­gen noch dechif­frie­ren. Auch erken­nen las­sen sich noch die Kon­tu­ren jenes Mythos, der uns glau­ben lässt, der Markt errei­che schon bald sei­ne Per­fek­ti­on, wenn wir nur noch etwas markt­för­mi­ger leben wür­den. Das Home­of­fice der Covid-19 beding­ten Iso­la­ti­on ist der Zerr­spie­gel einer solch durch­li­be­ra­li­sier­ten Ord­nung. Und hier dro­hen die Gren­zen ganz ver­lo­ren zu gehen: zwi­schen dem pri­va­ten Sub­jekt und dem homo oeco­no­mic­us, zwi­schen unse­rem Zuhau­se und der domus oeco­no­mi­ca.

Käme es soweit, wären wir die Gespens­ter des Kapi­tals.

Lite­ra­tur

Hara­ri, Yuval Noah. 2020. „The world after coro­na­vi­rus“. Finan­cial Times vom 20. März 2020. Online.

Klingst, Mar­tin. 2020. „Coro­na-Not macht erfin­de­risch“. Die ZEIT ONLINE. Online.

Mey­er, Jens-Uwe Mey­er. 2020. „Wie Coro­na die Arbeits­welt lang­fris­tig ver­än­dert“. Mana­ger Maga­zin. Online.

Pen­ne­kamp, Johan­nes. 2020. „Stress­fal­le Home­of­fice“. Fazit – das Wirt­schafts­blog der FAZ. Online.

Vogl, Joseph. 2010. Das Gespenst des Kapi­tals. Zürich 2010.

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Marius Reisener

Mari­us Rei­se­ner

Mari­us Rei­se­ner ist Post-Doc am Deut­schen Semi­nar der Uni­ver­si­tät Zürich. In sei­ner For­schung inter­es­siert er sich für die Fra­ge, wel­che ethi­schen Kon­se­quen­zen ästhe­ti­sche Theo­rien haben.

Die­ser Arti­kel erscheint mit vie­len wei­te­ren in der ach­ten Ave­nue zum The­ma „Knap­pe Zeit“. Jetzt im Abo bestel­len.

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