Burschenschaften machen wieder von sich reden. Ihre öffentlichen Auftritte mit Degen, Farben und unter Frauenausschluss wirken wie ein Freilichtmuseum mit Exponaten aus dem 19. Jahrhundert. Im besten Fall. Wird Kritik an ihnen laut, verteidigen sie sich mit ihrer revolutionären Vergangenheit. Doch wo ist die Revolution geblieben?

Bürgerliche Kindheit

Versetzen wir uns ins Deutschland des 19. Jahrhunderts. Die industrielle Revolution ist in vollem Gange. Die Menschen erleben teils schmerzlich den Übergang von einer ehemaligen Agrar- in eine künftige Industriegesellschaft.

Das Bürgertum kristallisiert sich als Nutznießer der Industrialisierung heraus. Noch besitzt es keine gefestigte Stelle im gesellschaftlichen Gesamtgefüge zwischen Adel und Bauernstand. Schemenhaft lässt es sich aber schon erahnen: Es handelt sich um jene sieben bis zehn Prozent der deutschen Bevölkerung, die selbstständig, unternehmerisch, verbeamtet im höheren Staatsdienst oder in einem Angestelltenverhältnis tätig sind. Sie verfügen über Bildung und Vermögen. Sie teilen eine Weltanschauung, die sich wirtschaftlich und bildungspolitisch liberal gibt, zugleich aber nationalistisch geprägt ist. Sie schätzen pragmatische Tugenden wie Ordentlichkeit, Pünktlichkeit, Leistungsstreben, Fleiß und Sparsamkeit. Zudem hegen sie ein ausgesprochen reges Privatinteresse an verschiedensten Gegenstandsbereichen wie der Kunst, der Naturforschung oder der Geschichte. Gelegentlich mündet dies in gemeinschaftliche Aktivitäten – mal informell, mal in Vereinen oder Korporationen organisiert.

Das Bürgertum erklärt die Kindheit zu einer eigenen, geschützten Lebensphase.

Schon bald erfindet das Bürgertum jenes Familienmodell, das heute noch nachhallt: Es erklärt die Kindheit zu einer eigenen, geschützten Lebensphase, die vom Erwachsenenleben fortan getrennt bleibt. Die Frau betätigt sich als fürsorgende Ehefrau und Mutter. Sie kümmert sich um Erholung und Entlastung ihres Ehemanns, erzieht die Kinder und repräsentiert mit Bildung und Aussehen den Erfolg des männlichen Familienoberhauptes. Analog dazu kommt dem Mann die Rolle des alleinigen Versorgers der Familie zu, der sich der rauen Konkurrenzsituation in der Leistungsgesellschaft stellt und politische Verantwortung übernimmt.

Das Bürgertum lässt sich repräsentieren. Im Bild von Ludwig Knaus von 1970 posiert die Familie des Eisenbahnmagnaten Henry Bethel Strousberg.

Für das Bürgertum entwickelte sich besonders das Studium zu einer wichtigen rite de passage des jungen Mannes (Gennep 1909). Freilich waren es nicht die Universitäten mit ihren Vorlesungen, welche die nötigen Adoleszenzressourcen bereitstellten, sondern Studentenverbindungen, unter ihnen die bürgerlichen Burschenschaften.

Die Burschenschaft als politische Bewegung

Burschenschafterzirkel. Die ineinander verschlungenen Buchstaben E, F und V stehen für Ehre, Freiheit, Vaterland, dem Wahlspruch der Jenauer Urburschenschaft.
Burschenschafterzirkel. Die ineinander verschlungenen Buchstaben E, F und V stehen für Ehre, Freiheit, Vaterland, dem Wahlspruch der Jenauer Urburschenschaft.

Studentenverbindungen und Landsmannschaften gab es schon seit dem Mittelalter. Sie halfen den Studierenden, mit dem Leben an der Universität klarzukommen. Die Burschenschaften warteten hingegen mit dem Novum eines politischen Ziels auf: Die Mitglieder sollten sich unabhängig von ihrer Herkunft für ein geeintes, demokratisch verfasstes Deutschland einsetzen. Hierzu brachen die Burschenschaften mit einigen Traditionen des bündischen Studentenlebens: Sie verschmähten Duelle und beargwöhnten schriftlich niedergelegte Verhaltensregeln, sogenannte Comments. Verhaltensmaßstäbe sollten nicht aus Tradition, sondern persönlichen Ansichten und Werten erwachsen.

Die Politisierung war der Zeit geschuldet: Die Jenaer Urburschenschaft, 1815 gegründet, und andere Burschenschaften der ersten Stunde setzten sich zu großen Teilen aus jungen Männern zusammen, die in Freikorps gegen Napoleon gekämpft hatten. Nach dessen Niederlage konnten sie sich nur schwer mit der Restauration der alten Verhältnisse anfreunden.

Reaktionäre Kreise suchten schon bald, die demokratischen Umtriebe der Studenten zu verhindern. Mit den Karlsbader Beschlüssen von 1819 erreichten sie ein Verbot nahezu aller studentischen Organisationen. Die Ermordung des konservativen Schriftstellers und russischen Generalkonsuls August von Kotzebue durch den Jenaer Burschenschaftler Karl Ludwig Sand lieferte dazu den nötigen Vorwand.

Die Ermordung August von Kotzebues durch den Burschenschaftler Karl Ludwig Sand am 23. März 1819. Kupferstich von Karl Anton Eisen (o.J.).
Die Ermordung August von Kotzebues durch den Burschenschaftler Karl Ludwig Sand am 23. März 1819. Kupferstich von Karl Anton Eisen (o.J.)

Auch nach innen grenzten sich die nationalliberalen Burschenschaften ab, besonders gegenüber den traditionsbewussten Studenten adliger Provenienz. Mit jenen konkurrierten sie nicht nur in Fragen des Standes, sondern auch der Generation: Die Burschenschaften verstanden sich als erste politische Jugendbewegung der Geschichte.

Dieses Selbstverständnis mündete in einer ungewohnten Zielvereinbarung. Sinn und Zweck der Burschenschaft war nicht mehr das studentische Leben selbst, sondern jenes danach: Wenn es einen einheitlichen deutschen Staat geben sollte, brauchte dieser starke und verantwortungsbewusste Persönlichkeiten. Und zu diesen wollten die Burschenschaftler selbst werden. Dazu erlegten sie sich ein rigides Leistungsstreben auf, um der zukünftigen Rolle gerecht werden zu können.

Die Burschenschaften verstanden sich als erste politische Jugendbewegung der Geschichte.

Die Zielstrebigkeit der ersten Burschenschaftlergeneration zahlte sich aus. Nach der Revolution von 1848 fanden sich unter den 809 Mitgliedern der Frankfurter Nationalversammlung 173 Burschenschaftler – unter ihnen der Präsident der Frankfurter Nationalversammlung und Urburschenschaftler Heinrich von Gagern. Die Versammlung hob die Karlsbader Beschlüsse auf und ernannte die Farben der Urburschenschaft – Schwarz-Rot-Gold – zu den offiziellen Bundesfarben.

Die Deutsche Nationalversammlung in der Paulskirche zu Frankfurt am Main, 1848.

Die Burschenschaft als bürgerliche Seilschaft

Mit der Reichsgründung 1871 war das politische Ziel erreicht. Die Burschenschaften mussten sich nun neu orientieren und organisieren. Es entstanden Verbindungshäuser mit eigenen Schlafräumen, Bibliotheken und Kneipen, in denen die junge Generation günstige Zimmer beziehen und Feste feiern konnte. Ehemalige Burschen, im Berufsleben angekommen, begannen, den Nachwuchs auch finanziell zu unterstützen.

Freiberger Bier-Comment. Dritte officielle Ausabe, vermehrt und verbessert durch den Freiberger S. C. 1884.
Freiberger Bier-Comment. Dritte officielle Ausabe, vermehrt und verbessert durch den Freiberger S. C. 1884.

Mit diesen Reformen näherten sich die Burschenschaften in ihren Aufgaben wieder den Studentenverbindungen an, von denen sie sich einst so vehement abgegrenzt hatten: Es ging nicht mehr um politische, als vielmehr um die Belange des studentischen Lebens. Auch in den Bräuchen bewegten sich die Burschenschaften auf die studentischen Korporationen zu: Dazu gehörte auch das einst verpönte Pauken, das Fechten und Duellieren. Der Bier-Comment sorgte außerdem für strikte Regeln und Abläufe an Festen und Kneipenabenden.

Überdies nutzten die Burschenschaften ihre Veranstaltungen vermehrt dazu, die Alten Herren, die arrivierten Förderer, in Seilschaften einzuspannen. Unabhängig von Leistungsethos und Bildungserfolg erwuchsen so Karrieren – letztlich nur aufgrund der richtigen Kontakte. Und die Seilschaft wurde zum Programm: Jeder Student verpflichtete sich beim Eintritt in die Burschenschaft, nach dem Studium die junge Generation zu unterstützen – ideell und finanziell.

Die Burschenschaften gehörten im Kaiserreich nun ihrerseits der Reaktion an.

Kein Aufbegehren gegen die Verhältnisse mehr? Tatsächlich. An die Stelle der politischen Revolte trat die gesellschaftlich und politisch angepasste Delinquenz. Und sie liest sich wie das ABC jugendlicher Unangepasstheit von A wie Anwesenheit bei Mensur bis Z wie Zweikampf. Dazwischen finden sich alle erwartbaren Einträge: Exzess, Hausfriedensbruch, Liederlichkeit, Nachtschwärmen, Ruhestörung, Sachbeschädigung, Schlägerei.

Die Burschenschaften gehörten im Kaiserreich nun ihrerseits der Reaktion an und versuchten schon bald, die Aufstiegsbestrebungen weiterer Kreise zu unterbinden. So sprachen sie sich etwa gegen das Frauenstudium aus, das in England, Frankreich und den USA längst Normalität war, in Deutschland jedoch erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts erkämpft wurde.

Von der Revolution zur Reaktion

Auch heute noch bildet die Universität für viele Jugendliche eine wichtige Station auf ihrer Reise in die Erwachsenenwelt. Und nach wie vor spielt sie als Ort für Übergangsriten eine wichtige Rolle. Diese werden mal in formeller, mal informeller Weise von Lesezirkeln, Studierendenausschüssen, Studentenverbindungen oder Burschenschaften organisiert.

Die Burschenschaften der ersten Stunde warteten gegenüber den bestehenden Verbindungen mit zwei Neuerungen auf: Zum einen initiierten sie Studierende der neuen Schicht des Bürgertums. Zum anderen disziplinierten sie diese auf ein Leben nach dem Studium hin. Die künftigen Absolventen sollten zu einer tragenden Säule eines geeinten und demokratisch verfassten Deutschlands werden.

Nachdem die Burschenschaften dem Bürgertum seine politische Teilhabe gesichert hatten, mutierten sie alsbald zu bestandswahrenden Rekrutierungsbasen für bürgerliche Karrieren. Damit verlor jugendliche Delinquenz jeden politischen Biss, da die Studenten nun selbst wollten, was sie mussten: Erfolg und gesellschaftlichen Aufstieg. Innert kurzer Zeit stülpten die deutschen Burschenschaften ihre politischen Ambitionen von Revolution hin zu Reaktion um.

Die Burschenschaften aber verpassten aufgrund der eingespielten Machtverhältnisse zwischen jungen und alten Männern jede Chance auf eine Erneuerung. Bis heute.

Das eingeübte Zusammenspiel von jungen und alten Herren sorgte im späten 19. Jahrhundert für eine erdrückende Starre, die von den bisherigen Statisten des Bürgertums aufgebrochen wurde. Einerseits drängten immer mehr Frauen an die Universitäten und verlangten nach Bildung, Erfolg und Teilhabe. Andererseits wehrten sich Kinder gegen das enge Korsett aus Regeln und Erwartungen.

Die neuen Jugendbewegungen des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts distanzierten sich explizit von den vorgezeichneten Karriewegen des Bürgertums und dem dazugehörigen Anpassungsdruck. Die Burschenschaften aber verpassten aufgrund der eingespielten Machtverhältnisse zwischen jungen und alten Männern jede Chance auf eine Erneuerung. Bis heute.

Literatur

Gennep, Arnold van. 1909. Les rites de passage. Deutsch: van Gennep, Arnold. 2005. Übergangsriten. Frankfurt am Main.

Hardtwig, Wolfgang. 1985. “Studentische Mentalität – Politische Jugendbewegung – Nationalismus. Die Anfänge der deutschen Burschenschaft”. Historische Zeitschrift 242/3: S. 581–628. Online: http://www.burschenschaftsgeschichte.de/pdf/hardtwig_burschenschaft.pdf.

Kocka, Jürgen. 1988. Bürgertum im 19. Jahrhundert. Deutschland im europäischen Vergleich. 3 Bände. München.

Bildnachweis

Das Titelbild zeigt Fandral, einer der Tapferen Drei, wie er Thor zu Hilfe eilt. Scan aus dem Comicbuch Thor –Worthy Origins. Geschrieben von Lilah Sturges, gezeichnet von Pepe Larraz. © Marvel.

Robin Strohmeyer

Robin Strohmeyer

Robin Strohmeyer geht es wie vielen Geisteswissenschaftlern: Er zog aus, Akademiker zu werden und reibt sich nun gezwungenermaßen am modernen Philistertum in der Agenturszene.

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